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„Die Kinder haben sich verändert. Sie tun sich viel schwerer damit, Regeln zu akzeptieren“: Eine Kita-Fachkraft berichtet

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BERLIN. Der Tarifstreit zwischen Kommunen und Gewerkschaften um die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst ist vorerst beigelegt: Es gibt etwas mehr Geld und zwei freie Tage zusätzlich, wie News4teachers berichtet. Das Grundproblem ist damit allerdings nicht gelöst – meint jedenfalls Kita-Fachkraft und News4teachers-Leserin Marion. Auch sie fühlt sich in ihren Beruf als Pädagogin überlastet, wie sie im folgenden Beitrag darlegt. Die Ursache liegt jedoch tiefer, als sich in Tarifverhandlungen abbilden ließe. Es geht um unsere grundsätzliche Einstellung zu Kindern. Wir dokumentieren den überaus lesenswerten Post, der zunächst als Leserbrief veröffentlicht worden war, hier noch einmal prominent.

“Es passt so vieles nicht mehr zusammen.” Illustration: Shutterstock

Marion, 21.05.2022 um 13:11 Uhr

Ok. 130 Euro und zwei zusätzliche Tage Urlaub nehm ich gern. Aber ändert sich dadurch grundsätzlich etwas an der generellen Unzufriedenheit in diesem Beruf? Und woher kommt diese Unzufriedenheit? Resultiert sie aus einer Überforderung, der wir uns angesichts immer höherer Ansprüche, ausgesetzt sehen? Worin bestehen diese Ansprüche eigentlich? Wer stellt diese Ansprüche an uns? Die Eltern? Die Politik? Wir selbst?

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Oder entstehen die hohen Anforderungen durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, auf die man als einzelner gar keinen Einfluss mehr hat? Ich denke dabei an die zunehmende Ökonomisierung des Alltags. An die gestiegenen Ansprüche hinsichtlich eines gewissen Lebensstandards, den man nicht aufgeben möchte.

Ich kann jetzt nur für mich sprechen, ob andere das auch so sehen weiß ich nicht:
Vielleich werden wir, für das was wir leisten, zu schlecht bezahlt, das mag durchaus sein. Ich persönlich empfinde das nicht so. Ich hatte noch nie das Gefühl, zu wenig zu verdienen. Meine Unzufriedenheit resultiert aus ganz anderen Aspekten.

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren rasant verändert. Ich persönlich kann mit diesen Umbrüchen nicht immer mithalten. Mir ist diese Welt inzwischen oft zu hektisch, zu schnell, zu laut. Diese allgemeine Unruhe überträgt sich natürlich auch auf den Kitaalltag.

“Die Frustrationstoleranz vieler Kinder ist sehr gering. Es wird wegen Nichtigkeiten sofort geschrien, geweint oder getobt”

Obwohl ich noch vor 15 Jahren wesentlich mehr Kinder zu betreuen hatte, nämlich 25, 26, 27 zusammen mit einer Kinderpflegerin, und wenn die krank war oder frei hatte, auch alleine, empfinde ich die Arbeit heute als wesentlich stressiger und belastender. Ich stelle fest, dass die Kinder sich verändert haben. Sie tun sich viel schwerer damit einfache, allgemein gültige Regeln, zu akzeptieren. Es ist oft wirklich sehr mühselig, wenn man diese Alltagsregeln immer wieder aufs Neue erklären und durchsetzen muss, obwohl sie eigentlich jeder längst kennen müsste.

Die Frustrationstoleranz vieler Kinder ist sehr gering. Es wird wegen Nichtigkeiten sofort geschrien, geweint oder getobt. Oft erschrickt man, weil man denkt, einem Kind müsste irgendetwas Schreckliches zugestoßen sein, dabei hat nur jemand etwas gesagt, was dem anderen nicht gefallen hat. Für die Lösung allerkleinster Konflikte oder den Umgang mit minimalen Abweichungen vom Gewohnten brauchen sie die Hilfe eines Erwachsenen. Die Bereitschaft, sich selbst um eine Lösung zu bemühen, ist enorm gesunken. All das führt dazu, dass schon das ganz normale „Alltagsgeschäft“ im Kiga immer belastender wird und schwieriger zu bewältigen ist.

Hinzu kommt, dass gewisse Basisfertigkeiten, die Kinder früher „automatisch“ gelernt haben, heute mühsam antrainiert werden müssen. Z.B. einen Stift richtig zu halten – das haben sich die Kinder früher im Laufe der Zeit abgeschaut. Wenn sie Vorschulkinder waren, hatten sie sich eine korrekte Stifthaltung angewöhnt, ohne dass ihnen das vorher groß beigebracht worden wäre. Heute habe ich immer mehr Vorschulkinder, denen ich erst zeigen muss, wie man einen Stift richtig hält. Ob das daran liegt, dass Kinder nur noch selten Erwachsene mit einem Stift arbeiten sehen, sei einmal dahingestellt. Fakt ist, dass viele Basisfertigkeiten, die früher noch ganz selbstverständlich erworben wurden, heute, meist vom Kita-Personal, mit den Kindern eingeübt werden müssen.

Die Tendenz geht immer mehr dahin, dass Kinder allgemeine Lebenskompetenzen nicht mehr von den Eltern vermittelt bekommen, sondern dass sich dabei komplett auf den Kindergarten verlassen wird. Was ja auch kein Wunder ist, verbringen ja nicht wenige Kinder unter der Woche dort fast genauso viel Zeit wie zu Hause.

Dazu kommt, dass der Wert familiärer Erziehungsarbeit geringgeschätzt wird, während man von Seiten der Politik und der Wirtschaft die Dringlichkeit der frühen Bildung durch öffentliche Betreuungseinrichtungen propagiert. Aber es ist schlicht nicht wahr, dass Kinder irgendetwas versäumen, wenn sie vielleicht erst mit drei oder vier Jahren einen Kiga besuchen.

Kein Kind BRAUCHT für eine gesunde Entwicklung unbedingt eine Krippe. Die Eltern und die Arbeitgeber BRAUCHEN Krippenplätze, damit die Kinder betreut sind, während die Eltern arbeiten.

Die vollmundigen Versprechungen diverser Familien – und Bildungsminister, wie sehr schon die Jüngsten sozial und kognitiv von Krippe und Kindergarten profitieren würden, haben die Erwartungen von Eltern der Kita gegenüber enorm geschürt. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, mit dem Eintritt in die Kita gibt man die Verantwortung dafür, dass „das Kind etwas lernt,“ an die Erzieher ab. Diese Erwartungshaltung, gepaart mit Personalmangel und schlechten Arbeitsbedingungen – und, vor allem während der Pandemie, miserablem Gesundheitsschutz, haben zur Entwicklung großer Unzufriedenheit unter den Erzieherinnen beigetragen.

Es passt so vieles nicht mehr zusammen: Einerseits wird von uns verlangt, den Kindern größtmögliche individuelle Förderung zuteil werden zu lassen, auf jedes einzelne Kind, seinen Bedürfnissen entsprechend, einzugehen, jedem sein eigenes Tempo zu lassen und nur ja niemanden zu irgendwas zu zwingen, dabei immer geduldig selbst die absonderlichsten Marotten, verständnisvoll zu akzeptieren. Andererseits aber ist es ok, ein weinendes, übermüdetes oder krankes Kleinkind morgens der Erzieherin zu übergeben.

“Ich finde es nicht normal, dass Kinder geboren werden, um dann schnellstmöglich ganztägig in Institutionen gesteckt zu werden”

Es ist ok, sein Kind täglich von 8.30 bis 15 Uhr oder länger in den Kindergarten zu bringen, obwohl man mit dem jüngeren Geschwisterkind noch in Elternzeit ist. Und nein – das ist kein Einzelfall. Das kommt immer häufiger vor, weil Eltern tatsächlich glauben, ihr Kind würde etwas versäumen oder weil sie schlicht überfordert sind, zwei Kinder gleichzeitig zu betreuen oder weil sonst keine Spielpartner für das Kind zur Verfügung stehen, weil ja alle in der Kita sind.

Aber sorry, ich finde das nicht mehr normal. Ich finde es nicht normal, dass Kinder geboren werden, um dann schnellstmöglich ganztägig in Institutionen gesteckt zu werden, wo sie in Massen betreut werden und schon im Krippenalter lernen, dass man um die Aufmerksamkeit der erwachsenen Bezugsperson kämpfen muss. Wo sie immer von Zäunen umgeben sind, abgeschnitten vom Rest der Welt, in einer extra für sie aufbereiteten Kinderwelt unter den wachsamen Augen ihrer Erzieherinnen. Wo sie nichts mehr erfahren, von der Erwachsenenwelt, weil Erwachsene in ihren Büros vor ihren Computern hocken und einem Beruf nachgehen, den man Kindern irgendwie gar nicht mehr richtig erklären kann.

Wir bringen ihnen Lieder bei, vom Bauern, vom Müller und vom Bäcker, obwohl es in ihrer Umgebung gar keine Bauern, geschweige denn Müller gibt. Bäckereien gibt es auch keine richtigen mehr. Dafür Backfilialen von irgendwelchen Großbäckereien.

Wir koppeln uns selbst und unsere Kinder total ab von dem, was Leben eigentlich ausmacht. Wir verlieren völlig die Verbindung zu natürlichen Zusammenhängen, die doch eigentlich unsere Lebensgrundlage sind und schneiden auch unsere Kinder davon ab und das allein deshalb, weil wir glauben, unseren geheiligten „Wohlstand“ nur mit noch mehr Arbeit, noch mehr Gewinn, noch mehr technischem „Fortschritt“ und Digitalisierung gewährleisten zu können. Vor lauter Arbeit und Kampf um Erhaltung unseres Lebensstandards, auf den wir keinesfalls verzichten wollen, merken viele gar nicht, dass Kinder dabei nur noch im Weg sind.

Was macht es eigentlich mit denen, wenn sie mitkriegen, dass sie ständig irgendwie wegorganisiert werden müssen, damit der „Familien“-Alltag funktioniert? Während der Pandemie wurde das besonders deutlich: Weil die Kinder eben nicht mehr so einfach „wegorganisiert“ werden konnte, waren viele Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die schnelle Öffnung der Kitas wurde verlangt, egal ob Pandemie war oder nicht. Ich finde, das sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus.

So, das war jetzt sehr weit ausgeholt, aber manchmal geht es halt mit mir durch, weil ich die Rufe nach mehr Geld und „Anerkennung“ und mehr Bildung usw. nicht mehr hören kann. Wir haben viel tiefer liegende Probleme, und wenn wir das nicht erkennen, wird sich auch nichts wesentlich verbessern. News4teachers

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