Home Praxis Gewalt an Schulen: Kultusministerin antwortet mit mehr Papieren für Lehrkräfte

Gewalt an Schulen: Kultusministerin antwortet mit mehr Papieren für Lehrkräfte

8
Anzeige

HANNOVER. Gewalt an Schulen geht in Niedersachsen zwar leicht zurück, bewegt sich aber weiterhin auf hohem Niveau. Die Landesregierung reagiert darauf nun mit einem neuen Erlass, der Schulen verbindlichere Vorgaben für Prävention und den Umgang mit Gewaltfällen machen soll. Erstmals werden dabei auch digitale Gewaltformen wie Cybermobbing und Cybergrooming ausdrücklich erfasst, zudem werden Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt verpflichtend. Auslöser der Debatte waren zuletzt Schulen, die Securitydienste einsetzen mussten.

Gewaltprävention. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Die Gewalt an Schulen lässt sich nach Ansicht von Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg eindämmen, wenn Kinder früh einen guten Umgang mit Konflikten lernen. Das Land plane deshalb, nicht nur mehr Lehrkräfte, sondern auch mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter einzusetzen, sagte die Grünen-Politikerin. Außerdem bereite das Land einen neuen Erlass zur Gewaltprävention vor.

Im vergangenen Schuljahr hatte der Einsatz von Sicherheitsdiensten an mehreren Schulen in Wolfsburg für Aufsehen gesorgt. Hamburg bezeichnete diesen Schritt als eine drastische Maßnahme, die aber meist nicht dauerhaft genutzt werde. Damit gebe es gute Erfahrungen: «Wir hatten auch in Hannover Schulen, die eine Zeit lang einen Securitydienst hatten, dann aber gleichzeitig sehr intensiv mit Eltern und Schülern gearbeitet haben, sodass sie die Security nach einiger Zeit nicht mehr brauchten.» In Wolfsburg hatte der Ministerin zufolge vornehmlich die Zerstörung von Schuleigentum zu dem Schritt geführt.

«Viele Elternhäuser leben das auch nicht mehr in dem Maße vor»

Die Gründe, warum manche Schulen überhaupt einen Sicherheitsdienst brauchen, sind laut Hamburg vielfältig. «Häufig passiert das dann, wenn man viele junge Menschen hat, die alle sehr stark Unterstützung und Begleitung brauchen und im Elternhaus gar nicht so viel Begleitung erfahren», sagte sie. «Wir setzen deshalb auf zusätzliches Personal – nicht nur mehr Lehrkräfte, sondern auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen.»

Aber auch die Eltern sieht Hamburg in der Verantwortung. «Konflikte gut händeln zu können, sich streiten zu können, auch mal eine Diskussion auszuhalten, das sind Dinge, die man lernen muss. Wenn man sie zu Hause nicht gelernt hat, dann brechen die sich auch in der Schule Bahn», sagte die Vize-Regierungschefin. «Viele Elternhäuser leben das auch nicht mehr in dem Maße vor, wie wir das vielleicht noch von früher kennen.»

Rund 5.000 Straftaten an Schulen pro Jahr

Insgesamt seien Straftaten und Gewalt an den Schulen aber zuletzt leicht zurückgegangen. «Nach dem Anstieg nach der Corona-Pandemie haben sich die Zahlen beruhigt, wenn auch auf hohem Niveau», sagte Hamburg. «Trotzdem sind die Zahlen zu hoch, in Teilen gibt es auch eine neue Qualität von Gewaltfällen.»

In der Polizeistatistik standen für 2025 knapp 5.000 Straftaten im Kontext Schule, das waren 375 weniger als im Vorjahr, aber 790 mehr als vor zehn Jahren. Vor allem Körperverletzungen sind demnach im Zehnjahresvergleich deutlich häufiger geworden (plus 948 Fälle), aber auch Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden öfter registriert (plus 205 Fälle). Das Landeskriminalamt (LKA) sieht darin auch ein verändertes Anzeigeverhalten wegen höherer gesellschaftlicher Sensibilisierung und mehr Prävention. Die erfassten Diebstähle gingen dagegen klar zurück (minus 1.007 Fälle).

Kinder und Jugendliche zählen laut LKA deutlich häufiger zu den Opfern als Erwachsene. Rund 87 Prozent aller im Schulkontext erfassten Opfer im Jahr 2025 seien minderjährig gewesen. Zudem sind der Statistik zufolge in etwa zwei von drei Opfern männlich.

Die aktuelle Entwicklung der Gewaltkriminalität scheint derweil zu stagnieren: Für das erste Quartal 2026 registrierte die Polizei Gewalttaten im Schulkontext im unteren dreistelligen Bereich. Im Vergleich zum ersten Quartal 2025 hätten sich damit sowohl bei den Fallzahlen als auch bei den Zahlen zu Tatverdächtigen und Opfern keine wesentlichen Veränderungen gezeigt, so das LKA.

Die oppositionelle CDU hatte Ende 2025 härtere Konsequenzen für gewalttätige Schülerinnen und Schüler gefordert. «Wichtig ist, dass es am Ende eine klare Null-Toleranz-Politik gibt», sagte Fraktionschef Sebastian Lechner im November. In extremen Fällen sollten gewalttätige Jugendliche psychiatrisch untergebracht werden, etwa nach dem dritten Schulverweis. Auch eine Gesetzesänderung, um wiederholt gewalttätige Jugendliche leichter in Haft zu nehmen, brachte Lechner damals ins Spiel.

Neuer Erlass soll auch digitale Gewalt abbilden

Helfen, die Gewalt einzudämmen, soll stattdessen nun ein neuer Erlass zur Gewaltprävention, den die Landesregierung schon seit längerem in Aussicht gestellt hat. «Wenn man früh ansetzt mit den Kindern, kann man Gewalttaten oft verhindern. Deswegen kommt der Erlass jetzt sehr bald raus», sagte Hamburg. «Das brauchte seine Zeit, weil wir auch neuere Gewaltphänomene, gerade digitale Gewalt, berücksichtigen wollten.»

Digitales Mobbing oder Cybergrooming, also die digitale Ansprache von Minderjährigen mit dem Ziel des sexuellen Missbrauchs, gebe es an den Schulen schon lange. Bisher habe es dafür aber keine Definitionen gegeben – das solle sich ändern: «Mit dem neuen Erlass schaffen wir dafür jetzt überhaupt erst mal eine Sprache und einen Tatbestand», sagte Hamburg. Außerdem soll der Erlass die Zusammenarbeit der Schulen mit Jugendhilfe, Justiz und Polizei neu regeln und auch speziell auf Gewalt gegen Lehrkräfte eingehen.

Ein Kernstück des neuen Erlasses ist laut Kultusministerium ein detaillierter Interventionsleitfaden. Er beschreibe «klar und rechtssichher», wie Schulleitungen und Schulen bei Gewaltvorfällen vorgehen sollen. Ziel sei dabei, die Schnittstellen zwischen Schulen, Jugendhilfe, Polizei und Justiz enger zu verzahnen. «Damit bekommen die Schulen konkrete, leicht umsetzbare Schritte für den Umgang mit kritischen Situationen an die Hand. Er vermittelt klare Meldewege und Meldeketten sowie Handlungsvorgaben bei Gewaltfällen an Schulen. Der Leitfaden bietet Orientierung, ermöglicht ein einheitliches Handeln und stellt sicher, dass von Gewalt Betroffene geschützt und notwendige Schritte konsequent eingeleitet werden», so heißt es.

Zweiter Schwerpunkt seien Handreichungen zur Prävention. «Sie bieten den multiprofessionellen Teams in Schulen, u. a. Lehrkräften und Sozialarbeitenden, Materialien, Orientierung und praxisnahe Beispiele und sollen die Schulen darin unterstützen, Gewaltprävention als festen Bestandteil ihres pädagogischen Konzepts zu verankern.» Jede Schule wird zudem verpflichtet, ihr bestehendes Präventionskonzept weiterzuentwickeln und um ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt zu ergänzen. Besonderes Gewicht erhalte dabei die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler, so heißt es – «denn wirksame Prävention gelingt nur, wenn sie lebensnah, beteiligungsorientiert und auf die konkrete Situation vor Ort abgestimmt ist». News4teachers / mit Material der dpa

Erlass: Schulen müssen Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt entwickeln – Personal dafür? Offenbar Fehlanzeige

Anzeige
Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
8 Kommentare
Ich_bin_neu_hier
1 Tag zuvor

„In extremen Fällen sollten gewalttätige Jugendliche psychiatrisch untergebracht werden, etwa nach dem dritten Schulverweis.“

Zum Glück nicht umgesetzter Vorschlag der Opposition. Denn ob das irgendwas gebracht hätte, außer die betreffenden Personen noch weiter zu stigmatisieren und die vorgezeichneten Bahn zu verfestigen, darf durchaus bezweifelt werden.
Natürlich kann man so jemanden nicht mehr an (einer) seiner alten Schule(n) unterrichten – aber das???

„Three strikes and you’re out“ hatte ich bisher immer als eine Eigenart des amerikanischen Rechtssystems angesehen. In Deutschland gab es so etwas allerdings auch – im Nationalsozialismus. Hier nachgelesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Three-strikes_law

Rüdiger Vehrenkamp
9 Stunden zuvor
Antwortet  Ich_bin_neu_hier

Wir sprechen hier von gewalttätigen Jugendlichen, die mehrfach auffällig waren. Die stigmatisieren sich durch ihre Taten selbst. Eine psychiatrische Unterbringung soll die vorgezeichnete Bahn durchbrechen und analysieren, wieso die Person zu einer solchen Gewalt neigt, dass es drei Schulverweise gab. Das heißt: Alle anderen Hilfsangebote im Vorfeld haben nicht den gewünschten Effekt gehabt und am Ende müssen vor allem die Opfer geschützt werden – nicht die Täter! Ja, der Vorschlag wurde nicht umgesetzt, schlecht fände ich ihn dennoch nicht. Wie sähe Ihre Lösung denn aus?

Schotti
8 Stunden zuvor
Antwortet  Ich_bin_neu_hier

Ich finde es sogar ziemlich spät, erst nach der dritten Gewalttat bestraft zu werden. Gewalt sollte immer bereits nach der ersten Tat rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. So wie im richtigen Leben eben auch. Warum sollte Schule hier wieder eine besondere Ausnahme machen?

Davon einmal abgesehen, kann ein zeitlich befristeter Aufenthalt in einer Jugendforensik schon sehr reinigend sein. Wenn man mal ein paar Wochen gemeinsam mit schwerst pädophilen, sexuell-sadistisch veranlagten Gewaltverbrechern verbringen darf, kommt man auf andere Gedanken.

Walter Hasenbrot
8 Stunden zuvor
Antwortet  Ich_bin_neu_hier

Eine psychiatrische Unterbringung wäre ja auch nur nach einer entsrpechenden Diagnose gerechtftertigt und nicht wegen Straftaten.

Hier soll wohl das Jugendstrafrecht durch die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik umgangen werden.

447
13 Stunden zuvor

Leitfäden, Konzepte und Richtlinien werden Gewalt- und Sexualstraftäter sicher sehr beeindrucken.

Realist
7 Stunden zuvor
Antwortet  447

Es geht doch gar nicht darum, irgendwen abzuschrecken oder effektive Hilfestellung zu leisten.

Es geht um Verantwortungsdelegation. Wenn irgendetwas passiert, kann die Behörde immer sagen: “ Wir haben doch in Leitfaden XYZ auif Seite XXX, Fußnote YY, genau erklärt, was zu tun ist. Wenn sich die D… an der Basis nicht daran halten, können wir auch nichts machen!“

Hans Malz
11 Stunden zuvor

Aber die Kultusministerin stellt doch bestimmt auch die personellen und zeitlichen Ressourcen zur Verfügung.

dickebank
11 Stunden zuvor
Antwortet  Hans Malz

Selbstverständlich – gestritten wird aber noch darüber, in welchem Umfang, da beabsichtigt ist, dass dieser gegen Null tendieren soll. Gesucht werden Freiwillige, die hoffen, dass die übernommenen Aufgaben sich positiv auf die nächste dienstliche Beurteilung auswirken:)
Ist das nix für Sie?

wpDiscuz
Die mobile Version verlassen