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Schulgewalt: Gängige Vorstellungen über extrem gefährliche Täter – falsch?

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BEND. Wieder sind bei einem School Shooting in den USA Kinder und eine Lehrkraft getötet worden. Die Tat wirft einmal mehr die Frage auf, was Jugendliche dazu bringt, in einer Schule möglichst viele Menschen zu verletzen oder zu töten. Eine aktuelle amerikanische Untersuchung von 389 Schusswaffenvorfällen liefert Hinweise darauf, dass hinter solchen Angriffen eine besondere Gewaltdynamik stehen kann. Psychische und verhaltensbezogene Problemlagen sowie die verwendeten Waffen spielen dabei eine Rolle. Dagegen scheint eine verbreitete Erklärung weniger Gewicht zu haben als häufig angenommen: die Vorstellung vom gemobbten Jugendlichen, der sich an seiner Schule rächen will.

Drei Kinder im Alter von fünf, acht und elf Jahren und eine 25-jährige Lehrerin sind tot. Ein weiteres Kind und eine Lehrkraft wurden verletzt. Der Angreifer, ein 16 Jahre alter Jugendlicher, war am Donnerstag mit einer Schrotflinte in die Silver Rail Elementary School in Bend im US-Bundesstaat Oregon eingedrungen. Er schoss sich durch eine verschlossene Tür und eröffnete in einem Klassenraum das Feuer. Über die Tat berichteten unter anderem die Nachrichtenagentur Associated Press und der regionale Sender Oregon Public Broadcasting.

Der Angriff wirft Fragen auf, die nach School Shootings immer wieder gestellt werden: Was bringt einen Jugendlichen dazu, an seiner früheren Schule Menschen zu töten? Welche Erfahrungen, Konflikte oder persönlichen Krisen können einer solchen Tat vorausgehen? Und gibt es bestimmte Merkmale, die besonders schwere Schulangriffe von anderen Formen der Gewalt unterscheiden?

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Eine verbreitete Erklärung lautet, dass solche Täter zuvor selbst Opfer von Mobbing gewesen seien. Dahinter steht die Vorstellung eines Jugendlichen, der über Jahre ausgegrenzt, gedemütigt oder schikaniert wird und schließlich mit einer Gewalttat gegen seine Schule oder Mitschüler reagiert. Tatsächlich können solche Erfahrungen bei einzelnen Tätern eine Rolle spielen. Doch bei besonders schweren Angriffen, bei denen die Täter offenbar möglichst viele Menschen verletzen oder töten wollen, scheint dieses Erklärungsmuster weniger aussagekräftig zu sein als häufig angenommen.

Darauf deutet eine Untersuchung amerikanischer Kriminologen im Fachjournal Journal of School Violence hin, die unlängst veröffentlicht wurde. Brent R. Klein, Emily Greene-Colozzi, Steven M. Chermak und Joshua D. Freilich analysierten 389 Schusswaffenvorfälle an Schulen in den Vereinigten Staaten. Sie wollten herausfinden, welche Faktoren besonders schwere Angriffe von anderen Formen schulischer Schusswaffengewalt unterscheiden.

Denn nicht jeder Jugendliche, der an einer Schule zur Waffe greift, verfolgt dasselbe Ziel. Manche Schusswaffenvorfälle entstehen aus Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen. Die Gewalt richtet sich dann gegen bestimmte Mitschüler, Lehrkräfte oder andere Menschen. Bei anderen Angriffen gibt es dagegen Hinweise darauf, dass die Täter von vornherein eine möglichst große Zahl von Opfern verursachen wollen. Ihre Gewalt richtet sich nicht nur gegen eine einzelne Person, sondern gegen mehrere Menschen.

Gerade bei solchen Angriffen fanden die Wissenschaftler Hinweise auf besondere Entstehungsbedingungen. Eine größere Bedeutung hatten demnach psychische und verhaltensbezogene Problemlagen sowie die Verwendung besonders leistungsfähiger Schusswaffen. Auffällig war zudem, dass besonders schwere Angriffe in der untersuchten Stichprobe eher mit einem geringeren Ausmaß sozialer Benachteiligung im Umfeld der Schulen zusammenhingen. Die Täter kamen also nicht zwangsläufig aus einer besonders benachteiligten sozialen Gegend – ein weiterer Hinweis darauf, dass sich solche Angriffe nicht mit den üblichen Erklärungen für Jugendgewalt erfassen lassen.

Eine andere Erklärung hatte dagegen nur begrenzten Einfluss: frühere Mobbingerfahrungen. Die Forschenden formulieren ihren Befund ausdrücklich so: „peer bullying had limited influence“ – Mobbing durch Gleichaltrige hatte nur begrenzten Einfluss. Deutlichere Zusammenhänge stellten die Forschenden bei psychischen und verhaltensbezogenen Problemlagen fest. In der englischsprachigen Studie heißt es, entsprechende Auffälligkeiten hätten sowohl mit der Zahl der Opfer als auch mit einer im Voraus erkennbaren Absicht zu massenhafter Gewalt zusammengehangen: „behavioral health was linked to casualties and premeditated intent“.

Für Schulen und Sicherheitsbehörden ist das relevant. Wer schwere Schulangriffe vor allem als Racheakte gemobbter Jugendlicher versteht, könnte andere Entwicklungen aus dem Blick verlieren. Die Forschung spricht dafür, persönliche Krisen, problematische Verhaltensweisen, mögliche Gewaltabsichten und die verfügbaren Tatmittel gemeinsam zu betrachten. Einzelne Auffälligkeiten reichen allerdings nicht aus, um daraus eine konkrete Gefährdung abzuleiten.

Auch für Deutschland stellt sich die Frage, welche Bedeutung solche Erkenntnisse haben. Zwar unterscheidet sich die Situation insbesondere beim Zugang zu Schusswaffen erheblich von der in den USA. Doch schwere Schulangriffe dort können auch hierzulande Folgen haben.

Darauf deutet eine Untersuchung von Wissenschaftlern aus Berlin hin. Sie beschäftigten sich mit dem sogenannten „Leaking“ – damit sind Äußerungen gemeint, in denen Jugendliche eine schwere Gewalttat ankündigen, androhen oder entsprechende Absichten gegenüber anderen erkennen lassen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts werteten Vincenz Leuschner, Rebecca Bondü, Marc Allroggen und Herbert Scheithauer insgesamt 427 solcher Fälle aus, die zwischen 1996 und 2007 an Berliner Schulen bekannt geworden waren.

Die Berliner Wissenschaftler beobachteten während des Untersuchungszeitraums einen kontinuierlichen Anstieg entsprechender Meldungen. Dieser sei auch durch „imitation effects after school shootings“ beeinflusst worden, heißt es im englischsprachigen Text – also durch Nachahmungseffekte nach Schulangriffen. Die Berliner Forschenden dokumentieren, dass bereits bekannt gewordene Angriffe selbst zum Bezugspunkt neuer Drohungen werden können. In beiden Fällen greift die Vorstellung einer einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehung zu kurz.

Im amerikanischen Bend versuchen die Ermittler unterdessen weiterhin, die Hintergründe des jüngsten Angriffs zu rekonstruieren. Nach Angaben der Polizei, über die die Associated Press berichtete, versuchte eine Lehrerin, den Angreifer aufzuhalten. Sie warf ihr Mobiltelefon nach dem Jugendlichen, stürzte sich auf ihn und kämpfte mit ihm um die Schrotflinte. Während der Auseinandersetzung betrat ein Vater, dessen zwei Töchter die Schule besuchen, den Klassenraum. Er hatte den Schüssen folgend die Schule betreten und erschoss den 16-Jährigen mit seiner Pistole. Die Lehrerin überlebte unverletzt.

Die Tat ereignete sich in einem Klassenraum für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Ob der Angreifer diesen Raum gezielt ausgewählt hatte, ist bislang nicht bekannt. Auch über sein Motiv liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. News4teachers

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3 COMMENTS

  1. Schön ,dass die Lehrerin überlebt hat,so haben die Eltern die Möglichkeit,diese Heldentat zu ehren. Auch der Staat sollte sie auszeichnen. Viele Kinder verdanken ihr ihr Leben.

  2. Es ist traurig, dass die US Waffenlobby mit ihrem zynischen Satz: “ Gegen den Badguy mit der Waffe, hilft nur ein Goodguy mit einer größeren Waffe“ Recht behalten zu scheint.

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