HANNOVER. Viele Eltern kämpfen täglich mit der Herausforderung, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen. Eine neue Umfrage legt den Verdacht nahe, dass sich (auch) das auf die Zahl der Geburten auswirkt. Fakt ist: Innerhalb der vergangenen beiden Jahre ist die Geburtenrate in Deutschland zurückgegangen – in einem derart kurzen Zeitraum so deutlich wie noch nie.
Etliche Paare in Deutschland stellen laut einer neuen Umfrage Kinderwünsche wegen unzureichender Betreuungsmöglichkeiten zurück. In der neuen Ausgabe der jährlichen Studie des Versicherers HDI sagte ein Fünftel der 3748 bundesweit befragten Männer und Frauen, dass sie deswegen den Kinderwunsch allgemein oder den Wunsch nach weiteren Kindern hintenan gestellt hätten. Die Unzufriedenheit mit der Kinderbetreuung ist demnach hoch: 1314 der Befragten waren selbst Eltern mit Kindern unter 18. Knapp die Hälfte (49 Prozent) dieser befragten Eltern hält demnach das Angebot an Kinderbetreuung in Deutschland für «gar nicht» oder «weniger» gut.
Viele Eltern empfinden Kinder als Karrierenachteil
Das Umfrageinstitut Yougov befragte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Auftrag der Versicherung im Juni und Juli, die Erhebung war laut HDI repräsentativ nach Alter und Geschlecht in allen Bundesländern.
Deutlich wird auch, dass viele der befragten Eltern Kinder als Karrierenachteil empfinden: 43 Prozent sagten, dass in ihrem jeweiligen Unternehmen Beschäftigte, die sich um ihre Kinder kümmern müssten, schlechtere Aufstiegschancen hätten. Darüber hinaus beklagten 44 Prozent, dass sich ihr Arbeitgeber nicht ausreichend um Kinderbetreuung für die Belegschaft kümmere. Und gut vier von zehn befragten Eltern sagten auch, dass sie gern länger arbeiten würden, wenn es die entsprechende Kinderbetreuung gäbe.
Hintergrund: Die Geburtenrate in Deutschland fiel von 1,57 Kindern pro Frau in 2021 auf rund 1,36 im Herbst 2023. Damit ist das Fertilitätsniveau so niedrig wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Diese Zahlen basieren auf einer Veröffentlichung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und der Universität Stockholm in der internationalen Fachzeitschrift «European Journal of Population».
Nachdem in Deutschland die Geburtenrate während der ersten Zeit der Coronapandemie stabil geblieben war, sank sie im weiteren Verlauf der Pandemie ab Januar 2022 auf 1,4 und erholte sich im Sommer 2022 wieder auf 1,5 Kinder pro Frau. Im Jahr 2023 fiel die Geburtenrate erneut weiter ab und betrug nach vorläufigen Berechnungen im Durchschnitt der Monate Januar bis November 1,36. Der beobachtete starke Rückgang der Fertilität innerhalb von zwei Jahren ist deshalb ungewöhnlich, da sich Phasen sinkender Geburtenraten in der Vergangenheit langsamer vollzogen haben, so schreiben die Forscherinnen und Forscher.
“In einer solchen Zeit multipler Krisen setzen viele ihren Kinderwunsch nicht um”
«Der Krieg in der Ukraine, die gestiegene Inflation oder auch der fortschreitende Klimawandel haben die Menschen zusätzlich zur Pandemie verunsichert. In einer solchen Zeit multipler Krisen setzen viele ihren Kinderwunsch nicht um», vermutet Prof. Dr. Martin Bujard vom BiB, Mitverfasser der Studie. Inwiefern die neuen Zahlen einen generellen Trend zu sinkenden Geburtenzahlen in Deutschland einleiten oder nur einen temporären Effekt abbilden, sei derzeit noch nicht absehbar. Klar ist: Dauerhaft niedrige Geburtenraten tragen zu einer alternden Gesellschaft bei. Im Zusammenspiel mit zahlreichen anderen Faktoren ergeben sich daraus Herausforderungen unter anderem durch den Rückgang potenzieller Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt und für die Sozialsysteme.
Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsleben bekomme der Fachkräftemangel in Deutschland eine neue Dimension, sagt HDI-Vorstandschef Jens Warkentin mit Blick auf die Umfrage. «Gleichzeitig gelingt es nicht, mit bedarfsgerechten Kinderbetreuungsangeboten diejenigen zu unterstützen, die eigentlich mehr arbeiten wollen.»
Jedoch steigt offenkundig vor allem bei den Jüngeren der Wunsch nach Teilzeit: 56 Prozent der unter 45-Jährigen sagten, dass sie gern in Teilzeit arbeiten würden; das waren deutlich mehr als noch in den beiden Vorjahren. Gleichzeitig fürchten viele Befragte negative Auswirkungen von Personalmangel: 42 Prozent der Meinung, dass das Ausscheiden der Babyboomer aus ihrer jeweiligen Firma Gefahr für deren wirtschaftliches Wohlergehen bedeute. News4teachers / mit Material der dpa
Studie: Lehrermangel an Grundschulen schneller überwunden als gedacht – wegen Kindermangel
