Schüler applaudieren für den Holocaust: Kultusminister entsetzt, Staatsschutz ermittelt

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WIESEBADEN. Jugendliche sollen in einem Wiesbadener Kino den Holocaust beklatscht haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Hessens Kultusminister zeigt sich entsetzt.

In Auschwitz wurden zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet. Foto: Shutterstock

Sechs hessische Berufsschüler sollen bei einer Filmvorführung die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus beklatscht haben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen die Jungen. Wie Staatsanwalt Florian Breidenbach am Mittwoch mitteilte, werde vorerst noch gegen Unbekannt ermittelt, die Namen der Schüler seien aber bekannt und würden übermittelt.  Es gehe um mutmaßliche Volksverhetzung. Ein Sprecher des Kultusministeriums sagte: «Der polizeiliche Staatsschutz hat uns bestätigt, dass er bereits über diese Informationen verfügt.»

Am 30. Januar hatten laut dem hessischen Kultusministerium rund 60 Schülerinnen und Schüler einer Wiesbadener Berufsschule in einem Kino in der hessischen Landeshauptstadt den Film «Die Wannseekonferenz» gesehen. Im Abspann weist ein Text auf die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden unter der NS-Herrschaft hin. Sechs Jungen sollen daraufhin geklatscht haben. Darüber berichteten verschiedene Medien, unter anderem der «Wiesbadener Kurier» und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Nach Angaben des hessischen Kultusministeriums vom Mittwoch wurden die sechs Berufsschüler noch im Kino von den drei begleitenden Lehrkräften getadelt. Die Jugendlichen würden zwei Wochen lang vom Schulbesuch ausgeschlossen. Sie hätten angeboten, sich bei der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden zu entschuldigen.

Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) betonte: «Der Vorfall ist unerträglich und hat uns entsetzt. Er wird schonungslos aufgearbeitet und Konsequenzen haben. Antisemitismus und Aggressionen gegenüber Jüdinnen und Juden sind mit unseren Werten unvereinbar.» Hier müsse «klare Kante» gezeigt werden. Das Kultusministerium informierte laut Schwarz nochmals alle Schulen in einem Schreiben über Präventionsangebote, aber vor allem auch den konsequenten Umgang mit antisemitischen Vorfällen.

Staatsanwalt Breidenbach sagte, bei den betreffenden Schülern komme vermutlich wegen ihres Alters das Jugendstrafrecht in Betracht, bei dem der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehe.

Bei der Wannseekonferenz hatten hohe NS-Funktionäre vor 82 Jahren über die systematische Ermordung von bis zu elf Millionen Juden beraten. Ziel der Besprechung in einer Villa am Wannsee in Berlin war es, die Umsetzung des Völkermords zu beschleunigen. News4teachers / mit Material der dpa

Immer mehr Provokationen in KZ-Gedenkstätten – auch von Schulklassen. „Der Hass aus dem Netz bricht sich Bahn.“

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Johann Friedrich H.
1 Monat zuvor

Das macht einen fassungslos.

Leider häufen sich solche Vorfälle, selbst prämierte Schulen wie die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe sind davon betroffen, hier benahmen sich Schüler in der KZ-Gedenkstätte Natzweiler-Struthof daneben:

https://www.ers-karlsruhe.de/artikel/wir-sind-schockiert

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Das sollte aufgearbeitet werden, doch reden wir da ja auch von zwei SuS aus mindestens insgesamt zwei Klassen. Idioten gibt es immer, dass sollte nicht schockieren. Im Gegenteil sollte hier schnell, sinnhaft und transparent gehandelt werden

Annemaus
1 Monat zuvor

Die Tatsache, dass fünf der sechs jungen Männer Migrationshintergrund haben, wird in dem Artikel nicht erwähnt. Aber wenn es fünf Kinder von AFD-Abgeordneten gewesen wären, hätte es hier gestanden.
Es gibt auch unter Zuwanderern ein Problem mit Antisemitismus. Und wenn das nicht klar benannt wird, kann man das Problem auch nicht angehen.

Lisa
1 Monat zuvor
Antwortet  Annemaus

Ich habe schon 11. September 2001 Schüler erlebt, die applaudierten. Schon damals gab es diese Verrohung. Das war noch vor 2015. Dennoch finde ich es auch wichtig, zu wissen, woher die Schüler kommen. Weil man mit muslimischen Antisemiten, die ganz oft da familiär drin hängen und “ Solidarität mit ihren arabischen Brüdern“ fühlen evtl. andere Themen ansprechen muss als mit Antisemiten aus dem deutschen Neonazimillieu. Im Idealfall schafft man beides.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Lisa

Waren bestimmt die gleichen wie jetzt im KZ.
Ach wären die doch biodeutsch (weiß), dann wären sie nur „missverstandene“ Teens und hätten in ein paar Jahren vielleicht sogar das Potenzial für die Landesregierung in Bayern…

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Annemaus

Woher beziehen Sie diese Tatsache? Bitte Quellen angeben

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Annemaus

Personendaten seien noch nicht bekannt, aber nach „Weltinformationen“ soll es so sein… Vielleicht lesen die Bild? 😛

Gut, da wir nun anscheinend, einen Migrationshintergrund ausgemacht haben, welchen Einfluss hat dies im Gegensatz zum Handeln gegenüber „Deutschen“?

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor

Als nach dem Hamas-Angriff auf Israel die Diskussion darüber aufkam, wie man das Geschehen und auch zustimmende Reaktionen („Bonbonverschenker“ und offener Jubel) darauf gegenüber Schülern aufarbeiten und thematisieren könnte, gingen meine Bedenken (ich meine, es auch hier geschrieben zu haben) genau in diese Richtung. Es gibt durchaus Klassenkonstellationen, mit denen ich nicht eine KZ-Gedenkstätte besuchen möchte.
Wer jubelt und gröhlt und zustimmende Witze macht angesichts bestialisch abgeschlachteter Festivalbesucher (mit drastischen Bildern im Netz) , steht dieser dann betroffenen vor den Haufen zurückgelassener Schuhe vergaster KZ- Insassen?

Pit2020
1 Monat zuvor

@A.J. Wiedenhammer

Man fragt sich mittlerweile täglich mehrfach was in solchen Köpfen vor sich geht – wenn da überhaupt noch etwas vor sich geht.
Es fängt nur scheinbar „klein“ an, wird ausgeblendet („sind ja noch Kinder …!“) und ist vielleicht auch ein Problem von generell wachsender Hemmungslosigkeit und Hirnlosigkeit, Neigung zu Gewalt gegen Personen und Sachen und ein Wunsch nach Auffallen um jeden Preis, wobei es gar kein Unrechtsbewusstsein mehr gibt und Moral war gestern. Dazu passt auch folgende Nachricht: https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/vandalismus-grundschule-muenster-100.html
Ganz frisch von heute mittag (Stand: 22.02.2024, 14:34 Uhr): https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/polizeieinsatz-an-wuppertaler-gymnasium-verletzte-schueler-100.html
Oder: https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/mordprozess-obdachloser-detmold-100.html
Oder: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/messer-oberhausen-ukrainer-basketball-giants-duesseldorf-100.html
Dazu kommt weiterhin:
https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/willkommensklassen-104.html

Es wurde lange genug weggeschaut und schöngeredet.
Diejenigen, die auf eine immer stärker wachsende Misere frühzeitig hingewiesen haben, wurden dann gerne mit unschönen Kommentaren bedacht, weil (Gründe bitte selber ausdenken.).
Jetzt zeigt sich, dass es an einem Problem – oder einem Haufen von Problemen – rein gar nichts ändert, wenn man auf Boten und Überbringer von Nachrichten oder auf gute Beobachter schimpft …

Von so etwas wie in den verlinkten Nachrichten bis zu einem „Auftreten“ wie im Ausgangsartikel ist es dann meistens nicht mehr weit, wenn genügend jugendliche Hormon-„Möchtegern-Helden“ auf einem Haufen stehen und 1 macht einen „dummen Spruch“, aber auch das wirkt natürlich nur dann, wenn ohnehin eine gewisse Affinität zu Judenhass aus jeder Pore strömt.

Und ich fürchte, die Talfahrt geht weiter …

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Pit2020

Das fragen Sie sich erst jetzt? Schon lange vorher meinten fast 30% der Deutschen, Jüdinnen und Juden haben zu viel Einfluss in der Gesellschaft, auf Twitter werden Soros verteufelt und ein Bevölkerungsaustausch herbeiphantasiert. Die Junge Alternatige fabuliert (vermeintlich ungesehen) von Arbeitslagern https://www.spiegel.de/politik/deutschland/junge-alternative-teilnehmer-an-wanderung-sollen-ueber-ghettos-fuer-juden-und-arbeitslager-fabuliert-haben-a-45b6eec4-09b8-430a-af41-02e70de82d8f

Aber JETZT fragen Sie sich täglich?
Ich kann Ihnen eine nutzlose Antwort anbieten: Wir fragen uns jetzt, weil wir uns vorher viel zu lange viel zu wenig fragten, Mitmenschen im Stich ließen und Extremist*innen das Feld überließen

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Großes Problem, welches aufgearbeitet werden soll.
Meiner Meinung nach sollte dies nicht nur die weniges Hamas-Unterstützer*innen, sondern alle Betreffen, die „zu viel Einfluss durch Juden“ zu sehen meinen…

Letztens soll sogar eine politische Jugendorganisation über Arbeitslager rumgeschwachsinnt haben: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/junge-alternative-teilnehmer-an-wanderung-sollen-ueber-ghettos-fuer-juden-und-arbeitslager-fabuliert-haben-a-45b6eec4-09b8-430a-af41-02e70de82d8f

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Sie haben also klassenweise Antisemit*innen und Nazis in den Klassen, das tut mir leid.
Aber was nun? Was können die Schulen anbieten?

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

„Klassenweise“? Das vielleicht gerade nicht, aber drei oder vier applaudierende (und meist eben sehr laute und „durchsetzungsstarke“) Schüler in einer Gedenkstätte oder einem Film über die Wannsee-Konferenz können durchaus die gesamte Veranstaltung kippen lassen.

Am ehesten habe ich viele, die – salopp gesagt – Israel zur Hölle wünschen.
Daraus abgeleitet wird ein genereller Judenhass, meinetwegen also Antisemitismus
Und was tun? Sehr gute Frage.
Ich habe nicht den Eindruck, dass mein persönliches Engagement oder meine Meinung (im Sinne von deutlich und aufrecht gezeigter Haltung) hier viel bewirken kann. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass es eher umgekehrt ist. (Weibliche, unverheiratete, unreligiöse Boomerfrauen haben für manche Schüler tatsächlich eher weniger Weisungs- oder Vorbildfunktion, mal dezent ausgedrückt.)

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Die gesellschaftsübergreifenden Rollenklischees helfen hier wirklich nicht (bloß kein TikTak dazu schauen!).

Gibt es in Ihrer Umgebung Angebote zum Thema. Ihre Präsenz in der Klasse ist absolut wichtig, neue Erfahrungen und Eindrücke lassen sich abee vielleicht durch externe Angebote leichter erwerben.
Rollenspiele, Perspektivwechsel, Emphatie etc.
Für den Geschichtsunterricht scheinen sie derzeit noch nicht reif genug

Unverzagte
1 Monat zuvor

Die anschließende „Entschuldigung“ klingt nach einem Lippenbekenntnis, um der Konsequenz einer Strafe auszuweichen.
Hoffentlich gibt’s die nicht zu knappe Auflage in KZ Gedenkstätten Arbeitsstunden abzuleisten, um riesigen Wissens – und Empathielücken angemessen zu begegnen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Unverzagte

Was wünschen Sie sich stattdessen für solche Schülerinnen und Schüler?

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor
Antwortet  Unverzagte

Emphatielücken gestehe ich hundertprozentig zu, Wissenslücken hingegen nicht zwangsläufig.

Unverzagte
1 Monat zuvor

Erst die Emotion, dann der Text. Andersrum wird es nicht gehen, sorry.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Ich hoffe doch ernsthaft, es ist ausgeschlossen, dass die Betroffenen zum Ende des Filmes aus Gewohnheit klatschten, ja?

In diesem Fall ist das Verhalten absolut zu verurteilen! Wobei ich mir doch in der Regel wünsche, dass zuallererst Eltern und nicht der Staatsschutz einbestellt werden

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Ich neige zu der Ansicht, dass das Elternhaus durchaus Einfluss auf die Ausbildung von Einstellungen bei Kindern und Jugendlichen hat, also auch im -aus meiner Sicht – negativen Sinne.

Außerdem ging es in diesem Fall um Berufsschüler, da wird das mit den Eltern schon schwieriger. (Leider gibt es ja keine Angaben zum Alter der Schüler.)
Der Staatsschutz würde doch auch eingeschaltet, hätten die Schüler z.B. Hakenkreuze auf Flüchtlingscontainer gesprüht. Und m. M. n. zu recht.