BERLIN. Der Geburtenrückgang könnte den Lehrkräftemangel in Deutschland deutlich schneller entschärfen, als es die bisherigen Vorausberechnungen der Kultusministerkonferenz erwarten lassen. Eine neue Studie im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kommt zu dem Ergebnis, dass schon Anfang der 2030er Jahre rechnerisch mehr ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen könnten, als zur Aufrechterhaltung des heutigen Personalschlüssels benötigt werden. Doch dieser vermeintliche Überschuss beruht auf einem entscheidenden Vorbehalt: Fortschreiben würde er einen Schulbetrieb, der bereits heute vom Personalmangel geprägt ist. Für eine bedarfsgerechte Ausstattung wären aber zusätzliche Lehrkräfte nötig. Sinkende Schülerzahlen könnten helfen, diesen Mehrbedarf zu decken – dennoch hielte der Personalmangel dann bis in die 2030er Jahre an.

Die entscheidende Zahl steht nicht in der bisherigen Prognose der Kultusministerkonferenz. Nach deren Vorausberechnung würde die Zahl der Schülerinnen und Schüler zunächst weiter wachsen: von knapp 11,5 Millionen im Jahr 2026 auf fast 11,8 Millionen 2032. Erst anschließend wäre ein Rückgang auf rund 11,25 Millionen im Jahr 2040 zu erwarten.
Die Autoren der neuen GEW-Studie, Ansgar Klinger und Kai Eicker-Wolf, halten diese Entwicklung allerdings für wahrscheinlich zu hoch angesetzt. Sie greifen eine Kritik des Bildungsforschers Klaus Klemm auf: Die KMK berücksichtige den inzwischen eingetretenen Geburtenrückgang nicht ausreichend. Die Studie rechnet deshalb zusätzlich mit zwei Varianten der aktuellen 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Das Ergebnis verändert die Perspektive auf den Lehrkräftemangel erheblich.
Schon 2030 läge die Zahl der Schülerinnen und Schüler nach diesen Berechnungen um rund 450.000 beziehungsweise knapp 500.000 unter der KMK-Prognose. Bis 2035 wächst die Differenz auf etwa 850.000 beziehungsweise 950.000, bis 2040 auf mehr als eine Million. Statt bei gut 11,25 Millionen läge die Schülerzahl dann je nach Variante nur noch bei ungefähr zehn bis 10,2 Millionen. Entsprechend geringer wäre der rechnerische Bedarf an Lehrkräften.
Treffen die Annahmen über den Geburtenrückgang ungefähr zu, dreht sich das Verhältnis von Angebot und Bedarf in den kommenden Jahren. In der von den Autoren für die weiteren Berechnungen verwendeten zweiten Bevölkerungsvariante wäre das Lehrkräfteangebot 2030 bereits um rund 23.000 Personen größer als der rechnerische Bedarf. 2035 wären es 81.000, 2040 sogar 167.000.
Von einem tatsächlichen Überfluss an Lehrkräften kann deshalb allerdings nicht die Rede sein. Die Rechnung schreibt nämlich das Verhältnis zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften aus dem Schuljahr 2023/24 fort – und damit eine Situation, in der bereits Stellen unbesetzt waren. Allein Nordrhein-Westfalen meldete im Juni 2024 nach Angaben der Studie 6.050 fehlende Lehrkräfte an öffentlichen Schulen. Die Autoren bezeichnen ihre Berechnung deshalb ausdrücklich als „Untergrenzenrechnung“.
„Die erwartete Entspannung beim Lehrkräftemangel ist ein Hoffnungsschimmer. Es ist an der Zeit, dass sich die Situation an den Schulen wirklich verbessert“
Damit stellt sich für die Bildungspolitik eine Frage, die über die reine Deckung des bisherigen Personalbedarfs hinausgeht: Was geschieht mit den Lehrkräften, die aufgrund kleiner werdender Schülerjahrgänge rechnerisch nicht mehr für den bisherigen Personalschlüssel benötigt würden?
Klinger und Eicker-Wolf rechnen dafür ein zweites Szenario. Sie behandeln die sinkenden Schülerzahlen nicht als Gelegenheit, Personal abzubauen, sondern als Möglichkeit, drei seit Jahren diskutierte beziehungsweise politisch beschlossene Aufgaben besser auszustatten: den Ganztag im Grundschulalter, die schulische Inklusion und die Förderung von Kindern und Jugendlichen an Schulen in schwierigen sozialen Lagen.
Allein für die Inklusion kalkulieren die Autoren 2026 einen zusätzlichen Bedarf von 29.600 Lehrkräften. Dahinter steht die Annahme, dass für Schülerinnen und Schüler mit diagnostiziertem sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen zusätzliche sonderpädagogische Lehrkräftestunden bereitgestellt werden. Bis 2040 sinkt dieser Bedarf demografiebedingt, liegt aber immer noch bei rund 26.000 Lehrkräften.
Für den Ganztag setzt die Studie zunächst 5.000 zusätzliche Grundschullehrkräfte 2026 an. Mit der stufenweisen Einführung des Rechtsanspruchs steigt der Bedarf bis 2029 auf knapp 20.000 und bleibt anschließend trotz sinkender Schülerzahlen in einer Größenordnung von gut 18.000 Stellen. Die Berechnung orientiert sich an der Annahme, dass ein Viertel des für den Ganztag notwendigen pädagogischen Personals aus Lehrkräften bestehen sollte.
Eine dritte Personalreserve kalkulieren die Autoren für Schulen mit vielen sozial benachteiligten Kindern. Ausgangspunkt ist die SGB-II-Quote der Sechs- bis unter 15-Jährigen von 12,5 Prozent im Jahr 2025. Für die so ermittelte Gruppe setzen sie jeweils eine zusätzliche halbe Lehrkräftewochenstunde an. Daraus ergibt sich zunächst ein Bedarf von rund 20.400 Lehrkräften; bis 2040 sinkt er auf etwa 17.100.
Zusammengenommen wären für diese drei Qualitätsverbesserungen 2026 rund 54.800 zusätzliche Lehrkräfte erforderlich. Mit dem Ausbau des Ganztags steigt der Wert bis 2029 auf 69.300. Anschließend geht er langsam zurück, bleibt aber selbst 2040 mit 59.700 zusätzlichen Lehrkräften erheblich.
Damit verändert sich das Bild des vermeintlichen Lehrkräfteüberschusses noch einmal grundlegend. Werden diese zusätzlichen Aufgaben berücksichtigt, fehlen nach der Modellrechnung 2026 rund 55.000 Lehrkräfte. 2027 und 2028 erreicht das Defizit jeweils etwa 59.000. Für 2030 bleiben noch 45.000 fehlende Lehrkräfte, 2032 rund 22.000 und 2033 etwa 8.000. Erst 2034 dreht die Gesamtbilanz mit einem rechnerischen Plus von rund 6.000 ins Positive.
Genau darin sieht die GEW die Chance einer „demografischen Rendite“: Sinkende Schülerzahlen könnten nicht dazu genutzt werden, Bildungsausgaben zurückzufahren, sondern um Bedingungen zu schaffen, für die bislang das Personal fehlt.
„Im Moment fehlen Lehrerinnen und Lehrer an allen Ecken. Einfach nur zu warten, dass sich die Situation in der Zukunft möglicherweise durch weniger Schülerinnen und Schüler verbessert, wäre fatal“
„Die erwartete Entspannung beim Lehrkräftemangel ist ein Hoffnungsschimmer. Es ist an der Zeit, dass sich die Situation an den Schulen wirklich verbessert“, erklärt die GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Die Berechnungen dürften für die politisch Verantwortlichen jedoch kein Anlass sein, sich zurückzulehnen. „Im Moment fehlen Lehrerinnen und Lehrer an allen Ecken. Einfach nur zu warten, dass sich die Situation in der Zukunft möglicherweise durch weniger Schülerinnen und Schüler verbessert, wäre fatal.“
Die Modellrechnung macht zugleich deutlich, dass selbst ein bundesweiter rechnerischer Überschuss das Verteilungsproblem nicht löst. Für 2035 etwa ergibt sich unter Einbeziehung der Qualitätsmaßnahmen insgesamt bereits ein Plus von 18.000 Lehrkräften. Dahinter stehen jedoch völlig unterschiedliche Entwicklungen: In der Primarstufe wären rechnerisch 40.000 und an Gymnasien 27.000 Lehrkräfte mehr verfügbar als benötigt. Gleichzeitig fehlten 13.000 Lehrkräfte in der nichtgymnasialen Sekundarstufe I, 19.000 im sonderpädagogischen Bereich und 17.000 an beruflichen Schulen. Ein Überschuss bei einem Lehramt gleicht einen Mangel bei einem anderen also nicht automatisch aus
Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass ihre aggregierte Rechnung fächerspezifische Engpässe nicht erfassen kann. Insbesondere in MINT-Fächern, Kunst und Musik sowie einzelnen beruflichen Fachrichtungen könnten Mangellagen deshalb auch dann fortbestehen, wenn die Gesamtzahl der Lehrkräfte rechnerisch ausreicht.
Die GEW fordert daraus Konsequenzen für die Lehrkräftebildung. Ausbildung und Einsatz müssten stärker auf jene Schulformen ausgerichtet werden, an denen der Mangel absehbar bestehen bleibt. Als einen möglichen Schritt nennt die Gewerkschaft die Wiedereinführung von Stufenlehrämtern.
Zugleich verlangt sie eine andere Grundlage für die staatliche Personalplanung. Zusatzbedarfe für Inklusion, Ganztag und soziale Unterstützung müssten grundsätzlich in die offiziellen Vorausberechnungen einbezogen werden. Tatsächlich stellen Klinger und Eicker-Wolf fest, dass solche Bedarfe in den zusammengefassten Modellrechnungen der Länder bislang nicht erkennbar berücksichtigt werden. Für die Inklusion weist die KMK zwar selbst darauf hin, dass durch eine stärkere inklusive Beschulung zusätzlicher Personalbedarf entstehen könnte, beziffert ihn jedoch nicht.
Für Finnern ist deshalb auch der ab Anfang der 2030er Jahre mögliche rechnerische Personalüberschuss kein Argument für weniger bildungspolitische Anstrengungen. „Doch dieser Schein trügt“, sagt sie. Für Ganztag, Inklusion und die Unterstützung von Schulen in herausfordernden sozialen Lagen würden „vorsichtig gerechnet, mindestens 60.000 zusätzliche Lehrkräfte gebraucht“. „Doch dieser Schein trügt“, sagt sie mit Blick auf einen rechnerischen Personalüberschuss. Ihre Warnung an die Politik fällt entsprechend eindeutig aus: „Und wer daraus ein Sparprogramm machen will, ist komplett auf dem Holzweg.“ News4teachers