KÖLN. Sie machten rechtsextreme Vorfälle an ihrer Schule öffentlich – und mussten schließlich selbst die Schule verlassen. Drei Jahre nach ihrem Brandbrief erhalten die Brandenburger Lehrkräfte Laura Nickel und Max Teske den mit 10.000 Euro dotierten Karl-Küpper-Preis für Zivilcourage. Die Auszeichnung würdigt ihren Einsatz gegen Rechtsextremismus und für demokratische Werte. Zugleich lenkt sie den Blick auf eine Frage, die weit über den Fall hinausreicht: Welchen Rückhalt erhalten Lehrkräfte, wenn sie sich gegen Demokratiefeindlichkeit stellen und dadurch selbst unter Druck geraten?

Die Brandenburger Lehrkräfte Laura Nickel und Max Teske sind für ihren Einsatz gegen Rechtsextremismus an Schulen mit dem Karl-Küpper-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet worden. Der Preis wird von der Stadt Köln, dem Festkomitee Kölner Karneval und dem Verein der Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums vergeben. Gewürdigt wird damit ein Engagement, das die beiden Pädagogen bundesweit bekannt machte – und für sie erhebliche persönliche Konsequenzen hatte.
Im April 2023 hatten Nickel und Teske mit einem Brandbrief auf rechtsextreme Vorfälle an der Grund- und Oberschule Mina Witkojc im brandenburgischen Burg im Spreewald aufmerksam gemacht. Sie berichteten von Hakenkreuzen auf Schulmobiliar, rechtsextremer Musik im Unterricht, rassistischen Parolen sowie sexistischen und homophoben Äußerungen. Nach ihrer Darstellung gehörten solche Vorfälle zum Schulalltag, ohne dass ihnen ausreichend entgegengetreten wurde.
„Wenn Sie von der Schule nach Hause fahren, schauen Sie in den Rückspiegel, ob Sie verfolgt werden, und parken Sie nicht direkt vor der eigenen Haustür“
Der Brief löste eine bundesweite Debatte aus und beschäftigte auch den Brandenburger Landtag. Doch bald gerieten diejenigen unter Druck, die auf die Missstände aufmerksam gemacht hatten. Nickel und Teske wurden angefeindet und bedroht, auch außerhalb der Schule. Schließlich verließen beide ihre damalige Schule. Sie blieben jedoch in Brandenburg und unterrichten heute an anderen Schulen.
Wie weit die Bedrohungen reichten, schilderten sie später öffentlich. Laura Nickel berichtete, der Staatsschutz habe ihr geraten: „Wenn Sie von der Schule nach Hause fahren, schauen Sie in den Rückspiegel, ob Sie verfolgt werden, und parken Sie nicht direkt vor der eigenen Haustür.“ Max Teske erzählte von einem Vorfall, bei dem er gemeinsam mit seiner damals vierjährigen Tochter beim Bäcker als „linke Zecke“ beschimpft worden sei.
2024 reagierte Brandenburg mit einer Verschärfung des Schulgesetzes. Schulen sind seitdem verpflichtet, Vorfälle, bei denen der Nationalsozialismus verherrlicht wird, sowie antisemitische oder rassistische Vorfälle unverzüglich zu melden.
Nickel und Teske setzten ihr Engagement auch nach dem Weggang aus Burg fort. Im März 2026 veröffentlichten sie das Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer. Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen“. Darin verarbeiten sie ihre Erfahrungen und beschreiben anhand weiterer Beispiele, wie rechtsextreme Einstellungen den Schulalltag beeinflussen. Gemeinsam mit anderen engagieren sie sich zudem im Bündnis „Schule für mehr Demokratie“, das sich für politische Bildung, die Vernetzung von Lehrkräften und mehr Unterstützung durch Schulaufsicht und Politik einsetzt.
Wie aktuell die Problematik aus ihrer Sicht weiterhin ist, machten die beiden im Juni 2026 in einem Gastbeitrag für ntv deutlich. Anlass war die Abmahnung des Lehrers Max Heckel aus Stendal, der im Unterricht erklärt hatte, dass er die AfD nicht gewählt habe und auch nicht wählen würde. Nachdem sich die Mutter eines Schülers an die Partei gewandt hatte, war eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht worden. Heckel erhielt eine Abmahnung (News4teachers berichtete).
Nickel und Teske sehen darin ein Beispiel für den wachsenden Druck auf Lehrkräfte, die sich mit demokratiefeindlichen Positionen auseinandersetzen. Sie schrieben: „Lehrerinnen und Lehrer, die aufklären und dagegenhalten, werden diffamiert, an den Pranger gestellt, eingeschüchtert und sehen sich Versuchen ausgesetzt, sie mundtot zu machen. Dabei kommen sie ,nur‘ ihrem Bildungsauftrag nach. Sie stehen in der Pflicht, die Werte der Demokratie der jungen Generation zu vermitteln. Doch immer häufiger werden sie daran gehindert.“
Besonders kritisieren sie den Vorwurf, Lehrkräfte verstießen gegen ein politisches Neutralitätsgebot, wenn sie demokratiefeindlichen Äußerungen widersprechen. Tatsächlich sind Lehrkräfte zwar zu parteipolitischer Zurückhaltung verpflichtet, zugleich gehört der Einsatz für Menschenwürde und die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu ihrem Bildungsauftrag. Dass die Debatte dennoch für Verunsicherung sorgt, zeigte das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung im Juni: Demnach fühlen sich 18 Prozent der Lehrkräfte durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot in ihrem pädagogischen Handeln eingeschränkt, in Ostdeutschland sogar 27 Prozent.
Die Auszeichnung in Köln würdigt nun auch das fortgesetzte Engagement der beiden Pädagogen. Bei der Preisverleihung überreichte Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) gemeinsam mit Festkomitee-Präsident Lutz Schade und Bernhard Conin, dem Vorsitzenden des Vereins der Freunde und Förderer des Kölnischen Brauchtums, den Preis. Die Laudatio hielt der Kölner Künstler Eko Fresh.
Burmester erklärte: „Laura Nickel und Max Teske treten ein gegen Ausgrenzung, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und setzen sich furchtlos für die Demokratie und das Miteinander ein. In dieser rauen Zeit, in der immer mehr Parteien und Personen für ein Weltbild werben, das zentrale Werte unseres Grundgesetzes missachtet, machen sie durch ihre Zivilcourage und Haltung einen Unterschied für unsere demokratische Kultur. Dass wir sie in Erinnerung an Karl Küpper ehren, ist daher folgerichtig und gut.“
„Wenn Lehrerinnen und Lehrer anfangen, aus Angst vor Beschwerden, öffentlichen Anfeindungen oder persönlichen Angriffen zu schweigen, verliert unsere Demokratie einen ihrer wichtigsten Schutzräume: die Schule“
Der Preis erinnert an den Kölner Karnevalisten Karl Küpper (1905–1970), der während der nationalsozialistischen Diktatur in seinen Büttenreden das Regime verspottete und unter anderem den Hitlergruß persiflierte. Die Auszeichnung wurde 2020 anlässlich seines 50. Todestages ins Leben gerufen und wird alle zwei Jahre verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören die Seenotretterin Carola Rackete, der Musiker Rolly Brings und der Künstler Gunter Demnig, dessen Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.
Für Nickel und Teske geht es weiterhin um die Frage, ob Lehrkräfte ihren Bildungsauftrag ohne Angst vor Einschüchterungen erfüllen können. In ihrem Gastbeitrag warnten sie: „Wir dürfen uns an diesen Zustand nicht gewöhnen. Denn wenn Lehrerinnen und Lehrer anfangen, aus Angst vor Beschwerden, öffentlichen Anfeindungen oder persönlichen Angriffen zu schweigen, verliert unsere Demokratie einen ihrer wichtigsten Schutzräume: Schule darf kein Ort werden, an dem man bestimmte Themen meidet, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Demokratie lebt davon, dass man über sie spricht, sie erklärt und nicht zuletzt auch verteidigt.“ News4teachers