Senat streitet um Klassen für Flüchtlingskinder in Großunterkünften, fernab der Regelschulen

11

BERLIN. Zwischen zwei Senatsverwaltungen gibt es Streit. Normalerweise ein Fall für Berlins Regierenden Bürgermeister. Doch das Bildungsressort ist beteiligt – dafür gibt es eine besondere Regelung.

Pocht auf Unterricht außerhalb der Schulen: Katharina Günther-Wünsch (CDU). Foto: Katharina Günther-Wünsch

Berlins Finanzsenator Stefan Evers (CDU) muss erstmals bei einem Streit im Senat vermitteln. Es geht dabei um einen Konflikt zwischen dem Bildungsressort und der Integrationsverwaltung, wie ein Sprecher von Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) am Sonntag bestätigte. Hintergrund sind demnach unterschiedliche Vorstellungen zum Unterricht für geflüchtete Kinder.

Nach dem Willen von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) sollen diese in den großen Gemeinschaftsunterkünften vor Ort unterrichtet werden, weil es an Regelschulen nicht ausreichend Plätze gebe. Integrationssenatorin Kiziltepe ist dagegen und warnt davor, geflüchtete Kinder isoliert zu unterrichten.

Normalerweise würde sich Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner in so einem Fall einschalten. Da der CDU-Politiker jedoch mit der Bildungssenatorin Günther-Wünsch eine Beziehung hat, sollen Interessenkonflikte bei der Senatsarbeit durch eine andere Regelung vermieden werden: Bei Konflikten zwischen dem Bildungsressort und einem anderen Haus soll Bürgermeister Evers übernehmen. Ist er selbst betroffen, Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD).

Für geflüchtete Kinder aus dem Ankunftszentrum Tegel gibt es seit einigen Wochen eine Willkommensschule in Containergebäuden auf dem Gelände. Die Bildungsverwaltung will das Konzept aus Tegel auf die Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ausweiten. Die SPD hatte die Entscheidung in Tegel zwar mitgetragen, ist aber gegen eine Ausweitung. Es werden unter anderen negative Folgen befürchtet für die Kinder, wenn sie erst spät mit dem Regelschulsystem und anderen Berliner Schülern in Berührung kommen.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur und RBB24 gibt es bereits einen Kompromissvorschlag, über den in der kommenden Woche im Senat beraten werden soll. News4teachers / mit Material der dpa

Schulen sind voll: Bildungssenatorin plant Container-Klassen für Flüchtlingskinder

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

11 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Sepp
20 Tage zuvor

„Negative Folgen“ sind auch zu befürchten, wenn man Kinder ohne grundlegende Deutschkenntnisse in deutsche Schulen steckt und hofft, dass sie die benötigten Sprachkenntnisse einfach so bekommen.
Dafür bräuchte man massiv Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache an den Schulen…

Wäre es da nicht sinnvoll, den Kindern erstmal zentral so weit Deutsch beizubringen, dass sie später gut in regulären Schulen ankommen können?

Was hier diskutiert wird mag eine tolle Vorstellung sein, im Schulalltag aber kaum realisierbar sein. Und dann hat man Kinder in Regelklassen sitzen, die kaum etwas verstehen, frustriert sind und kaum „mitkommen“, aber irgendwie „dabei“ sind. Will man das dann Integration nennen?

Defence
20 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

Tausche meine Regelschulklasse gegen eine Intensivklasse.
Dort erlebe ich Kinder, welche wissen wie wichtig Bildung ist, die Lehrkraft als Autoritätsperson akzeptieren und einfach Spaß am Lernen haben.

Meine Intensivklassenkinder, die in der Regelklasse beschult werden sind mittlerweile die Leistungsstärksten der Klasse.

Es macht einfach Spaß diesen Kindern etwas beizubringen.

Ich sehe aber auch die Mehrbelastung. Aber hätte ich die Wahl, würde ich meine Regelklasse in einen Intensivkurs „Warum ist Schule wichtig!“ schicken und dafür eine komplette Intensivklasse nehmen.

Riesenzwerg
19 Tage zuvor
Antwortet  Defence

Meine DaZ-Kinder haben deutlich mehr Ahnung von deutscher Grammatik als diejenigen, die in der 100ten Generation hier sind.

Das Könnhemmnis scheint ein Will-lernen-Hemmnis zu sein…

Aber das wissen schon sehr viele, die in der Schule arbeiten.

Palim
20 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

Man braucht so oder so Unterricht zum Deutsch lernen und Lehrkräfte dafür. Wer unterrichtet denn in der Container-Schule?

Wenn man die SuS gleich mit in die Regelschulen setzt, mit in die Klassen, dann können sie in einigen Fächern mitmachen, haben Kontakt zu deutschsprachigen Schüler:innen und können darüber auch Sprache und Kultur kennenlernen.

Stattdessen werden sie separiert, haben keinen Kontakt zu deutschsprachigen Kindern. Es ist nicht vorstellbar, dass der Unterricht im Container auf dem Flugplatzgelände dem sonstigen Unterricht entspricht. Dazu wird es ein ständiger Wechsel der Zusammensetzung sein und Kinder unterschiedlichster Altersstufen und Vorbildung werden gemeinsam unterrichtet werden müssen.

Man muss nicht darauf verweisen, dass Emigrierte sich nicht schnell genug integrieren würden, wenn man ihnen die Möglichkeiten dazu verbaut.

Cuibono
20 Tage zuvor
Antwortet  Palim

Zitat: „Dazu wird es ein ständiger Wechsel der Zusammensetzung sein und Kinder unterschiedlichster Altersstufen und Vorbildung werden gemeinsam unterrichtet werden müssen.“
Genau diese Heterogenität ist doch an allen Schulen erwünscht und führt zu den besten Ergebnissen.
Verstehe die Kritik nicht.

Sepp
19 Tage zuvor
Antwortet  Palim

Palim,
Es geht ja nicht um ein paar einzelne Schüler, sondern um so viele, dass sich eigene Klassen und Schulen lohnen.

Natürlich kann man diesr Kinder auf ganz viele andere Schulen aufteilen und dann an all diesen Schulen eigene Deutschkurse anbieten. Aber da wäre es doch sinnvoller, die Kinder zunächst zentral zu beschulen, damit sie hinreichend Deutsch können.

Wir haben zwar auch Kinder, bei denen es gut klappt, sie teilweise in der Klasse zu haben, aber für viel DaZ/DaF rauszunehmen. Das geht aber v.a., wenn die Kinder einigermaßen Englisch können oder andere Kinder die Muttersprache beherrschen und übersetzen.

Ein großer Teil kommt aber nicht zurecht. In unserer Parallelklasse sitzt z.B. ein Junge aus Afghanistan, mit dem ein Jahr lang niemand kommunizieren konnte. Niemand wusste, ob er überhaupt etwas versteht. Und die anderen Kinder konnten auch nicht viel mit ihm anfangen. Inzwischen ist dort eine andere Schülerin, die mit ihm sprechen kann.

Da kann man doch nicht von Integration sprechen.

Palim
18 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

Ja, wenn man nicht die gleiche Herkunftssprache spricht und dann keinerlei Idee hat, wie Kommunikation auf anderen Wegen ermöglicht werden kann, kann man nicht von Integration sprechen.

Schade, Chance vertan.
Die Kinder haben also 1 Jahr lang gelernt, dass man mit Kindern anderer Erstsprachen nicht kommunizieren kann.

Finagle
20 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

„Will man das dann Integration nennen?“

Ja, denn bei Ideologien gibt es nur entweder oder.

Entweder im selben Zimmer mit allen anderen bei der selben Lehrkraft im identischen Unterricht…

Oder ghettoisiert in einem Container möglichst isoliert von ebenso seperiert gehaltenen Lehrkräften unterricht…

Das könnte mangelnde Fantasie und Kreativität sein. Könnte aber auch sein, dass man bei einer „Geld oder Leben!“ Auswahl eher erhalte, was ich wirklich will. Bis man das überstrapaziert hat und sich die Stimmung zu „weisste was, dann probieren wir jetzt mal die andere Alternative, die Du uns lässt“ dreht.

Sepp
18 Tage zuvor
Antwortet  Finagle

„Ja, denn bei Ideologien gibt es nur entweder oder.
Entweder im selben Zimmer mit allen anderen bei der selben Lehrkraft im identischen Unterricht…
Oder ghettoisiert in einem Container möglichst isoliert von ebenso seperiert gehaltenen Lehrkräften unterricht…“

Danke, das ist doch genau das Problem. Meines Erachtens müsste es ein „und“ geben:

So lange es nötig ist, bringt den Kindern in eigenen Willkommensklassen /-schulen oder was auch immer die nötigen Deutschkenntnisse bei. Und dann schickt sie, so bald es geht, in eine deutsche Klasse, wo sie sich integrieren können – mit zumindest grundlegenden Sprachkenntnissen.

Ich habe oben von einem Jungen aus unserer Parallelklasse geschrieben, der ein Jahr lang nur rum saß und mit dem niemand kommunizieren konnte. Das Problem dabei war, dass der Junge unbedingt direkt „integriert“ werden sollte, ohne dass das geleistet werden konnte.
In einer zentralen Willkommensschule hätte man vielleicht auch für mehrere Kinder einen Deutschunterricht anbieten können mit jemandem, der auch Paschtu spricht und auf die Kinder eingehen könnte.

Wir hatten bspw. auch ein Kind, das nicht alphabetisiert war. Das können wir im normalen Schulsystem einfach nicht abfangen und damit hängen wir die Kinder massiv ab, statt sie vielleicht einfach ein Jahr gezielt fit für den regulären Unterricht zu machen.

Palim
18 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

„Meines Erachtens müsste es ein „und“ geben:“

Ja, so sehe ich das auch, aber mein „und“ sieht anders aus.
a) die Kinder sind im Regelunterricht einer normalen Klasse und erhalten parallel Unterricht für DaZ, ggf. Mathe, sind aber einen großen Teil ihrer Zeit auch in anderen Fächern im Klassenverband.
b) die Kinder gehen in eine DaZ-Klasse, die in einer Regelschule eingerichtet ist, sind aber einer Regelklasse zugeordnet und gehen für viele Stunden in diese Klasse.

Die Lehrkraft in der DaZ-Klasse hat auch alle möglichen Schüler:innen mit unterschiedlichen Herkunftssprachen und Bildungsbiografien in ihrer Lerngruppe, dazu der ständige Wechsel.
Es muss nicht allein eine Sprache gedolmetscht werden, sondern immer in viele verschiedene Sprachen.
Dazu gibt es auch da Kinder, die längst lesen können, die über Englisch anzusprechen sind, sich vieles selbst erschließen können, ebenso wie die, die in der Herkunftssprache alphabetisiert sind – mit anderer Schrift, sodass sie das andere Schriftsystem erlernen müssen, oder die, die gar nicht alphabetisiert sind oder noch nie in einer Schule waren und somit in einer noch unbekannten Zweitsprache den Schriftspracherwerb in kürzerer Zeit als bei Erstsprachigen schaffen sollen.

Die eine Fehlannahme ist, dass alles „nebenbei“ geschafft werden soll, ohne Ressourcen zu stellen.
Die zweite ist, dass man die Schüler:innen lieber weit weg in irgendwelche Container stecken mag – aus den Augen, aus dem Sinn. Oder?

  • Welche originär ausgebildeten Lehrkräften übernehmen den Unterricht im Container auf dem Flugplatz?
  • Wer entscheidet, ob je genug Schulplätze vorhanden sein können?
  • Wer setzt fest, welches Niveau ausreicht, um in eine Regelklasse zu wechseln?
  • Welche Schulwege sind dann nötig und welche neue Eingewöhnung und Einarbeitungszeit?
  • Wer gewährleistet bis dahin, dass die Schüler:innen auch in weiteren Fächern Unterricht erhalten, z.B. in Mathematik, sodass sie dann auch dort aufholen können und die Herangehensweisen des Unterrichts kennenlernen?
Lisa
20 Tage zuvor

Ich sehe es pragmatisch. Bevor die Kinder gar keinen Schulplatz bekommen, ist eine Unterkunftsschule besser. Doch das sollte ein Provisorium zur Überbrückung bleiben. Und da befürchte ich, dass es ein Dauerzustand werden wird.