MANNHEIM. Eine Studie des ZEW Mannheim liefert neuen Zündstoff für die deutsche Debatte über das gegliederte Schulsystem. Auf Grundlage ungarischer Schuldaten kommen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass Schülerinnen und Schüler vom Besuch des gymnasialen Bildungsgangs unabhängig von Herkunft und Vorleistung profitieren. Die Autorinnen und Autoren halten ihre Erkenntnisse für übertragbar auf Deutschland – sie schlussfolgern: Ein höheres Alter bei der Aufteilung der Schülerschaft kann helfen.

Der Besuch eines gymnasialen Bildungsgangs verbessert die Leistungen in Mathematik und Lesen und erhöht die Studienambitionen – und zwar über alle sozialen Gruppen hinweg. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim auf Grundlage landesweiter Schuldaten aus Ungarn. Die Autorinnen und Autoren ordnen ihre Befunde ausdrücklich im Vergleich mit Deutschland ein. Beide trennen die Schülerschaft im europäischen Vergleich relativ früh, so heißt es in der Studie.
Während in Ungarn der Großteil der Schülerinnen und Schüler erst mit 14 Jahren einem Bildungsgang zugewiesen wird, erfolgt die Aufteilung in Deutschland in der Regel nach der vierten Klasse. „Deutschland weist Schülerinnen und Schüler bereits im Alter von zehn Jahren unterschiedlichen weiterführenden Schulen zu und gehört damit zu den frühesten Selektionssystemen in Europa.“ Aus Sicht der Forschenden verschärft gerade diese frühe und starre Struktur die Spannungen zwischen Leistungsdifferenzierung und Chancengleichheit. Sie schreiben: „Das gegliederte Schulsystem gehört in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert zur Grundstruktur der Schulorganisation. Gerade weil hier besonders früh und vergleichsweise strikt getrennt wird, könnten sich die beschriebenen Effekte verstärken.“
„Es sind nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern der erschwerte Zugang, der bestehende Bildungsungleichheiten verfestigt“
Die Studie stützt sich auf landesweite Zulassungsdaten des Jahres 2015 sowie auf standardisierte Kompetenztests in der 8. und 10. Klasse. Grundlage ist das zentrale Vergabeverfahren für weiterführende Schulprogramme. Dabei werden Schülerinnen und Schüler, die einen Platz im höchsten Bildungsgang nur knapp erhalten, mit jenen verglichen, die trotz nahezu identischer Voraussetzungen knapp keinen Platz bekommen. In der Studie wird das so beschrieben: „Dieses Verfahren schafft natürliche Vergleichssituationen. Einige Schülerinnen und Schüler werden gerade noch in den höchsten Bildungsgang aufgenommen, während andere trotz nahezu identischer Qualifikationen knapp keinen Platz erhalten. Wir konzentrieren uns auf diese knapp aufgenommenen und knapp abgelehnten Schülerinnen und Schüler.“
Zwei Jahre nach der Einteilung zeigen sich messbare Leistungszuwächse bei denjenigen, die den höchsten Bildungsgang besuchen. „Wir sehen, dass der Besuch von Schulen des höchsten Bildungsgangs die standardisierten Testergebnisse insgesamt um 0,11 Standardabweichungen verbessert, mit besonders starken Effekten in Mathematik (0,14 Standardabweichungen).“ Diese Zugewinne verteilen sich über alle sozialen Gruppen hinweg. „Die Lernzuwächse unterscheiden sich nur geringfügig nach sozioökonomischem Status und Ausgangsleistung.“
ZEW-Ökonomin Sarah McNamara sagt dazu: „Leistungsschwächere oder sozial benachteiligte Kinder profitieren vom Besuch eines höheren Bildungsgangs – und zwar in gleichem Maße wie leistungsstärkere oder privilegierte Schülerinnen und Schüler.“ Und weiter: „Es sind also nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern der erschwerte Zugang, der bestehende Bildungsungleichheiten verfestigt.“
So zeigt die Analyse, dass der Zugang selbst sozial ungleich verteilt ist. „Schülerinnen und Schüler aus stärker benachteiligten Familien haben eine geringere Wahrscheinlichkeit, Zugang zum höchsten Bildungsgang zu erhalten, obwohl wir feststellen, dass sie mindestens ebenso stark von dessen Besuch profitieren wie ihre sozial besser gestellten Mitschülerinnen und Mitschüler“, so heißt es.
Was macht die Effekte aus? Nicht das, was Gesamtschulbefürworter gerne als Argument anführen: Die häufig vorgebrachte Annahme, dass leistungsschwächere Kinder vor allem von leistungsstarken Peers profitieren, bestätigt sich kaum. „Wir finden nur geringe Hinweise darauf, dass diese Lernzuwächse durch Peer-Effekte in Bezug auf die akademische Leistungsfähigkeit zustande kommen“, schreiben die Autorinnen und Autoren. Stattdessen spielt das Verhalten der Klasse eine größere Rolle – konkret Aspekte wie Disziplin, Lernbereitschaft und Arbeitsverhalten. „Das Verhalten der Schülerinnen und Schüler erweist sich als ein wichtigerer Faktor für positive Peer-Effekte als die akademische Leistungsfähigkeit (0,11 Standardabweichungen).“
„Diese neue Evidenz legt nahe, dass inklusivere Zugangsregelungen zum höchsten Bildungsgang leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern zugutekommen könnten, ohne leistungsstarke zu benachteiligen“
Die Forschenden stellen damit nicht infrage, dass einzelne Schülerinnen und Schüler im Gymnasium überfordert sein können. Sie zeigen jedoch, dass im Durchschnitt auch Kinder mit niedrigeren Vorleistungen oder aus weniger privilegierten Familien messbar profitieren, wenn sie Zugang zum höchsten Bildungsgang erhalten. Aus diesen Befunden leiten sie bildungspolitische Konsequenzen ab. „Diese neue Evidenz legt nahe, dass inklusivere Zugangsregelungen zum höchsten Bildungsgang leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern zugutekommen könnten, ohne leistungsstarke zu benachteiligen.“
McNamara sagt: „Es ist wichtig, bei der Entscheidung über den Schulweg nicht nur Noten und Lehrerempfehlungen zu berücksichtigen, sondern auch Motivation, Durchhaltevermögen und soziales Verhalten. Mehr Flexibilität beim Übergang zwischen Schulformen und ein höheres Alter bei der Einteilung könnten die Chancengleichheit verbessern, ohne die Leistungsfähigkeit des Schulsystems zu gefährden.“
Warum forscht man da in einem Land wie Ungarn und nicht in deutschen Bundesländern, in denen die Aufteilung erst in der Jahrgangsstufe 7 erfolgt?
Weil offensichtlich die Daten in Ungarn verfügbar waren. Herzliche Grüße Die Redaktion
In NRW erfolgt die Aufteilung erst in Klasse 7 – dem Elternwillen sei Dank.
Zur 5 müssen wir am Gymnasium alle annehmen, deren Eltern in der Lage sind, ihre Kinder anzumelden. Falls es zu viele sind, entscheiden nicht die Leistungen, sondern das Los.
Aber gut zu wissen: Alle profitieren!
Mal wieder eine Studie von Bildungsexperten, und dann auch noch im Ausland…
Das sind Wissenschaftler, und die machen Wissenschaftler-Dinge – nämlich Studien auf der Grundlage von Daten. Herzliche Grüße Die Redaktion
Ich hab mal nachgelesen: Das Lehrer-Schüler-Verhältnis liegt in Ungarn bei 10,6. Wenn man das mit Deutschland vergleicht, ist man ganz schnell bei Äpfeln und Birnen.
In der Sekundarstufe liegt die Schüler-Lehrer-Relation in Deutschland bei etwa 12 Schülern pro Vollzeit-äquivalenter Lehrkraft. Quelle: https://www.oecd.org/en/publications/education-at-a-glance-2025_1c0d9c79-en.html
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Keine Ahnung, wo diese Zahlen herkommen. Meine Mathekurse in der SEK 2 umfassen zwischen 20 und 29 Schüler.
Bei rund elf Millionen Schülerinnen und Schülern und über einer Million Lehrkräfte (mit Teilzeit) – kommt man recht schnell auf diese Größenordnung. An der Differenz zu den Klassen- oder Kursgrößen zeigt sich, wie viel Arbeitszeit von Lehrkräften über den Unterricht hinaus anfällt.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
“schnell bei Äpfeln und Birnen.”
Das scheinen auch so einige Eltern in Ungarn so zu sehen.
“Bildung: Warum Ungarns Schüler lieber in Österreich lernen”
“Mit dem Schulbus ziehen sie aus Ungarn aus“
Was soll man denn aus den Daten nun schlussfolgern?
Dass die Binnendifferenzierung an Gemeinschaftsschulen kontraproduktiv ist und alle SuS dort besser auf Niveau E unterrichtet werden sollten?