GÜTERSLOH. Vorbehalte gegenüber Muslime und Musliminnen haben sich seit vielen Jahren in Deutschland festgesetzt: Eine Mehrheit der nicht muslimischen Bevölkerung (52 Prozent) sieht im Islam eine Bedrohung. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung auf. Die Ressentiments reichen danach bis in die Schule hinein – allerdings: Schülerinnen und Schüler sind davon deutlich weniger geprägt.
Ablehnung und Ausgrenzung von Muslimen und Musliminnen sind in großen Teilen der Bevölkerung in Deutschland verbreitet. So haben 58 Prozent der nicht muslimischen Befragten ein Problem damit, in einen Stadtteil zu ziehen, in dem viele Muslime und Musliminnen leben. Dies ist bemerkenswert vor dem Hintergrund der weit verbreiteten Vorstellung, Muslime und Musliminnen würden sich selbst abschotten – das meinen immerhin drei Viertel (74 Prozent) der Nicht-Muslime in Deutschland.
Dies sind Ergebnisse des repräsentativen „Religionsmonitors 2023“, den die Bertelsmann Stiftung nun vorgestellt hat. Für etwa jeden zweiten Bürger ohne muslimischen Hintergrund spielt danach die Religionszugehörigkeit für die Wahl eines Politikers oder einer Politikerin eine Rolle: So würden 51 Prozent einen Bürgermeister bzw. eine Bürgermeisterin allein deswegen nicht wählen, weil er oder sie eine muslimische Religionszugehörigkeit hat.
Weniger Bedenken haben die Befragten bei muslimischen Lehrerinnen mit Kopftuch: Immerhin 60 Prozent der Befragten würden ihr Kind an einer Schule anmelden, in der auch eine kopftuchtragende Muslimin unterrichtet. „Das lässt sich angesichts der vielen polarisierenden Debatten zum Thema als positive Tendenz deuten – allerdings mit Vorbehalt“, so schreiben die Autorinnen, die Soziologinnen Isabell Diekmann und Olga Janzen. „Denn nicht zu unterschlagen ist, dass immerhin 40 Prozent sich gegen eine Schule entscheiden würden, wenn dort eine kopftuchtragende Lehrkraft angestellt ist.“ Zudem äußert mehr als jeder Vierte die Bereitschaft, eine Partei zu wählen, die sich explizit gegen Muslime und Musliminnen richtet.
Die gute Nachricht: Junge Menschen widersprechen antimuslimischen Vorbehalten deutlich stärker. Die jüngsten nicht muslimischen Befragten (16 bis 24 Jahre) haben ein deutlich positiveres Bild von der muslimischen Bevölkerung und stimmen deutlich seltener pauschalen Abwertungen zu. Beispielsweise sind lediglich 40 Prozent von ihnen der Meinung, Muslime und Musliminnen lebten lieber in eigenen Stadtteilen, während das von den 55- bis 69-Jährigen 80 Prozent denken und bei den über 70-Jährigen sogar 83 Prozent.
Widerspruch unter den Jüngsten gibt es auch bei Zuschreibungen von Gewalt: So glaubt unter ihnen nur ein Drittel, islamistische Terroristen fänden Rückhalt unter Muslimen und Musliminnen, während in der nicht muslimischen Bevölkerung insgesamt 58 Prozent so denken. Bei den über 70-Jährigen sind es sogar 66 Prozent. Auch die Vorstellung, Muslime seien frauenfeindlich, teilen lediglich 39 Prozent der 16- bis 24-Jährigen, während es in der nicht muslimischen Bevölkerung insgesamt 65 Prozent sind und unter den über 70-Jährigen sogar 78 Prozent. Die Offenheit der jungen Generation lässt sich schließlich auch daran erkennen, dass immerhin 57 Prozent einen muslimischen Bürgermeister wählen würden und mehrheitlich kein Problem damit hätten, in einen Stadtteil zu ziehen, in dem viele Muslime und Musliminnen leben (60 Prozent).
„Ein positiver Befund des Religionsmonitors ist, dass die jüngere Generation eine deutlich differenziertere Sicht auf Muslim:innen und den Islam hat. Diese Sicht fußt auf alltäglichen Erfahrungen und insbesondere auf interreligiösen Kontakten in Schule und Ausbildung (…)“, so schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen. „Positive Kontakte auf Augenhöhe sind ein Schlüssel, um Vorurteile zu überprüfen und abzubauen. Dies gilt erst recht in einer vielfältigen Gesellschaft mit unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und einer zunehmenden Zahl von Menschen ohne religiöse Bindung.“
Umso entscheidender sei es, von der Schule bis ins Erwachsenenleben Anlässe und Orte für Begegnungen zu schaffen und einen Austausch zu ermöglichen, der Brücken baut. Heute könnten dazu zunehmend auch die sozialen Medien beitragen. Sie seien die Marktplätze der digitalen Öffentlichkeit und haben das Potenzial, Menschen miteinander zu vernetzen und neue Facetten des Zusammenlebens aufzuzeigen – auch jenseits aufgeregt geführter politischer Debatten.
„Antimuslimische oder antisemitische Vorfälle sind nach wie vor auf den Schulhöfen keine Seltenheit“
Aber: „Dafür braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Daher ist es zu begrüßen, dass auf europäischer wie auf nationaler Ebene die gesetzlichen Standards geschärft wurden, um Hass und Hetze in die Schranken zu weisen und einer demokratischen Diskussionskultur den Boden zu bereiten. Indem wir vielfältige Kontakte fördern und die Menschen und ihre Geschichten in den Blick bringen, können sich zudem positive Erfahrungen und Erzählungen stärker verbreiten und Zusammenhalt stiften.“
Schulen, so betonen die Autorinnen, sind allerdings keine Inseln der Seligen. „Unter Jüngeren sind antimuslimische Vorbehalte zwar weniger, aber immerhin bei einem Anteil von einem Drittel verbreitet. Antimuslimische oder antisemitische Vorfälle sind nach wie vor auf den Schulhöfen keine Seltenheit. Schule kann einen Reflexionsraum bieten, um über solche Erfahrungen der Diskriminierung zu sprechen und das zu verbinden mit einer Auseinandersetzung über unsere Grundwerte und ihre Bedeutung für das alltägliche Miteinander. Daher sollten die aktive Auseinandersetzung mit Formen der Menschenfeindlichkeit in den Lehrplänen und die Entwicklung interreligiöser Kompetenzen besser verankert werden als bisher.“ Zudem sei eine kritische Auseinandersetzung mit Lehrplänen und Schulbüchern erforderlich, die teilweise muslimfeindliche Positionen und Narrative fortschreiben würden. News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.
