BERLIN. Mehr als neun Stunden täglich verbringen Jugendliche durchschnittlich im Internet – und vier von fünf kennen jemanden, den sie für süchtig nach sozialen Medien halten. Gleichzeitig wächst die Beliebtheit der Plattformen wieder deutlich, besonders TikTok legt zu. Auch auf das Kaufverhalten haben soziale Netzwerke erheblichen Einfluss: Mehr als die Hälfte hat innerhalb von sechs Monaten ein Produkt gekauft, weil sie es bei Influencern gesehen hatte. Das zeigt die aktuelle Jugend-Digitalstudie der Postbank. Die wirft eine zentrale Frage auf: Wie viel Kontrolle haben junge Menschen überhaupt noch über ihre digitale Mediennutzung?

Durchschnittlich 64,6 Stunden pro Woche verbringen Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren im Internet. Umgerechnet sind das rund neun Stunden und 14 Minuten täglich. Ein großer Teil dieser Zeit entfällt auf soziale Netzwerke, wie die aktuelle Jugend-Digitalstudie 2026 der Postbank zeigt. Die Zahl beschreibt allerdings die gesamte Internetnutzung, zu der neben Unterhaltung und sozialen Medien auch Kommunikation, Informationssuche und schulische Aktivitäten gehören.
Wie verbreitet die Wahrnehmung problematischer Social-Media-Nutzung ist, zeigt ein weiterer Befund: Vier von fünf Jugendlichen geben an, in ihrem persönlichen Umfeld Menschen zu kennen, die aus ihrer Sicht süchtig nach sozialen Medien sind. Unter den weiblichen Befragten liegt dieser Anteil bei 82 Prozent, unter den männlichen bei 78 Prozent. Ob die betreffenden Personen tatsächlich eine Abhängigkeit entwickelt haben, wurde dabei nicht medizinisch überprüft.
Dass problematische Social-Media-Nutzung unter Kindern und Jugendlichen tatsächlich ein erhebliches Ausmaß erreicht, zeigen Untersuchungen der Krankenkasse DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Nach deren Studie nutzten 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen soziale Medien in riskantem Ausmaß. Weitere 6,6 Prozent zeigten bereits ein krankhaftes Nutzungsverhalten. Hochgerechnet entspricht das rund 350.000 Kindern und Jugendlichen mit einer pathologischen Social-Media-Nutzung.
Problematisch wird der Umgang mit sozialen Netzwerken insbesondere dann, wenn Betroffene die Kontrolle über ihre Nutzungsdauer verlieren und dadurch andere Lebensbereiche beeinträchtigt werden. Eine hohe Nutzungsdauer allein ist deshalb noch kein ausreichender Beleg für eine Suchterkrankung.
„Jugendliche bewegen sich selbstverständlich in sozialen Netzwerken, reflektieren deren Risiken aber durchaus kritisch“
Auch andere Risiken sozialer Netzwerke sind vielen Jugendlichen bewusst. Mehr als die Hälfte hat laut Postbank-Studie nach eigenen Angaben bereits einen abonnierten Kanal verlassen, weil dort zu viel Aggression, Hass oder Unwahrheiten verbreitet wurden. 37 Prozent deaktivierten aus solchen Gründen sogar ihr eigenes Profil auf einer Social-Media-Plattform. Fast jeder Zweite kennt zudem jemanden, der bereits über soziale Medien gemobbt wurde.
David Dommel, Leiter digitales Performance-Marketing der Postbank, deutet das positiv – und sieht darin ein Zeichen für ein ausgeprägtes Risikobewusstsein. „Jugendliche bewegen sich selbstverständlich in sozialen Netzwerken, reflektieren deren Risiken aber durchaus kritisch. Dass viele Kanäle verlassen oder sogar ihre Profile deaktivieren, zeigt ein wachsendes Bewusstsein für die Gefahren digitaler Plattformen“, erklärt er.
Allerdings ist die Bereitschaft, sich zumindest zeitweise von sozialen Netzwerken zurückzuziehen, zuletzt nicht weiter gestiegen. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren gaben etwas weniger Jugendliche an, ihr Profil wegen problematischer Inhalte deaktiviert zu haben. Gleichzeitig gewinnen die wichtigsten sozialen Netzwerke insgesamt wieder an Reichweite.
Besonders deutlich zeigt sich das bei TikTok. Innerhalb nur eines Jahres stieg der Anteil der 16- bis 18-Jährigen, die die Plattform nutzen, von 54 auf 68 Prozent. Auch Snapchat legte deutlich zu und erreicht nach einem Anstieg um zehn Prozentpunkte inzwischen 56 Prozent der Befragten. Instagram bleibt mit einer Nutzungsquote von 73 Prozent die meistgenutzte Plattform. WhatsApp und YouTube folgen mit jeweils 70 Prozent.
Damit hat sich ein Trend umgekehrt. Zwischen 2021 und 2024 waren die Nutzungsquoten vieler sozialer Netzwerke zurückgegangen. Inzwischen verzeichnen nach Angaben der Postbank nahezu alle der zehn bekanntesten Plattformen wieder Zuwächse.
Die Plattformen erfüllen dabei unterschiedliche Funktionen. WhatsApp und Snapchat dienen vor allem dem persönlichen Austausch, YouTube besonders der Unterhaltung. TikTok verbindet beide Bereiche: Persönliche Themen und Freizeit gehören dort gleichermaßen zu den wichtigsten Nutzungsanlässen. Soziale Netzwerke sind für Jugendliche damit nicht nur Unterhaltungsangebote, sondern auch wichtige Kommunikationsräume.
Zugleich beeinflussen sie zunehmend das Konsumverhalten. 54 Prozent der Befragten haben nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen sechs Monate mindestens ein Produkt gekauft, weil sie es bei Influencern oder Bloggern gesehen hatten. Im Jahr 2020 lag dieser Anteil noch bei 41 Prozent. Junge Frauen reagieren mit 57 Prozent etwas häufiger auf entsprechende Empfehlungen als junge Männer mit 51 Prozent.
Dabei beschränkt sich der Einfluss sozialer Netzwerke längst nicht mehr darauf, Produkte bekannt zu machen. Die Plattformen werden selbst zu Einkaufsorten. 44 Prozent der 16- bis 18-Jährigen haben bereits mindestens einmal direkt über soziale Medien eingekauft, ein Viertel sogar mehrfach. Von den Jugendlichen mit entsprechenden Erfahrungen wollen drei Viertel künftig mindestens genauso häufig oder häufiger direkt über soziale Netzwerke einkaufen.
„Junge Menschen können Konsumentscheidungen immer schneller und mit immer weniger Hindernissen treffen“
Besonders stark profitiert davon TikTok. Unter den Jugendlichen, die bereits über soziale Medien eingekauft haben oder sich einen solchen Einkauf vorstellen können, nennen 55 Prozent TikTok als entsprechende Plattform – 15 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Instagram erreicht in dieser Gruppe 39 Prozent, YouTube 24 Prozent. Als besonders attraktiv empfinden die Befragten Rabattaktionen und individuell passende Produktvorschläge.
„Social Commerce verwischt die Trennung zwischen Unterhaltung, Werbung und Einkauf“, erklärt Dommel. „Kaufentscheidungen entstehen zunehmend dort, wo junge Menschen ohnehin einen erheblichen Teil ihrer Freizeit verbringen. Für Handel und Finanzwirtschaft ist das ein struktureller Wandel, weil Reichweite, Empfehlung und Kaufabschluss immer enger zusammenrücken. Dadurch gewinnt finanzielle Bildung an Bedeutung: Junge Menschen können Konsumentscheidungen immer schneller und mit immer weniger Hindernissen treffen.“
Für die Jugend-Digitalstudie 2026 der Postbank wurden im Juli 1.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren über das Online-Panel Toluna befragt. Die Postbank bezeichnet die Untersuchung als repräsentativ. Zur Einordnung: Diese Altersgruppe wäre von derzeit diskutierten Altersbeschränkungen für die Socia-Media-Nutzung nicht betroffen. News4teachers
Die meisten Jugendlichen würden gerne weniger Social Media nutzen, scheitern aber