BERLIN. Vor den angekündigten bundesweiten Schülerprotesten wächst die Sorge, dass sich die Unzufriedenheit junger Menschen auch in Deutschland gewaltsam entladen könnte. Der Jugendforscher Simon Schnetzer hält das Protestpotenzial für erheblich – erwartet aber keine unmittelbar bevorstehende Eskalation wie zuletzt in Frankreich und Italien. Unterrichtsausfall, steigende Lebenshaltungskosten und schwindendes Vertrauen in die Politik verstärken nach seiner Einschätzung die Zukunftssorgen vieler Jugendlicher. Allerdings verweist eine aktuelle Zahl aus seiner Jugendstudie auf eine andere mögliche Reaktion: Jeder fünfte junge Mensch denkt demnach darüber nach, Deutschland zu verlassen.

Der Jugendforscher Simon Schnetzer rechnet trotz wachsender Unzufriedenheit unter jungen Menschen nicht mit einer unmittelbar bevorstehenden Welle gewaltsamer Proteste in Deutschland. Im Gespräch mit dem Nachrichtensender ntv erklärte er am Mittwoch, dass es durchaus Potenzial für größere Demonstrationen gebe. Die Ursachen sieht er unter anderem in den Schulen und in den wirtschaftlichen Belastungen junger Menschen.
„Wir haben diese Unzufriedenheit aufgrund der Schulen, aufgrund von Unterrichtsausfall und aufgrund der Sorgen wegen der Preissteigerungen. Wir merken, dass es hier eine starke Verschiebung gibt – von einer speziellen Unzufriedenheit hin zu einer allgemeinen, die ganz viele Menschen gerade betrifft. Man hat das Gefühl, dass das Leben gar nicht mehr richtig erschwinglich ist“, erklärte Schnetzer.
Anlass des Interviews waren die gewaltsamen Jugendproteste in Frankreich und Italien. Auch in Deutschland beobachtet Schnetzer einen Vertrauensverlust gegenüber der etablierten Politik. „Das sehen wir bei den Wahlen schon jetzt: In die regierenden Parteien wird wenig Zuversicht gesetzt, und die junge Generation orientiert sich stark nach links und nach rechts.“
Eine gewaltsame Eskalation hierzulande sieht er jedoch noch nicht heraufziehen. Stattdessen verweist er auf eine mögliche andere Reaktion junger Menschen: „Ich erwarte gerade noch nicht, dass es hier sofort knallt. Wir sehen aber in unserer aktuellen Trendstudie auch, dass 21 Prozent planen, ins Ausland zu gehen.“ Entscheidend sei, ob Jugendliche glaubten, durch politischen Protest tatsächlich Veränderungen erreichen zu können. „Die Frage bei einem Protest ist ja auch: Glaube ich daran, mit dieser Protestform Positives zu erreichen? Oder suche ich am Ende Zuflucht an einem Ort außerhalb Deutschlands, weil ich dort eher darauf hoffe, eine gute Lebensperspektive zu haben?“
Dass die Unzufriedenheit in Deutschland bislang nicht in vergleichbare Gewalt umschlage, erklärt Schnetzer auch mit der finanziellen Unterstützung durch die Eltern. „Wenn junge Menschen finanzielle Sorgen haben, können sie beispielsweise die Schwierigkeiten auf dem teuren Wohnungsmarkt häufig dadurch abfedern, dass sie länger bei ihren Eltern bleiben.“ Diese Möglichkeit stehe allerdings nicht allen offen. Mit Blick auf die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme sieht er weiteres Konfliktpotenzial.
In Deutschland sind für den 31. Oktober bundesweite Schülerproteste angekündigt. Die Initiative „Gen Z steht auf“ ruft zu Demonstrationen in zahlreichen Städten auf. Die Jugendlichen fordern bessere Bildungsbedingungen und bezahlbare Lebenshaltungskosten und wenden sich gegen eine Wehrpflicht. Die Organisatoren haben sich ausdrücklich von Gewalt distanziert. Die Polizei warnt dennoch vor möglichen Ausschreitungen. Der Termin fällt auf Halloween, was insbesondere in Berlin zusätzliche Schwierigkeiten für die Sicherheitsbehörden mit sich bringen könnte. Befürchtet wird, dass gewaltbereite Gruppen die Demonstrationen für eigene Zwecke nutzen.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) mahnt dagegen, die Sorgen der Jugendlichen ernst zu nehmen. Bundesvorsitzender Tomi Neckov verwies auf Kriege und Krisen, den Klimawandel, sicherheitspolitische Unsicherheit und seit Jahrzehnten bestehende Missstände an Schulen. „Dass viele Jugendliche in Sorge sind und das laut sagen, ist nachvollziehbar und ein Zeichen von Engagement und einem hohen Grad an politischer und demokratischer Beteiligung“, erklärte er. Zugleich lehne der Verband Gewalt konsequent ab.
„Ich glaube, wenn wir wieder diesen Charme von Fridays for Future hätten – jeder kann mitmachen und wir werden gehört –, dann wäre das eine große Sache“
Schnetzer verweist auf Fridays for Future als Beispiel für eine erfolgreiche friedliche Protestbewegung. Der Einschätzung, die Klimaproteste seien letztlich wirkungslos geblieben, widerspricht er: „Es war ein friedlicher Protest, der es geschafft hat, nicht nur die Jungen zu mobilisieren. Es gab dann Mamas for Future, Scientists for Future. Das war eine enorme Mobilisierung für das Thema Klima.“
Das Thema sei unter Schülerinnen, Schülern und Studierenden weiterhin präsent. Eine vergleichbare Bewegung könne entstehen, wenn junge Menschen erneut das Gefühl bekämen, mit ihren Forderungen gehört zu werden. „Ich glaube, wenn wir wieder diesen Charme von Fridays for Future hätten – jeder kann mitmachen und wir werden gehört –, dann wäre das eine große Sache.“
Bei den Protesten gegen den Wehrdienst sieht Schnetzer vor allem das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, als Antrieb. „Bei diesen Wehrdienstprotesten ist es wieder eine spezielle Gruppe, die sich ungerecht behandelt fühlt. Warum sollen nur die jungen Männer für die Wehrhaftigkeit des Landes sorgen? Warum nicht auch die jungen Frauen oder, noch besser, generationenübergreifend? Der Aspekt der Ungerechtigkeit spielt hier stark mit hinein.“
Fazit Schnetzer: „Ein friedlicher Protest hätte aus meiner Sicht, ähnlich wie das Fridays-for-Future-Konzept, wahrscheinlich das größte Mobilisierungspotenzial.“ News4teachers