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Wie demokratisch sind Schulen? Nicht so sehr! Warum Schüler mehr Mitbestimmungsrechte brauchen – eine Podcast-Debatte

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BONN. „Mehr Demokratie wagen“ – mit dem Versprechen trat Willy Brandt vor 55 Jahren als Bundeskanzler an, und die Forderung wirkt heute so aktuell wie damals. Doch wie umsetzen? Der Bürgerrat Bildung und Lernen, initiiert von der Montag Stiftung Denkwerkstatt, versucht das, indem er zufällig ausgeloste Menschen miteinander über Bildungspolitik beraten lässt – um so gesellschaftliche Diskussionen zu befördern. Wie diese hier: Die Frage, ob und wie demokratische Strukturen im Schulalltag etabliert werden können, steht im Mittelpunkt des Podcasts mit Julia Hahn, die im Bürgerrat Bildung und Lernen aktiv ist, und Marina Weisband, die das Demokratieprojekt „aula“ leitet. Beide betonen die Dringlichkeit, die Stimmen von Kindern stärker zu berücksichtigen.

“Mehr Demokratie wagen” – auch schon in der Schule. Illustration: Shutterstock

Marina Weisband, Psychologin und ehemalige Geschäftsführerin der Piraten-Partei, die seit über zehn Jahren das Demokratie-Projekt „aula“ in Schulen bringt, vertritt die Position, dass Schulen grundsätzlich keine demokratischen Orte seien. Die Struktur sei historisch darauf ausgelegt, funktionierende Arbeiter und Soldaten hervorzubringen, nicht mündige Bürgerinnen und Bürger. Der Schulalltag, so Weisband, sei autoritär und vorbestimmt: „Wir kriegen gesagt, wann wir da zu sein haben, wie lange wir uns für bestimmte Fächer zu interessieren haben, und es wird uns diktiert, wann wir hungrig zu sein haben.“ Dies lasse wenig Raum für Eigeninitiative und das Erlernen demokratischer Mitbestimmung.

Die Schule bereite die Kinder eher auf eine passive Rolle vor, in der sie, im besten Fall, Konsumenten von Bildung seien. Was jedoch fehle, sei die Möglichkeit, den Raum aktiv mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und eigene Bedürfnisse abzuwägen. Dies sei jedoch zentral für die Demokratie: „Demokratie ist in erster Linie nicht das Wissen um Institutionen, sondern das Selbstverständnis: ‚Das hier ist mein Zuhause. Das hier ist meine Gesellschaft. Ich kümmere mich.‘“

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Moderator Andreas Bursche (bekannt vom WDR) wendet ein, dass Schüler ja durch die Wahl von Klassensprechern und Schulsprechern bereits beteiligt seien. Weisband lässt dies jedoch nicht gelten: Die Beteiligung beschränke sich auf einen kleinen Teil der Schülerschaft – „es betrifft jeden Dreißigsten“ – und vor allem jene, die bereits das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten mitbrächten, sich einzubringen. Sie erinnert sich an ihre eigene Erfahrung als Immigrantenkind und die mangelnde Identifikation mit den Strukturen der Schülervertretung: „Ich bin nicht eine, auf die es ankommt. Ich bin allen egal.“ Die alltägliche Erfahrung, dass Lehrer „eh machen, was sie wollen“, präge das spätere Gefühl vieler Bürgerinnen und Bürger, dass auch „die da oben“ tun, was sie wollen. Demokratie, so Weisband, müsse daher viel tiefer verankert werden, und zwar durch die tägliche Erfahrung, dass man etwas bewirken kann – von früher Kindheit an.

„Kinder spielen in unserer Gesellschaft leider nicht die primäre Rolle“

Julia Hahn, Kindheitspädagogin und Bürgerrats-Mitglied, teilt Weisbands kritische Sicht auf das Schulsystem, geht jedoch einen Schritt weiter, indem sie betont, dass nicht nur demokratische Strukturen in der Schule fehlen, sondern Kinder generell in der Gesellschaft nicht die notwendige Beachtung finden. Ein Beispiel sei die Corona-Pandemie, in der die Bedürfnisse der Kinder stark vernachlässigt worden seien. Hahn sieht dies als Ausdruck einer systematischen Geringschätzung von Kindern: „Kinder spielen in unserer Gesellschaft leider nicht die primäre Rolle.“ Sie verweist auf ihre Arbeit im Bürgerrat Bildung und Lernen, wo sie erlebt, wie wichtig es sei, den Kindern eine Stimme zu geben und sie ernst zu nehmen.

Auf die Frage, warum Bildungspolitik so häufig versäumt werde, weist Hahn darauf hin, dass Bildung oft nur als parteipolitisches Thema innerhalb der Legislaturperioden behandelt werde, was problematisch sei. Bildungserfolge ließen sich nicht kurzfristig messen, sondern seien ein langfristiges Projekt: „Man muss früh investieren, und es zahlt sich erst nach mehreren Jahren aus, nicht nach nur vier Jahren.“ Daher müsse Bildung parteiübergreifend gedacht und behandelt werden, was auch eine zentrale Forderung des Bürgerrats sei.

„Wir machen völlig unsinnige Prüfungen, die überhaupt nicht das messen, was wir messen wollen, nämlich wie gut Kinder etwas gelernt haben“

Weisband stimmt zu, dass die politische Logik der Wiederwahl nicht mit den Anforderungen einer erfolgreichen Bildungspolitik vereinbar sei. Sie weist darauf hin, dass Parteien, die tatsächlich in Bildung investieren, zunächst Schulden machen und dies kurzfristig als negativ bewertet werde. Sie kritisiert zudem, dass das Verständnis von Bildung in Deutschland oft zu eng gefasst sei: „Wir machen völlig unsinnige Prüfungen, die überhaupt nicht das messen, was wir messen wollen, nämlich wie gut Kinder etwas gelernt haben.“ Stattdessen trieben solche Prüfungen sowohl Lehrer als auch Schüler in den Burnout und hinderten aktiv am Lernen.

Als Bursche darauf zu sprechen kommt, ob Kinder tatsächlich immer in der Lage seien, alles zu überblicken und fundierte Entscheidungen zu treffen, antwortet Weisband aus ihrer langjährigen Erfahrung mit dem Projekt „aula“. In diesem Projekt werden Kindern und Jugendlichen ab zehn Jahren verbindliche Mitbestimmungsrechte eingeräumt und sie gestalten die Schule demokratisch mit, etwa in Fragen der Hausordnung. Weisband räumt ein, dass es anfangs „Quatsch-Ideen“ gebe, wie etwa die Forderung nach Killer-Robotern für die Schule. Doch anstatt diese Ideen sofort abzutun, werde jeder Vorschlag ernst genommen, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie wirklich gehört würden. Sobald die Schüler merkten, dass sie ernst genommen würden, entwickelten sie ernsthafte und durchdachte Vorschläge.

Julia Hahn ergänzt, dass Kinder und Jugendliche in vielen Punkten ähnliche Ansichten wie Erwachsene hätten, da sie Experten ihrer eigenen Lebenswelt seien. Im Bürgerrat habe sie erlebt, wie Kinder oft überrascht ausriefen: „Das ist das erste Mal, dass uns Erwachsene zuhören.“ Dies sei eine extrem bereichernde Erfahrung (sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen).

Ein zentraler Punkt ist dann die Frage, wie Schüler ernsthaft in Entscheidungsprozesse eingebunden werden können. Marina Weisband betont dabei den sogenannten „Labeling-Effekt“: Kinder verhalten sich in der Regel so, wie sie behandelt werden. Wenn man sie ernst nimmt, lernen sie auch, sich mit komplexen Themen ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie gibt ein Beispiel aus ihrer eigenen Erfahrung, in dem Fünftklässler darüber diskutierten, ob sie das Kaugummikauverbot an ihrer Schule aufheben wollten. Trotz ihres jungen Alters setzten sich die Kinder intensiv mit den Vor- und Nachteilen auseinander und entschieden sich schließlich dafür, das Verbot beizubehalten. Weisband will damit aufzeigen, dass Jugendliche in der Lage sind, reflektierte Entscheidungen zu treffen, wenn man ihnen die Chance dazu gibt.

Julia Hahn sieht in der Partizipation von Kindern und Jugendlichen keine zusätzliche Belastung, sondern eine Chance. Ihrer Meinung nach lernen Kinder so von klein auf, dass unterschiedliche Meinungen respektiert werden müssen und dass gemeinsam tragfähige Lösungen gefunden werden können. Sie hebt hervor, dass das Demokratieverständnis bereits in frühen Jahren durch respektvolles Verhalten und die Möglichkeit zur Mitentscheidung gefördert werden kann.

Im Bürgerrat, bei dem eben auch Kinder und Jugendliche beteiligt sind, stelle sie fest, dass sich die Vorschläge der Jüngeren kaum von denen der Erwachsenen unterscheiden. Dies zeige, dass die Probleme im Bildungssystem allen Beteiligten bekannt seien und dass Kinder oft sehr konkrete und praxisnahe Vorschläge machten. Zum Beispiel: dass der Unterricht erst um 9 Uhr beginnen sollte, da sie sich früher nicht richtig konzentrieren könnten, oder dass Schulen zu Wohlfühlorten werden sollten.

Weisband unterstreicht, dass Demokratie im Schulalltag nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Mittel zur Stressbewältigung gesehen werden sollte. Druckempfinden entstehe aus Ohnmacht, während demokratische Teilhabe das Gefühl der Selbstwirksamkeit fördere. Kinder müssten erfahren, dass ihre Handlungen eine Veränderung bewirken können, was wiederum ihre Resilienz stärke und ihnen helfe, Stress besser zu bewältigen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Weisband anspricht, ist die Verbindlichkeit von Entscheidungen. Häufig gebe es in Schulen nur „Pseudobeteiligung“, bei der die Ergebnisse von Diskussionen oder Wahlen nicht bindend seien. Dies könne zu Frust führen und habe letztlich einen antidemokratischen Effekt, weil Kinder lernen, dass ihre Mitwirkung nichts bewirkt. Sie fordert daher, dass die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen verbindlich und transparent sein muss, um ihr Demokratieverständnis zu stärken und sie auf ihre Rolle als aktive Gestalter der Gesellschaft vorzubereiten.

„Für mich bedeutet Chancengerechtigkeit, dass man, egal wer man ist, wie man aussieht, wo man herkommt, an was man glaubt oder wie viel Geld man hat, die gleichen Möglichkeiten bekommt, zu lernen und sich zu entfalten“

Hahn ergänzt, dass die Probleme im Bildungssystem nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Politik und der Wissenschaft bekannt seien. Sie kritisiert jedoch, dass es oft an konkreten Maßnahmen fehle, um diese Probleme zu lösen. Hahn fordert, dass die Politik die Bürgerinnen und Bürger, einschließlich der Kinder und Jugendlichen, mehr einbeziehen sollte. „Für mich bedeutet Chancengerechtigkeit, dass man, egal wer man ist, wie man aussieht, wo man herkommt, an was man glaubt oder wie viel Geld man hat, die gleichen Möglichkeiten bekommt, zu lernen und sich zu entfalten. Und um das zu erreichen, braucht es auch das Recht auf Mitentscheidung von Kindern, wie und was gelernt wird.“ Die Beteiligung der Kinder im Bürgerrat belege, dass ihre Vorschläge ernst genommen und in politische Entscheidungsprozesse integriert werden könnten.

Zum Abschluss betont Weisband, dass es nicht ausreicht, auf die Politik zu warten. Sie ruft dazu auf, sich aktiv in die politischen Prozesse einzubringen, etwa durch das Schreiben von Briefen an Abgeordnete. Nur durch eine lautstarke Interessensvertretung könnten die notwendigen Veränderungen im Bildungssystem erreicht werden. News4teachers

Hintergrund

Der Bürgerrat Bildung und Lernen besteht aus mehr als 700 zufällig ausgelosten Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland und wurde 2020 von der Montag Stiftung Denkwerkstatt ins Leben gerufen. Sie hat auch den vorliegenden Podcast bereitgestellt.

Im Sinne einer lebendigen Demokratie diskutieren die Mitglieder des Bürgerrats gemeinsam über gesellschaftliche und bildungspolitische Fragen. Welche Probleme und Herausforderungen müssen im Bildungsbereich dringend bearbeitet werden? Wie könnten bildungspolitische Reformen aussehen, die Probleme lösen und gleichzeitig in der Gesellschaft mehrheitsfähig sind? Und: Wie soll gerechte Bildung in Zukunft aussehen?

Ein umfassendes Papier mit Empfehlungen wurde bereits erarbeitet und an die KMK übergeben. Im November steht eine weitere Sitzung in Leipzig an, auf der die weiterführende Frage diskutiert werden soll: „Chancengerechtigkeit: Wie viel Freiheit braucht das Lernen?“

Der Bürgerrat Bildung und Lernen ist aktuell der einzige Bürgerrat, der auf Bundesebene aktiv ist und auch Kinder und Jugendliche einbezieht. Die mehr als 250 Schülerinnen und Schüler kommen über sogenannte Schulwerkstätten der Bundesländer dazu und sind vollwertige Mitglieder des Bürgerrats Bildung Lernen. Darüber hinaus haben sie aber auch eigene Empfehlungen entwickelt sowie einen offenen Brief unter dem Titel „Hört und zu!“ geschrieben.

www.buergerrat-bildung-lernen.de

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Den Podcast finden Sie auch auf

 

Vom “Chill-Raum” in der Schule bis hin zu lebenspraktischen Inhalten: Was sich Kinder und Jugendliche für ihr Lernen wünschen

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