Was Schulen brauchen, damit Berufsorientierung wirklich wirksam werden kann

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WIESBADEN. Wie lassen sich Jugendliche realistisch auf Ausbildung und Arbeitswelt vorbereiten? Die frühere Konrektorin und langjährige Klassenleiterin Genia Gütter plädiert für einen Kurswechsel in der schulischen Berufsorientierung: weniger Theorie, mehr reale Begegnungen, verlässliche Kooperationen und eine individuelle Begleitung der Jugendlichen. Anhand konkreter Beispiele zeigt sie im zweiten Teil ihres Gastbeitrages, welche Strukturen Schulen dafür brauchen – und wo die Politik gefordert ist. 

Hier geht es zurück zum ersten Teil des Artikels. 

Treffer. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Berufsorientierung an Schulen kommt nicht ohne Partner aus, Teil zwei

Lösungsansatz 3: Kooperationen mit den beruflichen Schulen pflegen

Im Rahmen der Realbegegnungen ist auch das sogenannte Limburger Modell hervorzuheben. Entwickelt von den Limburger beruflichen Schulen Adolf-Reichwein-Schule, Friedrich-Dessauer-Schule und Peter-Paul-Cahensly-Schule in Limburg (Hessen) sowie der Glasfachschule Hadamar bieten sie gemeinsam Schüler/innen der Klassen 8 auf dem Umkreis mehreren Haupt- und Realschulen einen Berufsschultag an. Die Jugendlichen wählen sich während dieses Schuljahres in vier aufeinanderfolgende Angebote ein, die sie nacheinander durchlaufen und hierbei praktische aber auch theoretische Einblicke in die Ausbildung in den gewählten Berufsbildern erhalten. Unterrichtet werden sie dabei von einem Tandem aus Berufsschul-Lehrkraft und Lehrkräften aus den allgemeinbildenden Schulen. So ist der Bezug zur eigenen Schule gewahrt und gleichzeitig sammeln die Jugendlichen Erfahrungen in einem neuen Lernumfeld. Diese für die Schüler/innen wie die betreuenden Lehrkräfte bereichernde Erfahrungen bieten den Jugendlichen einen weitaus tieferen Einblick, als es kurzfristige Projekte könnten. Zudem lernen sie so bereits ihre späteren Berufsschulen kennen.

In einer solchen Kooperation zwischen Berufsschulen und allgemeinbildenden Schulen wird den Jugendlichen der Übergang und Einblick in Ausbildung deutlich erleichtert.

Lösungsansatz 4: Individuelle Begleitung durch Berufseinstiegsbegleiter/innen

Individualbetreuung ist also der Schlüssel zum Erfolg in der Berufsorientierung. Auch wenn eine Klasse gemeinsam fünf oder sechs Jahre Schulzeit durchlaufen hat, sind die Ausgangslagen für die Suche nach dem richtigen Beruf und für eine Ausbildungsstelle sehr unterschiedlich. Da gibt es Jugendliche, die auf ein engagiertes und gut informiertes Elternhaus zurückgreifen können. Für sie ist es nicht schwer, einen Termin mit den Eltern bei der Berufsberatung auszumachen oder ein Bewerbungsschreiben und einen Lebenslauf zu verfassen (egal ob analog oder digital). Aber es gibt auch Eltern, die eben dieses aus den verschiedensten Gründen nicht leisten können. Es gibt Schüler/innen, die aus eigenem Antrieb und/oder durch Erfahrungen aus ihrem Umfeld schon tiefe Einblicke in die Arbeitswelt, zumindest Teile davon haben, und die sich vielleicht auch schon eigenständig intensiv mit der Berufswelt auseinandergesetzt haben. Aber es gibt auch solche, für die Arbeit und Beruf Begriffe sind, die wenig bis nichts mit ihnen zu tun haben, die teilweise noch nicht einmal sagen können, welchen Beruf ihre Eltern ausüben und in welcher Firma sie angestellt sind. Es kommt noch hinzu, dass mit Beendigung der Schulzeit etwas Neues auf die Jugendlichen zukommt. Die einen sind neugierig und können es kaum erwarten. Die anderen jedoch haben Angst davor und flüchten sich lieber in eine weiterführende Schulform, weil sie wenigstens das Prinzip Schule schon kennen und ihnen vor dem fremden Konstrukt „Ausbildung“ graust. Ein oftmals fataler Fehler, weil solche Jugendlichen eben aus den falschen Gründen weiter auf die Schule gehen wollen und dies deshalb oft nicht von Erfolg gekrönt ist oder sich die Frage stellt, warum man zunächst erst noch einmal ein Abitur „dranhängt“, um am Ende doch Verwaltungsfachkraft als Ausbildungsberuf zu erlernen. Das hätte manch ein Schüler/eine Schülerin leichter und schneller haben können.

Bei dieser Vielfalt von Ausgangslagen ist es aus meiner Sicht unverzichtbar, auch auf diese Unterschiede bei der Beratung einzugehen. Und hier wird schon klar, dass das von der Schule, von der Fachlehrkraft oder der Klassenleitung einfach nicht geleistet werden kann. Auch die Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit sind mit der hohen Zahl der zu betreuenden Jugendlichen dermaßen belastet, dass es zeitlich einfach nicht reicht für individuelle Bedürfnisse.  Ein gutes Konzept stellt die sogenannte Berufseinstiegsbegleitung dar.

Das Projekt bringt Berater an die Schulen, deren Aufgabe es ist, mit den Jugendlichen ab Klasse 8 individuell berufsorientierend zu arbeiten. Sie begleiten ihre Klienten durch die Phase der Praktika, unterstützen die Suche nach einem Ausbildungsplatz, gehen in Kontakt zu den Firmen und helfen bei Bewerbungen, begleiten die Jugendlichen zu Bewerbungsterminen und betreuen sie noch ein halbes Jahr über die Schulzeit hinaus in den Betrieben. Dies ist wichtig, weil viele Jugendliche in der Probezeit an den neuen Anforderungen scheitern. Mit einem BerEb-Begleiter an ihrer Seite, umschiffen viele diese erste schwierige Umgewöhnungsphase im Betrieb weitaus besser. Dabei halten die Begleiter möglichst auch Kontakt zum Elternhaus.

Besonders erfolgreich sind BerEb-Begleiter/innen, die selbst auf eine klassische Ausbildung aufgebaut haben. Sie kennen sich aus mit betrieblichen Strukturen und „vergrätzen“ die Ausbildungsbetriebe nicht mit unrealistischen Vorstellungen. Erfahrungsgemäß bringen viele dieser Berater einen Großteil ihrer Schutzbefohlenen gut in Ausbildung. Da sie sich dabei in aller Regel mit den Lehrkräften vor Ort, den Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit und den Firmen vernetzen, können sie individuell und fundiert arbeiten. Sie werden zu Vertrauenspersonen für die betreuten Jugendlichen. Dieses Konzept, eingeführt unter Mitwirkung des Bundes und des Europäischen Sozialfonds (ESF), hat aber mehrere Haken:

  • Nachdem sich der Europäische Sozialfond und auch der Bund aus der Finanzierung zurückgezogen haben, steht die Finanzierung auf regional sehr unterschiedlich sicheren Beinen. Einige Bundesländer führen das Projekt weiter, andere nur regional. Meist aber wird alle zwei Jahre um eine Weiterfinanzierung gerungen. Es müssen dann regelmäßig wieder neue Ausschreibungen gemacht werden, sodass die Trägerschaft wechselt und gewachsene Strukturen immer wieder verändert werden, was für die Kontinuität der Arbeit nicht hilfreich ist.
  • Das Projekt wendet sich hauptsächlich an Schüler/innen der Hauptschulzweige. Und auch dort werden nicht alle Jugendlichen eines Jahrgangs betreut, sondern nur solche, die z.B. aufgrund ihres Migrationshintergrundes einen höheren Beratungsbedarf haben. Tatsache ist aber, dass wir es im Bereich der Hauptschule und auch im Bereich der Realschule mit einer steigenden Zahl von Schüler/innen zu tun haben, die einen solchen Betreuungs- und Beratungsbedarf haben.

Die Berufseinstiegsbegleitung sollte als verbindliches pädagogisches Tool auf alle Schüler/innen ab Klasse 8 in der Haupt- und Realschule an allen Schulen ausgeweitet und fest in den Schulen etabliert  werden.

Es ist offensichtlich, dass all dies von Schulen allein nicht zu stemmen ist und deshalb Kooperationen notwendig sind. Sie ermöglichen auch den „Externen“ einen dringend nötigen Einblick in die schulische Wirklichkeit.

Für die Koordinatoren an den allgemeinbildenden Schulen sollte ein entsprechend großes Stundenkontingent zur Verfügung stehen, damit die dringend benötigte Netzwerkarbeit ebenso geleistet werden kann wie die konzeptionelle Arbeit und die Beratungstätigkeit für Eltern und Schüler/innen und Lehrkräfte. Ein BO-Koordinator einer Schule sollte die Person sein, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die in sorgsamen Austausch und Diskurs mit allen am Prozess Beteiligten ein für die Schule verbindliches Konzept erstellt.  Nur so ist ein innerschulisches BO-Konzept lebendig umzusetzen. Das ermöglicht es auch jeder Klassen- und Fachlehrkraft, in der entscheidenden Phase auf ein sicheres und erprobtes Konstrukt zurückgreifen und erfahrene Netzwerkpartner nutzen zu können. So erübrigt sich das an vielen Schulen durchaus übliche Wirrwarr von vielfältigen Ansätzen, weil jede Lehrkraft individuell versucht, sich für ihre Schüler/innen durch den Dschungel von Angeboten zu winden. Ein so unkoordiniertes Vorgehen führt zu unnötigen Dopplungen, zu sich widersprechenden Informationen und einem unnötigen Mehraufwand an Arbeit und erschwert so den Orientierungsprozess für alle Beteiligten.

Berufsorientierung muss also sorgsam konzeptioniert und in allen Schulen etabliert sein. Sie muss jeden Jugendlichen so individuell wie möglich unterstützen und begleiten. Sie muss von Expertenwissen geprägt sein. Sie muss den Jugendlichen die realen Begegnungen mit der Berufswelt erschließen und erfahrbar machen. Sie erfordert ein inner- und außerschulisches Netzwerk. Und: Sie kann so viel mehr Jugendliche erfolgreich in die Berufswelt führen. News4teachers

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Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats “Berufsorientierung & Berufliche Bildung”. 

Warum es an der Zeit ist, die Vorurteile über Berufsausbildung endlich zu überwinden – ein Kommentar

 

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