STUTTGART. Wie viel ist ein Schulabschluss noch wert, wenn er Kompetenzen bescheinigt, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich nicht beherrschen? Und wie gerecht ist ein Bildungssystem, das ausgerechnet dort zu wenig investiert, wo Kinder die größte Unterstützung benötigen? Juliane Becker, Studienrätin an einem Beruflichen Gymnasium in Stuttgart, rechnet in ihrem Gastkommentar mit einer Schulpolitik ab, die soziale Benachteiligung zu wenig ausgleicht und Leistungsdefizite über Jahre fortschreibt. Die Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde arbeitete zuvor rund 20 Jahre als Journalistin und gehört seit September 2026 dem Landesvorstand der FDP Baden-Württemberg an. Ihre These: Nicht Leistungsanforderungen nehmen Kindern Chancen – sondern Schulen, die sie unzureichend fördern und ihnen anschließend Abschlüsse verleihen, deren Versprechen sie nicht einlösen können.

Schule dauert neun, zehn, zwölf oder dreizehn Jahre. Eine verdammt lange Zeit. In Stuttgart, Berlin, Frankfurt, München und auf dem platten Land entscheidet eine ziemlich profane Zahl mit darüber, unter welchen Bedingungen ein Kind seine Schulzeit beginnt: die Postleitzahl. Sie entscheidet in der Regel, welche Grundschule ein Kind besucht.
Seine Begabung sucht sich ein Kind nicht aus. Seine Eltern nicht. Deren Einkommen, Bücherregal oder Deutschkenntnisse auch nicht. Aber wir entscheiden, welche Schule dort steht. Und da beginnt das Versagen.
Die Grundschule im schwierigsten Viertel müsste die beste Schule der Stadt sein. Kleinere Klassen. Mehr Lehrer. Mehr Sprachförderung. Mehr Sonderpädagogen. Mehr Schulsozialarbeit. Mehr Diagnostik. Mehr Zeit. Egal, was das kostet. Ja, egal. Denn alles, was wir hier sparen, bezahlen wir später. Und die Kinder zuerst. Warum wir das nicht tun? Kinder und Eltern im Plattenbau haben keine sonderlich starke Lobby. Andere schon.
Baden-Württemberg geht gerade zurück zu G9. Die Debatte wurde nicht zuletzt von wirkmächtigeren Eltern getragen, die sich um die Belastung ihrer Kinder am Gymnasium sorgten. Vor einigen Tagen habe ich ein neu renoviertes Gymnasium in Halbhöhenlage besichtigt. Rund 60 Millionen Euro soll es gekostet haben. Fantastisch ist es geworden. Die sehr homogen wirkende Schülerschaft ist glücklich. Zu Recht. Und vielleicht tue ich der Homogenität Unrecht. Vielleicht hatten die Schüler, deren Eltern nicht am Landgericht arbeiten, am Eröffnungstag einfach keine Zeit. Ich gönne diesen Kindern diese Schule. Ich will sie nur auch für die anderen. Und zwar dort, wo sie viel dringender gebraucht wird.
2021 testete das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen 26.844 Viertklässler. 19 Prozent verfehlten den Mindeststandard im Lesen, 30 Prozent in Rechtschreibung, 22 Prozent in Mathematik. Vier Jahre Schule. Das sind Kinder. Zehnjährige. Und wir wissen längst, was passiert. Die nächste Chance vergeigen wir gerade: den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung.
Der schenkt uns Zeit. Eigentlich. Zum Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprechen, Üben. Um Talente zu entdecken und Defizite zu beheben. Was für eine Chance! Und was machen wir daraus? Nix.
In Baden-Württemberg schreiben gerade einmal 25 Prozent der Grundschulen mit bestehendem oder geplantem Ganztag eine pädagogische Mindestqualifikation für die Beschäftigten vor. 69 Prozent tun es nicht. Der Verband Bildung und Erziehung warnt vor bloßer „Aufbewahrung der Kinder“. Super, sagt der Zyniker in mir, Shit, die Pädagogin. Fast jedes dritte Kind verfehlt nach vier Jahren Grundschule den Mindeststandard in Rechtschreibung – und wir organisieren längere Aufbewahrungszeiten. Der doppelte Betrug: Wie Schulen Kindern Chancen verweigern und wertlose Abschlüsse verschenken
Ausgerechnet hier müsste unser sonst so gerne verschwenderischer Staat verschwenderisch sein. Denn die Schule mit der schwierigeren Postleitzahl braucht mehr. Viel mehr. Wer mit zehn nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen kann, braucht Hilfe. Wir geben ihm stattdessen das nächste Zeugnis. Und dann das nächste. 2024 verfehlten 34 Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik für den Mittleren Schulabschluss. Von denen, die mindestens Mittlere Reife anstreben: 24 Prozent. Fast jeder Vierte.
„Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter“
Einige sitzen später bei mir am Beruflichen Gymnasium. Mit Mittlerer Reife in der Tasche. Und ich übe in Klasse 11 mit ihnen Textverständnis, Satzbau, Grammatik und wie man einen Gedanken entwickelt und begründet. Zwischendrin lesen wir Schillers „Räuber“. Viele meiner Schüler haben ihren mittleren Abschluss völlig zu Recht. Aber ich habe auch die anderen.
Die, die dieses System zehn Jahre lang verarscht hat. Denn was ist es denn sonst? Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter. Und irgendwann geben wir ihm ein Zeugnis, das mehr verspricht, als das Kind tatsächlich kann. Damit helfen wir diesem Kind keinen Millimeter. Wir belügen es. Und dann kommt der zweite Betrug. Wir entwerten die Leistung derer, die können, was ihr Abschluss bescheinigt. Ausgerechnet jetzt werden wir großzügig.
Am Beruflichen Gymnasium in Baden-Württemberg müssen Deutsch und Mathematik über alle vier Halbjahre in die Abiturwertung eingehen. Ausreichend müssen die Leistungen trotzdem nicht durchgehend sein. Unter fünf Punkten heißt: mangelhaft oder schlechter. Bis zu 20 Prozent der angerechneten Kurse dürfen darunter liegen. Bei 40 Kursen sind das acht. Auch Deutsch. Auch Mathematik. Acht mal eine fünf oder schlechter. Und am Ende steht da: Allgemeine Hochschulreife.
Was bescheinigen wir eigentlich? Mathematik nicht einmal ausreichend? Keinen komplexen Gedanken regelgerecht auf Deutsch entwickeln können? Teilweise Satzbau und Grammatik nicht sicher beherrschen? Hochschulreife? Ernsthaft?
Das ist keine Chancengerechtigkeit. Das ist die Abwertung von Leistung.
Und sie trifft alle. Den Schüler, dem wir jahrelang vorgemacht haben, er könne etwas, das er nicht kann. Den Schüler, der sich seinen Abschluss erarbeitet hat. Den Ausbildungsbetrieb, der sich auf ein Zeugnis verlassen will. Die Hochschule, die Hochschulreife voraussetzt. Und am Ende uns alle, weil Zertifikate wertlos werden, wenn keiner mehr weiß, was sie eigentlich zertifizieren. Ein Abschluss ist kein gesellschaftlicher Rang. Er ist ein Versprechen über Kompetenzen. Dann muss dieses Versprechen stimmen.
Wir betrügen Kinder nicht dadurch, dass wir ihnen Leistung abverlangen. Wir betrügen sie, wenn wir ihnen die Chance verweigern, diese Leistung zu erbringen – und anschließend so tun, als hätten sie sie erbracht. News4teachers
Es heißt, die Talente sollen über Bildungschancen entscheiden:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kita-chancen-gesetz-bundestag-100.html
Aber vom Prinzip her ist der Übergang nach der Grundschule durchaus von Talenten abhängig. Es soll eigentlich nicht nach dem Geldbeutel der Eltern gehen, sondern nach den Fähigkeiten der Kinder. Dass das perfekt nicht geht, ist allerdings auch nicht überraschend.
Recht haben Sie!
Abschlüsse werden leider mittlerweile oft einfach so vergeben. Allerdings muss man sich auch ehrlich fragen warum.
Viele Lehrkräfte sehen schon die Defizite, nur hängt es an sehr vielen Faktoren, warum die Kinder trotzdem weiterkommen. Manche sitzen einfach in der falschen Schulform und die Eltern sind völlig beratungsresistent. Dann werden gute Noten bei möglichst wenig Anstrengung erwartet und die Lehrkraft ist äußerst böse, wenn sie nicht der Noteninflation folgen möchte. Wegen der Rechtschreibung redet man sich den Mund fusslig und bekommt blöde Kommentare, wenn man die in anderen Fächern, außer Deutsch, korrigiert. Wenn man in der Sek ll nochmal mit Textarbeit anfängt, weil es einfach nicht sitzt, dann verweigert die Hälfte konsequent mal die Strategien, die man ausgeteilt hat anzuwenden und zu lesen. Ab Klasse 5 bekommen die Kinder regelmäßig Strategien und Lesetraining. In Klasse 6 verweigern immernoch sehr viele die Anwendung. Dann bekommt man zu hören, dass das gar nicht notwendig sei und dass es prima ohne den Kram ginge. Dann liest man die Ergebnisse, sieht, dass es überhaupt nicht geht, erklärt zum 10. Mal warum es besser ist, ein System anzuwenden und es kommt einfach nicht an, weil die SuS meinen, sie können alles. Die Eltern haben ihnen ja gesagt, dass sie alles können. Und es wird seit ein paar Jahren immer schlimmer. Irgendwann resigniert man, dann hat man keine Kraft mehr für die 20. Erklärung für taube Ohren, keine Lust mehr auf freche Sprüche, Eltern, die sämtliche Empfehlungen ignorieren, man lässt sich nicht mehr anpfeiffen, weil die Schnitte „zu schlecht“ sind und man jedes Jahr als Schule doch neue Bestleistungen im Abischnitt vorzeigen möchte. Es gibt immer wieder neue Verordnungen, die dafür sorgen sollen, dass die Schnitte besser werden. Und egal, ob man es hören will oder nicht, auch Eltern haben eine Verantwortung. Es kann nicht alles in die Schule ausgelagert werden und wenn, dann muss Schule mehr Geld, Räume und Personal bekommen. Qualifiziertes Personal und keine Aufsichtsperson, die die Kinder lediglich davon abhält, anderen an den Hals zu springen. Aber immer öfter übernehmen Studierende Unterrichtsstunden oder das Nachmittags Angebot ist nur eine Betreuung (unterschiedlichster Art), die die Hausaufgaben nicht kontrolliert und den Kindern auch nicht weiterhilft oder vorliest.
Es braucht sich wirklich niemand wundern, warum die Dinge so laufen. Lehrkräfte sagen schon seit Jahren, dass es so nicht weitergehen kann. Ich Frage mich, was muss denn passieren, damit man auf Lehrkräfte mal hört? Was muss passieren, damit Bildung wieder einen Stellenwert bekommt? Wann erkennt man, dass Lernen eine aktiver Prozess ist, bei dem man sich anstrengen muss? Es ändert sich einfach nichts, obwohl doch so viele Leute sagen (Unternehmen, Uni, weiterführende Schulen, Gesellschaft allgemein), dass die Fähigkeiten immer geringer werden. Als Lehrkraft ist das ein Kampf mit Windmühlen.
Die Autorin betrachtet die Blüte des Unkrautes zutreffend und beschreibt sie genau.
Die Wurzel des Problems ist aber ganz, ganz einfach:
Es gibt mittlerweile für Schulkinder kaum wirkliche Gründe, schlicht zu tun was der Lehrer sagt.
So einfach, so stumpf ist das.
Hilfsmittelseiten schon im Buch, in Mathematik herrscht bald schon programmiertes Lesen mit Querverbindungen über X Bücher mit Übungen, Erklärungen, Visualisierungen in X Materialien und Arbeitsheften, in Englisch sind überall skill files, Onlinelinks und Co., in anderen Fächern wird es nicht anders sein.
Nie wurden so viele Erklärungen, Hilfsmaterialien und Co. geboten – und auf youtube gibt es ergänzend ganze Flutwellen, Sturzbäche an Erklärvideos! Viele davon richtig gut!
Eigentlich KANN man unterhalb von sowas wie „hartem Gymnasialniveau“ es garnicht mehr NICHT verstehen, WENN man als Schüler den ganzen Bumms halt auch NUTZEN würde.
Aber da hängt der pädagogische Hase halt im Pfeffergestrüpp der Realität fest:
Das alles „hilft“ nur, wenn die SuS die Übungen, Hilfsmittel usw. auch NUTZEN, spätestens wenn der Lehrer es ihnen sagt.
Das geschieht natürlich nicht.
Denn man kommt auch so durch.
Und da schliesst sich der Kreislauf der Dysfunktion.
Genau hier liegen Sie als Lehrkraft falsch, und genau daran sieht man auch den großen Generationenunterschied selbst zwischen jüngeren Lehrkräften und den heutigen Schülern.
Es gibt die bekannte Redewendung: „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.“ Genau darum geht es. Glauben Sie nicht, dass die Kinder heute mit all den verschiedenen Angeboten und Aufgaben überfordert sind, die überall in den Büchern verteilt stehen? Dazu kommt noch die Frage: Was genau soll ich eigentlich üben? Was erwartet meine Lehrkraft konkret von mir?
Und dann passiert genau das, was ständig passiert: Die Kinder üben Dinge, die sie im Test am Ende gar nicht brauchen. Natürlich gewinnen sie dadurch vielleicht Breite und zusätzliches Wissen,aber eben nicht unbedingt genau das, was für die Prüfung verlangt wird.
Ich finde es erschreckend, wie oft auf die Kinder geschimpft wird, obwohl das eigentliche Problem im gesamten Schulsystem liegt und nicht bei den Kindern.
Interessant ist doch, dass Länder wie Kanada oder Polen es durchaus schaffen, den Schülern wichtige Kompetenzen gezielt zu vermitteln, obwohl die Kinder dort teilweise deutlich mehr Freizeit haben und das ganze System viel weniger auf Noten fixiert ist.
In deutschen Schulen lernen viele Kinder heute gefühlt nur noch für Noten und nicht mehr für nachhaltiges Wissen. Kaum jemand fragt: „Was kannst du wirklich?“ Stattdessen heißt es nur: „Welchen Schnitt hast du?“ Und gerade auch von Seiten der Schule wird der Fokus ständig auf die Noten gelegt.
Außerdem heißt es doch immer: Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Aber wann sollen diese Kinder den Stoff eigentlich wiederholen? Jeden Tag geht es direkt weiter. Wiederholung ist im Schulalltag deutscher Schüler überhaupt nicht eingebaut.
Und so könnte man noch lange weitermachen. Mit dieser dauernd negativen Haltung gegenüber Kindern riskiert man, ganze Generationen zu verlieren.
Denn welches Kind hat sich denn jemals mit 10 oder 15 Jahren komplett von allein hingesetzt und konsequent gelernt ohne Motivation, ohne Unterstützung, ohne Anstoß und ohne gezielte Übungen durch Lehrkräfte gegeben?
Schulen in Deutschland sind heute oft nur noch Orte, an denen die Kinder hauptsächlich Notizen und Hefteinträge mitnehmen, die nicht selten einfach aus Kästen im Schulbuch abgeschrieben werden. Hier und da erklärt eine Lehrkraft noch etwas, aber insgesamt ist das viel zu wenig, um wirklich sinnvolle Zusammenhänge zu verstehen.
Die Elternhäuser sind in Deutschland längst zu kleinen Privatschulen geworden. Dort wird erklärt, wiederholt, geübt und aufgearbeitet, was in der Schule nicht ausreichend hängen geblieben ist. Aber genau dieser Umstand wird immer noch weitgehend unter den Teppich gekehrt.
Man wiederholt doch ständig. Wie erschließe ich Texte, welche Regeln für Rechtschreibung gibt es, wie schreibe ich ein Protokoll, usw. Auch inhaltlich wiederholt sich einiges, nennt sich Spiralcurriculum. Und alles nur für einen Test zu lernen, ist ja genau das, was nicht sein soll. Außerdem ist die Haltung schon komisch, dass die Lehrkraft bloß sagen soll, was das Kind auswendig lernen muss. Ist nicht mein Verständnis von lernen, das wäre ja nur irgendwas in den Kopf quetschen ohne Bezug o.ä., einfach weil irgendwe sagt, man soll dies oder das lernen.
Die Zuteilung, Diagnose, Unterstützung bei der Auswahl ist natürlich Lehrerjob – habe das nicht dazugeschrieben, da es für mich selbstverständlich ist.
So Recht ich Ihnen gebe, so sind doch auch Sie ein Teil des Problems. Sie regen sich darüber auf, dass die Schüler irgendwelche Strategien ignorieren würden und dabei ignorieren Sie doch selbst die Regeln der deutschen Sprache, indem Sie von Studierenden reden. Das mag für Sie kein großes Ding oder gar rechtfertigbar sein, aber genau dort fängt das Problem an: warum sollten sich andere an Ihre Strategien halten, wenn Sie sich nicht einmal selbst an die Regeln halten?
Merke: Wer gendert, hat den Lehrkräftemangel verursacht (Spaß).
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Klar, wer gendert hat an allem Schuld. Sobald wir damit aufhören, wird es keine Probleme mehr geben. Warum ist da bislang noch keiner drauf gekommen?
Schönheit kommt von *innen 🙂
Wenn nicht eine gewisse Partei und deren Bundesinanzminister heldenhaft dafür gekämpft hätte, Steuersätze nicht anzuheben, während die zuständige Bildungsministerin der gleichen Partei das Startchancen-Programm nach Kräften verschleppte, vielleicht, ja vielleicht, wäre die Schere zwischen armen und reichen Schulen tatsächlich etwas geringer geworden.
Und vielleicht könnten sogar realistische Noten gegeben werden, wenn Deutschland ein Bildungssystem hätte, in dem ein Durchfallen in Jugendjahren nicht alle Karrierewege der nächsten 50 Jahre Berufsleben dauerhaft versperren würde, denn Leistung muss sich wieder lohnen. Gar eines, in dem jemand ohne die heilige Weihe des dreigliedrigen Schulsystems einen Beruf im Beruf erlernen darf, vielleicht sogar in spätrömischer Dekadenz ohne zig Jahre schulisch-akademische Creditsmühle hinter sich zu bringen.
Aber ach, der Konjunktiv…
Ich unterschreibe alles was sie sagen. Was ich aber nicht verstehe: Kinder haben Eltern. Zuförderst sind „Pflege und Erziehung ihrer Kinder ihr Recht und ihre Pflicht“ so schreibt es das Grundgesetz vor. Wir aber adressieren die Verantwortung für mangelnden Bildungserfolg fast ausschließlich an den Staat. Das ist in der Sache verfehlt. Eltern sind in dem Gefüge die wirkmächtigsten Akteure. Seit Jahrzehnten vermitteln wir aber Eltern das Gefühl, als sei der Bildungserfolg durch Institutionen wie Kita oder Schule „herstellbar“. Das ist eine völlige Überschätzung der realen Möglichkeiten des staatlichen Bildungssytems… und das unabhängig davon, wieviele Ressourcen wir in unser (im internationalen Vergleich bereits teuren) Buldungssystem einbringen. Wir müssten Eltern vielmehr sehr ehrlich spiegeln: Auf euch kommt es an. Gebt euren Kindern die Wurzeln, die es braucht, um mit Freunde zu lernen. Nur dann haben Kita und Schule eine Chance. Indem wir die Eltern aus dem Spiel nehmen, vergeben wir von Anfang an die wichtigsten Chancen. Mit ist es ein Rätsel warum wir nicht dort ansetzen wollen es am wichtigsten wäre: Es sind doch nur ein paar Regeln die wir in aller Klarheit an Eltern adressieren müssen: Sprechen Sie mit ihrem Kind, entdecken sie die Welt mit ihrem Kind, lesen sie ihrem Kind vor, machen sie Brettspiele in der Familie, puzzeln Sie, gehen sie raus mit ihm, gehen sie spazieren oder machen sie eine Fahrradtour. Seien sie aufmerksam was ihrem Kind Freude macht und fördern sie diese Freude.
Wenn Erziehungspartnerschaft so gelebt würde hätten Kita und Schule wenig Mühe Kinder zum Erfolg zu bringen.
Dummerweise gibt es Kinder, die nicht in Bullerbü aufwachsen. Rufen Sie einer Alleinerziehenden, die mit ihren Kindern im Brennpunkt lebt und für das Existenzminimum kämpfen muss, mal zu: „Gehen Sie spazieren oder machen sie eine Fahrradtour!“
Sorry, Lichtjahre von deren Realität entfernt.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Lustigerweise spiegeln Sie mit der Kritik an völlig kostenlosen, für Kinder geistig aber überlebenswichtigen erzieherischen Impulsen genau das Kernproblem wieder.
Was für erzieherische Impulse – wollen Sie die Eltern erziehen? Herzliche Grüße Die Redaktion
Muss man Eltern erst dazu erziehen, sich mit ihren Kindern, wie ich es oben an Beispielen aus dem Alltag erwähnt habe, zu beschäftigen? Es gibt sicherlich Zeiten, an denen Eltern und Kinder gemeinsam in der Familienwohnung anwesend sind – da ist ohne viel Aufwand oder zusätzliche Kosten sehr viel Förderliches möglich. Und Wochenenden oder sonst arbeitsfreie Tage gibt es auch.
Immer dieselbe Leier. Es ist für manche offenbar völlig unvorstellbar, dass es Familien – einschließlich Eltern – gibt, die jenseits bürgerlicher Erfahrungswelt leben: Armut, Drogenmissbrauch, psychische Erkrankungen, Gewalt, dysfunktionale Beziehungen…
„Und Wochenenden oder sonst arbeitsfreie Tage gibt es auch.“ Es gibt kein armutsfrei am Wochenende. Gerne hier nachlesen: https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/armut-risikofaktor-fuer-die-psychische-gesundheit/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Wäre die (theoretisch sinnvolle) Lösung diesbezüglich dann nicht das Eingreifen des Staates und die Inobhutnahme des Kindes zwecks Kindeswohlgefährdung?
Ich wüsste nicht, dass das Primäraufgabe von Schule ist. Schule hat hier noch nicht mal „Rahmen“ dafür. Noch sonst was.
Man sagt ja auch nicht:
Lehrkräfte sollen die Kinder jetzt impfen. Dazu eben den Impfstatus beraten und protokollieren.
Haare schneiden? Kein Problem. Das können doch die Lehrkräfte machen. Warum denn nicht.
Taxi? Die Lehrkraft muss doch sowieso in die Schule fahren. Klar. Kann man sich doch vorstellen, oder?
Essen machen? Manche Eltern können das halt nicht – vielleicht sollte die Schule das machen?
Vereine? Wozu denn? Schul AGs sind doch „kleine Vereine“ – wer das machen soll? Ich hab da so eine Vermutung.
Also … Welche „Instanz“ ist denn konkret und mit welchen Mitteln für was genau zuständig/vorgesehen?
Und schon ist das „manche Eltern misshandeln aber ihre Kinder“ doch theoretisch zumindest mal ganz fix und klar geklärt … Also was hier dann der „notwendige Ansatz“ zumindest WÄRE. Glaube einen Tipp brauch ich dazu gar nicht geben? Aber wenn Sie das ohne „Schule – Bildung“ schaffen … Liegen Sie richtig tatsächlich.
Tatsächlich wurde dieses Experiment in Russland in den 20er oder 30er Jahren des letzten Jahrhunderts versucht.
Kinder wurden den Eltern entzogen und staatlich mit den korrekten ideologisch vorgegebenen Zielen von „Fachkräften“ aifgezogen (ein ähnliches Experiment gab es in den ersten Kibbuzim in Israel) – beides mit katastrophalen Ergebnissen, so dass davon dann wieder abgerückt wurde.
Ideologie ist doch was Schönes: muss nach einiger Zeit immer mal wieder ausprobiert werden, weil „die haben das damals nur nicht richtig umgesetzt. Aber jetzt haben wir einen neuen Ansatz…“
Was ist denn daran ideologisch, Eltern, die ihre Kinder schlagen, sie nicht versorgen o.ä., wegzunehmen?
Das betrifft aber nur ein paar und nicht die meisten Kinder. Und es gibt genügend Kinder deren Eltern nicht arm sind und sie trotzdem nicht ordentlich lesen und schreiben können. Was ist mit denen?
Das Eltern ihren Kindern lesen und schreiben beibringen müssen, damit das Kind im deutschen Schulsystem Erfolg hat, wird ja eben bei PISA kritisiert.
In anderen Ländern sind die Schulen mehr gewichtet, nicht das Glück, wie weit sich die Eltern kümmern können/ wollen
Aus meiner Sicht machen Sie es sich zu einfach, die Eltern mit Verweis auf Armut und ihre Folgen von jeglicher Verantwortung für die Entwicklung ihrer Kinder freizusprechen.
Ich kannte und kenne viele tatsächlich arme Familien. Wir selbst waren in den ersten 10 Jahren unseres Familienlebens mit zwei Kindern gotterbärmlich arm – Nachwendezeit. Wir mussten uns entscheiden, ob wir das Brot für 95 Pfennig oder das für eine Mark im Aldi kaufen – bei ersterem wäre die wöchentliche „Süßigkeit“ in Form eines Lutschers für eins unserer zwei Kinder drin, in zweiter nicht. Wir mussten aus Geldnot so hart sparen, dass pro Woche genau 5 Pfennig für Süßigkeiten ausgegeben werden konnten. Ich weiß um die Belastung durch Arbeitslosigkeit, Geldnot, Kleinkinder, zu pflegende Angehörige und das alles gleichzeitig. Trotzdem bzw. gerade deswegen haben wir uns unseren Kindern zugewendet: die konnten nichts dafür. Fahrradurlaube (mit von Freunden geschenkten und von uns aufgearbeiteten Rädern) mit Zelt gemacht – zum Teil nur Tagesausflüge, weil kein Geld für den Zeltplatz, Brettspiele, vorgelesen, Zeit verbracht. Kinderklamotten wurden im Freundeskreis weitergereicht.Und viele unserer ebenso armen Freunde haben das genauso getan.
Wenn Eltern trotz jugendamtlicher Unterstützung dazu längerfristig nicht in der Lage sind, kann das kein Bildungssystem auffangen: dann braucht das Kind andere Eltern. Kinder gehören nicht ihren Eltern, ihr Wohlergehen darf nicht von der Fähigkeit und dem Willen ihrer leiblichen Eltern zur Erziehung und Förderung abhängen. Da greift Satz (2) von §6 GG.
Inzwischen haben wir an der Schule jedoch immer mehr mit Eltern zu tun, welche die begleitend erzieherische Arbeit der Schule komplett ablehnen, welche Fehlverhalten ihrer Kinder verharmlosen und diesbezüglich absolut destruktiv agieren. Und das sind zumindest in meiner Schulbubble eben nicht überwiegend psychisch kranke oder arme Eltern, sondern Vertreter aller Schichten. Da geht’s um soziales Fehlverhalten genauso wie „Wenn ich ne 6 geschrieben habe, hat es der Lehrer falsch erklärt“, Schwänzen mit elterlicher Deckung, „Ach, der kommt schon durchs Leben, ich hab auch immer ne 5 in Mathe gehabt“ oder „ne Viertelstunde nach Stundenbeginn ist doch pünktlich.
Diese Eltern sind in meinen Augen Erziehungsverweigerer, und das ist eben nicht entschuldbar mit „aber wenn sie es doch nicht besser können….“. Die stehen fest im Leben und agieren trotzdem so. Und immer mehr Kinder entwickeln sich dann elterlich gefördert zu, mit Verlaub, sozialen Arschlöchern, bei denen“ich!“ an erster Stelle steht. Diese Kinder haben durch das Agieren ihrer Eltern gar keine Chance, Verantwortungsübernahme für das eigene Tun zu lernen. Und das wird gesellschaftlich immer mehr akzeptiert, weil es immer mehr Eltern betrifft.
Gerade heute ist dazu ein interessanter Artikel erschienen: gern mal reinlesen – insbesondere den letzten Teil.
https://www.maz-online.de/brandenburg/gewalt-an-brandenburger-schulen-explodiert-wenn-schon-neunjaehrige-ganze-klassen-terrorisieren-I6WPKECSNRHXRKSS3ZOTLQ6G4M.html?utm_medium=social&utm_source=app_ios&utm_campaign=share_button
Mit freundlichen Grüßen,
Mika BB
„Kinder gehören nicht ihren Eltern, ihr Wohlergehen darf nicht von der Fähigkeit und dem Willen ihrer leiblichen Eltern zur Erziehung und Förderung abhängen“ – genau. Und da greift die Pflicht des Staates.
Wir staunen über das Ausmaß an Klassismus, das hier sichtbar wird: Es gibt keine Ursachen für Armut – außer fehlenden Willen.
Sie selbst haben erlebt, wie strukturelle Armut Familien betreffen kann; Sie selbst hatten als Akademikerin aber eine Perspektive, dort hinauszukommen. Wäre dann aber eine psychische Erkrankung wie eine Depression hinzugekommen, hätten Sie womöglich nicht herausgefunden – Glück gehabt. Andere haben das Glück nicht.
Wieso der Staat nicht in der Lage sein soll, mit funktionierenden Ganztagsschulen Kindern, die in solchen Umständen aufwachsen müssen, zu helfen, erschließt sich uns null.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Genau diese verantwortungslose Haltung übernehmen die Kinder.
Es ist nicht nur nichthilfreich, sondern geradezu Aufmunterung zur Verantwortungslosigkeit, wenn sich die vielen Eltern, die könnten hinter den tatsächlich schwer mehrfach gebeutelten verstecken.
Scheint mir System zu haben. Das Irre ist das Ergebnis: so unglaublich viele Kinder bleiben unter ihren Möglichkeiten. Offensichtlich werden nur noch die (viel zu wenigen) Kinder zu Hause gefördert, deren Eltern auf eine vernünftige Sozialisation zu Hause achten.
Und mit vernünftiger Sozialisation meine ich eine liebe- und respektvolle Erziehung, die Struktur beinhaltet und auf Selbständigkeit und sozialkompatible Umgangsformen abzielt, den Kindern darüberhinaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas abverlangt.
Dies sind Aufgaben des Elternhauses. Niemand kann das ersetzen.
Dann können wir Kinder aus dysfunktionalen Familien also bedenkenlos verwahrlosen lassen. Bringt eh alles nichts – im Gegenteil: Die könnten sogar noch lernen, dass es Menschen (und einen Staat) gibt, die Hilfsbedürftige nicht im Elend sitzen lassen. Gott behüte. (Spaß.)
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Kommt jetzt wieder der Elternführerschein als „realistischer“ Vorschlag? :/
Sie scheren Alleinerziehende über einen Kamm. Es gibt sicherlich andere Konstellationen, in denen Alleinerziehende Kraft und Zeit für ihre Kinder aufwenden. Andererseits gibt es auch Arztfamilien, in denen Eltern bis an ihr Limit arbeiten und zu wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen können (Erfahrungswerte aus über 30 Jahren). Kinder, um die sich zu Hause (zu) wenig gekümmert wird, haben einen schlechten Start – so oder so. Welche Erkenntnis, aber es betrifft nicht nur Alleinerziehende. Es gibt auch Eltern, die wenig Lust auf ihre Kinder haben.
„Sie scheren Alleinerziehende über einen Kamm.“
Was Sie erst hier denken: https://www.news4teachers.de/2026/10/der-doppelte-betrug-erst-kindern-chancen-verweigern-dann-wertlose-abschluesse-verschenken/#comment-840364
„Es gibt auch Eltern, die wenig Lust auf ihre Kinder haben.“
Und Deutschland sollte diese Kinder dafür leiden lassen, weil…?
Wären da nicht die anderen Beispiele aus PISA interessant, bei denen der Bildungserfolg nicht vom Wohlwollen „fauler“ Eltern abhängig gemacht wird? 😉
Ja. Kenne ich aus eigener Erfahrung und meine Mutter hatte trotzdem Zeit für mich, bzw. Hat sie sich genommen, weil sie das als Mutter für notwendig hielt. Was es ja auch ist.
Hielten es alle Mütter Ihrer Klassenkamerad*innen in der Grundschule es so?
Sie beschreiben einen Bias – DARUM gibt es wissenschaftliche Untersuchungen zu diesen Themen, keine Einzelberichte.
Brachte Ihre Mutter Ihnen das nicht bei?
Aber darum geht es doch, dass die Eltern sich für ihre Kinder einsetzen. Und je nach gesellschaftlicher Stellung sowie der Zugehörigkeit zu relevanten Netzwerken gelingt es den Eltern in Köln- Hahndorf beim Erstreiten von Ressourcen erfolgreicher zu sein als Eltern aus Köln-Chorweiler. Und statt Köln hätte ich viele andere Städte nennen können.
Ja! Eltern haben doch (hoffentlich) ein Interesse, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen – das muss bestimmt nicht den ganzen Tag lang sein, aber beispielsweise beim Kochen die Kinder mitmachen lassen (schult die Motorik der Hand, das Gefühl für Mengen abmessen, logische Reihenfolgen einhalten, Regeln beachten -> Mathematik, Naturwissenschaften..), auch bei den üblichen Arbeiten im Haushalt Kinder altersgemäß (!) zu beteiligen (Socken sortieren, Kleidung dem Besitzer zuordnen, Tisch decken, Brot belegen und Ähnliches..) erzeugt neben der Entwicklung von Verantwortungsgefühl auch Selbstvertrauen, Zufriedenheit durch eigene Fähigkeiten und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das erfordert kein Geld, sondern nur alltägliche Zuwendung und Liebe zum Kind. Ebenso kostenfrei ist das Vorlesen, denn Kinder können üblicherweise in kommunalen Bibliotheken ohne Gebühren Bücher oder auch Spiele ausleihen. Interaktion, Sprechen mit dem eigenen Kind in der gemeinsamen Zeit ist keine Zumutung, sondern einfach selbstverständliche Elternpflicht. Ausflüge usw. sind evtl. nicht so oft möglich, aber Wochenenden gibt es ja schließlich auch noch…
„Ja! Eltern haben doch (hoffentlich) ein Interesse, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen – das muss bestimmt nicht den ganzen Tag lang sein, aber beispielsweise beim Kochen die Kinder mitmachen lassen.“
Als ob Eltern, die Energie dafür haben, gemeinsam zu kochen, das Problem wären…
Armut ist nicht wie Reichtum nur ohne Geld. Gerne hier nachlesen: https://aufklaren-hamburg.de/media/Fachbeitrag_09_22_Armut_und_psychische_Erkrankung.pdf
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Als ob Eltern, die Energie dafür haben, [Kinder zu haben/erziehen/bilden]“
Warum dann „machen“?
Meinten Sie das? Das wäre nämlich auch eine der Logikkonsequenzen. [Nicht die Einzige … Aber Eine – logische]
Benennen Sie es doch gerne auch konkret so?
Die Ursachen [Armut, Arbeitslast, Stress usw.] und Lösungen [Entgegnung von Armut, Arbeitsrahmen, Löhne, Wohnen usw.] kann man gerne auch benennen. Klar.
Aber die Konsequenz bleibt erstmal – bis man sie löst. Und damit eben auch „die Leistbarkeit von Kinder (bekommen)“.
Unangenehm vllt. … aber da muss man durch.
Und klar stellt das einen Missstand dar. Und logischerweise sollte man diesen lösen.
Aktuell besteht jedoch „diese Gleichung“ halt. Und somit auch die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie/Kinder und Leben. Leider.
Rein logisch ist diese Ebene aber da? Hat man Zeit und Energie oder halt nicht?
Also: Armut entgegnen. Oder Lebenwünsche anpassen. Oder beides.
Es gibt hier aktuell halt „Verzichtsituationen“ insb. bei Armut. Sorry. Das ist so. Sollte nicht so sein. Jap. Das als Grund „zum Outsourcing“ bei ebenfalls „keinen Ressourcen“ (aktuell) zu nehmen … Schwierig.
Und weil ich „gerne anecke“ und „schwierig bin“: Nein, es sollte ausdrücklich nicht so sein. Ändert aber nichts daran, dass der Punkt „dann muss die Schule das richten“ hier ebenfalls recht schwach ist. Es geht mir rein um die „harte Mechanik der Systeme“.
„Also: Armut entgegnen. Oder Lebenwünsche anpassen. Oder beides.“
Dummerweise sind die Kinder ja nunmal da und lassen sich nicht rückabwickeln.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Warum dann „machen“?“
Elternführerschein? Ernsthaft?
Aber hey, wenn diese Eltern Geld haben, schauen Sie ja darüber hinweg…
Wie hat es nur meine Großmutter mit 6 Kindern geschafft, in den 1950er Jahren ohne all die heute vorhandenen Unterstützungssysteme über die Runden zu kommen? Meinen Großvater lernte ich nie kennen, er starb, als meine Mutter 18 Jahre alt war und sie sich ab dann mit um drei jüngere Geschwister kümmern musste. Alle hatten ein Interesse an Bildung, denn es war klar, dass dies der Ausweg aus der Misere ist. Reich ist niemand geworden, aber alle haben ihr Auskommen. Heute sind alle schwer belastet, psychisch krank und haben nicht die Energie, sich um die eigenen Kinder zu kümmern… Wenigstens der Social-Media-Account ist immer up to date.
Ja, ich polarisiere wieder – aber es gibt nun mal auch Menschen, die sich hocharbeiten und vorhandene Chancen und Hilfen nutzen.
Und keiner davon, wetten?, hat einen Sozialarbeiter gebraucht. Sie argumentieren sich selbst gerade Ihren Job weg: Wenn bei so vielen Hopfen und Malz verloren sind, kämpfen Sie auf verlorenem Posten. Das Steuergeld dafür ließe sich dann auch einsparen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Wie hat es nur meine Großmutter mit 6 Kindern geschafft, in den 1950er Jahren ohne all die heute vorhandenen Unterstützungssysteme über die Runden zu kommen?“
Weil andere Großmütter es nicht schafften und deren Enkel ihren Einsatz nicht damit verdanken, Kinder als „faul“ abzuverurteilen?
„Ja, ich polarisiere wieder – aber es gibt nun mal auch Menschen, die sich hocharbeiten und vorhandene Chancen und Hilfen nutzen.“
Und TAUSENDE, die es nicht schaffen und zu IHRER CLIENTEL gehören. Meine Fresse, sind Sie schlecht in Ihrem Beruf, wenn Sie nichts darüber wissen 🙁
Wollen Sie nicht endlich ans Gymnasium wechseln? Kein Scherz, die suchen ebenfalls händeringend und deren finanziell besser aufgestellten und/ oder engagierten Eltern dürften Ihnen entgegenkommen
Was könnte Schule für solche Familien vorschlagen? Wenn Eltern keine Energie und Zeit für ihre Kinder haben, könnte die Schule es wirklich kompensieren?
Ich komme aus dem Brennpunkt, wo Alkohol und häusliche Gewalt ein großes Problem waren. Ein Junge war sportlich begabt. Sein Lehrer überzeugte ihn, in der anderen Stadt in die Sportschule zu wechseln. Als der Junge sein Haus verlassen wollte, traf er auf seine „Kumpel“, die ihn überredeten, lieber hier zu bleiben, in der neuen Schule gäbe es keinen Sinn. Wird jemand bei mehr Ressourcen in so einem Fall das Kind an die Hand nehmen und in die passende Schule bringen? Oder sollen doch die Eltern und das Kind selber es tun?
Eltern, für die die Bildung ein Wert hat, selbst wenn sie selber ungebildet sind, würden darauf bestehen, dass Hausaufgaben erledigt sind, dass Kinder etwas lernen und sich anstrengen.
Ohne Unterstützung der Eltern sollten Lehrer eine sehr starke Beziehung zu den Kindern aufbauen, vermutlich gebundenen Ganztag entwickeln, und selbst da wird das Resultat oft stark von externen Faktoren abhängig.
„Was könnte Schule für solche Familien vorschlagen?“
Neu auf der Seite? Keine Sorge da werden regelmäßig wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht 🙂
„Ich komme aus dem Brennpunkt, wo Alkohol und häusliche Gewalt ein großes Problem waren.“
Schön, dass es da jetzt besser läuft. Was half? Nostalgie? Vergessen jener, die es nicht schafften?
„Ohne Unterstützung der Eltern sollten Lehrer eine sehr starke Beziehung zu den Kindern aufbauen“
Volle Zustimmung, aber das beißt sich arg mit einem selbstgerechten: Warum/ Wie sehr? Die Eltern sind doch faul!
Ist halt ein wenig bezeichnend, WEM Sie antworten und wem ausgrechnet nicht 😉
Okay, warum haben diese Eltern ohne Geld, ohne Zeit, ohne Energie, ohne Lust überhaupt Kinder? Wir sind doch kein Land voller „Unfälle“, oder? Würde ja heißen, dass mindestens ein Drittel aller Kinder in Deutschland ungewollt wären, ist das so? Was sagt die Statistik?
Das wäre wirklich traurig und schlimm.
„Wir sind doch kein Land voller „Unfälle“, oder?“
Beim Lesen fällt mir mindestens einer ein und trotzdem gebe ich Ihren Eltern nicht die Schuld, sondern fordere eine bessere Schule
„Wir müssten Eltern vielmehr sehr ehrlich spiegeln: Auf euch kommt es an. Gebt euren Kindern die Wurzeln, die es braucht, um mit Freunde zu lernen.“
Wirklich? Wozu sind dann eigentlich die Schulen da?
Dann könnten wir doch konsequenterweise Homeschooling als parallele Bildungsform ermöglichen für genau solche Eltern, die SIe ansprechen und die bereit und in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen.
Und in den staatlichen Schulen wäre dadurch vielleicht mehr Raum für genau die Kinder, die diese Unterstützung zu Hause nicht haben: Kinder, deren Eltern von 7 bis 19 Uhr arbeiten, Kinder mit nur einem Elternteil, Kinder ohne stabile familiäre Unterstützung, aus schwierigen oder zerrütteten Verhältnissen oder aus allgemein komplexen Familiensituationen.
Aber ich habe das Gefühl, selbst wenn man die Zahl der Schüler an deutschen Schulen deutlich reduzieren oder sogar halbieren würde, hätten manche Lehrkräfte immer noch genug an den Kindern auszusetzen.
Denn so wie Sie behaupten, Eltern seien über Jahrzehnte daran gewöhnt worden, dass Schulen und Kindergärten die Bildungsverantwortung übernehmen, behaupte ich genauso deutlich, dass viele deutsche Lehrkräfte, besonders in Bayern, über Jahrzehnte daran gewöhnt wurden, selbst möglichst wenig zu übernehmen und immer mehr Verantwortung auf die Schüler abzuwälzen.
„Es sind doch nur ein paar Regeln die wir in aller Klarheit an Eltern adressieren müssen: Sprechen Sie mit ihrem Kind, entdecken sie die Welt mit ihrem Kind, lesen sie ihrem Kind vor, machen sie Brettspiele in der Familie, puzzeln Sie, gehen sie raus mit ihm, gehen sie spazieren oder machen sie eine Fahrradtour. Seien sie aufmerksam was ihrem Kind Freude macht und fördern sie diese Freude.
Wenn Erziehungspartnerschaft so gelebt würde hätten Kita und Schule wenig Mühe Kinder zum Erfolg zu bringen.“
Und am Ende muss ich wirklich fragen: Auf welchem rosaroten Planeten leben Sie eigentlich?
Wissen Sie überhaupt, wie wenige Schüler zu Hause einen Ponyhof und eine idyllische Hollywood-Familiengeschichte haben? In Wirklichkeit sind das ziemlich wenige.
Und dann wird ständig diese „Partnerschaft zwischen Schule und Elternhaus“ betont. Von welcher Partnerschaft reden wir hier eigentlich?
Meinen Sie damit eine Partnerschaft, bei der die Eltern alles übernehmen Versorgung, Erziehung, Bildung, also im Grunde alles, was nötig ist, um ein Kind gut ins Leben zu begleiten und noch de ganzen Tag arbeiten und Geld für die Familie, Schulen und Staat zu verdienen, aber sobald sie in der Schule etwas sagen oder mitreden möchten, wird ihnen die Tür vor der Nase zugemacht?
Ist das die Art von Partnerschaft, die damit gemeint ist?
ich gebe ihnen absolut Recht, sie sprechen aus was wahr ist.
In vielen Punkten gebe ich der Kollegin recht.
Allerdings möchte ich einräumen, dass viele derjenigen, die in die Oberstufe kommen, nicht ausreichend Förderung gebraucht hätten, sondern schlicht und einfach „nur“ ordentliche MSA-Schüler*innen sind.
Auch in SH bescheinigen Schulen S*S alles mögliche, allerdings ermöglicht das die Politik, die sich tolle Möglichkeiten überlegt hat, wie man ganz viele junge Menschen in die Oberstufen hieven kann. Und sind sie dann erstmal dort, werden Lehrkräften Vorwürfe gemacht, wenn sie sich beklagen, dass die S*S dort nicht hingehören, man hätte sie dann nicht versetzen dürfen (implizit wird gesagt „Die können nichts dafür, jetzt musst du dafür sorgen, dass die es schaffen.“).
Ich weiß nicht, wer in meinem Bundesland auf die Idee gekommen ist, Noten an GemS einfach nur umzurechnen. S*S, die ordentlich auf MSA-Niveau (bezogen auf Aufgaben und Anforderungsbereiche) arbeiten, werden sofort zu Gymnasialschüler*innen umdeklariert. Eine 2 auf MSA-Niveau ist aber nun einmal keine 3 auf Gymnasialniveau.
Und gerade an GemS ohne Oberstufe bzw. mit reiner Binnendifferenzierung finden sich nur sehr wenige wirklich schlaue Kids, da deren Eltern wissen, dass dort nicht auf einem anspruchsvollerem Niveau gearbeitet wird. Diese Kinder werden sowieso am liebsten ans Gymnasium geschickt. Nur GemS mit Oberstufe sind noch einigermaßen attraktiv für sie.
Das heißt aber nicht, dass es S*S von GemS ohne Oberstufe nicht zu uns schaffen. Die Noten sorgen ja dafür (s.o.).
Hinzukommt, dass die Oberstufenleitung eine Zulage erhält, wenn eine gewisse Anzahl von S*S „ihre“ Oberstufe besucht. Sie sorgt also häufig aus eigenem Interesse dafür, dass auch wirklich viele S*S in „ihre“ Oberstufe kommen. Wenn man weiß, dass die Neuzugänge von der xy-Schule zwar den Schnitt haben, aber eigentlich nicht geeignet sind, in der gymnasialen Oberstufe mitzuhalten, macht das nichts. Hauptsache, die Zahlen stimmen.
Für den Betrug sind nicht die normalen Lehrkräfte verantwortlich, sondern die Politik. Förderung ist notwendig, ja. Nur sollte diese nicht immer zur Oberstufe und zum Abitur führen müssen.
Letztere Vorgabe führt nur dazu, dass lauter intellektuell ungeeignete junge Menschen sich komplett überfordert fühlen (und darauf mit Absentismus und tatsächlichen psychischen Problemen reagieren), Ehrenrunden drehen (sich aber um nichts kümmern a la „Meine Zukunft? Nicht in meinem Verantwortungsbereich.“), das Niveau ständig gesenkt werden muss und zuletzt – wie die Kollegin es beschreibt – wertlose Abschlüsse verschenkt werden.
Die Diskussion um Chancengerechtigkeit macht das System nicht besser.
… und wieder jemand in unserer Gesellschaft, der nur drauf hat… Ohne eine Lösungsansatz zu bieten… Wir machen wir’s denn nun… Und mal konkret… Gejammer haben wir doch in allen Ecken und enden das zeichnet unseren Staat zur Zeit vor allen anderen aus… Traurig, aber wahr…
Gerne möchte ich Frau Becker komplett bei ihren Ausführungen zustimmen, nur einen Faktor benennt sie nicht: Den Schüler selbst. Einige stehen sich selbst im Weg und haben gar nicht das Interesse oder die Motivation, Defizite in Mathe oder beim Lesen auszugleichen. Es geht ja auch so. Lesen ist out. Mangelnde Lust kann Schule weder durch Ganztag, noch durch dauerhafte Förderung ausgleichen, denn beide verlangen eine Anstrengungsbereitschaft, die nicht jeder erbringen will. Sich drei Stunden mit dem Smartphone beschäftigen? Kein Problem. Mal für eine Stunde ein Buch in die Hand nehmen? Um Himmels willen. Besonders bei unserem Klientel beobachten wir diese Dinge. Und wenn uns bereits Zwölfjährige sagen, dass ihr großes Ziel ist, entweder Influencer zu werden oder in der Grundsicherung zu landen, dann ist klar, dass es mehr als schulischer Arbeit bedarf, um diese Denke zu verändern.
„Den Schüler selbst. Einige stehen sich selbst im Weg“ – womit wir wieder bei Ihrer ewigen Leier wären: der vermeintlichen Faulheit.
Gerne nochmal zur Erinnerung: Es geht um Kinder. Und Kinder sind nicht „faul“ (einfach so) – sie vermeiden, was sie sich nicht zutrauen, wovor sie Angst haben, wozu sie sich gezwungen fühlen. Und Sache der Erwachsenen ist es, ihnen diese Angst zu nehmen. Und nicht, sie als „faul“ zu beschimpfen. Gerne hier nachlesen: https://blog.mojuga.ch/2024/03/27/der-mythos-jugendlicher-faulheit/
„Mal für eine Stunde ein Buch in die Hand nehmen? Um Himmels willen.“ Wie viele Vorbilder von Erwachsenen, die Bücher in die Hand nehmen, hat Ihre Klientel denn, die Sie als Sozialarbeiter betreuen? Und diese Kinder sollen von selbst auf die Idee kommen, Bücher zu lesen – vielleicht noch zur Frankfurter Buchmesse zu fahren?
Schon bemerkenswert, mit wie wenig Einfühlungsvermögen – und psychologischen Grundkenntnissen – man offenbar Sozialarbeiter sein kann.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Meine und Ihre Einlassungen widersprechen sich nicht. Natürlich fehlt es diesen Kindern an Vorbildern in Sachen Lesen und Bildung. Eine Schule kann dies aber ebenso wenig leisten, wie die soziale Arbeit. Und ja, es gibt faule Kinder. Ohne deren Mitwirkung geht es nicht. Ein Arzt kann den Patienten auch nur dann heilen, wenn dieser mitwirkt. Wenn dieser seine Medikamente nicht nimmt, die Therapie nicht besucht und den Diätplan nicht einhält, kann der Arzt wenig machen.
Meine Kinder haben im Übrigen auch gerne den Schlendrian drin. Obwohl meine Frau und ich regelmäßig lesen, tut mein Sohn das sehr ungerne. Er muss dazu ebenso überredet werden, wie zur Mitwirkung bei der Gartenarbeit. Er ist eben in bestimmten Dingen faul. Er hat keine Angst vor diesen Dingen, er hat schlicht und ergreifend keine Lust. Sie müssen nicht jede schlichte Erklärung pathologisieren.
„Eine Schule kann dies aber ebenso wenig leisten, wie die soziale Arbeit.“ Wieso soll eine qualitativ hochwertige und personell entsprechend ausgestattete Ganztagsschule das nicht leisten können?
„Und ja, es gibt faule Kinder. Ohne deren Mitwirkung geht es nicht.“ Es gibt womöglich mehr faule Sozialarbeiter, die sich das Leben mit dem Etikett „faul“ (bringt also eh nichts) für ihre Klientel das Berufsleben sehr leicht machen.
„Er hat schlicht und ergreifend keine Lust.“ Kommt vor. Sie haben auf Ihre Klientel ja erkennbar auch keine Lust.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ach… Ihre Unterstellungen wieder. Ich habe große Lust auf unser Klientel, sonst würde ich den Beruf nicht machen. Keine Lust hab ich hingegen auf Familien, die jegliche Hilfe von uns negieren, teils gegen uns arbeiten und im Grunde keine Notwendigkeit zu Veränderungen sehen. Auch zu den von Ihnen angesprochenen Ganztagsschulen gehört, dass die Kinder auch hingehen. Freizeit am Nachmittag ist jedoch spannender als die Angebote des Ganztages – gerade unser Klientel hat meist keinen Bock darauf und geht lieber nach Hause, auch unerlaubt.
Ich verweise noch mal auf meinen Arztvergleich. Sie erwarten offensichtlich Wunder von der sozialen Arbeit. Doch ohne Mitwirkung geht es nicht. Das scheinen Sie irgendwie nicht begreifen zu wollen.
„Das scheinen Sie irgendwie nicht begreifen zu wollen.“
Hatten wir Ihnen mehrfach geschildert: Wir sind persönlich mit Sozialarbeitenden – etwa im Kinderschutz – verbunden, denen bei Ihren Kommentaren die Haare zu Berge stehen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
@ Redaktion:
Ich finde, Sie tun Herrn Vehrenkamp hier unrecht und würde mir hier eine neutralere Position von Ihnen wünschen:
Zunächst sind wir alle darauf ausgelegt, nicht sinnlos unsere Energie zu verheizen. Eine gewisse Faulheit mag evolutionär sinnvoll (gewesen) sein.
Aber spätestens in der Grundschulzeit sind bestimmte Motive angelegt, die sich immer schwieriger beeinflussen lassen. Ich sehe schon bei unseren Fünftklässlern Kinder mit ausgeprägtem Leistungsmotiv, die einfach gut sein wollen, oder mit starkem Anschlussmotiv, die sehr aktiv für Andere (uns Lehrer, für die Eltern…) lernen. Selbst das Machtmotiv ist bei Einigen deutlich zu erkennen.
Und dann wiederum gibt es eben Kinder, die bekommen sich selbst überhaupt nicht motiviert, die haben einfach keinen Bock, hängen nur rum. Denen kann man erklären, wofür man etwas braucht, warum man selbst es spannend findet, das ändert aber alles nichts. Sicher gibt es dafür psychologisch gute Gründe. Aber wenn aus der Familie keine Unterstützung kommt, auch nicht im Gespräch mit uns, kommen wir als Lehrkräfte einfach an unsere Grenzen. Ohne Unterstützung durch die Familien sind wir auch als Lehrer und Schulsozialarbeiter ziemlich hilflos – so frustrierend das manchmal auch ist…
Mehrfach hatten wir schon Kinder und Jugendliche, die dann natürlich massiv frustriert waren und erstmal gar nichts mehr geschafft haben, aber nach Jahrgang 9 abgegangen sind und dann im Betriebe bzw. in der Ausbildung noch eine ganz positive Entwicklung gemacht haben.
All diese Entwicklungen gab es schon immer. Mit massiver und unkontrollierter Nutzung von digitalen Medien wird es aber nicht besser. Kinder trainieren sich die Aufmerksamkeit systematisch ab, lesen weniger Bücher, haben zunehmend Probleme im Leseverständnis und sehnen sich nach Jobs als Influencer, bei denen man vermeintlich wenig arbeiten muss. Da müssen wir als Familien und Gesellschaft gegenarbeiten, denn solche Entwicklungen kann die Schule nicht einfach abfangen.
Ob wir es wollen oder nicht, wenn wir Kinder an die weiterführenden Schulen bekommen, ist psychologisch schon eine Menge angelegt und verfestigt. Wir strengen uns an, sind aber keine Reparaturbetriebe, die alles, was in Elternhaus und Gesellschaft schiefläuft, abfangen könnten. Das müssen wir als Gesellschaft und auch hier im Forum akzeptieren – idealerweise auch, ohne Kollegen hier als faul oder unfähig darzustellen.
Erstens, Herr Vehrenkamp tritt hier als Sozialarbeiter auf – und der Beruf eines Sozialarbeiters ist es, Menschen aus ihren Problemen herauszuhelfen (und nicht, Menschen zu Problemen zu erklären).
Zweitens, eine Lehrkraft ist kein Sozialarbeiter – insofern mag es im Klassenzimmer ausreichen, Schülerinnen und Schüler als „faul“ wahrzunehmen.
Drittens, was Sie als Lehrer möglicherweise als „faul“ wahrnehmen – fehlende Motivation – hat natürlich immer eine Ursache. Eine beschreiben Sie selbst: Frustration. „Mehrfach hatten wir schon Kinder und Jugendliche, die dann natürlich massiv frustriert waren und erstmal gar nichts mehr geschafft haben, aber nach Jahrgang 9 abgegangen sind und dann im Betriebe bzw. in der Ausbildung noch eine ganz positive Entwicklung gemacht haben.“
Also waren die Betroffenen ja charakterlich doch nicht „faul“. Q. e. d.
„Wir strengen uns an, sind aber keine Reparaturbetriebe“ – Schule vielleicht nicht; Sozialarbeit schon.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Drittens, was Sie als Lehrer möglicherweise als „faul“ wahrnehmen – fehlende Motivation – hat natürlich immer eine Ursache.“
Bitte! Keine Lehrkraft wäre so schlecht ausgebildet und unqualifiziert, das nicht zu wissen
„Zunächst sind wir alle darauf ausgelegt, nicht sinnlos unsere Energie zu verheizen.“
Ja, diese Energie ist den Verurteilungen von Kindern als „faul“ und dem geistlosen Rufen nach „Elternführerscheinen“ vorbehalten (gähn)
„Und dann wiederum gibt es eben Kinder, die bekommen sich selbst überhaupt nicht motiviert, die haben einfach keinen Bock, hängen nur rum.“
Also? Was planen Sie als Team? Im echten Leben machen Sie ja Angebote und können sich nur schlecht darauf ausruhen, dass alle anderen faul seien 😉
„Mehrfach hatten wir schon Kinder und Jugendliche, die dann natürlich massiv frustriert waren und erstmal gar nichts mehr geschafft haben, aber nach Jahrgang 9 abgegangen sind und dann im Betriebe bzw. in der Ausbildung noch eine ganz positive Entwicklung gemacht haben.“
Das freut mich ehrlich und aufrichtig!
Aber meinen Sie, das lag daran, dass diese Schüler*innen von ihrer Familie und Ihnen keine Unterstützung erhielten (weil sie zu „faul“ waren)?
„All diese Entwicklungen gab es schon immer.“
Und ZEHNTAUSENDE, die durch das Netz fielen, selbst in der guten, alten Zeit…
„Wir strengen uns an, sind aber keine Reparaturbetriebe, die alles, was in Elternhaus und Gesellschaft schiefläuft, abfangen könnten.“
Das spricht für Sie, aber Vehrenkamp schreibt sowas nicht. Er bewertet diese Schüler*innen als „faul“. Was am Ende geschehen kann, ist abzuwarten doch ist Deutschland Erstens ein Land, wo der Bildungserfolg im Vergleich erheblich vom Elternhaus abhängig ist. Zweitens helfen feste Zuschreibungen wie „faul“ nicht weiter – im Gegenteil.
Der Artikel und die Redaktion negierten vorhandene Probleme nicht, gerade die Artikel zu PISA sollten hier den Fokus gestellt haben.
Das Benennen bestehender Probleme ist nicht Vehrenkamps Baustelle, es ist die Zuschreibung der Faulheit als Ursache, Schuld und Argumentation, den Einsatz zusätzlicher Ressourcen zu überdenken.
„ Wieso soll eine qualitativ hochwertige und personell entsprechend ausgestattete Ganztagsschule das nicht leisten können?“
Eine qualitativ hochwertige und personell entsprechend ausgestattete Bildungseinrichtung könnte das vermutlich sogar leisten, allein: wo gibt’s die außerhalb von Modellprojekten oder Leuchtturmeinrichtungen?
Sobald nämlich der Personalschlüssel diese zeit- und personalintensive individuelle Zuwendung und Förderung in Klein- und Kleinstgruppen zulassen würde (weil z.B. die Kinderzahlen gesunken sind), wird das dafür notwendige Personal versetzt oder entlassen.
Gern hier nachlesen:
https://www.news4teachers.de/2026/10/geburten-knick-erste-kitatraeger-bauen-personal-ab-kuendigungen-nicht-ausgeschlossen/
„Allein: wo gibt’s die?“ Womit wir wieder bei der Mutter aller Diskussionen angekommen wären: „Weil’s etwas nicht gibt, kann es das nicht geben“ vs. „Wenn es etwas nicht gibt, was in anderen Staaten selbstverständlich ist, ließe es sich politisch durchsetzen – wenn nur der Druck groß genug wäre“.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Eine qualitativ hochwertige und personell entsprechend ausgestattete Bildungseinrichtung könnte das vermutlich sogar leisten“
Durchaus! Darum beschimpfen wir die Mütter ja, diesen Job unbezahlt zu erledigen – wenn die Zeitung fragt, heben wir auch mal einen Vater auf den Schild 😉
„Ein Arzt kann den Patienten auch nur dann heilen, wenn dieser mitwirkt.“
Ärzt*innen machen ihre Arbeit und helfen in jedem Fall. Sie fordern ggf. bessere Ausstattung und/ oder Unterstützung, anstatt im Internet Menschengruppen als nicht behandlungswürdig zu untergraben, würde ich sagen.
„Und ja, es gibt faule Kinder.“
Eine feste Charakterbewertung bzw. Abwertung – eine willkommene Ausrede einem Kind nicht (mehr) helfen müssen zu glauben 🙁
„Ohne deren Mitwirkung geht es nicht.“
Aha. Kinder können (noch!) nicht mitwirken. Mitwirkung ist also ein Zwischenziel, keine Voraussetzung. Ran an die Arbeit 🙂
„Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter.“
Aber…wenn man schlichte Lebensentscheidungen oder Charakterfragen (wie z.B. Faulheit) nicht pathologisiert…wie soll man dann rechtfertigen, solche Leute immer weiter zu subventionieren?
Was wäre nur alles besser, wenn der Staat diesen Leuten (z.B. arbeitslose single mom, 1 Kind von 12 Jahren):
Monatliche Leistungen 2026
Leistung Betrag
Grundbedarf Mutter 563,00 €
Grundbedarf Kind (12 Jahre) 390,00 €
Mehrbedarf Alleinerziehende (12 %) 67,56 €
Gesamtbedarf ohne Wohnkosten 1.020,56 €
Angenommene Miete inkl. Heizung 700,00 €
Gesamtbedarf monatlich 1.720,56 €
Monatliche Gesamtleistungen im Beispiel
1.720,56 €
Einschließlich 259 € Kindergeld und ergänzender Jobcenter-Leistung, bei vollständig anerkannten Wohnkosten.
Zusätzlich möglich:
Leistungen für Schulbedarf
Klassenfahrten, Nachhilfe, gemeinschaftliches Mittagessen und Vereinsaktivitäten sowie gegebenenfalls weitere einmalige Beihilfen.
Wichtig beim Unterhaltsvorschuss: Für ein 12-jähriges Kind sind grundsätzlich 394 € vorgesehen.
Bei gleichzeitigem Grundsicherungsbezug gelten ab 12 Jahren jedoch besondere Voraussetzungen.
Eine vollständig arbeitslose Mutter ohne eigenes Erwerbseinkommen erfüllt diese nicht automatisch.
Außerdem wird Unterhaltsvorschuss bei der Grundsicherung angerechnet.
…
..
.
geben würde.
Vielleicht könnte die dann ihr Kind erziehen, statt durch „Armut“ quasi mit magischen Kräften gezwungen zu sein, nicht genug mit ihrem Kind zu sprechen und sich ihm zuzuwenden, (gratis) Kinderbücher vorzulesen oder die (gratis) Stadt-/Kinderbibliothek zu besuchen oder mal (gratis) draussen spielen zu gehen.
Aber da es das alles ja nicht gibt und arme Menschen in der Bundesrepublik in ECHTER ARMUT leben und daher im ständigen Existenzkampf stehen und NICHT ETWA
– Wohnung
– Essen/Trinken
– medizinische Vollversorgung
– Strom, Wasser, Heizung
– ggf. ÖPNV-Ticket für das Kind
– Schulbildung
– Kita/Betreuung
gestellt kriegen ist es natürlich völlig berechtigt und moralisch total „ok“ und verständlich, seine Kinder verkommen zu lassen. Da muss die Gesellschaft ja wohl endlich mal richtig helfen, besonders die faulen Lehrer und Sozialarbeiter!
Faulheit ist eine Charakterfrage?
Klassischer Fall von Klassismus: die Diskriminierung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihres sozialen Status oder ihrer ökonomischen Situation. Er funktioniert ähnlich wie Rassismus oder Sexismus: Eine Gruppe wird abgewertet oder ausgegrenzt, während eine andere Gruppe von Privilegien profitiert. Klassismus beruht oft auf dem Vorurteil, dass Armut oder Erfolg allein das Ergebnis persönlicher Leistung seien (z. B. die Vorstellung, arme Menschen seien selbst schuld). Gerne hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Klassismus
Nebenbei: Bei diesem küchenpsychologischen Konzept braucht es keine Sozialarbeiter – wozu? Wenn Faulheit eine feste Charaktereigenschaft ist, die die Armut begründet, kann man auch niemandem heraushelfen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ist z.B. eine Sehbehinderung Charakterfrage, oder eine Sehschwäche?
Nö, dafür gibt es gratis(!) Brillen, wenn auch hässliche, wenn man nix zuzahlt.
Eine Lernbehinderung?
Nö, dafür gibt es Förderstatus
Ist es Charakterfrage, mal als Schüler einen schlechten Tag, schlechte Woche, sogar ein ganz schlechtes Jahr zu haben?
Nö. Kommt vor, kräht kein Hahn nach.
Ist es Charakterfrage, ob (in kleinen Wohnungen) ein Schreibplatz/Zimmer für das Kind da ist?
Nö.
Dafür gibt es, oh Wunder schulische Hausaufgabenbetreuung, ein-Euro-Nachhilfe in der Schule, ggf. Nachhilfegutscheine vom Amt umsonst,bei uns zusätzlich mit Lehrerstunden besetzte Hausaufgabenhilfe.
Ist es eine Charakterfrage, konsequent und mehrfach GRATIS (also auf Kosten des Steuerzahlers) gestellte Angebote zu ignorieren, zu „vergessen“ oder (auch nicht allzu selten) BEWUSST ABZULEHNEN?
Ja, definitiv.
Da hat die Küchenpsychologie wohl die Nase vorne – wer die Existenz von (wenigen) faulen Menschen schlicht komplett leugnet … kann da gerne 37 Professoren unterschreiben lassen, bleibt halt Unfug.
Schlichte Realitätsverweigerung.
„Ist es eine Charakterfrage, konsequent und mehrfach GRATIS (also auf Kosten des Steuerzahlers) gestellte Angebote zu ignorieren, zu „vergessen“ oder (auch nicht allzu selten) BEWUSST ABZULEHNEN?“
Ist es eine Charakterfrage, Suggestivfragen zu stellen, für das suggerierte keinerlei Belege zu liefern, dafür aber mit Versalien sinnbildlich herumzuschreien? Da würden wir sagen: Leider ja.
Herzliche Grüße
Die REDAKTION
„Eine Lernbehinderung?
Nö, dafür gibt es Förderstatus“
Eben, das ist Aufgabenbereich der Regelschule selbst, egal wie stark der Impuls sein mag, jegliches Abweichen von IHRER Norm aus dem Regelschulbetrieb ausgliedern zu wollen 😉
„Ja, definitiv.
Da hat die Küchenpsychologie wohl die Nase vorne“
Dem muss ich bezüglich des Forums zähneknirschend zustimmen, immerhin können Sie Ihr schwachsinnige Küchenpsychologie oder die über „faule“ Kinder nicht wissenschaftlich belegen – aber „Die Schüler sind schuld!“ scheint vielen vermeintlichen Pädagog*innen Ausrede zum Nichtstun bescheid…
Gibt halt ne Grenze zwischen dem Erkennen eigener Grenzen und dem Beschuldigen von Kindern und Jugendlichen für deren Grenzen 🙁
Hinzu kommt ja auch, dass Förderungsangebote, wenn es sie denn gibt, auch genutzt werden müssen. Wir haben Förderkurse in den Hauptfächern und es werden gezielt Schüler und Schülerinnen eingeladen, die Probleme in den Fächern haben, aber grundsätzlich darf jeder teilnehmen. In meinem Förderkurs sitzen ganze zwei (von 12 Eingeladenen). In den anderen Kursen sieht es auch nicht so anders aus.
Es klingt erstmal sehr gut, dass Ihre Schule diese Kurse organisieren kann und auch für eine kleine Gruppe durchzieht!
Haben Sie schon im Team besprechen können, wie sich die Teilnehmer*innenzahl erhöhen ließe?
Hier hilft ein einfaches Gedankenspiel:
Warum (ganz konkret, aus welchem direkt greifbaren, unmittelbarem Grund!) sollte ein heutiges Kind/Jugendlicher in der heute existierenden BRD (so wie sie jetzt gerade ist, nicht wie wir oder sonstwer es gerne hätten!) zu doofen, langweiligen oder gar stressigen Extrakursen gehen?
Einfach mal in Ruhe drüber nachdenken.
„Den Schüler selbst. Einige stehen sich selbst im Weg und haben gar nicht das Interesse oder die Motivation, Defizite in Mathe oder beim Lesen auszugleichen. Es geht ja auch so. Lesen ist out.“
Ach gäbe es bloß einen Ort, wo Kindern und Jugendlichen beigebracht werden könnte, weil sie eben keine kleinen Erwachsenen sind…
Sie übersehen (genau wie „Redaktion“) ganz bewusst etwas sehr, sehr einfaches:
Kein Lehrer der Welt, nicht mal ein Superheldenklon aus Pestalozzi, Klafki und Hattie himself kann irgendjemandem etwas beibringen, der …
– das nicht will und aktiv ablehnt
– keinerlei Anreiz hat dies zu ändern, weil Unterschichtluxus auch bei Hartz-Niveau verfügbar bleibt
– in keiner Weise dafür belangt werden kann.
Niemand und keine Macht der Welt kann Menschen in einem System mit verfassungsrechtlich garantierter Versorgungs- PLUS Teilhabezone ZWINGEN, motiviert zu sein sich vernünftig zu verhalten.
Das ist eben der Preis für ein weltweit einmaliges, dauerhaftes Versorgungssystem ohne Ansprüche an die Empfänger.
„Kein Lehrer der Welt, nicht mal ein Superheldenklon aus Pestalozzi, Klafki und Hattie himself kann irgendjemandem etwas beibringen, der – das nicht will und aktiv ablehnt.“
Wie praktisch – 65.000 Schulabgängerinnen und -abgänger jedes Jahr, die keinen Abschluss wollen. Kann man halt nichts machen. (Spaß.)
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Wird in NRW schon seit Jahren in der Gesamtschule gemacht., wenn man Voll-Abi (Gesamtschule) und Voll-Abi (Gym) vergleicht.
Ist ja auch logisch. In der Gesamtschule wird jeder Schüler von der 6. bis in die 9. versetzt, unabhängig von den Noten und dann geht es nach der 10. In die Oberstufe. Am Gym wird sechs Jahre lang, von der 5. bis zur 10. ein höheres Niveau gefahren und dann geht es in die Oberstufe.
Am Ende bekommen alle das Abitur. Aber wenn Dusseldorf sind diesen Quatsch ausdenkt, dann machen wir es halt so. Bei solchen Entscheidungen muss man sein Hirn ausschalten und einfach so machen. Es ist halt politisch gewollt, dass der Leistungsgedanke abgeschafft wird.
„Es ist halt politisch gewollt, dass der Leistungsgedanke abgeschafft wird.“
Das würde ich nicht pauschal sagen. Eigentlich geht es den Politikys wohl eher darum, dass viele einen möglichst hohen Abschluss haben. Macht sich immer gut bei Wähler*innen und im Ausland, denken die.
Man verglich sich mal mit Schweden, wo ja die Berufsausbildung an einer Schule und nicht wirklich dual gemacht wurde. Die Nichten meines Mannes haben z.B. ein Bäcker*innen-und-Konditor*innen-Abitur und ein Hotel- und Gaststätten-Abitur. Die Berufe sind ehrenwert, aber eben nicht vergleichbar.
Und Eltern freuen sich über höhere Abschlüsse, ob ihre Kinder tatsächlich etwas können, interessiert die meisten doch nicht wirklich, wenn die nur das Abitur erhalten haben.
Okay, aber wie erklären Sie sich dann das Zentralabitur? Die Aufgaben für Gymnasiasten und Gesamtschüler sind identisch?
Schauen Sie sich mal die Bewertungsbögen vom Ministerium für die ZP an. Da steht genau, wie was bewertet wird … nicht. Ich kann da quasi alles als richtig anerkennen, was ich möchte. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass das beim Zentralabi anders ist.
Einige korrigieren strenger, andere eben nicht, sollen das doch die Unis ausbaden.
Bevor jetzt wieder einige kommen: Nein, das betrifft nicht alle Gesamtschulen, aber die meisten, die ich kenne.
Die schriftliche Abiturprüfung macht m.W. in NRW nur ca. 25% der Gesamtpunktzahl aus und kann ggf. durch mündliche Leistungen noch verbessert werden.
Um die Prüfung zu bestehen reichen insgesamt mindestens 100 Punkte in allen Prüfungsfächern. In mindestens zwei Fächern, darunter ein Leistungskurs, mindestens 5 Punkte sonst gff. noch eine mündliche Prüfung erforderlich.
Ich frag mich ja, woher die Gymnasiallehrkräfte alle Strategien zur Abischnittkosmetik so genau kennen, die sie den Kolleg*innen an GE vorhalten. Geht eben nichts über eigene, praxiserprobte Erfahrungswerte.
Die lesen fleißig ed840? 😉
Das beantwortet jedoch meine Frage nicht, denn diese Vorgabe gilt sowohl für Gymnasiasten als auch für Gesamtschüler….in NRW…..
Wird es auch nicht. Man geht mal davon aus, dass GeS LuL einfach „leichter/wohlwollender korrigieren und bewerten“.
Das ist halt ein Klischee. Ist bei Privatschulen ja auch „grundsätzlich so“.
Daher sind meine schulhausinternen Abschlussprüfungen „über das Regelschulniveau“.
Bei uns prüfen ja auch unsere Regel-Kooperationsschulen mit als 1. Prüfer. Dazu kooperieren wir auch bei der Prüfungserstellung und Prüfungsvorlage. Und zusätzlich darf der Staat eben auch „einsehen“.
Muss ja „unanklagbar“ sein. Insbesondere für uns. Darauf achten halt „zwei Seiten“ dementsprechend.
Die Regelschulprüfer „prüfen im Schnitt“ „wohlwollender“ als ich.
Aber gut … Hält sich halt trotzdem. Erkaufen sich natürlich alle den Abschluss direkt. Klar.
Also auf Ihre Frage: Ja, die GeS LuL verschenken natürlich die Noten. Die werden dann nach 13 Jahren, statt nach 12 Jahren ausgegeben. Manchmal macht man dazu einen Lostopf und wirft nen paar „Nieten“ rein, damit es nicht ganz so eindeutig wirkt. Das ist es. Rest? Kommt halt weiter. So lange die Abschlussnoten dann noch „unter Gym“ im Schnitt ist … Kaschiert man damit natürlich und entgegnet Nachfragen. Also p(a)sst.
Gymnasiallehrkräfte hingegen korrigieren „wie eine Person“. Alles gleich. Komplett. Das der Wahnsinn. Keine einzige Person hat nur einen Funken an Subjektivität dort. Wirklich identisch das Ganze.
Ist wie ein „Gen“, dass die haben im Prinzip. Reine Objektivität. Bei Deutsch usw.? Dort auch. Stellen Sie sich das wie ein „Trancezustand des Korrigierens“ vor. Absolut faszinierend. Daher gibt es nur Kinder, die halt versagen. Eltern, die halt immer die Kids in die falsche Schulform schicken. Notfalls? Sind halt die doofen Grundschullehrkräfte. Sowie nur halbes Studium auf Halbtagsniveau getrimmt. Können ja auch nur bedingt was dafür. Weiß man doch.
🙂
Die Punkte werden in der Q-Phase gesammelt damit es für den Abschluss reicht. Und es liegt im Interesse der Gesamtschule, dass alle Oberstufenschüler das Abi erhalten. Die Gesamtschule steht ja in Konkurrenz zu den Gymnasien.
Wer also in der 10. mit den Gedanken spielt das Abi zumachen, wird auch durchgetragen.
Und ein Gymnasium hat kein Interesse daran, dass seine Schüler ein möglichst gutes Abitur zu absolvieren?
Ich denke, jede Schule hat ein Interesse daran, dass die Schüler möglichst zahlreich gute Abschlüsse erlangen….
Es ist zwar nur anekdotische Evidenz, aber ich habe von jeder Sorte ein Kind: eins, welches auf dem Gymnasium das Abitur gemacht haben, eins, welches vom Gymnasium auf die Gesamtschule gewechselt ist dort sein Abitur gemacht hat.
Ich habe von den Anforderungen keine großen Differenzen als Außenstehender feststellen können. Geschenkt wurde weder dort noch da etwas…..
Aber im Abi muss ja auch die Mindestpunktzahl in jedem der Prüfungsfächer erreicht werden.
Ich weiß von SekII-Kolleginnen, die als GE-Lehrkräfte Zweitkorrekturen von Abi-Klausuren von Gymnasien gemacht haben, dass sie zu anderen Ergebnissen bei der Benotung gekommen sind. Und dabei ging es dann um drei bis vier Punkte Abweichung nach unten. Diese Einschätzung wurde vom Drittkorrektor eines anderen GY übrigens bestätigt.
Im übrigen ist das Geschilderte kein Einzelfall gewesen – also nix mit anekdotischer Evidenz.
Schauen Sie sich mal eine (z.B.) Englisch-ZP an.
Achten Sie mal genau auf die Punkteformel am Ende in der kleinen unauffälligen Tabelle.
Lesen Sie wörtluch (!) was im EWH steht – ganz ohne Interpretation oder „hätte-könnte-müsste-sollte“, wirklich nur was da steht.
Dann denken Sie mal drüber nach, wie man das überhaupt versemmeln könnte, sofern man mehr macht als leere Blätter abgeben oder unentschuldigt zu fehlen.
Abitur?
Oft ein ähnliches Bild.
Nur als Beispiel: Im letzten Englischabitur waren VIER von ZWEIHUNDERT (ja, richtig gelesen, 200!) Punkten bei „Rechtschreibung“ angesiedelt.
Wieder: Wie soll man es schaffen, das zu vergeigen?
Dann vorher noch die Vornoten 1,5 Jahre aufgehübscht, „Ausgleich“ hier, „Kurs muss nicht angerechnet werden“ dort … fertig ist das „““Abitur©“““.
Und in Mittel- und Großstädten, in denen mehrere GY miteinander konkurrieren, beruhen die Abschlüsse der SuS natürlich ausschließlich auf deren Leistung.
Dabei machen diese GY ihre Einserexamina im Kampf um Anmeldezahlen bei insgesamt sinkender Geburtenzahlen doch „homespun“.
War schon zu meiner Schulzeit so, dass SuS mit schlechten Noten vom math/nat-Gym in der Kreisstadt an Gymnasien in der Großstadt mit anderer Fachrichtung wechselten, um dort das Abitur zu erwerben.
Ansonsten sind Taufurkunden und Latein ab Klasse 5 auch zugleich gute Filter als auch Werbemittel.
Ist so.
Es wurde vom Wähler so bestellt – nun wurd geliefert.
Während an einem Gymnasium nahezu die gesamte Schülerschaft nach der Sekundarstufe I in die eigene gymnasiale Oberstufe übergeht – die Quote liegt hier konstant bei circa 95 % bis 98 % –, verhält sich dies an einer Gesamtschule deutlich differenzierter. An einer Gesamtschule wechseln im Schnitt lediglich etwa 30 % bis 40 % der Jugendlichen in die eigene Oberstufe, da sich viele nach der 10. Klasse für eine Berufsausbildung oder ein Berufskolleg entscheiden. Dass Sie das nicht wissen, erscheint mir ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass sich auch Bildungsferne zur Elite zugehörig fühlen.
… und um am GY in die GOSt aufzusteigen, bedarf es lediglich eines Vierernotendurchschnitts. An der GE kann der Q-Vermerk nur mit einem Dreierschnitt erreicht werden.
ja!
„Die Grundschule im schwierigsten Viertel müsste die beste Schule der Stadt sein.“
Cool!
https://www.welt.de/print/welt_kompakt/hamburg/article155987398/FDP-will-Gymnasien-staerken.html
Oweh! Anscheinend wollen nicht alle in der FDP die Grundschule als „beste Schule“….
Naja, solange Kinder danach noch ans Gymnasium wechseln kön…
https://www.zvw.de/lokales/waiblingen/kind-aufs-gymnasium-waiblinger-rektor-und-fdp-gegen-freie-eltern-entscheidung_arid-729013
Hmm..
Schätze, Frau B. wird bei sowas laut, dass hier Chancen verweigert werden…
„Wir sehen, dass ein Kind etwas nicht kann. Wir beheben es nicht. Wir reichen es weiter“
Danke für die Ehrlichkeit!
Die Bodenwanne des Systems: Wie Selektion die Förderung erstickt – und warum wir eine Schule für alle von 1 bis 10 brauchen
Ich bin Hauptschullehrer. An unserer Schulform kommt das an, was das deutsche Bildungswesen übrig lässt: die Kinder, an denen vorherige Institutionen gescheitert sind oder an denen sie schlicht die Arbeit verweigert haben. Wir sind die sprichwörtliche Bodenwanne des Systems. Weiter nach unten geht es kaum noch – außer vielleicht an die Förderschule. Und wer unseren Schulalltag verstehen will, muss sich anschauen, wie diese Bildungsbiografien überhaupt entstehen.
Nennen wir ein typisches Fallbeispiel Eva.
Phase 1: Die Abkopplung in der GrundschuleBereits im zweiten Schuljahr stellt die Lehrkraft fest, dass Eva den Anschluss verliert. Statt einer frühzeitigen, gezielten Diagnostik und intensiver Förderung fällt stillschweigend ein Urteil: Eva gilt als lernschwach und wird innerlich abgeschrieben.
Ein Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs (AO-SF)? Viel zu aufwendig bei Klassenstärken von fast 30 Kindern. Zudem schrillen im Schulamt sofort die Alarmglocken, wenn an einem Standort plötzlich zu viele Verfahren eröffnet werden – das wirft schließlich unbequeme Fragen auf.
Die Konsequenz für Eva: Sie wird im dritten und vierten Schuljahr in die hinterste Reihe gesetzt. Während vorne der Regelunterricht läuft, malt sie Mandalas aus oder arbeitet sich stumpfsinnig durch Arbeitshefte, die ihr keinerlei echten Lernzuwachs bringen. Wenn Eva die Grundschule verlässt, hat sie de facto bereits zwei volle Entwicklungsjahre verloren.
Phase 2: Das Weiterreichen in der ErprobungsstufeAm Ende der vierten Klasse erhält Eva mit Ach und Krach eine Empfehlung – vielleicht für die Hauptschule, oft aber auch eine Gefälligkeitsempfehlung für die Realschule. Die Eltern melden sie voller Hoffnung an der Realschule an.
Dort wiederholt sich das Muster: In Klasse 5 stellt man fest, dass massive Defizite vorliegen. Da echte Differenzierung personell und didaktisch anstrengend ist, wird die Erprobungsstufe zur reinen Bewährungsfrist deklariert. Man verwahrt Eva zwei Jahre lang, und wenn sie dann – was nach jahrelanger Frustration völlig verständlich ist – emotional unausgeglichen oder verhaltensschwierig reagiert, schlägt am Ende der Klasse 6 die institutionelle Selektion zu: Eva wird abgeschult.
Mit elf oder zwölf Jahren landet sie schließlich an der Hauptschule. Sie sitzt vor uns Lehrkräften als ein Kind, das de facto vier Jahre lang keinen ernsthaften, fördernden Unterricht mehr erhalten hat, sondern systematisch durch das System durchgereicht wurde.
Die Kaskade des WegschiebensDieses Prinzip zieht sich durch das gesamte mehrgliedrige System:
Ein Großteil der pädagogischen Energie im gegliederten Schulwesen fließt nicht in Differenzierung, Diagnostik und Beziehungsarbeit, sondern in das Sortieren und Aussortieren. Wer den jeweiligen Standard nicht mühelos erfüllt, wird abgegeben. Selektion ersetzt Förderung.
Die institutionelle Konsequenz: Eine Schule für alle von 1 bis 10Dieses Verschiebebahnhof-Prinzip lässt sich nur durch eine radikale strukturelle Reform beenden: Wir brauchen ein durchgehendes Schulsystem von Klasse 1 bis 10.
Der entscheidende Hebel ist dabei die institutionelle Verantwortung: Eine Schule darf Schüler nicht mehr nach unten weiterreichen können. Jede Schule muss die Verpflichtung tragen, die Kinder, die sie in Klasse 1 aufnimmt, bis zum Ende der Sekundarstufe I zu führen und zum bestmöglichen individuellen Abschluss zu begleiten.
Erst wenn Schulen nicht mehr die Option haben, pädagogische Herausforderungen einfach vor die Tür zu setzen, ändert sich die Haltung:
Solange wir an der verfrühten Selektion nach Klasse 4 und dem Drehtür-Effekt der Erprobungsstufe festhalten, produzieren wir Bildungsverlierer am laufenden Band. Es wird Zeit, dass die Schulen Verantwortung für alle Kinder übernehmen – vom ersten bis zum zehnten Schuljahr.
Ich gehe bis auf einen Punkt mit:
Gemeinsamer Unterricht ausschließlich bis Klasse 9, der zum ESA/EESA führt, danach dreijährige Differenzierung in
a) einen beruflichen Zweig mit den Abschlussmöglichkeiten FOR und FHR
und
b) einen gymnasialen Zweig mit der Abschlussmöglichkeite AHR
Ich bin absolut für „eine Schule für alle“. Ich bezweifle jedoch, dass dann alle Schulen ausreichend für „verbindliche Frühförderung“ ausgestattet werden. Aus den Erfahrungen mit der Ausstattung bezüglich der Gestaltung von Inklusion gehe ich davon aus, dass die Ausstattung der dann entstehenden Schulen an die Ausstattung von Gymnasien (möglichst wenig Lehrkräfte für möglichst viele SuS pro Klasse) angepasst wird. Die „Rechenschaftspflicht“ wird ad absurdum geführt, wenn Schulen nicht entsprechend mit qualifizierten Förderkräften und qualifizierten Lehrkräften ausgestattet sind: schon systemisch bedingt ist die notwendige Förderung dann nicht leistbar.
Der Fisch stinkt vom Kopf her, und inzwischen ist es nicht mal mehr fünf vor zwölf: was die Qualität des Bildungswesens betrifft, sind wir inzwischen bei 14 Uhr angelangt. Bildungsverlierer sind inzwischen alle Schülergruppen, egal ob hochbegabt, mit Förderbedarf oder einfach nur mit dem Ziel, einen passenden Schulabschluss zu machen. Die Politik schaut total engagiert drauf, und verkauft die Gehaltserhöhungen für Beamte als „Investition in Milliardenhöhe ins Bildungssystem“, die man jetzt aber endlich mal anerkennen müsse.
Danke für Nichts!
„Wie Selektion die Förderung erstickt – und warum wir eine Schule für alle von 1 bis 10 brauchen“
In welchem Bundesland arbeiten Sie denn?
Aus SH, wo es keine Haupt- und Realschulen mehr gibt, kann ich Ihnen versichern, dass man sehr, sehr vorsichtig mit solchen Forderungen sein sollte.
Zwar bin ich für „alle unter einem Dach“ (meinetwegen sogar von 1-13, allerdings fachleistungsdifferenziert!), aber auf keinen Fall für „alle immer zusammen“.
„Alle immer zusammen“ bietet nämlich unglaubliches Sparpotenzial.
So, wie es uns die Inklusion in SH gebracht hat. Da haben Hard-Core-Inklusionist*innen und Finanzleute der Landesregierung an einem Strang gezogen.
Das Resultat kann man sich denken.
Wenn Kinder von Menschen mit unterdurchschnittlichen Bildungserfolgen diese nicht übertreffen, dann muss das nicht an einer Benachteiligung liegen. Andere Erklärungen sind vorstellbar. Zum Beispiel, dass Intelligenz, Fleiß und andere Charaktereigenschaften durch schlechte Beispiele und womöglich auch die Gene vererbt werden. Diese Möglichkeit pauschal auszuschließen ist unredlich. Das Ergebnis lässt nicht zweifelsfrei auf die Ursache schließen.
Tatsächlich kenne ich es aus eigener Praxis, dass die „benachteiligten“ Kinder durch Schulbegleiter, kleinere Klassen und höhere Budgets bereits weit besser gestellt sind als die angeblich besser versorgten Schüler.