DRESDEN. „Eine Schule ist mehr als eine Stundentafel. Sie ist ein gewachsenes System, ein Kollegium, eine Gemeinschaft – mit Rollen, Verantwortlichkeiten und Vertrauensverhältnissen, die sich nicht von einem Tag auf den anderen ersetzen lassen.“ Mit diesen Sätzen wendet sich der Sächsische Lehrerverband (SLV) unmittelbar vor dem Schuljahresstart an Kultusminister Conrad Clemens (CDU) persönlich. Der Konflikt dahinter dürfte Sachsens Schulen auch 2026/27 prägen: Es fehlen weiterhin Lehrkräfte – und das Kultusministerium will sie deshalb noch stärker dorthin verschieben, wo der Mangel besonders groß ist. Deutlich mehr als 5.000 Lehrerinnen und Lehrer sollen dafür abgeordnet werden. Die Gewerkschaften warnen: Damit werde der Mangel nicht behoben, sondern nur auf immer mehr Schulen verteilt.

„Wird eine Lehrkraft abgeordnet, verschwindet mit ihr nicht nur eine Zahl aus der Stundentafel der Stammschule“, heißt es in dem offenen Brief des SLV. „Es verschwindet die Klassenleitung, die eine Klasse über Jahre begleitet hat. Es verschwindet die Fachkonferenzleitung, die Vertrauensperson für Schülerinnen und Schüler, die eingespielte Zusammenarbeit im Kollegium.“ Was an der einen Schule zusätzlich zur Verfügung stehe, müsse die andere Schule auffangen – „ohne zusätzliche Zeit, ohne zusätzliches Personal, ohne jeden Ausgleich“.
Die Verschiebung von Lehrkräften bildet erneut einen Kern der Personalstrategie, mit der Sachsen am 17. August ins neue Schuljahr startet. Kultusminister Clemens setzt darauf, die vorhandenen Lehrerinnen und Lehrer gleichmäßiger über das Land und zwischen den Schulen zu verteilen. Sein Ziel: weniger Unterrichtsausfall. Schon im vergangenen Schuljahr wurden dafür rund 5.000 Lehrkräfte abgeordnet. Im neuen Schuljahr rechnet das Kultusministerium mit weit mehr.
Aus Sicht des Ministers hat sich das Instrument bewährt. An den Oberschulen sei der Stundenausfall im vergangenen Schuljahr um 26 Prozent gesunken. „Deshalb bleibt weiter das oberste Gebot, dass mehr Unterricht an unseren Schulen stattfindet, weniger Unterricht ausfällt“, sagte Clemens bei der Vorstellung des neuen Schuljahres. Die „größte Herausforderung“ bleibe die gerechte Verteilung der zur Verfügung stehenden Lehrerinnen und Lehrer auf ganz Sachsen.
Dass diese Verteilung überhaupt in solchem Umfang nötig ist, zeigt allerdings die andere Seite der Bilanz zum Schuljahresstart. Das Kultusministerium hatte mehr als 1.000 Neueinstellungen erwartet. Erreicht wurde diese Marke bislang nicht. Nach Ministeriumsangaben wurden 905 Lehrkräfte eingestellt, darunter 731 grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, 157 Seiteneinsteiger sowie 17 pädagogische Fachkräfte. 87 der neu eingestellten Lehrkräfte kommen aus anderen Bundesländern.
Zugleich bleibt die regionale Verteilung ein Problem. Ein großer Teil der Absolventinnen und Absolventen bewirbt sich für Leipzig und Dresden. Allein auf Leipzig entfielen nach Angaben des Kultusministeriums 51 Prozent aller Bewerbungen. Wo weniger Bewerberinnen und Bewerber hinwollen, muss der Freistaat den Mangel deshalb zunehmend mit vorhandenem Personal ausgleichen – notfalls per Abordnung.
„Aus den Rückmeldungen der Lehrkräfte ging eindeutig hervor: erneut fehlende Transparenz, erneut kaum Planungssicherheit, erneut zu wenig Zeit zur Vorbereitung“
„Herr Clemens spricht gern davon, was eine abgeordnete Lehrkraft an der neuen Schule dazulernt. Er verschweigt, was an der Stammschule verloren geht: die Klassenleitung, das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler, die eingespielte Arbeit im Kollegium“, erklärt SLV-Landesvorsitzender Michael Jung. „Das muss jemand auffangen – meistens ohne jeden Ausgleich.“
Grundsätzlich stellt der SLV Abordnungen in der Mangelsituation nicht infrage. Seine Kritik richtet sich jedoch gegen deren Ausmaß und vor allem gegen die Art der Umsetzung. Der Verband hatte Lehrkräfte während der Sommerferien nach ihren Erfahrungen mit den diesjährigen Abordnungen gefragt. Nach Darstellung des Verbandes berichteten Betroffene erneut von mangelnder Transparenz, kurzfristigen Bescheiden, geringer Planungssicherheit und wenig Zeit, sich auf andere Klassenstufen oder sogar andere Schularten vorzubereiten.
Das wiegt aus Sicht des SLV besonders schwer, weil Ministerium und Landesamt für Schule und Bildung eine längerfristige und besser vorbereitete Planung angekündigt hätten. „Aus den Rückmeldungen der Lehrkräfte ging eindeutig hervor: erneut fehlende Transparenz, erneut kaum Planungssicherheit, erneut zu wenig Zeit zur Vorbereitung“, sagt Jung. Die Kritik richte sich deshalb „nicht gegen das Ob, sondern gegen das Wie“.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht noch einen Schritt weiter. Ihr Landesvorsitzender Burkhard Naumann sieht die Abordnungen nicht nur als organisatorisches Problem, sondern als Teil einer Belastungspolitik, die den Personalmangel auf Dauer verschärfen könne. „Die angespannte Lage an den Schulen verschlimmert sich im neuen Schuljahr noch weiter. Die Belastung steigt durch die massive Ausweitung der Abordnungen immer weiter“, erklärt er.
„Lehrkräfte verlassen nun früher den Beruf, Referendarinnen und Referendare wandern ab“
Abgeordnete Lehrkräfte müssten teilweise an mehreren Schulen arbeiten, nach Darstellung der GEW häufig auch schulart- und fachfremd. Gleichzeitig entstünden an ihren Stammschulen neue Engpässe. Schülerinnen und Schüler müssten mit Wechseln bei Fachlehrkräften und Klassenleitungen umgehen. Hinzu kämen weitere Belastungen: Die GEW kritisiert insbesondere die höhere Unterrichtsverpflichtung älterer Lehrkräfte sowie zusätzliche Unterrichtsbelastungen für angehende Lehrerinnen und Lehrer im Referendariat.
Naumann warnt deshalb davor, dass die Maßnahmen den Personalmangel langfristig noch verschärfen könnten. „Lehrkräfte verlassen nun früher den Beruf, Referendarinnen und Referendare wandern ab“, erklärt er. Sachsen-Anhalt und Thüringen hätten in diesem Sommer mehr Bewerbungen aus Sachsen vermeldet. Die aktuellen Maßnahmen des Kultusministeriums verstärkten das Problem, statt es zu lösen.
Damit richtet sich die Kritik der GEW auch gegen den Maßstab, an dem das Ministerium den Erfolg seiner Personalpolitik misst. Naumann stellt infrage, Unterrichtsversorgung vor allem über erteilte beziehungsweise ausgefallene Stunden zu betrachten: „Dabei ist die Basis von guter Bildung eine kontinuierliche Beziehung zwischen Lernenden und Lehrkräften und nicht die Unterrichtsstatistik. Das Kultusministerium überspannt den Bogen nun deutlich. Die Gleichverteilung des Elends ist keine Lösung.“ News4teachers / mit Material der dpa
Neue Lehrpläne: Sachsen will alle 528 Lehrpläne modernisieren – erstmals seit 2004 gleichzeitig. Neben fachlichen Kompetenzen sollen unter anderem Demokratiebildung, Medienbildung und sprachliche Bildung stärker berücksichtigt werden. Die GEW begrüßt die Reform grundsätzlich, fordert aber eine Beteiligung von Fachberaterinnen und Fachberatern sowie der Wissenschaft.
Handyverbot ausgeweitet: Das bislang für Grundschulen geltende Handyverbot wird bis einschließlich Klassenstufe 8 erweitert.
Schülerzahlen: Nach vorläufigen Angaben werden rund 527.300 Schülerinnen und Schüler in Sachsen unterrichtet, knapp mehr als im Vorjahr. Rund 37.700 Kinder starten in der ersten Klasse.
Mehr freie Schulen: Die Zahl der öffentlichen Schulen bleibt mit 1.388 konstant. Bei den Schulen in freier Trägerschaft steigt sie von 429 auf 432.
Digitalisierung: Die GEW unterstützt eine stärkere Medienbildung, kritisiert aber weiterhin ungeklärte Zuständigkeiten für die technische Betreuung der zahlreichen digitalen Endgeräte an den Schulen.
Dann gebt doch ein paar Stunden ab Klasse 9 im Distanzunterricht. Dann muss man nicht abordnen und jeder kann sich zuschalten, wo er will.
Wenn schon Gleitzeit und flexibles Arbeiten klappt, geht auch das.
Ist ja nicht zu 100% wie manche hier nicht wahrhaben wollen. Keiner will 100% Homeoffice! 🙂