DÜSSELDORF. Deutschland kämpft weiterhin mit einem erheblichen Fachkräftemangel in den MINT-Bereichen – also in Berufen, für die Wissen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik grundlegend ist. Die Ursachen dieses Mangels liegen nicht allein im demografischen Wandel. Forschungsergebnisse legen nahe, dass viele junge Menschen ihr Interesse an MINT-Fächern früh verlieren – lange bevor sie eine konkrete Berufsentscheidung treffen. Damit rückt die schulische Berufsorientierung stärker in den Fokus.
Vergangenes Jahr belief sich nach Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die Arbeitskräftelücke in MINT-Berufen unter Berücksichtigung von Qualifikationsanforderungen auf rund 164.000 Personen. Besonders ausgeprägt war der Mangel in den MINT-Facharbeiterberufen, auf die mit 89.600 fehlenden Arbeitskräften der größte Engpass entfiel.
Wie früh sich die späteren Personalengpässe im MINT-Bereich abzeichnen, verdeutlicht beispielsweise die SINUS-Jugendstudie „MINT-Motivation“ der Deutschen Telekom Stiftung. Demnach bringen viele Kinder zunächst Neugier für naturwissenschaftlich-technische Themen mit, verlieren diese Begeisterung im Laufe ihrer Schulzeit jedoch zunehmend. Besonders auffällig dabei ist, dass gute schulische Leistungen nicht automatisch mit dem Interesse einhergehen, auch in diesem Bereich zu arbeiten.
Interesse vorhanden, aber nicht von Dauer
Ein Grund laut den Autorinnen der Studie: Viele Jugendliche können schulische MINT-Inhalte kaum mit konkreten Tätigkeiten oder Berufen verbinden. Es fehle unter anderem an Praxisbezug. Der Unterricht müsse daher so weiterentwickelt werden, „dass Kinder und Jugendliche MINT in größeren Zusammenhängen entdecken und lernen können“, heißt es im Fazit. Konkret fordern die Autorinnen, „fächerübergreifendes und projektbasiertes Arbeiten“ als durchgehendes Prinzip. Dies soll den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, mit ihrem MINT-Wissen Lösungen für reale Herausforderungen zu entwickeln. Die Studie macht damit ein zentrales Problem sichtbar: Zwischen schulischem Lernen und beruflicher Perspektive klafft oft eine Lücke – mit direkten Folgen für die berufliche Bildung und den Fachkräftenachwuchs.
MINT in größeren Zusammenhängen entdecken: Das können Schülerinnen und Schüler mit einer virtuellen Entdeckungsreise in die Zukunft – die neue App „TouchTomorrow-Explore“ begeistert für MINT-Themen.
Die gemeinnützige Dr. Hans Riegel-Stiftung hat ihr Bildungsangebot um eine digitale Komponente erweitert: Die neue App „TouchTomorrow-Explore“ ermöglicht es Jugendlichen ab sofort, einen virtuellen Themenpark zu Zukunftstechnologien zu erkunden – kostenlos und ortsunabhängig. Das Besondere daran: Mit 3D-Modellen, kurzen Info-Videos und interaktiven Quizfragen können Schülerinnen und Schüler spielerisch in die Zukunftsthemen Mobilität und Robotik eintauchen. So lässt sich etwa erfahren, wie ein Hyperloop funktioniert, was fliegende Autos auszeichnet und worin die Vor- und Nachteile von Wasserstoff- gegenüber Elektroantrieben liegen.
Weitere Infos und kostenloser App-Download: www.touchtomorrow-explore.de
Hinzu kommt, dass vor allem zu wenige junge Frauen, sich für einen Job im MINT-Bereich entscheiden. Einer Auswertung des IW aus dem vergangenen Jahr zufolge sind nur 16,4 Prozent aller Beschäftigten in diesem Bereich weiblich. „Der Fachkräftemangel im MINT-Bereich wird künftig ein großes Problem. Daher sollten Frauen für die Ausbildung in technischen Berufen stärker begeistert und mehr gefördert werden. Und das möglichst früh – also schon in der Grundschule, denn Mädchen unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten in den MINT-Fächern“, kommentierte IW-Expertin Christina Anger die Ergebnisse. Zudem sei mehr Berufsorientierung nötig. „MINT-Berufe sind im Kern Klimaschutzberufe. Ein Thema, für das sich gerade Mädchen und junge Frauen besonders interessieren.“
MINT zum Anfassen: Ideen für die Praxis
Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie MINT-Berufsorientierung in der Schule konkret ausgestaltet sein muss, um mehr Jugendliche – und insbesondere Mädchen – zu erreichen. Mögliche Antworten darauf bieten praxisnahe Leitfäden aus den Ländern, wie die Broschüre „MI(N)Tmachen erwünscht!“ aus Rheinland-Pfalz.
Passend zu den erwähnten Forderungen betont die Publikation, wie wichtig Praxisnähe und Alltagsbezug sind. MINT-Projekte seien besonders wirksam, wenn Schüler*innen aktiv handelnd lernen, also etwa selbst experimentieren, konstruieren oder programmieren könnten. Denn „praktische Erfahrungen sind für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene enorm wichtig, um die eigenen Fähigkeiten und Potenziale ausloten zu können“. Dabei sollten lebensnahe Fragestellungen im Fokus stehen. Die Handreichung empfiehlt dafür unter anderem Kooperationen mit außerschulischen Partnern, wie Betrieben, Hochschulen, Handwerkskammern oder Schülerlaboren, um authentische Einblicke in MINT-Berufe zu ermöglichen.
Empfehlung: kontinuierlicher Prozess statt Einzelmaßnahme
Erfolgreiche Projekte zeichneten sich demnach zudem durch klare Ziele, altersgerechte Anforderungen und eine sinnvolle Einbettung in den Unterricht aus. MINT-Angebote sollten nicht isoliert laufen, sondern an schulische Lerninhalte und an die Berufsorientierung angebunden sein. Grundsätzlich sollten Schulen die MINT-Förderung nicht als Einzelmaßnahme verstehen, sondern als kontinuierlichen Prozess, der sich über mehrere Schuljahre erstreckt.
In diesem Zusammenhang nennt die Publikation auch den frühen Einstieg als Erfolgskriterium, am besten schon in der Kita. „Kinder sind neugierig. Sie wollen begreifen, was um sie herum passiert, sie wollen wissen, wie Dinge entstehen oder warum sie sich verändern. Wer diese Neugierde aufgreift, kann früh das Technikinteresse bei Mädchen und Jungen wecken“, heißt es in der Broschüre. In der frühkindlichen MINT-Bildung gehe es vor allem um das spielerische Entdecken und Erforschen von Alltagsphänomenen wie Tag und Nacht oder das Wachstum von Pflanzen.
Entsprechend sollten laut der Handreichung auch Grundschulen MINT-Angebote fest im Schulalltag verankern, um Kinder für den Themenbereich zu interessieren oder schon bestehendes Interesse aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus seien gerade Grundschüler*innen häufig noch nicht so stark von Stereotypen beeinflusst wie Jugendliche, sodass sich auch Mädchen einfacher für technisch-handwerkliche oder mathematische Projekte begeistern ließen. Entscheidend sei, dass alle Kinder ermutigt würden, technische Aufgaben selbst auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen.
Mit Vorbildern MINT-Berufe greifbar machen
Besonderes Gewicht legt die Broschüre auf die Begegnung mit Vorbildern. „Sie sind Botschafterinnen und Botschafter ihres Fachgebiets und können authentische und spannende Werkstatteinblicke in ihren Ausbildungs-, Studien- oder Berufsalltag gewähren.“ Dabei gehe es nicht um Hochglanzbiografien, sondern um realistische Geschichten – etwa von Mechatronikerinnen, IT-Systemelektronikern oder Technikerinnen in Ausbildungsberufen. Solche Vorbilder könnten laut Broschüre dazu beitragen, eingefahrene Rollenbilder aufzubrechen und neue Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Dafür sei es wichtig, weibliche Rollenvorbilder in jede MINT-Maßnahme einzubeziehen, um deutlich zu machen, dass ein MINT-Beruf auch hervorragende Perspektiven für Frauen bietet.
Mädchen konkret mitnehmen, statt nur mitmeinen
Damit MINT-Projekte auch mehr Mädchen für entsprechende Ausbildungs- und Berufswege interessieren, kommt es dem Leitfaden zufolge aber nicht nur auf Inhalte, sondern auch auf die Art der Umsetzung an. Gendersensible Projektarbeit bedeute, dass Lehrkräfte eigene Erwartungen und Routinen kritisch hinterfragen.
