MÜNCHEN. Unangekündigte Tests machen vielen Kindern und Jugendlichen in Bayern das Leben schwer. Schülerinnen und Schüler haben deshalb eine Petition gestartet, um sie abzuschaffen. Markus Söder will das nicht. Und sein Machtwort zeigt Wirkung: Die Kultusministerin, die die sogenannten Exen selbst infrage gestellt hatte, rudert prompt zurück. Der BLLV meint: „So können wir uns die ganze Demokratiebildung sparen“.
Die zwischenzeitliche Hoffnung vieler bayerischer Schüler auf eine generelle Abschaffung unangekündigter Tests bleibt vorerst vergeblich: Nach einem Machtwort von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beendete Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) die von ihr selbst mit angestoßene Debatte nach nur wenigen Tagen wieder. Söder hatte einer generellen Abschaffung der sogenannten Exen, unter denen viele Schülerinnen und Schüler ächzen, in dieser Woche eine Absage erteilt. Dies würde «die Leistungsdichte verschlechtern», argumentierte er auf der CSU-Fraktionsklausur in Banz.
Stolz sagte daraufhin nun, sie stehe mit Söder in ständigem Austausch, auch zum Thema Leistungsnachweise. Und: «Wir sind beide der Überzeugung, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen dazu befähigen müssen, auch spontan und adäquat auf herausfordernde Situationen zu reagieren. Dazu gehören auch unangekündigte Leistungsnachweise.»
«Und da ist eben auch eine Frage: Wie gehen wir mit unangekündigten Leistungsnachweisen um?»
Dabei hatte Stolz noch zu Schuljahresbeginn vor wenigen Tagen erklärt, einen Dialog mit Lehrer-, Eltern- und Schülerverbänden über die Prüfungskultur der Zukunft führen zu wollen. «Und da ist eben auch eine Frage: Wie gehen wir mit unangekündigten Leistungsnachweisen um?», sagte sie.
Diese Gespräche wollte Söder offenkundig nicht abwarten. Mehrere Verbände und Gewerkschaften kritisierten das Vorgehen des Ministerpräsidenten scharf.
Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann, kritisierte, Söder mache Bildungspolitik auf Basis eines veralteten und völlig überholten Bildungs- und Leistungsverständnisses. Exen hätten nichts mit Leistung oder Lernerfolgen zu tun. Die Praxiserfahrung von Lehrern decke sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit den Erfahrungen der Schüler. Noch schlimmer sei, wenn Söder basisdemokratische Bemühungen von Schülern schon im Ansatz mit einem Machtwort auszuhebeln versuche. «Dann können wir uns auch die ganze Demokratiebildung an unseren Schulen sparen.» (Fleischmanns Kommentar im Wortlaut, siehe Kasten unten.)
Eine Münchner Schülerin hatte zuletzt eine Online-Petition zur Abschaffung der Exen gestartet. Die Schülerin betonte, man werde auch nach Söders Machtwort nicht aufgeben. Tatsächlich verzichten schon heute viele Lehrerinnen und Lehrer und teils auch ganze Schulen aufgrund eigener Entscheidungen komplett auf unangekündigte Tests.
«Vielleicht täte dem Herrn Ministerpräsidenten eine Verfassungsviertelstunde gut»
Die GEW kritisierte, Söder verstoße nicht nur gegen das Ressortprinzip, sondern greife auch noch einer Entscheidung des Landtags über die laufende Petition vor. «Vielleicht täte dem Herrn Ministerpräsidenten eine Verfassungsviertelstunde gut», sagte die Vorsitzende Martina Borgendale. Der GEW-Vize-Vorsitzende Florian Kohl rief Söder auf, sich mit dem Thema zeitgemäßer Prüfungskultur wissenschaftlich auseinanderzusetzen.
Der Berliner Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger sagte laut Mitteilung, natürlich sollten Bayerns Schüler zu optimaler Leistung ermutigt werden – und zwar auch diejenigen, denen das Lernen schwerfalle. «Die fiese Fallenstellergesinnung hinter den unangekündigten Leistungsproben widerspricht allen Erkenntnissen der Motivationspsychologie der letzten 50 Jahre», erklärte er. Denn Leistungsmotivation erwerbe man nicht durch Prüfungsdruck.
Es ist nicht das erste Mal, dass Söder und die CSU der für Schule zuständigen Ministerin von den Freien Wählern in die Parade fahren: Stolz hatte zugunsten von mehr Deutsch und Mathe ursprünglich auch über Kürzungen bei der Stundenzahl für den Religionsunterricht diskutieren wollen – und wurde sofort ausgebremst. News4teachers / mit Material der dpa
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) kommentiert die bayerische Posse um die sogenannten „Exen“:
„Wir haben es gestern wieder gehört: Die Bildungspolitik in Bayern macht der Ministerpräsident mit Machworten und Schnellschüssen und auf Basis eines veralteten tradierten Bildungs- und Leistungsverständnisses: Die PISA-Ergebnisse sind schlecht? Wir machen mehr Deutsch und Mathe! Wir wollen die Olympischen Spiele nach München holen? Wir brauchen mehr Bewegung und Sport für die Kinder! Die Demokratie ist unter Druck? Wir brauchen eine Verfassungsviertelstunde! Inzwischen kann man auf die Schnellschüsse warten und blickt schon vorab mit Sorge auf Kloster Banz. Was davon alles zu kurz greift, schon längst an den Schulen gemacht wird, oder auf wissenschaftlich fundierter pädagogischer Basis schlicht falsch ist, das interessiert nicht.
Und jetzt sind eben die unangekündigten Leistungsnachweise oder ‚Exen‘ dran. Die Exen sollen bleiben, denn sonst würde sich die ‚Leistungsdichte verschlechtern‘, so MP Söder. Stellt sich zum einen die Frage, was das genau bedeuten soll. Zum anderen stellt sich die Frage, was Exen mit Leistung oder Lernerfolgen zu tun haben? Lehrerinnen und Lehrer haben ausreichend Praxiserfahrung an den Schulen, die sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen genauso deckt wie mit den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler: gar nichts!
Wenn ein Ministerpräsident in Kloster Banz Impulse setzen will für eine zukunftsfähige Bildung und dabei einen völlig überholten Bildungs- und Leistungsbegriff vor sich herträgt, dann kann das nichts werden. Umso schlimmer, wenn er dabei basisdemokratische Bemühungen von Schülerinnen und Schülern, wie in der betreffenden aktuellen Petition der Münchner Schülerin Amelie, schon im Ansatz mit einem Machtwort auszuhebeln versucht. Dann können wir uns auch die ganze Demokratiebildung an unseren Schulen sparen. Für uns ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt verstehen, worum es geht. Wir müssen sie stärken! Und es ist wichtig für uns, dass der richtige dialogische Ansatz der von ihm eigentlich doch hoch gelobten Kultusministerin nicht dauernd per Verordnung, die alle Fakten ignoriert, zunichte gemacht wird.“
