Home Tagesthemen Anschreien, Vernachlässigen, Beschämen: Jede 4. Kita-Leitung erfährt davon wiederholt

Anschreien, Vernachlässigen, Beschämen: Jede 4. Kita-Leitung erfährt davon wiederholt

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GÜTERSLOH. Viele Kindertageseinrichtungen können nach Einschätzung ihrer Leitungen nicht mehr sicherstellen, dass alle Kinder ausreichend gefördert, beteiligt und geschützt werden. Eine neue Untersuchung der Bertelsmann Stiftung zeigt erhebliche Defizite bei der pädagogischen Qualität – und dokumentiert zugleich, wie häufig Kita-Träger bei der Einstellung von Personal fachliche Kompromisse eingehen. Besonders auffällig: Jede fünfte befragte Kita-Leitung sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Qualität der Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern. Die GEW warnt davor, den Personalmangel durch dauerhaft abgesenkte Qualifikationsstandards auszugleichen.

Kita-Alltag? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Nur 17,1 Prozent der befragten Kita-Leitungskräfte sind der Auffassung, dass in ihrer Einrichtung alle Kinder in ausreichendem Umfang anregende Interaktionen mit pädagogischen Fachkräften erleben. 62 Prozent sehen Verbesserungsmöglichkeiten für zumindest einen Teil der Kinder, weitere 20,9 Prozent halten dringende Veränderungen für erforderlich. Auch bei der Beteiligung der Kinder an Entscheidungen, die sie selbst betreffen, fällt die Bilanz deutlich aus: Lediglich 24,8 Prozent der Leitungskräfte sehen diesen Anspruch für nahezu alle Kinder erfüllt. 63,9 Prozent halten Verbesserungen für notwendig, 11,3 Prozent sehen dringenden Änderungsbedarf.

Das sind Ergebnisse der am 15. Oktober 2026 veröffentlichten Untersuchung „Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas – Personalentwicklung zentral für gute Qualität“. Grundlage ist eine Befragung von 4.782 Kita-Leitungskräften, die im September und Oktober 2025 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durch Wissenschaftlerinnen der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt wurde.

Die Befunde betreffen damit nicht allein die Frage, wie viele Fachkräfte in den Einrichtungen arbeiten. Sie zeigen auch, in welchem Umfang Kitas ihren gesetzlichen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag nach Einschätzung der Verantwortlichen vor Ort tatsächlich erfüllen können.

Bei der liebevollen und feinfühligen Begleitung der Kinder fällt das Bild etwas günstiger aus, allerdings sieht auch hier ein erheblicher Teil der Leitungskräfte Defizite. 56,9 Prozent geben an, dass dieser Anspruch für nahezu alle Kinder erfüllt werde. 39,6 Prozent halten Verbesserungen für möglich, weitere 3,5 Prozent für dringend erforderlich.

„Der Personalmangel der letzten Jahre darf nicht dazu führen, dass fachliche Standards unterwandert und die Folgen auf die bestehenden Teams abgewälzt werden“

Selbst beim grundlegenden Schutz der Kinder ergibt sich kein uneingeschränkt positives Bild. Zwar schätzen 75,5 Prozent der Leitungskräfte ein, dass sich alle Kinder in ihrer Einrichtung körperlich und emotional sicher fühlen können. 23,1 Prozent sehen jedoch Verbesserungsbedarf für einige oder alle Kinder, weitere 1,4 Prozent dringenden Änderungsbedarf. Damit sieht nahezu jede vierte befragte Kita-Leitung bei der körperlichen und emotionalen Sicherheit der betreuten Kinder zumindest Verbesserungsbedarf.

Die Angaben verdeutlichen, dass die Verantwortlichen in den Einrichtungen die Voraussetzungen für Schutz, Förderung und Beteiligung nicht durchgehend als erfüllt ansehen. Besonders aufschlussreich ist, dass unangemessenes Verhalten gegenüber Kindern nach Angaben der Leitungskräfte keineswegs nur vereinzelt vorkommt. Lediglich 10,3 Prozent berichten, dass sie davon in ihrer Einrichtung nie Kenntnis erlangen. 61,8 Prozent geben an, dass solches Verhalten an wenigen Tagen vorkomme. Weitere 17,5 Prozent geben an, dass ihnen solches Verhalten an einigen Tagen bekannt wird, vier Prozent an den meisten Tagen und 2,5 Prozent sogar (fast) täglich. Insgesamt berichtet damit knapp ein Viertel der befragten Leitungskräfte von unangemessenem Verhalten an mindestens einigen Tagen.

Was darunter zu verstehen ist, hat die Untersuchung anhand konkreter Situationen erfasst. Dazu gehören fehlende emotionale Zuwendung, grober körperlicher Umgang, Beschämungen, Anschreien oder das Isolieren von Kindern. Die Leitungskräfte sollten angeben, wie häufig solche Situationen ihres Wissens nach vorkommen, auch wenn nur einzelne Kinder betroffen sind.

Besonders häufig fehlt demnach Zeit für die notwendige emotionale Zuwendung. Mehr als ein Drittel der Befragten (35,1 Prozent) berichtet, dass Kinder mindestens an einigen Tagen nicht ausreichend getröstet oder emotional begleitet werden können. Bei 15,7 Prozent kommt es mindestens an einigen Tagen vor, dass Mitarbeitende Kindern emotionale Zuwendung verweigern, etwa als erzieherische Maßnahme oder weil sie deren Anliegen nicht ernst nehmen.

Auch unmittelbar grenzverletzende Verhaltensweisen werden berichtet. 8,6 Prozent der Leitungskräfte geben an, dass Kinder mindestens an einigen Tagen schroff zurechtgewiesen oder angeschrien werden. 6,7 Prozent berichten entsprechend häufig von Kindern, die als pädagogische Maßnahme ohne Begleitung allein sitzen müssen, beispielsweise auf einem sogenannten stillen Stuhl. Grober körperlicher Kontakt, etwa Zerren am Arm oder Festhalten ohne Schutznotwendigkeit, kommt nach Angaben von 5,1 Prozent der Befragten mindestens an einigen Tagen vor. Von Beschämungen, Beleidigungen, Bloßstellungen oder abwertenden Kommentaren berichten 3,6 Prozent mit dieser Häufigkeit.

Ob solche Verhaltensweisen überhaupt erkannt werden, hängt zudem davon ab, wie gut Kita-Leitungen den pädagogischen Alltag überblicken können. 21,6 Prozent geben an, zu wenig Einblick in die Interaktionen zwischen Mitarbeitenden und Kindern zu haben. 57,9 Prozent wünschen sich mehr Möglichkeiten, diese Interaktionen zu beobachten und einzuschätzen.

Die Frage nach der pädagogischen Qualität führt damit unmittelbar zur Personalentwicklung. Denn die Studie zeigt, dass die Träger bei der Auswahl und Begleitung neuer Mitarbeitender vielfach Kompromisse eingehen, die über die formale Qualifikation hinausreichen.

Fast ein Viertel der befragten Leitungskräfte (22,5 Prozent) berichtet, dass Stellen teilweise oder vollständig unterhalb des Qualifikationsniveaus ausgeschrieben wurden, das die Einrichtung nach ihrer Einschätzung benötigte. In 19 Prozent der befragten Einrichtungen wurden innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate Menschen ohne pädagogische Ausbildung für den pädagogischen Dienst eingestellt. Weitere 10,7 Prozent berichten von Neueinstellungen mit pädagogischer, aber nicht unmittelbar einschlägiger Qualifikation.

Auch Eigenschaften, die für den unmittelbaren Umgang mit Kindern bedeutsam sind, bleiben davon nicht ausgenommen. Jede fünfte befragte Leitungskraft (20,2 Prozent) berichtet von Kompromissen bei der Fähigkeit zum feinfühligen Umgang mit Kindern. 17,9 Prozent nennen Abstriche bei einer kindorientierten Haltung.

Die Gründe dafür liegen nach Einschätzung der Befragten vor allem im Druck, den laufenden Betrieb sicherzustellen. Von den Leitungskräften, die Kompromisse bei Einstellungen schildern, nennen 81,3 Prozent die schnelle Entlastung des vorhandenen Personals als Motiv. 76,2 Prozent geben an, dass die Aufrechterhaltung des Betreuungsangebots beziehungsweise die Erfüllung gesetzlicher Betreuungsansprüche ausschlaggebend gewesen sei.

Dabei zeigen sich auch Defizite bei der Einarbeitung. Nach Angaben von 57,1 Prozent der Befragten kommt es zumindest bei einem Teil der Neueingestellten vor, dass sie bereits nach wenigen Tagen allein mit Kindern arbeiten. Zugleich berichten 41,1 Prozent der Leitungskräfte, dass nicht bei allen neuen Mitarbeitenden sichergestellt ist, dass sie erst dann allein mit Kindern arbeiten, wenn das Team darin kein erkennbares Risiko mehr sieht.

„Die Verantwortung der Kita-Träger endet nicht mit der Besetzung einer offenen Stelle“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht darin ein strukturelles Problem. „Ein Notventil darf nicht zur Normalität werden. Der Personalmangel der letzten Jahre darf nicht dazu führen, dass fachliche Standards unterwandert und die Folgen auf die bestehenden Teams abgewälzt werden“, erklärt die stellvertretende GEW-Vorsitzende Doreen Siebernik.

Sie betont, dass pädagogische Qualität nicht allein von der Zahl der Beschäftigten abhänge. Entscheidend seien ebenso deren Qualifikation, persönliche Eignung und die strukturellen Bedingungen in den Einrichtungen. Die Gewerkschaft fordert deshalb, die Qualifikationsstandards zu sichern und die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung ausreichend zu finanzieren.

„Die Verantwortung der Kita-Träger endet nicht mit der Besetzung einer offenen Stelle. Sie müssen gemeinsam mit den Kita-Leitungen sicherstellen, dass neue Mitarbeitende fachlich ausgewählt, gut eingearbeitet und auch nachqualifiziert werden. Nur so können diese die nötigen pädagogischen Kompetenzen erwerben, um die Qualität bei Bildung und Betreuung der Kinder sicherzustellen“, erklärt Anette Stein, Director Bildung und Next Generation bei der Bertelsmann Stiftung. News4teachers 

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