WIESBADEN. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen geht mit scharfer Kritik an der Landesregierung in das neue Schuljahr. Während der Lehrkräftemangel aus Sicht des Verbands ungelöst bleibt, verschärften Kürzungen bei der Lehrkräftebildung, dem Sozialindex und der Förderung an integrierten Gesamtschulen die Lage zusätzlich. Besonders betroffen seien Schülerinnen und Schüler, die sonderpädagogische Unterstützung benötigen. Zugleich verlangt der VBE verbindliche Qualitätsstandards für den Ganztag und ein stärkeres Engagement des Landes beim Hitzeschutz.

Vor der angekündigten Bilanz des hessischen Kultusministers Armin Schwarz (CDU) zum neuen Schuljahr fordert der VBE eine grundlegende Kurskorrektur. „Schlimmer geht immer – das haben leider die vergangenen Monate gezeigt, in denen das Kultusministerium Sparpolitik statt Bildungspolitik betrieben hat“, erklärt der Landesvorsitzende Stefan Wesselmann.
Der Verband verweist unter anderem auf Kürzungen in der Lehrkräftebildung, Einsparungen beim Sozialindex und bei der Binnendifferenzierung an integrierten Gesamtschulen. Hinzu kämen die Reformpläne der Bundesregierung zur Eingliederungshilfe und zur Schulbegleitung. Nach Einschätzung des VBE werden sich die Folgen an nahezu allen Schulformen bemerkbar machen, weil sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechterten. Besonders schwer wögen die Einschnitte für Kinder und Jugendliche, die auf zusätzliche Förderung und Unterstützung angewiesen seien.
Die Landesregierung begründe die Kürzungen zwar mit notwendigen Anpassungen und einem effizienteren Ressourceneinsatz. Der Verband weist diese Darstellung jedoch zurück. „Aber tatsächlich kann von einer Überversorgung der Schulen angesichts des Personalmangels und der stetig wachsenden Anforderungen an die Schulen keine Rede sein!“, betont Wesselmann. Die Schulen benötigten mehr statt weniger personelle und finanzielle Ressourcen.
„Um Lehrkräfte-Nachwuchs zu gewinnen, müssen vor allem die Arbeitsbedingungen verbessert werden“
Im Mittelpunkt der Kritik steht weiterhin der Lehrkräftemangel. Besonders groß sei der Bedarf an Förderschullehrkräften sowie an Lehrkräften für Haupt- und Realschulen. Wie angespannt die Personalsituation ist, zeigt nach Angaben des Verbands auch der Blick auf die befristeten Beschäftigungsverhältnisse: Rund 7.700 Stellen seien befristet besetzt, davon lediglich gut 1.500 mit vollständig ausgebildeten Lehrkräften.
Auf den übrigen rund 6.200 Stellen arbeiteten Lehramtsstudierende oder Personen aus anderen Berufen. Nur ein sehr kleiner Teil von ihnen habe überhaupt eine Qualifizierung für die Tätigkeit als Lehrkraft absolviert, heißt es. Der VBE betrachtet den Seiten- und Quereinstieg deshalb nicht als nachhaltige Antwort auf den Personalmangel. „Die Maßnahmen für den Quereinstieg in den Lehrberuf sind eine Notlösung, keine Lösung. Um Lehrkräfte-Nachwuchs zu gewinnen, müssen vor allem die Arbeitsbedingungen verbessert werden“, erklärt Wesselmann.
Der Verband verlangt deshalb eine spürbare Entlastung der Kollegien. Lehrkräfte müssten von außerunterrichtlichen Aufgaben befreit, multiprofessionelle Teams stärker eingesetzt und bürokratische Anforderungen abgebaut werden. Auch eine funktionierende, zeitgemäße digitale Ausstattung zählt der VBE zu den Voraussetzungen dafür, den Beruf attraktiver zu machen und vorhandenes Personal im Schuldienst zu halten.
Der Lehrkräftemangel verschärft nach Darstellung des Verbands zugleich die Probleme bei der Inklusion. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf steige, während weder die Zahl der Personalstellen noch die verfügbare Förderzeit entsprechend wachse. Da die sonderpädagogischen Ressourcen für Förderschulen und inklusive Angebote an Regelschulen aus demselben Kontingent stammten, entstehe ein Verteilungskonflikt.
Zunächst müsse die Grundunterrichtsversorgung an den Förderschulen gesichert werden. Was dort benötigt werde, stehe für die inklusive Förderung an allgemeinen Schulen nicht mehr zur Verfügung. Der Verband fordert deshalb entweder eine schülerbezogene Zuweisung von Förderstunden oder eine ausreichende Ausstattung aller Schulen, an denen sonderpädagogische Arbeit geleistet wird.
Die Kritik richtet sich dabei nicht allein an das Land. Der VBE warnt auch vor möglichen Kürzungen bei der Eingliederungshilfe auf Bundesebene. Hessen müsse sich im Interesse der Schulen und der betroffenen Familien gegen entsprechende Einschnitte stellen. Schulbegleitungen und andere Unterstützungsleistungen seien für viele Schülerinnen und Schüler eine Voraussetzung dafür, überhaupt am Unterricht und am schulischen Alltag teilnehmen zu können.
„Es darf nicht sein, dass gute Betreuung, Bildung und Förderung vom Wohnort abhängt“
Eine weitere ungelöste Aufgabe sieht der Verband im Ausbau des Ganztags. Der bundesweite Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschulkinder tritt ab dem Schuljahr 2026/27 schrittweise in Kraft. Nach Darstellung des VBE unterscheiden sich die Voraussetzungen an den hessischen Schulen jedoch erheblich. Das betreffe sowohl die räumlichen Kapazitäten und die Ausstattung als auch die Verfügbarkeit pädagogisch qualifizierten Personals und die Qualität der Angebote.
Damit drohe die Qualität ganztägiger Bildung und Betreuung vom Wohnort und von den finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Kommune abzuhängen. „Es darf aber nicht sein, dass gute Betreuung, Bildung und Förderung vom Wohnort abhängt“, erklärt Wesselmann. Der Verband verlangt deshalb eine stärkere Steuerung durch das Land und verbindliche Standards für den Ganztag.
Aus Sicht des VBE reicht es nicht, den Rechtsanspruch politisch zu beschließen und die praktische Umsetzung anschließend weitgehend den Kommunen zu überlassen. Das Kultusministeriummüsse festlegen, unter welchen räumlichen, personellen und pädagogischen Bedingungen Ganztagsangebote stattfinden sollen. Ohne solche Vorgaben könne aus einem bundesweiten Rechtsanspruch ein regional sehr unterschiedliches Betreuungsangebot werden.
Auch beim Hitzeschutz sieht der Verband das Land in der Pflicht. Unterricht in stark aufgeheizten Räumen beeinträchtige das Lehren und Lernen. Für jüngere Kinder, ältere Beschäftigte sowie Kinder und Jugendliche mit Behinderungen könne Hitze zudem gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
Der VBE verweist darauf, dass Hessen als Dienstherr der Lehrkräfte und zahlreicher sozialpädagogischer Fachkräfte für den Arbeits- und Gesundheitsschutz verantwortlich sei. Das Land müsse deshalb gemeinsam mit den Kommunen dafür sorgen, dass Schulgebäude und Unterrichtsräume auch während längerer Hitzeperioden genutzt werden könnten. Gegenüber den Schülerinnen und Schülern hätten Länder und Kommunen ebenfalls eine Fürsorgepflicht.
Damit verbindet der Verband seine Forderungen zum Schuljahresbeginn zu einer grundsätzlichen Kritik: Die Schulen sollen mehr Aufgaben übernehmen, den Ganztag ausbauen, Inklusion gewährleisten und auf klimatische Belastungen reagieren – während Personal, Förderstunden und finanzielle Spielräume nach seiner Darstellung nicht im gleichen Maß wachsen. „Die Schulen brauchen mehr statt weniger personelle und finanzielle Ressourcen“, erklärt Wesselmann. News4teachers
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