MANNHEIM. Veronika Verbeek, Psychologin und Bildungswissenschaftlerin an der Internationalen Hochschule Mannheim, hat einen Aufruf veröffentlich – der es in sich hat. Die Professorin postuliert darin: „Die aktuelle Kita-Pädagogik birgt Risiken für Kinder“. Darin äußert sie sich kritisch über „sehr frühe und sehr lange Kita-Betreuung“ (die stresse Kinder), über allzu freie Formen des Spielens und Lernens, über eine „falsch verstandene Partizipation“ (die überfordere Kinder), über eine „einseitige Stärkenorientierung“ (die provoziere Verhaltensauffälligkeiten) und darüber, dass Erziehungsprobleme „psychiatrisiert und medikalisiert“ würden.
Die Hintergründe ihrer Thesen erläutert Verbeek in einem aktuellen Interview mit dem „Spiegel“. Sie betont darin, dass eine stabile Bindung zu den Eltern die Grundlage für eine gesunde Entwicklung sei. Verbeek: „Die frühe Bindung zu den Eltern, nicht die frühe Bildung, ist der Garant für eine gute Entwicklung von Kindern.“ Studien hätten gezeigt, dass Kinder mit sicherer Elternbindung leistungsstärker und sozial kompetenter seien. Sie kritisiert, dass Kinder oft zu früh und zu lange in Kitas untergebracht würden, was zu Stress führe, insbesondere in Einrichtungen mit großen Gruppen und unzureichendem Personal. „Studien zeigen, dass Kleinkinder in Kitas eine erhöhte Cortisolausschüttung haben“, sagt die Professorin. Und das sei entwicklungsschädlich.
Verbeek hebt hervor, dass manche Kinder für eine frühe Fremdbetreuung bereit seien, während andere mehr Zeit zu Hause bräuchten. Allerdings werde den Eltern von Politik und Gesellschaft suggeriert, je früher sie ihr Kind in die Kita schickten, desto besser. Verbeek kritisiert, dass diese Debatte ideologisch statt wissenschaftlich geführt werde. Es gehe nicht darum, Mütter, die ihr Kind schon früh in einer Kita betreuen ließen, als „Rabenmütter“ (wie vor 30 Jahren) zu stigmatisieren. Stattdessen fordert sie familienpolitische Maßnahmen, die es Eltern ermöglichen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, ohne früh wieder in den Beruf einsteigen zu müssen. „Das Kindeswohl sollte im Fokus stehen, nicht arbeitsmarktpolitische Interessen“, so Verbeek.
„Die allgemeine dogmatische Rahmung, wonach ein Kind möglichst früh in die Kita soll, muss aufhören“
Die Wissenschaftlerin fordert, die Elternzeit auf zwei Jahre auszuweiten und betont, dass es keinen methodisch belastbaren Nachweis gebe, dass Kinder, die mit einem Jahr in die Kita gehen, später mehr Vorteile hätten. Sie räumt ein, dass der Kontakt zu Gleichaltrigen ab einem Alter von zwei bis drei Jahren wichtig sei, jedoch in den ersten Lebensjahren weniger relevant. „Bezugspersonen sind wichtiger als Gleichaltrige im frühen Alter“, erklärt sie.
Für Kinder aus nicht-deutschsprachigen Haushalten oder mit unzureichender elterlicher Förderung sei die frühzeitige Betreuung sinnvoll, jedoch dürfe dies nicht zu einer dogmatischen Forderung werden, die alle Kinder betreffe. „Die allgemeine dogmatische Rahmung, wonach ein Kind möglichst früh in die Kita soll, muss aufhören“, fordert sie.
Verbeek übt zudem Kritik an der neuen Kita-Pädagogik, die auf Selbstbildung setze und Kindern zu viel Freiraum lasse. „In der neuen Kita-Pädagogik gilt Selbstbildung als Königsweg kindlichen Lernens“, beschreibt Verbeek. Kinder dürften frei entscheiden, womit sie sich beschäftigen, was aus lernpsychologischer Sicht problematisch sei. Sie betont, dass strukturierte Lernprozesse nicht als fremdbestimmt abgewertet werden dürften, da Kinder neue Interessen nur durch entsprechende Anregungen und Anleitung entwickeln könnten. „Eine überindividualisierte Pädagogik, bei der sich Erwachsene als Dauerzustand unter die Wünsche der Kinder stellen, überfordert Kinder,“ warnt sie – und bringt die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten damit in Verbindung. Kinder, die zu sehr ihren eigenen Wünschen nachgehen dürfen, entwickelten Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzufügen und erwartete Anforderungen zu erfüllen.
Verbeek lehnt eine verschulte Kita-Betreuung ab, betont jedoch die Notwendigkeit einer ausgewogenen Mischung aus Anleitung und selbstbestimmtem Lernen. Kinder müssten auch lernen, Hindernisse zu überwinden und Willenskraft aufzubringen. Das extreme Prinzip der Freiwilligkeit in der Kita führe dazu, dass einige Kinder benachteiligt würden, insbesondere diejenigen, die Schwierigkeiten hätten, sich selbst zu organisieren. „Dieses Prinzip der Freiwilligkeit ist ungünstig für die schulische und psychische Entwicklung,“ erklärt sie. Kinder, die stets selbst bestimmen dürften, hätten später Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzufügen.
Verbeek kritisiert auch, dass in der Kita Pädagogik aktuell ein Missverständnis des Begriffs „Bedürfnis“ herrsche. „Natürlich müssen Erwachsene, Eltern wie Erzieher, Bedürfnisse von Kindern befriedigen, ihnen aber nicht jeden Wunsch erfüllen,“ stellt sie klar. Kinder dürften in der Kita nicht davor bewahrt werden, auch mal ein „Nein“ zu hören oder getadelt zu werden. Verbeek fordert, wieder mehr Bodenhaftung in die Pädagogik zu bringen.
„Kinder können nur neue Interessen entwickeln, wenn sie entsprechende Anregungen und Anleitung bekommen“
Sie kritisiert, dass das Prinzip der Selbstbildung in deutschen Kitas zu einseitig angewendet werde. Diese Methode, bei der Kinder selbst entscheiden, was und wie sie lernen wollen, werde als Königsweg kindlicher Entwicklung betrachtet, sei jedoch lernpsychologisch problematisch. Sie betont: „Man unterstellt, so würden Kinder aus sich heraus am meisten lernen.“ Doch dies sei nicht der Fall. Strukturierte Lernprozesse, die Kindern helfen, neue Interessen zu entwickeln und Herausforderungen zu meistern, seien wichtig.
Eine zu verschulte Betreuung, wie in manchen anderen Ländern, lehnt sie ebenfalls ab, betont aber, dass eine gute Balance zwischen freiem Spiel und gezielter Anleitung notwendig sei, um Kinder optimal zu fördern. „Kinder können nur neue Interessen entwickeln, wenn sie entsprechende Anregungen und Anleitung bekommen“, so Verbeek. Sie betont, dass dies auch darauf vorbereite, in der Schule mit strukturierten Lernprozessen umzugehen, da es dort nicht nur nach den eigenen Interessen gehen könne.
So fordert Verbeek eine Pädagogik, die eine gesunde Mischung aus Selbstbestimmung und Anleitung bietet. „Eine Pädagogik, die auf eine gesunde Mischung setzt, wäre ideal,“ sagt sie. Viele Erzieherinnen und Erzieher hätten Schwierigkeiten mit der aktuellen Ausrichtung der Kita-Pädagogik, da sie ihrer eigenen Erfahrung widerspreche. Verbeek möchte diese Fachkräfte ermutigen, eine kritischere Perspektive einzunehmen und die bestehenden Konzepte zu hinterfragen.
In ihrem Aufruf warnt Verbeek insbesondere vor einer Pathologisierung von Verhaltensaufälligkeiten. „Voreilig gibt man heute Erziehungsprobleme, die Eltern und pädagogische Fachkräfte aus Unwissenheit, Ideologisierung, Ängstlichkeit und Bequemlichkeit nicht lösen, als ‚Störungen‘ an Psychologie und Psychiatrie weiter. Kinder sollen dann behandelt, wiederhergestellt, letztlich repariert werden – letztlich um den Preis verlorener Entwicklungszeit, Leid für die Kinder und einer ihnen immer anhaftenden Etikettierung als psychisch krank.“ News4teachers
