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„KI macht das Leben als Schüler zur Hölle“ – Gymnasiast, der ehrlich lernen will, sieht sich krass benachteiligt

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DÜSSELDORF. Ein Gymnasiast schlägt Alarm: Künstliche Intelligenz wird immer häufiger zum digitalen Spickzettel. In einem Online-Forum berichtet er anonym, aber offen von KI-Missbrauch, Frust über ungerechte Noten und Mitschüler:innen, die kaum noch selbst denken. Gleichzeitig fühlen sich viele Lehrkräfte im Umgang mit der Technologie unsicher. Eine offensichtlich ungute Mischung. 

Omnipräsent. Illustration: Shutterstock

„KI macht das Leben als Schüler zur Hölle.“ Mit diesen drastischen Worten beginnt ein 18-jähriger Gymnasiast seinen Post auf der Online-Plattform „Reddit“. Unter dem Pseudonym my-name-is-aki schildert er eindrucksvoll, wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Unterricht seiner Meinung nach für massive Ungleichheiten sorgt – und dabei sowohl Leistungsbereitschaft als auch Chancengerechtigkeit gefährdet.

„Viele Schüler benutzen KI im Unterricht, um ihre mündliche Note aufzubessern“, schildert my-name-is-aki sein erstes Problem. Er könne den Ansatz nachvollziehen, schließlich wolle niemand etwas Falsches im Unterricht sagen. „Das Problem ist nur, dass Lehrkräfte dann denken, dass die Schüler alles schnell verstehen und Leute wie ich, die keine KI benutzen, nicht mehr im Unterricht hinterher kommen. Ist bei mir vorwiegend in Fächern wie Ethik/Biologie/Geschichte der Fall. Vor allem in Ethik bereitet es mir Probleme, da wir anspruchsvolle philosophische Texte lesen und verstehen müssen, jedoch manche Schüler den Text einfach von Chatgpt vereinfachen oder sogar zusammenfassen lassen und sich innerhalb von 2min melden, um den Inhalt eins zu eins so wiederzugeben.“

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Er habe deswegen auch schon die Lehrerin angesprochen. „Jedoch hat sie kaum Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen, da viele Leute ein Tablet zum Schreiben benutzen. Der einzige Lösungsansatz von ihr war, dass wir Unterricht ohne Tablets machen und alle analog mitarbeiten sollen, aber selbst da hab ich gesehen, wie manche mit ihrem Handy dann KI benutzt haben. Ich will aber auch niemanden verpetzen, weil man dann als Außenseiter dasteht, der anderen keine guten Noten gönnt.“

Spicken mit KI

Für my-name-is-aki ist klar: Wer KI nutzt, hat heute in der Schule einen Vorsprung. Benachteiligt sieht sich der Gymnasiast beispielsweise auch in Prüfungen. „Viele Schüler benutzen bereits in Klausuren ihr Handy zum Spicken und geben die ganze Klausur bei Chatgpt ein oder machen direkt ein Foto. Diese Schüler kommen 90 % davon damit durch und selbst wenn sie erwischt werden, dann sind es halt einmal 0 Punkte und sonst immer etwas zwischen 10-15 Punkten.“

Er selbst versuche, sich fair zu verhalten. Doch das führe zunehmend zu Frust: „Ich finde es so unfair, weil ich selbst mit viel Lernen noch nie 15 Punkte bekommen hab, und diese Leute machen gar nix und kriegen dann top Ergebnisse.“

Er wünscht sich striktere Regeln, sieht allerdings auch Schwierigkeiten in der Umsetzung. „Es gab auch schon Lehrerkonferenzen zu dem Thema und die Lehrer sammeln seitdem auch immer die Handys ein und wir müssen uns an Einzeltische setzen, wenn es möglich ist. Jedoch hat gefühlt jeder heutzutage ein Zweithandy oder ein kaputtes Handy was er/sie abgeben kann und mithilfe von Trennwänden können die meisten sogar noch besser ihr Handy auf dem Tisch liegen haben, ohne dass die Lehrer es merken”, berichtet er. Sei im Unterricht das Tablet mal nicht erlaubt, griffen die Mitschüler heimlich zum Handy, um die KI um Hilfe zu bitten.

„Das, was mich am meisten daran stört, ist, dass alle so unreflektiert und leichtfertig ChatGPT benutzen“, schreibt der 18-Jährige. Bei Diskussionen über KI im Unterricht zeigten sie sich allerdings dann verantwortungsvoll und der Gefahren bewusst. „Wie diese Menschen Abitur schreiben wollen, ist mir ein Rätsel.“

Und weiter: „Auch mit Ausblick auf die Zukunft finde ich KI sehr gruselig. Wir wissen zwar nicht was die richtigen Auswirkungen sein werden, aber viele meiner Mitschüler können nicht mal richtig eigenständig denken. Bei einfachsten Fragen, wird direkt KI verwendet. Man könnte doch auch Google benutzen, wenn man ein Fachbegriff nicht weiß, aber da muss man dann selber in einem Text nachlesen (obwohl selbst da inzwischen immer Gemini aufploppt). Bei der W-Seminararbeit haben sogar einige Lehrkräfte gesagt, dass es okay ist wenn Chatgpt alles schreibt, da die Präsentation ja doppelt gewichtet ist. Außerdem weigert sich die Mehrheit der Schüler mindestens ein Buch für die Seminararbeit zu lesen und verlassen sich einfach auf Internetquellen.“

Viel Verständnis – und Kritik an Lehrkräften

Der Beitrag, veröffentlicht im Reddit-Forum r/luftablassen, wurde innerhalb kurzer Zeit mehrfach kommentiert. Viele Nutzer:innen zeigen Verständnis für seine Frustration, einige teilen ähnliche Erfahrungen, so wie Joris119: „Kann ich alles so wiedergeben. Ist an unserem Gymnasium auch so.“ Und Whydyadothis64209 kritisiert: „Es ist nicht mehr normal, wie übermäßig KI benutzt wird, auch bei mir an der Schule ist es so krass, in Latein zum Beispiel wird der Text dann einfach gescannt und eine krasse Übersetzung wird von ChatGPT wieder ausgespuckt.“ Es sei auch nicht mehr normal, wie viele in Klausuren mit KI-Anwendungen schummelten. „Da sind dann auch die Formulierungen so krass, dass es mich wundert, dass die Lehrer das einfach nicht checken.“

Ein valider Punkt, besonders vor den Ergebnissen des gerade veröffentlichten Schulbarometers. Demnach fühlen sich knapp zwei Drittel der befragten Lehrkräfte unsicher im Umgang mit KI-Tools wie ChatGPT und nutzt sie erst gar nicht oder nur selten (News4teachers berichtete). Hinzu kommt, dass Lehrerinnen und Lehrer skeptisch auf den Einfluss von KI blicken. Die Mehrheit erwartet durch Chatbot-Anwendungen wie ChatGPT überwiegend negative Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. 62 Prozent der Lehrkräfte, die im vergangenen Jahr KI genutzt haben, befürchten negative Auswirkungen auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Ähnlich schätzen die Befragten die Auswirkungen auf die Fähigkeiten zum kritischen Denken ein.

Handreichung zum Stand in Wissenschaft und Praxis

Wie kann es weitergehen? „Wir sprechen uns für klare politische Leitlinien, einheitliche Datenschutzstandards und eine flächendeckende Lehrerfortbildung aus“, sagt Professor Michael Sailer, Lehrstuhlinhaber für Learning Analytics and Educational Data Mining an der Universität Augsburg. Gemeinsam mit Forschungskolleginnen hat er die jüngst erschienene Handreichung „Künstliche Intelligenz in der Schule“ verfasst. Diese bietet einen Überblick über Forschungs- und Praxiserkenntnisse auf diesem Gebiet. Darauf basierend plädieren die Autor:innen, dass „KI-Kompetenz“ zu einem festen Bestandteil schulischer Bildung wird – vom kritischen Umgang mit Textgeneratoren bis zur ethischen Reflexion von Algorithmen.

Um Schüler:innen für die Chancen und Risiken von KI-Anwendungen zu sensibilisieren, sei eine Auseinandersetzung mit und Nutzung von KI in der Schule unerlässlich, so heißt es in der Handreichung. Lernende sollten mit KI, über KI, durch KI sowie trotz und ohne KI lernen. Dabei steht „Lernen mit KI“ für eine „lernförderliche Nutzung von KI“. „Lernen über KI“ vermittelt Kenntnisse über deren Funktionsweise sowie gesellschaftliche Auswirkungen und „Lernen durch KI“ beschreibt, wie KI Lernprozesse unterstützen kann. „Die übrigen beiden Dimensionen zeigen Grenzen der Nutzung von KI in der Schule auf“: „Lernen trotz KI“ widmet sich der Reflexion, wieso Wissenserwerb auch weiterhin von Bedeutung sein wird, während „Lernen ohne KI“ betont, „dass es auch weiterhin schulische Bildungsprozesse ohne digitale Anwendungen geben muss“.

Klare Erwartung an Schülerinnen und Schüler

Aus Sicht von Professorin Katharina Scheiter, die als Lehrstuhlinhaberin für Digitale Bildung an der Universität Potsdam an der Handreichung beteiligt gewesen ist, sei dabei ein menschzentrierter Ansatz zwingend notwendig. Nicht nur müssten Lehrkräfte wissen, wie Schülerinnen und Schüler mit KI arbeiten, sie müssten die Möglichkeit haben, diesen Prozess aktiv zu begleiten und bei Problemen auch einzugreifen. Gleichzeitig stellt Professorin Scheiter allerdings auch einen ganz klaren Anspruch an die Schülerinnen und Schüler: Sie müssten „verstehen, dass sie die Verantwortung für den eigenen Lernprozess und ihre Arbeitsergebnisse behalten. Dementsprechend müssen sie auch die Gültigkeit dessen kritisch hinterfragen können, was die KI ihnen liefert.“ Das scheint aktuell jedoch noch nicht zu allen durchgedrungen zu sein.

Schüler my-name-is-ak: „KI macht unser Schulsystem zunichte. Die Lehrer sind damit überfordert und können das Leistungsniveu nicht mehr einschätzen und die Schüler gehen vermutlich dümmer von der Schule.“ News4teachers

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