MÜNCHEN. In gut einem Monat wird die neue PISA-Studie veröffentlicht. Schon jetzt ist absehbar, dass danach wieder dieselben Diskussionen beginnen werden: Hat Deutschland im internationalen Vergleich erneut Plätze verloren? Ist das Schulsystem schlechter geworden? Und taugt PISA überhaupt als Maßstab für Bildung? Tatsächlich halten sich über die internationale Vergleichsstudie zahlreiche Missverständnisse, die den Blick auf ihre eigentliche Aussage verstellen. Dabei misst PISA weit mehr als schulisches Wissen – und verweist seit Jahren auf Probleme, die Deutschland trotz aller Reformen bis heute nicht gelöst hat.

Wenn am 8. September die Ergebnisse von PISA 2025 vorgestellt werden, dürfte zunächst wieder die Rangliste der teilnehmenden Staaten die Schlagzeilen bestimmen. Dabei gerät leicht in den Hintergrund, was die OECD-Studie überhaupt untersucht. Anders als vielfach angenommen, prüft PISA nicht, ob Schülerinnen und Schüler den Stoff aus den Lehrplänen beherrschen oder Formeln, Grammatikregeln oder naturwissenschaftliche Fakten auswendig gelernt haben.
Im Mittelpunkt steht vielmehr eine andere Frage: Können 15-Jährige, die kurz vor dem Ende ihrer Pflichtschulzeit stehen, das Gelernte in Alltag und Beruf anwenden? Genau darin unterscheidet sich PISA grundlegend von nationalen Leistungserhebungen wie dem IQB-Bildungstrend, der überprüft, ob die Bildungsstandards der Länder erreicht werden.
Prof. Samuel Greiff, Leiter des deutschen PISA-Teams am Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB), beschreibt den Ansatz so: „Wir fragen also kein Wissen ab. Wir untersuchen, ob die Jugendlichen die Fähigkeit haben, in der heutigen Lebens- und Berufswelt zurecht zu kommen.“ Entscheidend sei, ob junge Menschen grundlegende Kompetenzen tatsächlich nutzen könnten. „Können sie beispielsweise Mathematik nutzen, um die Welt um sich herum zu verstehen?“
Gerade deshalb lassen sich aus schwachen PISA-Ergebnissen keine einfachen Schlüsse über Unterricht oder Lehrpläne ziehen. Schlechte Ergebnisse bedeuten nicht automatisch, dass Schulen ihren Stoff schlecht vermittelt haben. Vielmehr geht es darum, ob Schülerinnen und Schüler das Gelernte flexibel anwenden können.
Mehr als Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften
Ebenso hartnäckig hält sich der Vorwurf, PISA bilde Schule nur unzureichend ab, weil lediglich drei Fächer getestet würden. Tatsächlich standen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften von Anfang an im Mittelpunkt der Studie. „PISA hatte nie den Anspruch, das gesamte Fächerspektrum abzubilden“, sagt Greiff. „PISA schaut auf Basiskompetenzen und fachübergreifende Fähigkeiten, die für alle Lebensbereiche wichtig sind.“ Dabei geht es selbst in den Naturwissenschaften nicht um Fachwissen wie das Periodensystem oder chemische Formeln. Gefragt wird vielmehr, ob Jugendliche Hypothesen überprüfen, Informationen bewerten und logische Schlussfolgerungen ziehen können.
Mit jeder Erhebungsrunde kommen zudem weitere Kompetenzbereiche hinzu. Bereits untersucht wurden kreatives Denken, kollaboratives Problemlösen oder Lernen in der digitalen Welt. PISA 2025 widmet sich besonders der naturwissenschaftlichen Kompetenz sowie dem modellbasierten Problemlösen. Erstmals beteiligt sich Deutschland außerdem an der internationalen Erhebung der Englischkompetenzen. Deren Ergebnisse sollen allerdings erst 2027 veröffentlicht werden.
Geht es nur um wirtschaftliche Verwertbarkeit?
Seit dem ersten PISA-Schock Anfang der 2000er Jahre begleitet die Studie ein weiterer Vorwurf: Sie reduziere Bildung auf wirtschaftlichen Nutzen und fördere eine Schule, die vor allem leistungsfähige Arbeitskräfte hervorbringen solle.
Greiff weist diese Kritik entschieden zurück. „Bei der Frage nach Anwendungskompetenzen geht es nicht um die Optimierung der Kinder als Wirtschaftsobjekte, sondern um ihre Möglichkeiten zur selbstbestimmten gesellschaftlichen Teilhabe.“ Wer grundlegende Texte nicht lesen oder Zahlen nicht verstehen könne, werde „in kaum einem Beruf bestehen“.
Dabei werde häufig übersehen, dass PISA längst weit mehr erhebe als reine Leistungsdaten. Die Studie fragt Schülerinnen und Schüler nach ihrem Wohlbefinden, nach dem Schulklima, nach der Unterstützung durch Lehrkräfte und Eltern sowie danach, ob sie den Unterricht als sinnvoll erleben.
Ebenso fließen Informationen über Einkommen, Bildungsniveau und Zuwanderungsgeschichte der Familien ein. Dadurch wird sichtbar, welche Rolle die sozialen Voraussetzungen für den Bildungserfolg spielen. Genau diese Daten haben die bildungspolitische Debatte in Deutschland in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt.
Greiff versteht PISA deshalb ausdrücklich nicht als bildungspolitisches Steuerungsinstrument, sondern als Grundlage für politische Entscheidungen. „Welche Lernziele in der Schule erreicht werden sollen und wie der Weg dorthin aussieht, muss jede Gesellschaft für sich festlegen. Die PISA-Studien liefern dafür einen großen Fundus an Entscheidungsgrundlagen.“
Warum Ranglisten oft in die Irre führen
Kaum sind neue Ergebnisse veröffentlicht, richtet sich der Blick regelmäßig zuerst auf Deutschlands Platz im internationalen Vergleich. Ob das Land einige Positionen gewinnt oder verliert, dominiert häufig die öffentliche Debatte. Aus wissenschaftlicher Sicht greift diese Betrachtung jedoch zu kurz.
„Man sollte vorsichtig damit sein, die Liste als simples Ranking zu sehen“, mahnt Greiff. Unterschiede zwischen einzelnen Staaten seien oft so gering, dass sie statistisch gar nicht belastbar seien. „Vor allem aber stimmt die Formel ,Wer vor uns steht, hat das bessere Schulsystem‘ nicht pauschal.“
Der eigentliche Wert der internationalen Vergleiche liege vielmehr darin, erfolgreiche Strukturen anderer Bildungssysteme zu erkennen. Seit Jahren gilt Finnland dafür als häufig genanntes Beispiel. Dort sei es selbstverständlich, dass nahezu jedes Kind im Laufe seiner Schulzeit individuelle Unterstützung erhalte. In Deutschland dagegen werde zusätzlicher Förderbedarf vielerorts noch immer mit Defiziten verbunden.
Allerdings warnt Greiff ausdrücklich davor, erfolgreiche Modelle einfach zu kopieren. „Ein direktes ,Copy-Paste‘ funktioniert leider nicht. Wichtiger ist es, zu schauen, was in anderen Ländern gut funktioniert, und sich davon inspirieren zu lassen.“
Hat PISA überhaupt etwas verändert?
Spätestens nach den schwachen Ergebnissen der letzten PISA-Studie wurde erneut die Frage laut, ob sich der enorme Aufwand überhaupt lohnt. Schließlich scheinen dieselben Probleme seit Jahren wiederzukehren.
Ganz folgenlos geblieben ist PISA allerdings nicht. Der erste sogenannte PISA-Schock Anfang der 2000er Jahre führte zu einer Reihe tiefgreifender Reformen. Bildungsstandards wurden eingeführt, Ganztagsschulen ausgebaut, Förderprogramme aufgelegt und die Ausbildung der Lehrkräfte verändert. Tatsächlich verbesserten sich die deutschen Ergebnisse anschließend deutlich und blieben bis etwa Mitte der 2010er Jahre auf einem vergleichsweise stabilen Niveau.
Umso größer sei die Enttäuschung über den jüngsten Rückschlag gewesen. „Wir waren alle frustriert, als wir die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie auf dem Tisch hatten“, sagt Greiff. Deutschland sei leistungsmäßig auf das Niveau der frühen 2000er Jahre – teilweise sogar darunter – zurückgefallen. Nach seiner Einschätzung liegt das allerdings nicht allein an den Belastungen der vergangenen Jahre.
„Leider hat sich dann ein wenig Genügsamkeit eingeschlichen und die ein oder andere Entwicklung wurde verschlafen.“ Förderprogramme seien ausgelaufen, zugleich seien „zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, wie Schule erfolgreich gestaltet werden kann, nicht flächendeckend umgesetzt“ worden. Zwar habe die Corona-Pandemie die Situation zusätzlich erschwert. Die Ursachen reichten jedoch weiter zurück.
Die jüngsten Ergebnisse haben inzwischen erneut Reformen angestoßen. Mehrere Bundesländer verweisen ausdrücklich auf PISA, wenn sie Veränderungen begründen. Bayern etwa hat die Unterrichtszeit für Deutsch und Mathematik in der Grundschule ausgeweitet. Dennoch sieht Greiff erhebliches Potenzial ungenutzt.
„Aber es wäre schon möglich, mehr aus den Studien herauszuholen.“ Als Beispiel nennt er Kanada. Dort werde Unterricht seit vielen Jahren konsequent datengestützt weiterentwickelt. Bildungsstudien dienten dort nicht nur der politischen Debatte, sondern flössen kontinuierlich in die Schulentwicklung ein.
Eine Dauerbaustelle seit der ersten PISA-Studie
Dabei verweist PISA seit mehr als zwei Jahrzehnten auf ein Problem, das sich trotz aller Reformen kaum verändert hat: In Deutschland hängt der Bildungserfolg weiterhin besonders stark vom Elternhaus ab.
Die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern werden hierzulande deutlich stärker durch den sozioökonomischen Status der Familie beeinflusst als in vielen anderen OECD-Staaten. Gerade deshalb richten Bildungsforscher ihren Blick inzwischen weniger auf einzelne Rangplätze als auf die Frage, ob leistungsstarke und zugleich gerechte Bildungssysteme möglich sind.
Greiff beantwortet diese Frage eindeutig. „Wenn uns PISA etwas gezeigt hat, dann dass beides möglich ist: hohe Leistungsqualität und Chancengerechtigkeit.“
Mehr als 760.000 Jugendliche weltweit
Die Studie, deren Ergebnisse am 8. September veröffentlicht werden, basiert auf umfangreichen internationalen Erhebungen. Weltweit nahmen mehr als 760.000 Schülerinnen und Schüler aus 91 Staaten und Regionen teil. In Deutschland bearbeiteten im Frühjahr 2025 rund 6.700 15-Jährige an etwa 250 weiterführenden Schulen einen zweistündigen computergestützten Test sowie einen umfangreichen Fragebogen. Zusätzlich wurden Lehrkräfte, Schulleitungen und Eltern befragt. Der deutsche Teil der Studie wird vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München im Auftrag der Kultusministerkonferenz und des Bundesbildungsministeriums durchgeführt; international koordiniert die OECD die Untersuchung.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt allerdings erst nach der Veröffentlichung der Ergebnisse. Denn die vergangenen 25 Jahre haben gezeigt, dass PISA zwar regelmäßig intensive Debatten auslöst – nachhaltige Konsequenzen daraus aber keineswegs selbstverständlich sind. „Was mir schon Sorge macht, ist, dass inzwischen die Hälfte der Jugendlichen berichtet, dass der Unterricht kaum etwas mit ihrem Leben zu tun hat“, so Greiff. Was nicht folgenlos bleibe. „Wir verlieren die Schülerinnen und Schüler also – und das sehen wir dann schmerzlich in einem Leistungsrückgang.“ News4teachers