Gastbeitrag: „Soziale Medien sind kein Therapie-Ersatz“ – wie Lehrkräfte helfen können

9

DÜSSELDORF. Fake News, Cybermobbing, gefährliche Challenges und zuletzt vermehrt Kriegspropaganda sowie extremistische oder antisemitische Inhalte – die Probleme, die mit sozialen Medien einhergehen, sind vielfältig und landen oftmals in den Schulen. Für ein weiteres Thema, das online mittlerweile mehr Aufmerksamkeit erhält, und die damit verbundenen Risiken will unsere Gastautorin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Nina Jordis, sensibilisieren: psychische Erkrankungen. Sie warnt, dass die Suche junger Menschen nach Unterstützung auf TikTok oder Instagram schnell ins Gegenteil umschlagen kann.

Die Selbstoffenbarung im Internet kann negative Folgen haben. Symbolfoto: Shutterstock/Monkey Business Images

Selbsthilfe in den sozialen Medien: „Facebook, Twitter & Co. sind keine Lösung bei psychischen Erkrankungen!“

Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook und TikTok sind für Lehrkräfte ein permanentes Thema. Ging es bisher vorrangig um mit der Nutzung der Plattformen verbundene Probleme wie Cybermobbing und Datenschutz von Schülerinnen und Schülern, so steht heute das Thema „Mental Health“ zunehmend stärker im Vordergrund. Ob Magersucht, Streit in der Familie oder Depressionen – in den sozialen Medien zeigen sich junge Menschen mit ernsten psychischen Erkrankungen. Es geht um Information, Transparenz und Selbsthilfe. Ist das hilfreich – oder eher gefährlich?

Im Internet findet so ziemlich jeder junge Mensch eine Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, eine sogenannte „Peergroup“. Im Allgemeinen bezeichnet eine Peergroup eine soziale Gruppe mit großem Einfluss, der sich ein Individuum zugehörig fühlt. So gibt es beispielsweise zu Essstörungen unzählige Foren und Beiträge Betroffener. Dieses Phänomen ist bei Jugendlichen durch die sozialen Medien stark verbreitet, denn 96 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen laut der „JIM-Studie 2022 – Jugend, Information, Medien“ des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest ein Smartphone. Fakt ist: Durch die Krisenerfahrungen der letzten Jahre ist der Alltag der Jugendlichen stark beeinflusst worden. Die tägliche Nutzungsdauer lag 2022 in dieser Altersgruppe bei durchschnittlich 204 Minuten am Tag. In manchen Bereichen ist seit Pandemiebeginn allerdings auch eine Verstetigung der erhöhten Mediennutzung zu sehen, so die Studie.

Risiken: Fehlende Fachkompetenz und Mobbing

Die Selbstoffenbarung im Internet hat neben den Chancen, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren, auch Risiken. In der Regel ist die Zurschaustellung persönlicher Probleme ein Versuch, empathische Reaktionen in einer akuten Krise zu erfahren. Einige Menschen finden es hingegen befremdlich, dass Bloggerinnen und Blogger ihre seelischen Nöte öffentlich machen. Und dann kann das positive Erleben kippen: Die JIM-Studie 2022, die gemeinsam von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und der Medienanstalt Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit dem Südwestrundfunk (SWR) durchgeführt wurde, zeigt zudem, dass Desinformation und Beleidigungen im Netz für viele Jugendliche zum digitalen Alltag gehören.

Anstatt Empathie und Hilfe zu erfahren, schlägt so mancher Userin beziehungsweise manchem User Unverständnis, ja sogar Ablehnung oder Mobbing entgegen. So geben 56 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in der JIM-Studie an, im letzten Monat im Netz Fake News begegnet zu sein, gut ein Drittel der Befragten wurde mit Hassbotschaften konfrontiert und 16 Prozent waren persönlichen Beleidigungen ausgesetzt.

In der Anonymität des Internets ist die Schwelle für Beleidigungen und persönliche Angriffe bekanntermaßen niedriger – mit der Folge, dass es ohnehin schon psychisch belasteten Menschen möglicherweise noch schlechter geht.

Verherrlichung statt Warnung

Die sozialen Medien scheinen trotz der Gefahren bei Kindern und Jugendlichen wie dafür geschaffen zu sein, zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen beizutragen. Beispielsweise junge Mädchen mit Anorexia nervosa, Magersucht, sind oftmals sozial isoliert und finden in den sozialen Medien das ersehnte Echo. Damit ist das Problem allerdings nicht gelöst, denn es reicht nicht aus, die eigenen Sorgen und Ängste im Netz zu teilen, sondern diese Erfahrung im realen Leben unter professioneller Begleitung stattfinden zu lassen. Schwierig wird es vor allem, wenn sich eine digitale Parallelwelt manifestiert und die Essstörung dort verherrlicht, also die Krankheit zum Lifestyle, wird. Genau das passiert nicht selten in digitalen Pro-Ana- oder Pro-Mia-Gruppen. Pro-Ana ist die Kurzform für Pro Anorexie, also Magersucht, Pro-Mia steht für Pro Bulimie. Unter den Mitgliedern der Gruppe herrscht schnell eine harte Konkurrenz, bei der Gewicht und Größe verglichen werden.

Dennoch können Mental-Health-Apps oder Social-Media-Plattformen für junge Betroffene eine Möglichkeit sein, die Frist bis zu einem Therapieplatz zu überbrücken. Hier treffen Menschen aufeinander, die eine ähnliche Geschichte haben und sie besser verstehen als Menschen ohne diese Problematik. Oftmals erzählen die Nutzer:innen sich gegenseitig mehr als ihren Freunden in der Schule oder Freizeit. Die Angst, Nicht-Betroffene zu überfordern, spielt hierbei eine große Rolle. Trotz der Chancen können Apps und die sozialen Medien eine klassische Psychotherapie nicht ersetzen, da jede Diagnose individuell ist und eine persönliche fachmännische Begleitung benötigt. Die Verbindung mit anderen über Instagram & Co. kann wohldosiert allerdings ein guter erster Schritt sein.

Gesprächsangebote in Schulen können helfen

Für pädagogische Fachkräfte, die bei einer Schülerin beziehungsweise einem Schüler etwa Symptome einer psychischen Erkrankung feststellen, ist es ratsam, das vertrauliche Gespräch zu suchen. Das Thema ist bei Betroffenen allerdings häufig scham- und angstbesetzt, daher kann das Gesprächsangebot mit Vertrauenslehrer:innen oder Schultherapeut:innen häufig weiterhelfen. Betroffene Eltern sollten sich zudem regelmäßig informieren, welche Medien ihre Kinder nutzen.
Fazit: Dass soziale Medien kein Therapie-Ersatz sind, liegt auf der Hand. Der Heilungsprozess von psychischen Erkrankungen findet ideal im geschützten Therapieraum statt, und nicht auf Instagram.

Zur Autorin
Nina Jordis‘ Buch „Lass mal Therapie gehen!“ erschien im April 2023. Foto: Dr. Nina Jordis

Dr. Nina Jordis ist eine deutsche Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Buchautorin. Sie wurde 1982 geboren und lebte bis zu ihrem neunten Lebensjahr in Bayern. Dann zog sie mit ihren Eltern in den hohen Norden. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und absolvierte dann die Psychotherapieausbildung in Berlin.

Bereits im Jugendalter war sie sehr interessiert an der menschlichen Psyche. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie Evaluationsverfahren, die die Probanden zusätzlich stärken sollten. Heute arbeitet sie als Psychotherapeutin und Schriftstellerin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Nähe von Hamburg. Zuletzt erschien ihr Buch „Lass mal Therapie gehen!: Sechs Therapie-Storys von Jugendlichen“. Mehr Informationen unter: www.lass-mal-therapie-gehen.de.

Dauerkrisen belasten Kinder und Jugendliche – Erstes Bundesland bildet Lehrkräfte zu „mentalen Ersthelfern“ aus

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

9 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor

„Der Heilungsprozess von psychischen Erkrankungen findet ideal im geschützten Therapieraum statt“ – oder im Klassenzimmer?

Canishine
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Ich dachte bei der Überschrift auch: Soziale Medien sind kein Therapieersatz – Lehrkräfte schon?

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Eine wahnwitzige Vorstellung.

Kommt bestimmt noch als „FoBi“ oder so.

Ça me fatigue
1 Monat zuvor

Irgendwann können auch Lehrkräfte nicht mehr.

Psychische Probleme bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen….
Das äußert sich in sehr verschiedenen Verhaltensweisen: aggressiv, ängstlich extrem anhänglich, aufbrausend, dauermüde, unmotiviert, …

All das vereint im Klassenzimmer zusammen mit ausgeglichenen, ausgeschlafenen, immer verständnisvollen und hekfenden Lehrkräften.

Keine Woche, in der in einer 5. Klasse nicht Probleme in irgendwelchen WhatsApp Gruppen auftauchen. Man verarbeitet die Probleme auf Kosten des Regelunterrichts (Deutsch, Rnglisch, Mathe etc.), alle geloben Besserung und sind sehr betroffen, praktisch niemand ändert die Verhaltensweise. Nächste Woche das gleiche Spiel … möglicherweise mit Beleidigungen von Angesicht zu Angesicht und nicht digital …. egal, denn das Ergebnis ist das Gleiche.

Und Lehrkräfte?
Die dokumentieren alles, heften es ab, machen Fortbildungen über Resilienz und sind weiter die Anlaufstelle aller familiären Probleme.

Unterricht? Fehlanzeige fpr Klassenlehrkräfte.

Pisa? Nicht verwunderlich …

Vielleicht muss man sich einmal entscheiden, wofür Lehrkräfte da sind?

Sepp
1 Monat zuvor
Antwortet  Ça me fatigue

Die Geschichten mit WhatsApp-Gruppen hatten wir auch.

WhatsApp gibt ein Mindestalter von 16 Jahren in seinen Nutzungsbedingungen an. In unserer Schule haben laut Schulordnung die Smartphones stummgeschaltet in der Tasche zu sein und dürfen weder im Unterricht noch in der Pause verwendet werden.

Da ist es relativ einfach, den Ball wieder an die Eltern zurück zu spielen:

Die Kinder dürfen eh noch kein WhatsApp nutzen, in der Schule schon gar nicht. Wenn die Eltern den Kindern ermöglichen, privat in der Freizeit verbotenerweise WhatsApp-Gruppen der Klasse zu erstellen und diese – außerhalb der Schulzeit – nutzen, dann ist das eine reine Privatangelegenheit. Da dürfen wir als Klassenlehrkräfte auch gar nichts machen!

Natürlich spricht man auch mit den Eltern und spricht es mal im Unterricht an. Aber eigentlich ist das kein Thema für die Klassenlehrkräfte.

Netterweise kann man natürlich die Eltern informieren, am kommenden Freitag nach Unterrichtsschluss noch eine Stunde mit den Kindern bezüglich WhatsApp zu arbeiten. Dann kostet es keinen Unterricht, aber die Schüler überlegen sich gut, wie oft sie Probleme mit sowas machen wollen. Wenn dafür hingegen echter Unterricht ausfällt, ist doch klar, dass jede Woche neue Probleme auftreten…

Lisa
1 Monat zuvor

Jede einzelne Schule braucht Schulpsychologen, am besten zwei davon . Es gibt viele junge Leute, die Psychologie studieren wollen. Senkt den Numerus Clausus. Schafft die Stellen, wir leben doch in einem der reichsten Länder der Welt, was niemand müde wird zu betonen.
Ich selbst als psychologischer Laie werde diese Arbeit nicht tun. ( Außer bei Essstörungen, da kenne ich mich als ehemalige Betroffene aus – aber auch nicht als Therapeutin) Halte ich sogar gefährlich. Gerade bei Psychosen oder Depressionen. Ansonsten gilt: AzA ( Ab zum Arzt)

Realist
1 Monat zuvor

„Soziale Medien sind kein Therapie-Ersatz“
Aber Lehrkräfte schon? Oder was soll hier suggeriert werden? Nein, ich bin kein Therapeut. Ich bin dafür nicht ausgebildet

Für pädagogische Fachkräfte, die bei einer Schülerin beziehungsweise einem Schüler etwa Symptome einer psychischen Erkrankung feststellen, ist es ratsam, das vertrauliche Gespräch zu suchen.“

Und „psychische Erkrankungen festellen“ kann ich als „pädagogische Fachkrafr“ auch nicht, wie auch ich bin weder Psychologe noch Psychiater. Meines Wissens nach braucht man dafür eine jahrelange Ausbildung bzw. ein Studium,

Was will uns dieser Artikel eigentlich sagen oder suggerieren? Die Lehrkraft wieder einmal als eierlegende Wollmilchsau nicht nur zur Lösung aller geesellschaftlichen sondern jetzt auch aller psychologischen Probleme? Was sollen wir als nächstes machen? Das Weltklima retten oder Kriege beenden?

Sepp
1 Monat zuvor

Ich käme nicht auf die Idee, einem Kind einen Glassplitter aus der Hand zu ziehen, eine Platzwunde zu nähen oder einen Bruch zu richten!

Ebenso ist es nicht die Aufgabe einer Lehrkraft, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren oder gar zu therapieren.

Auch wenn wir sehr engagierte Schulpsychologen und Sozialarbeiter haben, ist es weder deren Aufgabe, noch die von uns Lehrkräften, tiefgehende Diagnostik zu betreiben oder gar therapeutisch tätig zu werden. Wir können vielleicht sensibilisiert sein, ein bisschen genauer schauen und frühzeitig Elterngespräche führen. Aber Diagnostik und Therapie gehören definitiv nicht in den Aufgabenbereich oder Kompetenzbereich einer Lehrkraft!

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Sepp

Und vor allem: Wer will damit leben, zwischen tobenden Fünftklässlern, Tür und Angel, Korrekturen und der tickenden Ugr Ratschläge zu geben – wenn die nach HINTEN losgehen?