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Kultusminister lässt die Arbeitsbelastung von Lehrkräften untersuchen (“Black Box”) – GEW: Wissen wir doch längst!

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DRESDEN. Die GEW und andere Verbände fordern für Lehrkräfte eine Arbeitszeiterfassung, wie sie rechtlich eigentlich geboten wäre. Die lässt weiter auf sich warten. Dafür startet das Kultusministerium Sachsen eine groß angelegte Untersuchung, um die Belastung von Lehrerinnen und Lehrern zu beleuchten. Die Gewerkschaft zeigt sich irritiert, hat sie doch bereits selbst eine solche Studie vorgelegt – die zu eindeutigen Ergebnissen kommt.

Wie viele Studien sind nötig, um die Überlastung von Lehrkräften festzustellen? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

In Sachsen wird über das komplette nächste Schuljahr die Arbeitszeit von Lehrkräften genau untersucht. Eine solche „grundhafte“ repräsentative Analyse sei bundesweit einmalig, sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) in Dresden.

Das beauftragte Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos AG hat dafür insgesamt 4.100 verbeamtete und angestellte Lehrkräfte mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen in einer flächendeckenden Stichprobe über alle Arten öffentlicher Schulen ausgewählt. Das entspricht etwa 15 Prozent der Lehrerschaft, wie Projektleiterin Kristina Stegner sagte. Auch 410 Schulleitungen beteiligten sich.

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Unterrichten spiegele nur den sichtbaren Teil der Lehrerarbeitszeit wider, sagte Piwarz. Der Rest, wie Zeit für Vor- und Nachbereitung oder anderes, liege in einer „Black Box“, in die nun Licht gebracht werden solle. „Wir wissen nicht hundertprozentig, wie es ist, haben nur Vermutungen und Annahmen aus Gesprächen mit Lehrkräften.“ Es gehe darum, Ressourcen auszumachen und Arbeitsabläufe zu verbessern. Die Frage sei etwa, ob alles, was die Lehrer tun, auch von einem Lehrer getan werden müsse oder ob das auch jemand anderes machen könne.

„Wir wollen eine breite und valide Datenlage zur Arbeitsbelastung beruflicher Lehrkräfte“

Dazu tragen die Ausgewählten ab der letzten Sommerferien-Woche bis zum Schuljahresende täglich in ein Online-Formular ihre Arbeitszeit ein und wofür diese jeweils eingesetzt wird – nach einem wissenschaftlich erarbeiteten Katalog, wie Stegner erklärte. Mit Interviews solle zusätzlich die subjektive Belastung erfragt werden, vor allem zu besonderen Zeitpunkten wie Prüfungs- und Korrekturzeiten.

Die Kosten für die Untersuchung bezifferte das Ministerium auf rund 540.000 Euro. Piwarz hofft für 2025 auf erste Ergebnisse der Studie, aus der auch Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Bisherige Untersuchungen dieser Art basierten auf Freiwilligkeit, sagte er. „Wir wollen eine breite und valide Datenlage zur Arbeitsbelastung beruflicher Lehrkräfte.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte im Herbst 2023 auf eine Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften gedrängt. Hintergrund: Das Bundesarbeitsgericht entschied im September vorigen Jahres – bezugnehmend auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Mai 2019 –, dass die Erfassung von Arbeitszeit in Deutschland verpflichtend sei (News4teachers berichtete).

Das Bundesarbeitsministerium legte daraufhin einen Gesetzentwurf vor, demzufolge die Arbeitszeit künftig elektronisch erfasst werden soll. Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit sollen danach noch am selben Tag aufgezeichnet werden. Von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung sind demnach auch Lehrkräfte, andere Beamtinnen und Beamte sowie die Wissenschaft betroffen. Weil sich aber unter anderem die Kultusministerinnen und Kultusminister dagegen wehren, liegt der Entwurf auf Eis. Eine Arbeitszeiterfassung für Beschäftigte im Schuldienst gibt es bis heute in keinem Bundesland; ein einziges – Bremen – hat angekündigt, ein Modell erproben zu wollen (News4teachers berichtete auch darüber).

Die GEW Sachsen hatte zuvor bereits selbst eine Studie in Auftrag gegeben, die ihrer Ansicht nach die Überlastung von Lehrkräften wissenschaftlich belegt. Zuvor waren in anderen Bundesländern ähnliche Untersuchungen erfolgt.

„Die Behauptung, die Arbeitszeit von Lehrkräften sei eine Black Box, ist schlicht falsch“, sagt deshalb der sächsische GEW-Landesvorsitzende Burkhard Naumann. „Bundesweit gibt es bereits mehrere repräsentative Studien. Sie alle zeichnen ein einhelliges Bild: Lehrkräfte haben während der Schulwochen im Durchschnitt eine 50-Stundenwoche. Selbst wenn sie in den Ferien komplett frei nehmen würden, können sie diese Überstunden nicht abbauen. Nicht nur die Arbeitszeit, auch die Belastung ist über alle Schularten so hoch, dass viele Lehrkräfte nach wissenschaftlichen Standards Burnout gefährdet sind.“

„Zentrale Treiber der Mehrarbeit sind neue und zusätzliche Aufgaben. Im Ergebnis führt dies bei einem Teil hochbelasteter Lehrkräfte zu deutlich erhöhten Burnoutwerten mit entsprechenden gesundheitlichen Risiken“

Im Auftrag der GEW Sachsen führte die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen unter Leitung des Sozialwissenschaftlers Dr. Frank Mußmann 2022 eine repräsentative Studie zu Arbeitsbelastung und Arbeitszeit sächsischer Lehrkräfte durch, an der sich 1.473 Beschäftigte von 300 sächsischen Schulen beteiligten. Demnach haben Lehrkräfte in Sachsen in den Schulwochen im Durchschnitt eine 50-Stunden-Woche – genauer: 49 Stunden und 58 Minuten, an Gymnasien sogar 51 Stunden – genauer: 51 Stunden und sechs Minuten. Ein Drittel der Vollzeitkräfte in Sachsen arbeitet demnach während der Schulzeit mehr als 48 Stunden pro Woche, was gegen geltende Arbeitsschutznormen verstößt.

„Zentrale Treiber der Mehrarbeit sind neue und zusätzliche Aufgaben. Im Ergebnis führt dies bei einem Teil hochbelasteter Lehrkräfte zu deutlich erhöhten Burnoutwerten mit entsprechenden gesundheitlichen Risiken“, so heißt es seitens der GEW. Mit Blick auf Piwarz‘ Initiative meint Naumann: „Eine neue Studie in Sachsen bringt sicherlich noch mehr Erkenntnisse. Sie entbindet das Kultusministerium aber nicht von seiner Fürsorgepflicht als Arbeitgeber, endlich für mehr Entlastung zu sorgen.“

Weiter sagt er: „Wenngleich wir begrüßen, dass das Kultusministerium auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzt, sind wir dennoch irritiert, dass die bisherigen Ergebnisse aus der Wissenschaft offenbar ignoriert werden. Für die ausgewählten Lehrkräfte ist die neue Studie zudem eine immense Mehrbelastung, insbesondere, da sie sich ihre Teilnahme nicht aussuchen können. Deshalb haben wir das Kultusministerium aufgefordert, dass die Lehrkräfte im Nachgang der Studie entweder eine zeitliche oder finanzielle Entschädigung für die Teilnahme erhalten.”

Der Sächsische Lehrerverband sieht in der Arbeitszeitstudie die «einmalige Chance», die tatsächliche Belastung der Lehrkräfte sichtbar zu machen, sagte der Landesvorsitzende René Michel. Die Studie biete bundesweit einmalig die Möglichkeit, „mit Klischees aufzuräumen und zu zeigen, wie viel Lehrkräfte arbeiten und welche Belastungen im Schulalltag vorherrschen”. Mit einer regelmäßigen Arbeitszeiterfassung habe das allerdings nichts zu tun. Die Forderung der Gewerschaften bleibt bestehen. News4teachers / mit Material der dpa

Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften: GEW warnt Schulbehörden davor, Leistungskontrollen einzuführen

 

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