WIESBADEN. Künstliche Intelligenz erledigt Hausaufgaben, fasst Texte zusammen und erklärt Unterrichtsstoff – für viele Schülerinnen und Schüler ist sie längst ein selbstverständliches Hilfsmittel. Doch eine neue Befragung von knapp 16.000 Kindern und Jugendlichen in Hessen wirft die Frage auf, ob KI inzwischen auch Lücken füllt, die Schulen selbst hinterlassen. Denn eine große Mehrheit wünscht sich verständlichere Erklärungen – und mehr individuelle Unterstützung durch Lehrkräfte.

64 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Hessen nutzen künstliche Intelligenz, um sich Unterrichtsinhalte erklären zu lassen. 54 Prozent greifen bei Hausaufgaben auf KI zurück, 49 Prozent lassen sich Texte zusammenfassen. Mehr als jeder fünfte Befragte (22 Prozent) hat bereits komplette Hausaufgaben von einer KI erledigen lassen. Insgesamt verwenden 80 Prozent der Jugendlichen entsprechende Anwendungen zumindest gelegentlich für schulische Zwecke.
Das geht aus der dritten Hessischen Schüler*innenbefragung hervor, deren Ergebnisse die Landesschülervertretung (LSV) jetzt vorgestellt hat. Zwischen März und Juni 2026 beteiligten sich 15.978 Schülerinnen und Schüler ab der fünften Jahrgangsstufe an der Onlineerhebung.
„Gute Bildung darf nicht allein davon abhängen, wie gut Schüler*innen sich Inhalte selbstständig aneignen können“
Die Zahlen zeigen zunächst, wie selbstverständlich KI inzwischen zum schulischen Arbeiten gehört. Dabei dürfte auch Bequemlichkeit eine Rolle spielen, insbesondere wenn Jugendliche Aufgaben vollständig von einer Anwendung erledigen lassen. Die Landesschülervertretung lenkt den Blick jedoch auf einen anderen Aspekt: den Unterstützungsbedarf im Unterricht.
70 Prozent der Befragten wünschen sich verständlichere Erklärungen durch ihre Lehrkräfte. 57 Prozent hätten gerne mehr Hilfe beim Verstehen des Unterrichtsstoffs, 56 Prozent wünschen sich mehr individuelle Unterstützung. Die Schülervertretung sieht darin einen Hinweis darauf, dass KI teilweise Aufgaben übernimmt, für die im Unterricht nicht genügend Zeit bleibt.
Volle Klassen, Unterrichtsausfälle und Lehrkräftemangel erschwerten individuelle Erklärungen, kritisiert die LSV. KI dürfe deshalb keinesfalls zur „Ersatzlehrkraft“ werden. In ihrer Mitteilung betont die Schülervertretung: „Gute Bildung darf nicht allein davon abhängen, wie gut Schüler*innen sich Inhalte selbstständig aneignen können.“
Die LSV fordert nicht nur mehr individuelle Förderung, sondern auch eine systematische Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz im Unterricht. 68 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen halten es für wichtig, in der Schule etwas über KI zu lernen. Dazu gehören nach Auffassung der Schülervertretung die Möglichkeiten der Technologie ebenso wie Datenschutz, Fehlerquellen und Risiken. „Schüler*innen brauchen Orientierung statt bloßer Verbote“, heißt es in der Mitteilung.
Die zunehmende Nutzung von KI bedeutet allerdings nicht, dass Schülerinnen und Schüler weniger Zeit für schulische Aufgaben aufwenden müssten. Die Befragung zeigt vielmehr, wie stark Unterricht, Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitung den Alltag vieler Jugendlicher bestimmen. 39 Prozent der Befragten fühlen sich häufig durch schulische Leistungen unter Druck gesetzt, insgesamt 67 Prozent zumindest manchmal. 64 Prozent machen sich häufig oder gelegentlich Sorgen wegen schlechter Noten. Besonders ausgeprägt ist der Leistungsdruck nach Angaben der Landesschülervertretung an Gymnasien und in der Oberstufe.
Die Belastung reicht bis in die Freizeit und die nächtliche Erholung hinein. 53 Prozent berichten, dass sie wegen langen Lernens oder der Erledigung von Hausaufgaben häufig oder manchmal zu wenig beziehungsweise schlecht schlafen. 61 Prozent fehlt aufgrund schulischer Anforderungen zumindest gelegentlich Zeit für ihre Hobbys. „Diese Ergebnisse zeigen, dass Schule für viele Schüler*innen nicht mit dem Unterricht endet. Leistungsanforderungen wirken sich auf Erholung, Schlaf und Freizeit aus“, erklärt die Landesschülervertretung.
Sie kritisiert in diesem Zusammenhang die schulpsychologische Versorgung. In Hessen gebe es zu wenige Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Zudem seien deren Angebote für Jugendliche häufig schwer erreichbar, weil die Fachkräfte überwiegend an Schulämtern angesiedelt seien und nicht unmittelbar an den Schulen zur Verfügung stünden.
Mehr Beratungsangebote allein würden die Ursachen des Leistungsdrucks allerdings nicht beseitigen. Die Schülervertretung fordert deshalb ebenso ausreichend Zeit zum Üben, verständlichen Unterricht und individuelle Förderung. Gerade Jugendliche, die sich Lerninhalte nicht ohne Weiteres selbst erschließen können, seien auf verlässliche Unterstützung angewiesen.
Neben den schulischen Belastungen beschäftigt die Jugendlichen der Umgang mit sozialen Medien. 87 Prozent der Befragten nutzen YouTube täglich, 64 Prozent Instagram, 60 Prozent Snapchat und 59 Prozent TikTok. 36 Prozent verbringen nach eigenen Angaben mehr als vier Stunden pro Tag in sozialen Medien.
Auffällig sind die Unterschiede zwischen den Schulformen. An Hauptschulen geben 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, täglich mehr als sechs Stunden in sozialen Medien zu verbringen. An Gymnasien sind es lediglich acht Prozent. Auch bei der Wahrnehmung digitaler Gefahren zeigen sich Unterschiede. Während 44 Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten politische und extremistische Inhalte als Risiko sozialer Medien benennen, sind es unter Hauptschülerinnen und Hauptschülern nur 19 Prozent. Die Landesschülervertretung fordert eine verbindliche Medienbildung, die alle Schülerinnen und Schüler erreicht. „Medienkompetenz darf nicht vom Bildungsgang abhängen“, erklärt sie.
Wie notwendig entsprechende Angebote sind, verdeutlichen die Erfahrungen mit Cybermobbing. Fünf Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen zwölf Monaten selbst betroffen gewesen zu sein. 15 Prozent kennen nach eigenen Angaben Betroffene. Auch hier fallen die Unterschiede zwischen den Schulformen auf. An Hauptschulen berichten rund elf Prozent von eigenen Cybermobbing-Erfahrungen, an Gymnasien vier Prozent.
Gleichzeitig sehen viele Jugendliche erhebliche Defizite bei der schulischen Aufklärung. Nur 16 Prozent geben an, von Lehrkräften intensiv über Cybermobbing informiert worden zu sein. 23 Prozent berichten, dass eine entsprechende Aufklärung überhaupt nicht stattgefunden habe. Die Schülervertretung fordert dafür dauerhaft verankerte Präventionsangebote, ausreichend Schulsozialarbeit und geschulte Ansprechpersonen. „Betroffene müssen schnell Hilfe erhalten – unabhängig von Schulform und Standort“, betont die LSV. News4teachers / mit Material der dpa