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Schulbarometer 2025: Jede 3. Lehrkraft am Limit – die größte Herausforderung ist das Verhalten der Schüler

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STUTTGART. Kaum Zeit für Demokratiebildung und große Unsicherheit unter Lehrkräften im Umgang mit Künstlicher Intelligenz – die aktuelle Ausgabe des Deutschen Schulbarometers weist schonungslos auf Schwachstellen im Bildungssektor hin. Lehrkräfte hingegen kämpfen mit einem viel grundsätzlicheren Problem.

Lehrkräfte fühlen sich laut Schulbarometer vor allem durch das Verhalten ihrer Schüler:innen belastet. Symbolfoto: Shutterstock

Für eine wachsende Zahl von Lehrkräften stellt das Verhalten der Schüler:innen die größte Herausforderung im Schulalltag dar. 42 Prozent sehen darin ihre Hauptbelastung – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (35 Prozent). Das ist ein Ergebnis der aktuellen Ausgabe des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung. Befragt im Zeitraum vom 11. November bis 2. Dezember 2024 beteiligten sich 1.540 Lehrkräfte allgemein- und berufsbildender Schulen an der Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa.

Hohe Arbeitszufriedenheit, trotz Belastung

Demnach belastet vor allem Lehrkräfte an Haupt-, Real- und Gesamtschulen das Verhalten ihrer Schüler:innen (52 Prozent). An zweiter Stelle nennen die Befragten die hohe Arbeitsbelastung und den chronischen Zeitmangel (34 Prozent, 2024: 28 Prozent), dicht gefolgt von der Heterogenität der Klassen (32 Prozent, 2024: 33 Prozent). Trotzdem bleibt die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit (84 Prozent) und der eigenen Schule (90 Prozent) weiterhin hoch. Allerdings: Ein Drittel der Lehrkräfte fühlt sich mehrmals pro Woche erschöpft, zehn Prozent sogar täglich.

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„Das Wohlbefinden der Lehrenden und Lernenden wie auch die Arbeitsbedingungen müssen endlich zu Kriterien für Schulqualität werden“, fordert vor diesem Hintergrund Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die gesundheitlichen Risiken seien alarmierend. Der Dienstherr müsse endlich seine gesetzliche Pflicht einlösen und flächendeckend Gefährdungsbeurteilungen durchführen. Lehrkräfte bräuchten mehr Zeit und Schulen eine bessere personelle Ausstattung, sagt Stolze. „So wird mehr pädagogische Arbeit möglich.“

Wunsch nach mehr Demokratiebildung

Denn das geht aus den Ergebnissen des nun veröffentlichten Deutschen Schulbarometers auch hervor: Der Zeitmangel hat auch inhaltliche Folgen. Erstmals untersucht wurde, wie Lehrkräfte die Demokratiebildung an ihrer Schule einschätzen. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) ist der Meinung, dass in diesem Bereich mehr getan werden müsste. Gleichzeitig nennen drei Viertel (77 Prozent) jedoch den Mangel an Unterrichtszeit als größtes Hindernis. Erst mit weitem Abschlag folgen weitere Gründe, weshalb die Befragten die Demokratiebildung an ihrer Schule als unzureichend bewerten. Fast die Hälfte (45 Prozent) gibt an, dass im Kollegium dafür das notwendige Fachwissen fehlt.

Im Vergleich zwischen Ost und West lassen sich weitere regionale Herausforderungen erkennen. Lehrkräfte im Osten berichten häufiger von Desinteresse im Kollegium (38 Prozent gegenüber 26 Prozent im Westen). Auch nennen sie deutlich häufiger die Sorge vor Konflikten unter Schüler:innen (29 Prozent gegenüber 17 Prozent) sowie befürchtete Widerstände von Seiten der Eltern (27 Prozent gegenüber 9 Prozent).

Mehr Partizipation gefordert

Demokratiebildung müsse angesichts der politischen Entwicklung zum Top-Thema der Schulpolitik werden, kommentiert GEW-Vorstandsmitglied Bensinger-Stolze. Dabei müsse Demokratie jedoch nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden. „Kinder und junge Menschen müssen stark gemacht werden. Sie sollen erfahren, dass ihr Wort etwas zählt und ihr Tun etwas bewegt“, so Bensinger-Stolze. Dafür brauche es Partizipationsmöglichkeiten. Doch diese sind, wie das Deutsche Schulbarometer erkennen lässt, oftmals eher gering. Zwar geben 68 Prozent der Befragten an, dass die Anliegen der Schüler:innen bei Entscheidungen an ihrer Schule in der Regel berücksichtigt werden. Gleichzeitig vertritt aber nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten die Auffassung, dass die die Partizipationsmöglichkeiten an ihrer Schule insgesamt ausreichend sind (55 Prozent).

Am häufigsten dürfen Schüler:innen ihren Lehrkräften zufolge über die Klassenregeln mitbestimmen (86 Prozent in mittlerem oder großem Ausmaß). Etwas mehr als die Hälfte stimmt zu, dass Schüler:innen in Schulkonferenzen mitwirken können (59 Prozent). An vielen Schulen haben die Schüler:innen hingegen keine Mitsprache („gar nicht“) bei der Auswahl von Unterrichtsmaterialien (59 Prozent), beim Aufstellen von Beurteilungskriterien (53 Prozent), bei der Teilnahme an Fachkonferenzen (50 Prozent) und bei Entscheidungen über Lerninhalte (39 Prozent). Die Mitbestimmungsmöglichkeiten sind aus Sicht der Lehrkräfte am Gymnasium am größten und in der Grundschule am geringsten ausgeprägt.

„Demokratieerziehung findet nicht nur im Politikunterricht statt. Schulen müssen sich zu demokratischen, partizipativen und inklusiven Orten entwickeln, die von Lernenden und Lehrenden gemeinsam gestalten werden“, fordert Dagmar Wolf, Leiterin des Bildungsbereichs der Robert Bosch Stiftung. „Dafür brauchen wir einen echten Wandel – strukturell, personell und kulturell.“

Große Unsicherheit im Umgang mit KI

Ebenfalls vor Herausforderungen stellt Lehrkräfte der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Wie aus dem Deutschen Schulbarometer hervorgeht, sind knapp zwei Drittel der Befragten unsicher im Umgang mit KI-Tools wie ChatGPT (62 Prozent). Zudem wendet die Mehrheit der befragten Lehrkräfte die Tools auch nur selten an. Mehr als die Hälfte nutzt KI demnach seltener als einmal im Monat – knapp ein Drittel verzichtet ganz darauf. Kommen ChatGPT und Co. zum Einsatz, dann vor allem zur Erstellung von Aufgaben oder für die Unterrichtsplanung.

Hinzu kommt, dass Lehrkräfte skeptisch auf den Einfluss von KI blicken. Die Mehrheit erwartet durch Chatbot-Anwendungen wie ChatGPT überwiegend negative Auswirkungen auf ihre Schüler:innen. 62 Prozent der Lehrkräfte, die im vergangenen Jahr KI genutzt haben, befürchten negative Auswirkungen auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Ähnlich schätzen die Befragten die Auswirkungen auf die Fähigkeiten zum kritischen Denken ein. Positiv sehen die Lehrkräfte dagegen, dass sie mithilfe von KI stärker auf individuelle Lernbedürfnisse ihrer Schüler eingehen können. 65 Prozent der Befragten sehen darin einen Vorteil.

„ChatGPT und vergleichbare Anwendungen sind längst Teil der Lebenswelt junger Menschen und lassen sich auch durch Verbote nicht mehr aus dem schulischen Alltag verbannen“, sagt Dagmar Wolf von der Robert Bosch Stiftung. Lehrkräfte sollten deshalb eigene Erfahrungen mit den Technologien sammeln. „Darüber hinaus sind systematische Fortbildungen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht unerlässlich.“ Nur so könnten Schülerinnen und Schüler einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit KI erlernen.

Handlungsempfehlungen

Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers zeigen deutlich: Schulen stehen vor vielfältigen Herausforderungen – von Belastungen im Lehrberuf über Defizite in der Demokratiebildung bis hin zur Unsicherheit im Umgang mit neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz. Aus diesen Erkenntnissen leiten die Autor:innen konkrete Handlungsempfehlungen ab, um Schule als Lern- und Lebensraum zukunftsfähig zu gestalten:

1. Demokratiebildung verankern und Partizipation stärken

Demokratiebildung sollte fester Bestandteil des Schulalltags werden – mit klaren Inhalten in den Lehrplänen, gelebter Beteiligungskultur und mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten für Schüler:innen. „Partizipation fördert Werte wie Empathie, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein und verbessert das Schulklima nachhaltig. Schüler:innen bekommen so das Rüstzeug, zu demokratisch mündigen Erwachsenen zu werden.“

2. Psychosoziale Unterstützung ausbauen

Sowohl Schüler:innen als auch Lehrkräfte brauchen laut dem Autor:innenteam verlässliche Strukturen zur Stärkung des Wohlbefindens. Dazu gehören Schulsozialarbeit, psychologische Anlaufstellen sowie Gesundheitsförderung, Supervision und flexible Arbeitszeitmodelle für Lehrkräfte. Teamarbeit und eine offene Gesprächskultur seien zusätzlich geeignet, Belastungen zu reduzieren.

3. Unterricht lebensnah und motivierend gestalten

Ein Unterricht, der sich an den Interessen und Lebenswelten der Schüler:innen orientiert, stärke Motivation sowie Lernbereitschaft und könne Verhaltensauffälligkeiten reduzieren. Schließlich sei es wichtig, ein positives Schulklima zu fördern, das geprägt ist von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und sozial-emotionalem Lernen.

4. Mit Vielfalt professionell umgehen

Lehrkräfte sollten durch gezielte Qualifizierung in der Aus- und Weiterbildung auf heterogene Klassen vorbereitet werden. Zudem benötigten Schulen personelle Ressourcen für Doppelbesetzungen und Förderkräfte. Darüber hinaus sollte die Schulkultur Vielfalt sichtbar machen und wertschätzen.

5. Kompetenz im Umgang mit Künstlicher Intelligenz fördern

Lehrkräfte müssten systematisch für den verantwortungsvollen Einsatz von KI im Unterricht geschult werden. Ziel müsse es sein, Schüler:innen einen reflektierten Umgang mit digitalen Tools zu ermöglichen und durch adaptive Lernsysteme individuelle Förderung zu verbessern.

6. Schulische Rahmenbedingungen verbessern

Um die beschriebenen Herausforderungen wirksam zu adressieren, bedürfe es im Bildungsbereich mehr Personal, moderner Infrastruktur und besserer Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte. Die Autor:innen empfehlen in diesem Zusammenhang kleinere Klassen, ein zeitgemäßes Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte sowie zusätzliche Studienplätze und qualifizierte Programme für Quer- und Seiteneinsteigende. News4teachers / mit Material der dpa

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