DRESDEN. Der Vorstoß des sächsischen Kultusministers Conrad Clemens (CDU), Bildungsverläufe von der Kita bis zum Schulabschluss mithilfe einer kontinuierlichen Diagnostik und einer personalisierten Schüler-ID systematisch zu erfassen, stößt auf Widerspruch. Der Deutsche Lehrerverband (DL) warnt davor, die Erwartungen an eine umfassendere Datenerhebung zu überschätzen. Aus Sicht des Verbands liegen die größten Herausforderungen des Bildungssystems nicht in fehlenden Daten, sondern in mangelnden Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern.

„Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mehr Daten automatisch zu besserer Bildung führen“, erklärt DL-Präsident Stefan Düll. Lehrkräfte diagnostizierten Lernstände bereits heute fortlaufend – auf Grundlage von Leistungserhebungen, Beobachtungen und pädagogischer Erfahrung. „Eine jahrelange zentrale Verlaufsdiagnostik schafft zunächst vor allem neue Datensätze, doch sie resultiert nicht automatisch in besserer Förderung oder in besseren Leistungen.“
Der Verband verweist auf sein bereits im Januar veröffentlichtes Positionspapier zur geplanten Schüler-ID. Demnach seien wesentliche Fragen weiterhin ungeklärt: Welche Daten sollen überhaupt gespeichert werden? Wer erhält Zugriff? Wie lange werden die Informationen aufbewahrt? Und welchen konkreten Nutzen haben sie für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrkräfte?
„Bevor über neue Datenregister gesprochen wird, muss beantwortet werden, welchen konkreten pädagogischen Mehrwert sie für den Unterricht haben. Daten dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Schulen sind keine Datensammelstellen für Verwaltungs- oder Forschungsinteressen“, betont Düll. Zusätzliche Datenerhebungen bedeuteten vor allem zusätzliche Verwaltungsaufgaben. „Das ist Zeit, die dann für das Unterrichten und die individuelle Förderung fehlt.“
Auch den Verweis auf Länder wie Kanada, die Clemens als Vorbild für eine stärkere Kompetenzorientierung nennt, bewertet der Lehrerverband zurückhaltend. Unterschiede in Schulstruktur, Organisation und pädagogischen Rahmenbedingungen ließen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.
Nach Auffassung des Verbands wäre selbst eine präzisere Diagnostik nur begrenzt hilfreich, solange die Voraussetzungen für Förderung fehlten. „Wenn zusätzliche Diagnosen besonderen Förderbedarf sichtbar machen, hilft das wenig, solange Lehrkräfte, Förderstunden, Schulpsychologen oder multiprofessionelle Teams fehlen. Entscheidend ist nicht, noch genauer zu messen, sondern wirksam zu handeln“, so Düll.
Zugleich mahnt der Verband einen sorgfältigen Umgang mit personenbezogenen Daten an. Eine personalisierte Schüler-ID komme allenfalls bei einer eindeutigen Zweckbindung, strengen Zugriffsregelungen und einer vollständigen rechtlichen Klärung infrage. Vorrang müsse weiterhin das Prinzip der Datensparsamkeit haben.
„Unterrichtsqualität entsteht durch gute Lehrkräfte, verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichende Unterstützungssysteme, nicht durch immer umfangreichere Datenerfassung“
„Wer mehr Diagnostik fordert, muss zuerst erklären, wie die Daten geschützt werden und welchen unmittelbaren Nutzen sie für die Schülerinnen und Schüler haben. Unterrichtsqualität entsteht durch gute Lehrkräfte, verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichende Unterstützungssysteme, nicht durch immer umfangreichere Datenerfassung“, sagt Düll. Statt neuer Dokumentationspflichten verweist der Lehrerverband auf Bestrebungen, Schulen von Bürokratie zu entlasten. Als Beispiel nennt er das bayerische Programm zum Abbau von Verwaltungsvorschriften, das Kultusministerin und Präsidentin der Bildungsministerkonferenz Anna Stolz auf den Weg gebracht hat.
Hintergrund der Debatte sind Forderungen von Sachsens Kultusminister Conrad Clemens nach einer deutlich ausgeweiteten Bildungsdiagnostik. Der CDU-Politiker plädiert für eine kontinuierliche Erfassung der Kompetenzentwicklung vom Vorschulalter bis zum Schulabschluss sowie für eine bundeseinheitliche Schüler-ID, um Bildungsverläufe wissenschaftlich auswerten zu können. Auf diese Weise solle nachvollziehbar werden, welche Formen des Unterrichts und welche Schulen besonders erfolgreich seien. Clemens begründet seinen Vorstoß mit nachlassenden Kompetenzen vieler Schülerinnen und Schüler und kündigt an, dafür auch das sächsische Schulgesetz modernisieren zu wollen. News4teachers
„Der Unterricht muss sich ändern“: Kultusminister drängt auf mehr pädagogische Diagnostik
Wir verfügen schon über hinreichende Diagnostiktools, wir brauchen nicht noch mehr oben drauf
Wir haben:
– Delfin 4
– Bielefelder Screening
– Schuleingangsuntersuchug (standardisiert)
– Schulanmeldungsdiagnostik
– HSP 1, 2, 3
– Stolle
–
– Vera 3
Und wenn man möchte, haben zahlreiche Verlage zahlreiche Diagnostiken zu allen möglichen Bereichen…..
Wir brauchen wirklich nicht noch mehr davon….
Was wir brauchen, sind Fördermöglichkeiten wie PreSch und FörSch und anderes in Kleingruppen….aber das wurde ja abgeschafft zugunsten einer Förderung (?) im Klassenverband…..was ja auch wunderbar klappt…..
Der Unterschied zwischen „klappt prima“ und „klappt zusammen“ ist der entscheidende Punkt.