STUTTGART. Wie viel ist ein Schulabschluss noch wert, wenn er Kompetenzen bescheinigt, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich nicht beherrschen? Und wie gerecht ist ein Bildungssystem, das ausgerechnet dort zu wenig investiert, wo Kinder die größte Unterstützung benötigen? Juliane Becker, Studienrätin an einem Beruflichen Gymnasium in Stuttgart, rechnet in ihrem Gastkommentar mit einer Schulpolitik ab, die soziale Benachteiligung zu wenig ausgleicht und Leistungsdefizite über Jahre fortschreibt. Die Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde arbeitete zuvor rund 20 Jahre als Journalistin und gehört seit September 2026 dem Landesvorstand der FDP Baden-Württemberg an. Ihre These: Nicht Leistungsanforderungen nehmen Kindern Chancen – sondern Schulen, die sie unzureichend fördern und ihnen anschließend Abschlüsse verleihen, deren Versprechen sie nicht einlösen können.

Schule dauert neun, zehn, zwölf oder dreizehn Jahre. Eine verdammt lange Zeit. In Stuttgart, Berlin, Frankfurt, München und auf dem platten Land entscheidet eine ziemlich profane Zahl mit darüber, unter welchen Bedingungen ein Kind seine Schulzeit beginnt: die Postleitzahl. Sie entscheidet in der Regel, welche Grundschule ein Kind besucht.
Seine Begabung sucht sich ein Kind nicht aus. Seine Eltern nicht. Deren Einkommen, Bücherregal oder Deutschkenntnisse auch nicht. Aber wir entscheiden, welche Schule dort steht. Und da beginnt das Versagen.
Die Grundschule im schwierigsten Viertel müsste die beste Schule der Stadt sein. Kleinere Klassen. Mehr Lehrer. Mehr Sprachförderung. Mehr Sonderpädagogen. Mehr Schulsozialarbeit. Mehr Diagnostik. Mehr Zeit. Egal, was das kostet. Ja, egal. Denn alles, was wir hier sparen, bezahlen wir später. Und die Kinder zuerst. Warum wir das nicht tun? Kinder und Eltern im Plattenbau haben keine sonderlich starke Lobby. Andere schon.
Baden-Württemberg geht gerade zurück zu G9. Die Debatte wurde nicht zuletzt von wirkmächtigeren Eltern getragen, die sich um die Belastung ihrer Kinder am Gymnasium sorgten. Vor einigen Tagen habe ich ein neu renoviertes Gymnasium in Halbhöhenlage besichtigt. Rund 60 Millionen Euro soll es gekostet haben. Fantastisch ist es geworden. Die sehr homogen wirkende Schülerschaft ist glücklich. Zu Recht. Und vielleicht tue ich der Homogenität Unrecht. Vielleicht hatten die Schüler, deren Eltern nicht am Landgericht arbeiten, am Eröffnungstag einfach keine Zeit. Ich gönne diesen Kindern diese Schule. Ich will sie nur auch für die anderen. Und zwar dort, wo sie viel dringender gebraucht wird.
2021 testete das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen 26.844 Viertklässler. 19 Prozent verfehlten den Mindeststandard im Lesen, 30 Prozent in Rechtschreibung, 22 Prozent in Mathematik. Vier Jahre Schule. Das sind Kinder. Zehnjährige. Und wir wissen längst, was passiert. Die nächste Chance vergeigen wir gerade: den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung.
Der schenkt uns Zeit. Eigentlich. Zum Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprechen, Üben. Um Talente zu entdecken und Defizite zu beheben. Was für eine Chance! Und was machen wir daraus? Nix.
In Baden-Württemberg schreiben gerade einmal 25 Prozent der Grundschulen mit bestehendem oder geplantem Ganztag eine pädagogische Mindestqualifikation für die Beschäftigten vor. 69 Prozent tun es nicht. Der Verband Bildung und Erziehung warnt vor bloßer „Aufbewahrung der Kinder“. Super, sagt der Zyniker in mir, Shit, die Pädagogin. Fast jedes dritte Kind verfehlt nach vier Jahren Grundschule den Mindeststandard in Rechtschreibung – und wir organisieren längere Aufbewahrungszeiten. Der doppelte Betrug: Wie Schulen Kindern Chancen verweigern und wertlose Abschlüsse verschenken
Ausgerechnet hier müsste unser sonst so gerne verschwenderischer Staat verschwenderisch sein. Denn die Schule mit der schwierigeren Postleitzahl braucht mehr. Viel mehr. Wer mit zehn nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen kann, braucht Hilfe. Wir geben ihm stattdessen das nächste Zeugnis. Und dann das nächste. 2024 verfehlten 34 Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik für den Mittleren Schulabschluss. Von denen, die mindestens Mittlere Reife anstreben: 24 Prozent. Fast jeder Vierte.
„Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter“
Einige sitzen später bei mir am Beruflichen Gymnasium. Mit Mittlerer Reife in der Tasche. Und ich übe in Klasse 11 mit ihnen Textverständnis, Satzbau, Grammatik und wie man einen Gedanken entwickelt und begründet. Zwischendrin lesen wir Schillers „Räuber“. Viele meiner Schüler haben ihren mittleren Abschluss völlig zu Recht. Aber ich habe auch die anderen.
Die, die dieses System zehn Jahre lang verarscht hat. Denn was ist es denn sonst? Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter. Und irgendwann geben wir ihm ein Zeugnis, das mehr verspricht, als das Kind tatsächlich kann. Damit helfen wir diesem Kind keinen Millimeter. Wir belügen es. Und dann kommt der zweite Betrug. Wir entwerten die Leistung derer, die können, was ihr Abschluss bescheinigt. Ausgerechnet jetzt werden wir großzügig.
Am Beruflichen Gymnasium in Baden-Württemberg müssen Deutsch und Mathematik über alle vier Halbjahre in die Abiturwertung eingehen. Ausreichend müssen die Leistungen trotzdem nicht durchgehend sein. Unter fünf Punkten heißt: mangelhaft oder schlechter. Bis zu 20 Prozent der angerechneten Kurse dürfen darunter liegen. Bei 40 Kursen sind das acht. Auch Deutsch. Auch Mathematik. Acht mal eine fünf oder schlechter. Und am Ende steht da: Allgemeine Hochschulreife.
Was bescheinigen wir eigentlich? Mathematik nicht einmal ausreichend? Keinen komplexen Gedanken regelgerecht auf Deutsch entwickeln können? Teilweise Satzbau und Grammatik nicht sicher beherrschen? Hochschulreife? Ernsthaft?
Das ist keine Chancengerechtigkeit. Das ist die Abwertung von Leistung.
Und sie trifft alle. Den Schüler, dem wir jahrelang vorgemacht haben, er könne etwas, das er nicht kann. Den Schüler, der sich seinen Abschluss erarbeitet hat. Den Ausbildungsbetrieb, der sich auf ein Zeugnis verlassen will. Die Hochschule, die Hochschulreife voraussetzt. Und am Ende uns alle, weil Zertifikate wertlos werden, wenn keiner mehr weiß, was sie eigentlich zertifizieren. Ein Abschluss ist kein gesellschaftlicher Rang. Er ist ein Versprechen über Kompetenzen. Dann muss dieses Versprechen stimmen.
Wir betrügen Kinder nicht dadurch, dass wir ihnen Leistung abverlangen. Wir betrügen sie, wenn wir ihnen die Chance verweigern, diese Leistung zu erbringen – und anschließend so tun, als hätten sie sie erbracht. News4teachers
Es heißt, die Talente sollen über Bildungschancen entscheiden:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kita-chancen-gesetz-bundestag-100.html
Aber vom Prinzip her ist der Übergang nach der Grundschule durchaus von Talenten abhängig. Es soll eigentlich nicht nach dem Geldbeutel der Eltern gehen, sondern nach den Fähigkeiten der Kinder. Dass das perfekt nicht geht, ist allerdings auch nicht überraschend.
Recht haben Sie!
Abschlüsse werden leider mittlerweile oft einfach so vergeben. Allerdings muss man sich auch ehrlich fragen warum.
Viele Lehrkräfte sehen schon die Defizite, nur hängt es an sehr vielen Faktoren, warum die Kinder trotzdem weiterkommen. Manche sitzen einfach in der falschen Schulform und die Eltern sind völlig beratungsresistent. Dann werden gute Noten bei möglichst wenig Anstrengung erwartet und die Lehrkraft ist äußerst böse, wenn sie nicht der Noteninflation folgen möchte. Wegen der Rechtschreibung redet man sich den Mund fusslig und bekommt blöde Kommentare, wenn man die in anderen Fächern, außer Deutsch, korrigiert. Wenn man in der Sek ll nochmal mit Textarbeit anfängt, weil es einfach nicht sitzt, dann verweigert die Hälfte konsequent mal die Strategien, die man ausgeteilt hat anzuwenden und zu lesen. Ab Klasse 5 bekommen die Kinder regelmäßig Strategien und Lesetraining. In Klasse 6 verweigern immernoch sehr viele die Anwendung. Dann bekommt man zu hören, dass das gar nicht notwendig sei und dass es prima ohne den Kram ginge. Dann liest man die Ergebnisse, sieht, dass es überhaupt nicht geht, erklärt zum 10. Mal warum es besser ist, ein System anzuwenden und es kommt einfach nicht an, weil die SuS meinen, sie können alles. Die Eltern haben ihnen ja gesagt, dass sie alles können. Und es wird seit ein paar Jahren immer schlimmer. Irgendwann resigniert man, dann hat man keine Kraft mehr für die 20. Erklärung für taube Ohren, keine Lust mehr auf freche Sprüche, Eltern, die sämtliche Empfehlungen ignorieren, man lässt sich nicht mehr anpfeiffen, weil die Schnitte „zu schlecht“ sind und man jedes Jahr als Schule doch neue Bestleistungen im Abischnitt vorzeigen möchte. Es gibt immer wieder neue Verordnungen, die dafür sorgen sollen, dass die Schnitte besser werden. Und egal, ob man es hören will oder nicht, auch Eltern haben eine Verantwortung. Es kann nicht alles in die Schule ausgelagert werden und wenn, dann muss Schule mehr Geld, Räume und Personal bekommen. Qualifiziertes Personal und keine Aufsichtsperson, die die Kinder lediglich davon abhält, anderen an den Hals zu springen. Aber immer öfter übernehmen Studierende Unterrichtsstunden oder das Nachmittags Angebot ist nur eine Betreuung (unterschiedlichster Art), die die Hausaufgaben nicht kontrolliert und den Kindern auch nicht weiterhilft oder vorliest.
Es braucht sich wirklich niemand wundern, warum die Dinge so laufen. Lehrkräfte sagen schon seit Jahren, dass es so nicht weitergehen kann. Ich Frage mich, was muss denn passieren, damit man auf Lehrkräfte mal hört? Was muss passieren, damit Bildung wieder einen Stellenwert bekommt? Wann erkennt man, dass Lernen eine aktiver Prozess ist, bei dem man sich anstrengen muss? Es ändert sich einfach nichts, obwohl doch so viele Leute sagen (Unternehmen, Uni, weiterführende Schulen, Gesellschaft allgemein), dass die Fähigkeiten immer geringer werden. Als Lehrkraft ist das ein Kampf mit Windmühlen.
Die Autorin betrachtet die Blüte des Unkrautes zutreffend und beschreibt sie genau.
Die Wurzel des Problems ist aber ganz, ganz einfach:
Es gibt mittlerweile für Schulkinder kaum wirkliche Gründe, schlicht zu tun was der Lehrer sagt.
So einfach, so stumpf ist das.
Hilfsmittelseiten schon im Buch, in Mathematik herrscht bald schon programmiertes Lesen mit Querverbindungen über X Bücher mit Übungen, Erklärungen, Visualisierungen in X Materialien und Arbeitsheften, in Englisch sind überall skill files, Onlinelinks und Co., in anderen Fächern wird es nicht anders sein.
Nie wurden so viele Erklärungen, Hilfsmaterialien und Co. geboten – und auf youtube gibt es ergänzend ganze Flutwellen, Sturzbäche an Erklärvideos! Viele davon richtig gut!
Eigentlich KANN man unterhalb von sowas wie „hartem Gymnasialniveau“ es garnicht mehr NICHT verstehen, WENN man als Schüler den ganzen Bumms halt auch NUTZEN würde.
Aber da hängt der pädagogische Hase halt im Pfeffergestrüpp der Realität fest:
Das alles „hilft“ nur, wenn die SuS die Übungen, Hilfsmittel usw. auch NUTZEN, spätestens wenn der Lehrer es ihnen sagt.
Das geschieht natürlich nicht.
Denn man kommt auch so durch.
Und da schliesst sich der Kreislauf der Dysfunktion.
Wenn nicht eine gewisse Partei und deren Bundesinanzminister heldenhaft dafür gekämpft hätte, Steuersätze nicht anzuheben, während die zuständige Bildungsministerin der gleichen Partei das Startchancen-Programm nach Kräften verschleppte, vielleicht, ja vielleicht, wäre die Schere zwischen armen und reichen Schulen tatsächlich etwas geringer geworden.
Und vielleicht könnten sogar realistische Noten gegeben werden, wenn Deutschland ein Bildungssystem hätte, in dem ein Durchfallen in Jugendjahren nicht alle Karrierewege der nächsten 50 Jahre Berufsleben dauerhaft versperren würde, denn Leistung muss sich wieder lohnen. Gar eines, in dem jemand ohne die heilige Weihe des dreigliedrigen Schulsystems einen Beruf im Beruf erlernen darf, vielleicht sogar in spätrömischer Dekadenz ohne zig Jahre schulisch-akademische Creditsmühle hinter sich zu bringen.
Aber ach, der Konjunktiv…
Ich unterschreibe alles was sie sagen. Was ich aber nicht verstehe: Kinder haben Eltern. Zuförderst sind „Pflege und Erziehung ihrer Kinder ihr Recht und ihre Pflicht“ so schreibt es das Grundgesetz vor. Wir aber adressieren die Verantwortung für mangelnden Bildungserfolg fast ausschließlich an den Staat. Das ist in der Sache verfehlt. Eltern sind in dem Gefüge die wirkmächtigsten Akteure. Seit Jahrzehnten vermitteln wir aber Eltern das Gefühl, als sei der Bildungserfolg durch Institutionen wie Kita oder Schule „herstellbar“. Das ist eine völlige Überschätzung der realen Möglichkeiten des staatlichen Bildungssytems… und das unabhängig davon, wieviele Ressourcen wir in unser (im internationalen Vergleich bereits teuren) Buldungssystem einbringen. Wir müssten Eltern vielmehr sehr ehrlich spiegeln: Auf euch kommt es an. Gebt euren Kindern die Wurzeln, die es braucht, um mit Freunde zu lernen. Nur dann haben Kita und Schule eine Chance. Indem wir die Eltern aus dem Spiel nehmen, vergeben wir von Anfang an die wichtigsten Chancen. Mit ist es ein Rätsel warum wir nicht dort ansetzen wollen es am wichtigsten wäre: Es sind doch nur ein paar Regeln die wir in aller Klarheit an Eltern adressieren müssen: Sprechen Sie mit ihrem Kind, entdecken sie die Welt mit ihrem Kind, lesen sie ihrem Kind vor, machen sie Brettspiele in der Familie, puzzeln Sie, gehen sie raus mit ihm, gehen sie spazieren oder machen sie eine Fahrradtour. Seien sie aufmerksam was ihrem Kind Freude macht und fördern sie diese Freude.
Wenn Erziehungspartnerschaft so gelebt würde hätten Kita und Schule wenig Mühe Kinder zum Erfolg zu bringen.
Dummerweise gibt es Kinder, die nicht in Bullerbü aufwachsen. Rufen Sie einer Alleinerziehenden, die mit ihren Kindern im Brennpunkt lebt und für das Existenzminimum kämpfen muss, mal zu: „Gehen Sie spazieren oder machen sie eine Fahrradtour!“
Sorry, Lichtjahre von deren Realität entfernt.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Lustigerweise spiegeln Sie mit der Kritik an völlig kostenlosen, für Kinder geistig aber überlebenswichtigen erzieherischen Impulsen genau das Kernproblem wieder.
Was für erzieherische Impulse – wollen Sie die Eltern erziehen? Herzliche Grüße Die Redaktion
Muss man Eltern erst dazu erziehen, sich mit ihren Kindern, wie ich es oben an Beispielen aus dem Alltag erwähnt habe, zu beschäftigen? Es gibt sicherlich Zeiten, an denen Eltern und Kinder gemeinsam in der Familienwohnung anwesend sind – da ist ohne viel Aufwand oder zusätzliche Kosten sehr viel Förderliches möglich. Und Wochenenden oder sonst arbeitsfreie Tage gibt es auch.
Immer dieselbe Leier. Es ist für manche offenbar völlig unvorstellbar, dass es Familien – einschließlich Eltern – gibt, die jenseits bürgerlicher Erfahrungswelt leben: Armut, Drogenmissbrauch, psychische Erkrankungen, Gewalt, dysfunktionale Beziehungen…
„Und Wochenenden oder sonst arbeitsfreie Tage gibt es auch.“ Es gibt kein armutsfrei am Wochenende. Gerne hier nachlesen: https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/armut-risikofaktor-fuer-die-psychische-gesundheit/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Aber darum geht es doch, dass die Eltern sich für ihre Kinder einsetzen. Und je nach gesellschaftlicher Stellung sowie der Zugehörigkeit zu relevanten Netzwerken gelingt es den Eltern in Köln- Hahndorf beim Erstreiten von Ressourcen erfolgreicher zu sein als Eltern aus Köln-Chorweiler. Und statt Köln hätte ich viele andere Städte nennen können.
Ja! Eltern haben doch (hoffentlich) ein Interesse, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen – das muss bestimmt nicht den ganzen Tag lang sein, aber beispielsweise beim Kochen die Kinder mitmachen lassen (schult die Motorik der Hand, das Gefühl für Mengen abmessen, logische Reihenfolgen einhalten, Regeln beachten -> Mathematik, Naturwissenschaften..), auch bei den üblichen Arbeiten im Haushalt Kinder altersgemäß (!) zu beteiligen (Socken sortieren, Kleidung dem Besitzer zuordnen, Tisch decken, Brot belegen und Ähnliches..) erzeugt neben der Entwicklung von Verantwortungsgefühl auch Selbstvertrauen, Zufriedenheit durch eigene Fähigkeiten und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das erfordert kein Geld, sondern nur alltägliche Zuwendung und Liebe zum Kind. Ebenso kostenfrei ist das Vorlesen, denn Kinder können üblicherweise in kommunalen Bibliotheken ohne Gebühren Bücher oder auch Spiele ausleihen. Interaktion, Sprechen mit dem eigenen Kind in der gemeinsamen Zeit ist keine Zumutung, sondern einfach selbstverständliche Elternpflicht. Ausflüge usw. sind evtl. nicht so oft möglich, aber Wochenenden gibt es ja schließlich auch noch…
„Ja! Eltern haben doch (hoffentlich) ein Interesse, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen – das muss bestimmt nicht den ganzen Tag lang sein, aber beispielsweise beim Kochen die Kinder mitmachen lassen.“
Als ob Eltern, die Energie dafür haben, gemeinsam zu kochen, das Problem wären…
Armut ist nicht wie Reichtum nur ohne Geld. Gerne hier nachlesen: https://aufklaren-hamburg.de/media/Fachbeitrag_09_22_Armut_und_psychische_Erkrankung.pdf
Herzliche Grüße
Die Redaktion
ich gebe ihnen absolut Recht, sie sprechen aus was wahr ist.
In vielen Punkten gebe ich der Kollegin recht.
Allerdings möchte ich einräumen, dass viele derjenigen, die in die Oberstufe kommen, nicht ausreichend Förderung gebraucht hätten, sondern schlicht und einfach „nur“ ordentliche MSA-Schüler*innen sind.
Auch in SH bescheinigen Schulen S*S alles mögliche, allerdings ermöglicht das die Politik, die sich tolle Möglichkeiten überlegt hat, wie man ganz viele junge Menschen in die Oberstufen hieven kann. Und sind sie dann erstmal dort, werden Lehrkräften Vorwürfe gemacht, wenn sie sich beklagen, dass die S*S dort nicht hingehören, man hätte sie dann nicht versetzen dürfen (implizit wird gesagt „Die können nichts dafür, jetzt musst du dafür sorgen, dass die es schaffen.“).
Ich weiß nicht, wer in meinem Bundesland auf die Idee gekommen ist, Noten an GemS einfach nur umzurechnen. S*S, die ordentlich auf MSA-Niveau (bezogen auf Aufgaben und Anforderungsbereiche) arbeiten, werden sofort zu Gymnasialschüler*innen umdeklariert. Eine 2 auf MSA-Niveau ist aber nun einmal keine 3 auf Gymnasialniveau.
Und gerade an GemS ohne Oberstufe bzw. mit reiner Binnendifferenzierung finden sich nur sehr wenige wirklich schlaue Kids, da deren Eltern wissen, dass dort nicht auf einem anspruchsvollerem Niveau gearbeitet wird. Diese Kinder werden sowieso am liebsten ans Gymnasium geschickt. Nur GemS mit Oberstufe sind noch einigermaßen attraktiv für sie.
Das heißt aber nicht, dass es S*S von GemS ohne Oberstufe nicht zu uns schaffen. Die Noten sorgen ja dafür (s.o.).
Hinzukommt, dass die Oberstufenleitung eine Zulage erhält, wenn eine gewisse Anzahl von S*S „ihre“ Oberstufe besucht. Sie sorgt also häufig aus eigenem Interesse dafür, dass auch wirklich viele S*S in „ihre“ Oberstufe kommen. Wenn man weiß, dass die Neuzugänge von der xy-Schule zwar den Schnitt haben, aber eigentlich nicht geeignet sind, in der gymnasialen Oberstufe mitzuhalten, macht das nichts. Hauptsache, die Zahlen stimmen.
Für den Betrug sind nicht die normalen Lehrkräfte verantwortlich, sondern die Politik. Förderung ist notwendig, ja. Nur sollte diese nicht immer zur Oberstufe und zum Abitur führen müssen.
Letztere Vorgabe führt nur dazu, dass lauter intellektuell ungeeignete junge Menschen sich komplett überfordert fühlen (und darauf mit Absentismus und tatsächlichen psychischen Problemen reagieren), Ehrenrunden drehen (sich aber um nichts kümmern a la „Meine Zukunft? Nicht in meinem Verantwortungsbereich.“), das Niveau ständig gesenkt werden muss und zuletzt – wie die Kollegin es beschreibt – wertlose Abschlüsse verschenkt werden.
Die Diskussion um Chancengerechtigkeit macht das System nicht besser.
… und wieder jemand in unserer Gesellschaft, der nur drauf hat… Ohne eine Lösungsansatz zu bieten… Wir machen wir’s denn nun… Und mal konkret… Gejammer haben wir doch in allen Ecken und enden das zeichnet unseren Staat zur Zeit vor allen anderen aus… Traurig, aber wahr…
Gerne möchte ich Frau Becker komplett bei ihren Ausführungen zustimmen, nur einen Faktor benennt sie nicht: Den Schüler selbst. Einige stehen sich selbst im Weg und haben gar nicht das Interesse oder die Motivation, Defizite in Mathe oder beim Lesen auszugleichen. Es geht ja auch so. Lesen ist out. Mangelnde Lust kann Schule weder durch Ganztag, noch durch dauerhafte Förderung ausgleichen, denn beide verlangen eine Anstrengungsbereitschaft, die nicht jeder erbringen will. Sich drei Stunden mit dem Smartphone beschäftigen? Kein Problem. Mal für eine Stunde ein Buch in die Hand nehmen? Um Himmels willen. Besonders bei unserem Klientel beobachten wir diese Dinge. Und wenn uns bereits Zwölfjährige sagen, dass ihr großes Ziel ist, entweder Influencer zu werden oder in der Grundsicherung zu landen, dann ist klar, dass es mehr als schulischer Arbeit bedarf, um diese Denke zu verändern.
„Den Schüler selbst. Einige stehen sich selbst im Weg“ – womit wir wieder bei Ihrer ewigen Leier wären: der vermeintlichen Faulheit.
Gerne nochmal zur Erinnerung: Es geht um Kinder. Und Kinder sind nicht „faul“ (einfach so) – sie vermeiden, was sie sich nicht zutrauen, wovor sie Angst haben, wozu sie sich gezwungen fühlen. Und Sache der Erwachsenen ist es, ihnen diese Angst zu nehmen. Und nicht, sie als „faul“ zu beschimpfen. Gerne hier nachlesen: https://blog.mojuga.ch/2024/03/27/der-mythos-jugendlicher-faulheit/
„Mal für eine Stunde ein Buch in die Hand nehmen? Um Himmels willen.“ Wie viele Vorbilder von Erwachsenen, die Bücher in die Hand nehmen, hat Ihre Klientel denn, die Sie als Sozialarbeiter betreuen? Und diese Kinder sollen von selbst auf die Idee kommen, Bücher zu lesen – vielleicht noch zur Frankfurter Buchmesse zu fahren?
Schon bemerkenswert, mit wie wenig Einfühlungsvermögen – und psychologischen Grundkenntnissen – man offenbar Sozialarbeiter sein kann.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Meine und Ihre Einlassungen widersprechen sich nicht. Natürlich fehlt es diesen Kindern an Vorbildern in Sachen Lesen und Bildung. Eine Schule kann dies aber ebenso wenig leisten, wie die soziale Arbeit. Und ja, es gibt faule Kinder. Ohne deren Mitwirkung geht es nicht. Ein Arzt kann den Patienten auch nur dann heilen, wenn dieser mitwirkt. Wenn dieser seine Medikamente nicht nimmt, die Therapie nicht besucht und den Diätplan nicht einhält, kann der Arzt wenig machen.
Meine Kinder haben im Übrigen auch gerne den Schlendrian drin. Obwohl meine Frau und ich regelmäßig lesen, tut mein Sohn das sehr ungerne. Er muss dazu ebenso überredet werden, wie zur Mitwirkung bei der Gartenarbeit. Er ist eben in bestimmten Dingen faul. Er hat keine Angst vor diesen Dingen, er hat schlicht und ergreifend keine Lust. Sie müssen nicht jede schlichte Erklärung pathologisieren.
„Eine Schule kann dies aber ebenso wenig leisten, wie die soziale Arbeit.“ Wieso soll eine qualitativ hochwertige und personell entsprechend ausgestattete Ganztagsschule das nicht leisten können?
„Und ja, es gibt faule Kinder. Ohne deren Mitwirkung geht es nicht.“ Es gibt womöglich mehr faule Sozialarbeiter, die sich das Leben mit dem Etikett „faul“ (bringt also eh nichts) für ihre Klientel das Berufsleben sehr leicht machen.
„Er hat schlicht und ergreifend keine Lust.“ Kommt vor. Sie haben auf Ihre Klientel ja erkennbar auch keine Lust.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Hinzu kommt ja auch, dass Förderungsangebote, wenn es sie denn gibt, auch genutzt werden müssen. Wir haben Förderkurse in den Hauptfächern und es werden gezielt Schüler und Schülerinnen eingeladen, die Probleme in den Fächern haben, aber grundsätzlich darf jeder teilnehmen. In meinem Förderkurs sitzen ganze zwei (von 12 Eingeladenen). In den anderen Kursen sieht es auch nicht so anders aus.
Wird in NRW schon seit Jahren in der Gesamtschule gemacht., wenn man Voll-Abi (Gesamtschule) und Voll-Abi (Gym) vergleicht.
Ist ja auch logisch. In der Gesamtschule wird jeder Schüler von der 6. bis in die 9. versetzt, unabhängig von den Noten und dann geht es nach der 10. In die Oberstufe. Am Gym wird sechs Jahre lang, von der 5. bis zur 10. ein höheres Niveau gefahren und dann geht es in die Oberstufe.
Am Ende bekommen alle das Abitur. Aber wenn Dusseldorf sind diesen Quatsch ausdenkt, dann machen wir es halt so. Bei solchen Entscheidungen muss man sein Hirn ausschalten und einfach so machen. Es ist halt politisch gewollt, dass der Leistungsgedanke abgeschafft wird.
„Es ist halt politisch gewollt, dass der Leistungsgedanke abgeschafft wird.“
Das würde ich nicht pauschal sagen. Eigentlich geht es den Politikys wohl eher darum, dass viele einen möglichst hohen Abschluss haben. Macht sich immer gut bei Wähler*innen und im Ausland, denken die.
Man verglich sich mal mit Schweden, wo ja die Berufsausbildung an einer Schule und nicht wirklich dual gemacht wurde. Die Nichten meines Mannes haben z.B. ein Bäcker*innen-und-Konditor*innen-Abitur und ein Hotel- und Gaststätten-Abitur. Die Berufe sind ehrenwert, aber eben nicht vergleichbar.
Und Eltern freuen sich über höhere Abschlüsse, ob ihre Kinder tatsächlich etwas können, interessiert die meisten doch nicht wirklich, wenn die nur das Abitur erhalten haben.
Okay, aber wie erklären Sie sich dann das Zentralabitur? Die Aufgaben für Gymnasiasten und Gesamtschüler sind identisch?
Schauen Sie sich mal die Bewertungsbögen vom Ministerium für die ZP an. Da steht genau, wie was bewertet wird … nicht. Ich kann da quasi alles als richtig anerkennen, was ich möchte. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass das beim Zentralabi anders ist.
Einige korrigieren strenger, andere eben nicht, sollen das doch die Unis ausbaden.
Bevor jetzt wieder einige kommen: Nein, das betrifft nicht alle Gesamtschulen, aber die meisten, die ich kenne.
Die schriftliche Abiturprüfung macht m.W. in NRW nur ca. 25% der Gesamtpunktzahl aus und kann ggf. durch mündliche Leistungen noch verbessert werden.
Um die Prüfung zu bestehen reichen insgesamt mindestens 100 Punkte in allen Prüfungsfächern. In mindestens zwei Fächern, darunter ein Leistungskurs, mindestens 5 Punkte sonst gff. noch eine mündliche Prüfung erforderlich.
Ich frag mich ja, woher die Gymnasiallehrkräfte alle Strategien zur Abischnittkosmetik so genau kennen, die sie den Kolleg*innen an GE vorhalten. Geht eben nichts über eigene, praxiserprobte Erfahrungswerte.
Das beantwortet jedoch meine Frage nicht, denn diese Vorgabe gilt sowohl für Gymnasiasten als auch für Gesamtschüler….in NRW…..
Die Punkte werden in der Q-Phase gesammelt damit es für den Abschluss reicht. Und es liegt im Interesse der Gesamtschule, dass alle Oberstufenschüler das Abi erhalten. Die Gesamtschule steht ja in Konkurrenz zu den Gymnasien.
Wer also in der 10. mit den Gedanken spielt das Abi zumachen, wird auch durchgetragen.
Und in Mittel- und Großstädten, in denen mehrere GY miteinander konkurrieren, beruhen die Abschlüsse der SuS natürlich ausschließlich auf deren Leistung.
Dabei machen diese GY ihre Einserexamina im Kampf um Anmeldezahlen bei insgesamt sinkender Geburtenzahlen doch „homespun“.
Ist so.
Es wurde vom Wähler so bestellt – nun wurd geliefert.
ja!
„Die Grundschule im schwierigsten Viertel müsste die beste Schule der Stadt sein.“
Cool!
https://www.welt.de/print/welt_kompakt/hamburg/article155987398/FDP-will-Gymnasien-staerken.html
Oweh! Anscheinend wollen nicht alle in der FDP die Grundschule als „beste Schule“….
Naja, solange Kinder danach noch ans Gymnasium wechseln kön…
https://www.zvw.de/lokales/waiblingen/kind-aufs-gymnasium-waiblinger-rektor-und-fdp-gegen-freie-eltern-entscheidung_arid-729013
Hmm..
Schätze, Frau B. wird bei sowas laut, dass hier Chancen verweigert werden…
„Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter“
Danke für die Ehrlichkeit!