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Schüler fordern Abschaffung von unangekündigten Tests – Lehrerverband: Brauchen neues Leistungsverständnis an Schulen!

"Immer in Alarmbereitschaft..." Illustration: Shutterstock

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MÜNCHEN. Schülerinnen und Schüler in Bayern haben eine Petition gestartet, um unangekündigte Tests im Unterricht – sogenannte Exen – verbieten zu lassen. Sie meinen: „Lernen unter Angst und Druck ist niemals effektiv. Im Gegenteil, Abfragen und Exen fördern nur oberflächliches Auswendiglernen statt langfristiges Verstehen und Behalten von Lerninhalten.“ Die GEW, der BLLV und der Elternverband unterstützen das Ansinnen – der Philologenverband nicht.

“Immer in Alarmbereitschaft…” Illustration: Shutterstock

„Die meisten Schüler*innen in Bayern kennen das Gefühl, plötzlich und unvorbereitet geprüft zu werden. Wir alle wissen, was es bedeutet, wenn die Lehrkraft einen unangekündigten Test (Stegreifaufgabe/Extemporale) schreibt oder wir bei einer Abfrage bzw. Rechenschaftsablage vor der ganzen Klasse bewertet werden“, so heißt es zur Einleitung. „Was in vielen anderen Bundesländern unvorstellbar wäre, gehört für uns Schüler*innen in Bayern ganz selbstverständlich zum Schulalltag dazu.“ Die Initiatoren der Petition fordern „die sofortige Abschaffung von Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben.“ Sie wollen „stattdessen mehr alternative und lebenspraktische Leistungsnachweise, die die Schüler*innen selbst wählen können.“ Und: „Eine positive Lern- und Fehlerkultur für ein Lernen ohne Angst und Druck“.

Warum ist das aus Sicht der Schülerinnen und Schüler wichtig? „Die Tatsache, dass wir nicht im Voraus wissen, wann wir getestet werden, bedeutet, dass wir immer in Alarmbereitschaft sein müssen. Ständiger Druck und Stress prägen unseren Schulalltag und oft entsteht ein Gefühl der Ohnmacht. Abfragen vor der ganzen Klasse verstärken das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Bloßstellung“, so schreiben die Petentinnen und Petenten.

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„Verlässlich angekündigte Leistungserhebungen stärken die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zur bewussten Einschätzung und Selbstkontrolle ihrer eigenen Leistungen“

Lehrkräfte in Bayern seien laut Schulordnung gar nicht verpflichtet, Exen zu schreiben und Schülerinnen und Schüler abzufragen. Und doch sei diese Prüfungsform für tausende Kinder und Jugendliche im Freistaat immer noch Realität. „Deshalb können wir auch nicht darauf setzen, dass lediglich einzelne Schulen nach langen internen Aushandlungen auf Abfragen und Exen verzichten: Stattdessen brauchen wir eine neue bayernweite Regelung gegen unangekündigte Leistungsnachweise.“ Die Abschaffung von sogenannten Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben sei ein dringend notwendiger Schritt, um eine positive Lernkultur zu etablieren.

Aber das sei nur der Anfang. „Das gesamte Schulsystem muss sich weiterentwickeln, um den Bedürfnissen von uns Schüler*innen und den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Denn statt wie häufig behauptet wird, wollen wir Schüler*innen lernen. Aber wir wollen selbstbestimmt lernen und nicht durch Leistungsdruck und Schulstress dazu gebracht werden, lediglich auswendig gelernte Fakten wiederzugeben. Deshalb fordern wir eine positive Lernkultur. Schule darf nicht länger als Ort der Angst wahrgenommen werden. Schluss mit Abfragen und Exen!“

Tatsächlich war eine Studie unter der Leitung von Prof. em. Dr. Ludwig Haag (Universität Bayreuth) und Prof. Dr. Thomas Götz (Universität Wien) bereits 2022 zu dem Ergebnis gekommen: Die Praxis, Leistungskontrollen nicht anzukündigen, stärkt die Ängstlichkeit von Schülerinnen und Schülern, verringert ihre Freude am Lernen und schwächt dadurch ihre Leistungsfähigkeit. Hingegen hat eine verlässliche Ankündigung von Leistungskontrollen positive emotionale Auswirkungen und kann schulische Leistungen verbessern (News4teachers berichtete).

„In Deutschland haben die meisten Bundesländer mittlerweile für alle Schularten gesetzlich geregelt, dass schriftliche Leistungstests jeglicher Art angekündigt werden müssen. Unsere Untersuchungsergebnisse zeigen deutlich, dass dies ein nicht zu unterschätzender Fortschritt ist“, befand der Schulpädagoge Haag seinerzeit (und unterstützt die Petition heute).

Allerdings würden in der Schulpraxis bis heute Gründe angeführt, die für unangekündigte Leistungserhebungen sprechen, so Haag. Insbesondere werde argumentiert, stetige Aufmerksamkeit im Unterricht und kontinuierliche Lernfortschritte würden gefördert, wenn Schülerinnen und Schüler jederzeit mit Kontrollen und darauf basierenden Benotungen rechnen müssten. „Wir sind in unserer Studie von einer entgegengesetzten Hypothese ausgegangen: Verlässlich angekündigte Leistungserhebungen stärken die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zur bewussten Einschätzung und Selbstkontrolle ihrer eigenen Leistungen. Daher haben sie im Vergleich mit unangekündigten Leistungserhebungen eine vorteilhaftere Wirkung auf die Emotionen der Schülerinnen und Schüler sowie auf ihre Lernerfolge. Die Ergebnisse unserer empirischen Untersuchung bestätigen diese Annahme“, erklärte Haag.

An der Studie nahmen insgesamt 414 Schülerinnen und Schüler aus 19 Mittelstufen- und Oberstufen-Kursen eines Gymnasiums teil. Ein Schuljahr lang wurden emotionsbezogene Daten erhoben und mit den Leistungen in Beziehung gesetzt, die von den Schülerinnen und Schülern bei angekündigten und bei unangekündigten Leistungskontrollen erbracht wurden.

„In einer Leistungsgesellschaft werden auch nach der Schule unangekündigt Situationen entstehen, in denen ich Leistung bringen muss“

Im Zentrum standen dabei Angst und Freude, die im Zusammenhang mit diesen Tests auftraten. Im Vorfeld und während angekündigter Leistungskontrollen empfanden die Schülerinnen und Schüler deutlich mehr Freude und weniger Angst. Im Fall der Angst war dieser Unterschied zu den unangekündigten Leistungskontrollen bereits zwei Wochen vor dem jeweiligen Termin zu beobachten. Zudem waren Freude und Angst klar erkennbar mit den Testergebnissen und den Schulnoten verknüpft: Je weniger das Lernen von Angst begleitet war und je mehr Freude die Schülerinnen und Schüler beim Lernen erlebten, desto bessere Noten konnten sie erzielen.

Trotzdem mag der Bayerische Philologenverband von unangekündigten Tests nicht lassen. In einer Leistungsgesellschaft würden auch nach der Schule „unangekündigt Situationen entstehen, in denen ich Leistung bringen muss“, sagte der Vorsitzende, Michael Schwägerl gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR).

Die GEW und der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) unterstützen die Petition hingegen – sowie zahlreiche Prominente wie der Lehrer, Podcaster und Buchautor Bob Blume, der langjährige Leiter der Alemannenschule in Wutöschingen Stefan Ruppaner sowie die Bildungsforscher*innen Prof. Eckhard Klieme, Prof. (em.) Klaus Klemm und Prof. Uta Hauck-Thum.

„Es ist an der Zeit, dass wir über ein neues Leistungsverständnis in unseren Schulen sprechen“, betont BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann dem BR-Bericht zufolge. Das einfache Abfragen von Wissen reiche nicht aus; Schule müsse jungen Menschen auch soziale und emotionale Kompetenzen an die Hand geben. „Diese lassen sich nicht durch Exen abfragen“, sagt Fleischmann. Der Bayerische Elternverband (BEV) unterstützt das Anliegen der Schülerinnen und Schüler ebenfalls. Er meint: Solange unangekündigte Tests mit Noten bewertet statt mit einem konstruktiven Feedback versehen würden, „wird eine positive Fehlerkultur an Schulen untergraben“.

Mehr als 12.000 Menschen haben die Petition mittlerweile unterschrieben. News4teachers

Hier geht es zu der Petition.

Wegen ChatGPT und Co: BLLV-Präsidentin fordert neues Leistungssystem – ohne Noten

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