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Prüfungsergebnisse, auch schlechte, als Motor des Lernens begreifen! Bildungsforscher Zierer zum Streit um die “Exen”

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AUGSBURG. Der Streit um die sogenannten “Exen” – unangekündigte Tests also – hat in Bayern zu einer wilden Debatte geführt, in die sich Schülerinnen und Schüler (mit einer Petition zur Abschaffung), Lehrkräfteverbände (Pro und Kontra), die Kultusministerin (erst gesprächsbereit, dann wieder nicht) und der Ministerpräsident (sie bleiben, basta!) eingeschaltet haben. „Die Diskussion geht völlig an den größten Herausforderungen vorbei, vor denen Bildungspolitik und Schule heute stehen”, stellt der Augsburger Schulpädagogok-Professor Klaus Zierer fest – und legt im folgenden Gastbeitrag dar, was er damit meint. Zierer sollte es wissen: Er arbeitet immer wieder mit dem weltweit prominentesten Bildungsforscher, dem Neuseeländer Prof. John Hattie, zusammen.

Fehler als Makel oder gar als Anlass zur Herabsetzung des Schülers? Zierer: “Dann versagt die Lehrkraft.” (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Humane Leistungskultur statt Kuschelecken-Pädagogik!
Junge Menschen wollen sich anstrengen, nachhaltig lernen und erfolgreich sein!

Ausgangspunkt der Petition ist die wissenschaftlich unbegründete Behauptung, Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben seien unzeitgemäß und würden ständigen Druck und Stress, Angst und Unsicherheit erzeugen. Obschon richtig ist, dass physische und psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen unter jungen Menschen heute so verbreitet sind wie nie zuvor, sind Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben dafür nicht ursächlich. Neben einer sensibleren Diagnostik liegt die Zunahme an psycho-sozialen Beeinträchtigungen vor allem an einer Einsamkeit, einer Alltagsüberforderung, einem exzessiven Medienkonsum, einer kulturelle Desorientierung und innerfamiliären Herausforderungen, die allesamt besonders durch Schulschließungen in der Corona-Zeit massiv zugenommen haben.

Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht sind nicht Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben per se pädagogisch abzulehnen, sondern ein falscher Umgang mit diesen Leistungserhebungen zeigt sich als wichtige Aufgabe einer Schul- und Unterrichtsentwicklung. Daher muss weniger über den Sinn dieser mündlichen Prüfungsformate, sondern vielmehr über den Umgang mit diesen nachgedacht und an ihrer pädagogischen Einbettung gearbeitet werden:

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  1. Feedback-Kultur:

Richtig verstanden zeigen mündliche Rechenschaftsablagen („Abfragen“) und unangekündigte Stegreifaufgaben („Exen“) auf, was der Schüler kann (Feed-Back), wie er lernt (Feed-Up) und was er noch nicht kann (Feed-Forward). Sie geben damit dem Schüler und dem Lehrer wichtige Informationen für die Weiterarbeit. Damit decken sich diese Formate mit mehreren wirkmächtigen Faktoren von Unterrichtsqualität, wie sie in der Hattie-Studie, dem größten Fundus der empirischen Bildungsforschung, beschrieben werden: nämlich Rückmeldungen vom Lehrer zu den Schülern, Übungstests und formative Evaluationen.

  1. Persönlichkeitserziehung:

Das Alleinstellungsmerkmal der überraschenden, unangekündigten Prüfung von Lernstand und Kompetenzzuwachs sichert Regelmäßigkeit, Gewissenhaftigkeit und Kontinuität beim Lernen. Sie verhindern menschlich völlig verständliches, aber für vertiefte Wissensaneignung und nachhaltigen Kenntniserwerb kontraproduktives Saisonarbeiten, in dem im Sinne eines pragmatischen und ergebnisorientierten „teaching to the test“ nur ganz kurzfristig, punktuell und utilitaristisch das Kurzzeitgedächtnis bemüht und dann wieder gelöscht wird, auch „Bulimie-Lernen“ genannt.

Ein über Jahre angelegtes aufbauendes Lernen durch Vernetzung, Übung und Wiederholung wird dadurch verhindert. Die Phasen zwischen den angekündigten Tests werden zu Wellnessperioden, in denen sich Schüler zurücklehnen und mit einem signifikant geringeren Ausmaß an Aufmerksamkeit sowohl Stoff als auch Aufgaben tendenziell an sich vorbeiziehen lassen oder in Form eines „Edutainment“ als Abgesang pädagogischer Verantwortung konsumieren.

  1. Leistungserziehung:

Kinder und Jugendliche wollen etwas leisten. Sie wollen sich anstrengen, sich mit anderen messen, zeigen, was sie können. Sie empfinden entgegen anderslautender Einschätzungen, meist von Erwachsenen, Freude an der Leistung. Sie nehmen sich dabei als selbstwirksam wahr, können stolz auf sich sein und Erfolge feiern. Rechenschaftsablagen und unangekündigte Stegreifaufgaben sind so zu gestalten, dass sie diesem Bedürfnis nach Leistung gerecht werden und es aber auch fordern und fördern.

Stress ist nicht per se schlecht, gibt es einen positiven, leistungsförderlichen Stress (Eustress) und einen negativen, leistungshemmenden Stress (Distress). Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben beziehen sich auf bis zu zwei Unterrichtsstunden und können Grundwissen einbeziehen. Auf je breiterer Grundlage Leistungserhebungen stehen, desto valider ist die Zeugnisnote und desto aussagekräftiger auch der darin zum Ausdruck kommende Erfolg.

  1. Bildung:

Aus dem Stegreif etwas zu können, ist kein Unsinn, sondern Manifestation von Alltagskompetenz. Sich ohne Vorankündigung zu orientieren und zu bewähren, gehört zu den elementaren Fähigkeiten des Menschen gerade in einer von Digitalisierung, Globalisierung und Verunsicherung geprägten Lebenswelt.

Voraussetzung für den bildungswirksamen Einsatz von Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben ist sicherlich die Professionalität des Lehrer: verantwortungsvoll und pädagogisch damit umzugehen, Exen nicht als Machtinstrument zu missbrauchen, sondern als Eintrittskarte in den Dialog über eine Verbesserung der individuellen Lernaktivitäten.

Selbstverständlich gibt es auch unprofessionellen Umgang mit Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben. Wenn Fehler als Makel oder gar als Anlass zur Herabsetzung des Schülers missverstanden werden, versagt der jeweilige Lehrer im Umgang mit diesen zunächst neutralen Prüfungsformaten. Dies ist aber nicht diesem Prüfungsformat immanent, sondern kann bei jeder anderen Prüfungsform ebenso auftreten, z. B. bei angekündigten Leistungserhebungen.

Eine bildungswirksame Lern- und Fehlerkultur ohne zu viel Angst und zu viel Druck, aber durchaus mit positivem Stress ist immer dann möglich, wenn Prüfungsergebnisse, auch schlechte, als Motor des Lernens begriffen werden, wenn Fehler begrüßt werden, wenn eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht und das Wohlwollen als Leitmotiv wirkt, wenn in der Rückmeldung nicht nur das Ergebnis in den Blick genommen wird, sondern auch der Lernprozess und auf die wichtigsten aller Fragen in diesem Kontext eine Antwort gegeben wird: Was sind die nächsten Schritte?

Letzten Endes geht es also darum, in der Schule eine humane Lern- und Prüfungsatmosphäre zu schaffen, so dass (unvermeidliche) Prüfungssituationen gut bewältigt werden können. Damit rückt die Lehrerprofessionalität ins Zentrum der Debatte, die in den letzten Jahren nicht geführt worden ist, stattdessen wurden Struktur- und Digitalisierungsdebatten über alles gestellt. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist es eine Binsenweisheit, dass weder Strukturen, noch Methoden und Medien von sich aus wirken. Es kommt immer darauf an, wie Lehrer über das denken, was sie tun, und dementsprechend Strukturen, Methoden und Medien zum Leben erwecken.

Anstatt im Sinn einer weiteren Entlastungsideologie und Kuscheleckenpädagogik Schüler weiter in Watte zu packen, ihnen das Leben leichter zu machen, sie vor allen Herausforderungen, Problemen und Schwierigkeiten zu bewahren, sollten Rechenschaftsablagen und Stegreifaufgaben als optionale, nicht einzige Elemente einer Leistungskultur beibehalten werden, die allerdings pädagogisch noch professioneller angewandt und in einer Bildungskultur umgesetzt werden müssen. Diese umfasst Elemente der Herausforderung und damit auch Elemente des Scheiterns und Gelingens. Bildung ist im Kern harte Arbeit, auch das ist Kindern und Jugendlichen zu vermitteln. Über diese Punkte muss diskutiert werden.

War selbst mal Grundschullehrer: Prof. Dr. Klaus Zierer. Foto: privat

Noch ein paar Anmerkungen zur Studie, auf die sich die Petition und die öffentliche Debatte bezieht: Die empirische Basis ist gering und führt zu mehreren Verzerrungen. Sie umfasst lediglich Schüler von einem Hamburger Gymnasium, die nicht mit standardisierten Tests, sondern mit einfachen Prüfungen untersucht wurden. Ausgewertet wurden die Noten, keine empirischen Skalen. Ein Transfer nach Bayern ist schwierig, da es in Hamburg keine unangekündigten Stegreifaufgaben gibt. Hinzu kommt der Fokus auf Wirtschaft, Erdkunde und Politik, weitere Fächer werden nicht berücksichtigt.

Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis, dass angekündigte Leistungserhebungen weniger Ängste erzeugen als unangekündigte, vorsichtig zu bewerten, was die Autoren machen, wenn sie von einer „Feldstudie“ sprechen. Weiterführende Schlussfolgerungen lassen sich daraus nicht ziehen. Dass angekündigte Leistungserhebungen besser ausfallen als unangekündigte, liegt auf der Hand. Ob das allerdings auf ein höheres Kompetenzniveau zurückzuführen ist, lässt sich aus solchen Erhebungen nicht ableiten. News4teachers

Hier geht es zu einer Gegenrede.

„Exen“ bleiben! Stolz rudert nach Söder-Basta zurück – BLLV: So können wir uns Demokratie-Unterricht sparen!

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