WIESBADEN. „Praxisorientierter“, „kompakter“ und „zeitgemäß“ soll die Lehrkräftebildung in Hessen nach Darstellung des Kultusministeriums werden: Das Referendariat soll von 21 auf 18 Monate schrumpfen, angehende Lehrkräfte sollen zugleich mehr eigenverantwortlich unterrichten. Hessischer und Deutscher Philologenverband sehen darin hingegen eine massive Verdichtung der Ausbildung – Hessen bekäme insgesamt die kürzeste grundständige Lehrkräftebildung Deutschlands. DPhV-Chefin Susanne Lin-Klitzing hält dagegen: „Das kann man nicht als Reform verkaufen!“

Kern der geplanten Novellierung des Hessischen Lehrkräftebildungsgesetzes ist die Verkürzung des Vorbereitungsdienstes von derzeit 21 auf 18 Monate. Das entspreche der Dauer in den meisten anderen Bundesländern, argumentiert das Kultusministerium. CDU und SPD haben den Gesetzentwurf diese Woche in erster Lesung eingebracht.
Das Ministerium stellt die Verkürzung als Teil einer Modernisierung der Lehrkräftebildung dar. Diese werde durch die Änderungen „noch mehr an den grundlegenden Bedarfen der schulischen Praxis und den gesellschaftlichen Erfordernissen ausgerichtet“. Die kürzere Dauer ermögliche einen schnelleren Einstieg in die eigenverantwortliche Lehrtätigkeit und werde die Attraktivität des Lehrberufs in Hessen steigern, heißt es. Bildungsminister Armin Schwarz (CDU) erklärt: „Die Novellierung ist die Antwort auf eine sich wandelnde Schule und macht die Lehrkräftebildung individueller, praxisorientierter, kompakter und somit zeitgemäß.“
Was das Kultusministerium als stärkere „Praxisorientierung“ bezeichnet, bedeutet zunächst konkret: Angehende Lehrkräfte sollen künftig – statt wie bisher maximal zwölf – 14 bis 16 Stunden eigenverantwortlich unterrichten; zugleich soll die Zahl der Unterrichtsbesuche zur Bewertung reduziert werden. Und dafür steht weniger Ausbildungszeit zur Verfügung, weil das Referendariat von 21 auf 18 Monate verkürzt werden soll.
Weitere Änderungen sollen die Bewertung und Begleitung im Vorbereitungsdienst betreffen. Das Schulgutachten soll nach den Plänen des Ministeriums mit Blick auf die Bewährung der angehenden Lehrkräfte im schulischen Alltag aufgewertet werden. Zugleich sollen individuelle Beratung und Reflexion gestärkt und Entwicklungsgespräche verbindlich verankert werden.
Auch die zu behandelnden Themen sollen angepasst werden. Das Ministerium nennt Schulrecht, Werte- und Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung und Digitalisierung, künstliche Intelligenz, berufliche Orientierung, Kinder- und Jugendschutz, psychische Gesundheit und Inklusion.
„Ein komprimiertes Referendariat führt zu einer massiven Verdichtung der wichtigen praktischen Lehrkräfteausbildung“
Mehr Praxisorientierung? Der Hessische Philologenverband (hphv) und der Deutsche Philologenverband (DPhV) kommen zu einer anderen Bewertung. Sie sprechen von einer Verdichtung der Ausbildung auf Kosten der angehenden Lehrkräfte und ihrer professionellen Begleitung.
Vor allem widersprechen sie dem Ländervergleich des Ministeriums. Dass 18 Monate für den Vorbereitungsdienst in Deutschland keineswegs ungewöhnlich sind, greife zu kurz, argumentieren sie. Entscheidend sei nicht allein die Dauer der zweiten Ausbildungsphase, sondern die gesamte grundständige Lehrkräftebildung. Nach Angaben der Verbände beträgt die vorgesehene Regelstudienzeit für das Lehramt an Gymnasien in Hessen neun Semester, für das Grundschullehramt sieben Semester. Zusammen mit einem künftig nur noch 18-monatigen Vorbereitungsdienst führe dies insgesamt zur kürzesten grundständigen Lehrkräfteausbildung Deutschlands.
DPhV-Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing kritisiert: „Weniger Zeit für die grundständige Lehrkräftebildung als in allen anderen Bundesländern, unterstützt durch die weitere Kürzung des Vorbereitungsdienstes auf 18 Monate und obendrauf noch in der kürzeren Zeit eine deutliche Erhöhung des eigenverantwortlichen Unterrichts für die angehenden Lehrkräfte – das kann man nicht als Reform verkaufen!“
„Ein komprimiertes Referendariat führt zu einer massiven Verdichtung der wichtigen praktischen Lehrkräfteausbildung“, warnt der hphv-Vorsitzende Volker Weigand. „Das Referendariat ist die zentrale Phase, in der angehende Lehrkräfte ihre professionelle Identität, fachliche Kompetenz und pädagogische Handlungsfähigkeit unter gut betreuten Ernstfallbedingungen entwickeln. Diese intensive Begleitung durch das Studienseminar, erfahrene Lehrkräfte vor Ort und den täglichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern kann keine universitäre Lehrveranstaltung ersetzen. Weniger Unterrichtsbesuche bei mehr eigenverantwortlichem Unterricht in kürzerer Zeit bedeuten weniger Qualität, nicht mehr.“
Unbeantwortet bleibt eine Frage, die hphv und DPhV aufwerfen: ob hinter der Verkürzung finanzielle Erwägungen stehen. „Wird hier gespart, um andere Projekte zu finanzieren?“, fragen die Verbände mit Blick auf händeringend gesuchtes Lehrpersonal. Lin-Klitzing warnt: „Verkürzte Ausbildungszeiten sind keine Lösung für den Lehrkräftemangel, sondern verschärfen langfristig die Probleme – für die Schulen, die Lehrkräfte, aber vor allem für die Schülerinnen und Schüler.“ News4teachers
Referendariats-Reform: „Nichts ist so herrlich, wie im Klassenraum zu stehen“
„hängeringend“
„Hängen“ zwar auch … Und zwar in mehrfacher Hinsicht.
Aber es heißt trotzdem „händeringend“.
Kommt von „Hände ineinander ringen“ [aneinander drücken/pressen/drehen].
Danke für den Hinweis. Wir haben den Tippfehler korrigiert. Herzliche Grüße Die Redaktion
Auch wenn man die Umsetzung kritisieren kann: Das Abitur soll immer einheitlicher werden, also auch die Anforderungen, die an Schüler gestellt werden. Es sollen immer mehr der gleiche Stoff vermittelt bzw. die gleichen Kompetenzen entwickelt werden.
Dann sollte doch auch die Lehrkräfteausbildung vergleichbarer werden. Warum sollte das gleiche Studium bzw. Referendariat in unterschiedlichen Orten Deutschlands unterschiedlich lange dauern?
Und warum sollten Referendare unterschiedlich viel eigenverantwortlichen Unterricht haben? Nicht, dass man Eindruck bekommt, man wolle so nur auf Kosten von Referendaren und Schülern (!) irgendwelche Lücken schließen…
Das Interessante ist ja, dass es in anderen Bereichen des höheren Dienstes, z.B. bei Informatikerinnen, Naturwissenschaftlerinnen oder Ingenieurinnen, ein Referendariat mindestens selten ist oder erst gar nicht vorgesehen ist.
Warum sollte ein Master of Education überhaupt ein Referendariat machen müssen?
Es geht, wie so oft, um billige Arbeitskräfte.
Dass es auch ohne Referendariat geht, beweisen die zahlreichen Quer- und Seiteneinsteigerinnen…
Das ist falsch. Hängt u.a. davon ab, ob sie verbeamtet werden oder angestellt weerden. So habe ich als Ingenieur die Befähigung für den höheren Staatsdienst und darf mich Assessor nennen.
Als Seiteneinsteiger für lehramt habe ich ebenfalls einen Vorbereitungsdienst abgeschlossen, allerdings auf Antrag als Anwärter, da mir bei meiner anerkannten Fächerkombi eine Anstellung als nicht-grundständige Lehrkraft in der Laufbahngruppe II, zweites Einstiegsamt eher unwahrscheinlich erschien. So gab*s zunächst eben E11 anstatt E13.
Nur damit ich es richtig verstehe:
Sie haben als Ingenieur eine (seltene) Laufbahnaussbildung für den höheren Dienst gemacht und dürfen sich „Assessor“ nennen.
Zu einem späteren Zeitpunkt sind Sie als Seiteneinsteiger in den Schuldienst gegangen, haben einen Vorbereitungsdienst abgeschlossen und sind nun E13?
Das ist der glorreiche Bildungsföderalismus, sichtbar in einer Vielzahl von Bezeichnungen für Schulen und einem Flickenteppich bei G8/G9, bei Orientierungsstufen und bei den Übergangskriterien. Das Land Niedersachsen hat doch gerade das Abitur grundlegend verändert. Die Einheitlichkeit ist nur was für Sonntagsreden.
„Sie sprechen von einer Verdichtung der Ausbildung auf Kosten der angehenden Lehrkräfte und ihrer professionellen Begleitung.“
Sagen einfach, wie es ist – Pfui!
„[…] das kann man nicht als Reform verkaufen!“
Es absichtlich schlechter machen, um später dann „Verbesserungen“ anzupreisen, die es vorher gab, ist doch voll im Zeitgeist – noch nie Madden Football gespielt? 😛