HAMBURG. Als Sohn kurdischer Migranten wächst Mahmut Martin Yüksel zunächst in einem niedersächsischen Dorf auf, ohne Deutsch zu sprechen. Seine Eltern haben keinen Schulabschluss, er selbst besucht die Hauptschule. Später schafft er es bis nach Harvard. Eine Erfolgsgeschichte des deutschen Bildungssystems? Dr. Yüksel sieht das anders. In seinem Buch „Von der Hauptschule nach Harvard – Ein Bildungsweg gegen die Schwerkraft des Systems“ (rowohlt-Verlag), übt der Mediziner und Neurowissenschaftler scharfe Kritik an der frühen Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen und daran, wie stark die soziale Herkunft noch immer über Bildungschancen entscheidet.

News4teachers: Herr Dr. Yüksel, wie entstand die Idee, Ihre Geschichte in einem Buch aufzuschreiben?
Yüksel: Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass sich im Bildungssystem und in der Politik hinsichtlich der Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund seit meiner Kindheit nicht viel verändert hat. Gleichzeitig habe ich immer mehr Menschen kennengelernt, die ebenfalls ungewöhnliche Bildungswege gegangen sind – etwa von der Hauptschule bis an die Universität. Dadurch wurde mir immer deutlicher, dass dahinter auch ein systemisches Problem steckt, eine gewisse „Schwerkraft des Systems“.
Das Buch soll deshalb nicht nur meinen Bildungsweg erzählen. Ich möchte damit auch eine Debatte darüber anstoßen, wie gerecht unser Bildungssystem ist und welche Reformen notwendig wären. Denn die Ausgangsbedingungen von Kindern unterscheiden sich erheblich. Es macht einen Unterschied, ob beide Eltern hochgebildete Akademiker sind oder ob die Eltern selbst keinen Schulabschluss haben, wie es bei mir der Fall war. Solche Faktoren werden aus meiner Sicht bislang zu wenig berücksichtigt.
News4teachers: Welche Reform wäre für Sie besonders wichtig?
Yüksel: Ein entscheidender Punkt ist die frühe Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche Schulformen. Ich halte es für falsch, bereits nach der vierten Klasse eine Entscheidung zu treffen, die den weiteren Bildungsweg so stark prägt.
Eine Lehrerin oder ein Lehrer kann das Potenzial eines neun- oder zehnjährigen Kindes nicht zuverlässig vorhersagen. Kinder entwickeln sich sehr unterschiedlich. Persönlichkeit, Motivation und Ambitionen entstehen über viele Jahre hinweg. Bei mir spielte beispielsweise Sprache eine Rolle. Bei anderen kommt die Motivation für die Schule einfach später. So gibt es auch in meinem privaten Bekanntenkreis Menschen, die einst eine Hauptschule besuchten und heute selbst als Schulleiterinnen oder Lehrer tätig sind. Menschen, die erst nach der fünften oder sechsten Klasse erkannt haben, welche Ziele sie erreichen und welchen Weg sie einschlagen möchten.
Mit zehn Jahren verstehen viele Kinder noch gar nicht, welche Konsequenzen solche Entscheidungen für ihre Zukunft haben können. Trotzdem beeinflussen wir mit der frühen Aufteilung ihr weiteres Leben maßgeblich.
News4teachers: Sie würden das gegliederte Schulsystem also nicht grundsätzlich abschaffen?
Yüksel: Das dreigliedrige System an sich ist für mich nicht unbedingt das Hauptproblem. Entscheidend ist der Zeitpunkt der Aufteilung. Wenn ich von heute auf morgen eine Sache ändern könnte, würde ich die Differenzierung deutlich später ansetzen – vielleicht in der neunten oder zehnten Klasse.
Auch aus neurowissenschaftlicher Sicht wissen wir heute, dass sich der präfrontale Kortex bis in die frühen 20er-Jahre weiterentwickelt. In dieser Zeit reifen das Gehirn und damit auch wichtige kognitive und soziale Fähigkeiten noch erheblich weiter.
Wenn man sich die Geschichte unseres dreigliedrigen Schulsystems anschaut, wird deutlich, dass seine Grundstruktur noch aus der Kaiserzeit stammt. Was damals vielleicht als sinnvolle Ordnung gedacht war, ist aus meiner Sicht heute nicht mehr zeitgemäß, insbesondere die sehr frühe Aufteilung von Kindern auf unterschiedliche Schulwege.
Auch das Konzept integrativer Gesamtschulen finde ich grundsätzlich interessant. Dennoch ist der Kerngedanke, dass Schülerinnen und Schüler zunächst viele Jahre gemeinsam lernen zu lassen.
News4teachers: Wenn Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen sollen, müsste dann nicht die individuelle Förderung deutlich stärker werden?
Yüksel: Absolut. Wir spezialisieren uns in fast allen Lebensbereichen – warum sollten wir dann nicht auch die individuellen Stärken von Kindern gezielter fördern?
Ich kenne viele Menschen, die schon früh in einem bestimmten Bereich besonders gut waren. Diese Stärke hätte man viel intensiver fördern können. Denkbar wären beispielsweise schon ab der fünften Klasse kleine Angebote zu Architektur, Medizin, Recht oder anderen Bereichen der tatsächlichen Berufswelt.
Mir geht es auch darum, Kindern früher Möglichkeiten zum Ausprobieren zu geben. Heute müssen viele erst kurz vor dem Abitur entscheiden, was sie eigentlich machen wollen. Warum geben wir ihnen nicht früher Gelegenheiten, Interessen zu entdecken und Talente auszubauen?
„Wenn ein Kind schon die Aufgabenstellung nicht richtig versteht, kann es auch nicht zeigen, was es fachlich kann. Seine Leistung wird dadurch negativ beeinflusst bzw. verzerrt“
News4teachers: Nun muss ja nicht jedes Kind gleich nach Harvard gehen. Was wäre für Sie der eigentliche Maßstab für Bildungsgerechtigkeit?
Yüksel: Natürlich geht es nicht darum, dass jedes Kind nach Harvard gehen muss. Für mich bedeutet Bildungsgerechtigkeit vielmehr, dass die Möglichkeiten eines Kindes nicht schon durch seine Herkunft oder durch Voraussetzungen begrenzt werden, für die es selbst nichts kann.
Ein wichtiger Punkt ist deshalb die frühe Sprachförderung. Wenn Defizite bestehen – sei es aufgrund eines Migrationshintergrunds, des Bildungsstands der Eltern oder weil zu Hause anders gesprochen wird –, muss man früh ansetzen. In der Schule geht es schließlich nicht nur um Umgangssprache, sondern um Bildungssprache. Wenn ein Kind schon die Aufgabenstellung nicht richtig versteht, kann es auch nicht zeigen, was es fachlich kann. Seine Leistung wird dadurch negativ beeinflusst bzw. verzerrt.
Der zweite Punkt ist für mich, die Eltern stärker einzubeziehen. Man muss ihnen früh zeigen, welche Bildungs- und Berufswege ihrem Kind offenstehen. Wenn ein Kind sagt, es möchte später Architektin oder Architekt werden, könnte man den Eltern erklären: Das sind mögliche Wege dorthin, diese Abschlüsse braucht man, diese Schritte sind möglich.
Dabei darf es nicht darum gehen, einem Kind aufgrund seiner Herkunft einen bestimmten Weg zuzuschreiben – nach dem Motto: Du kommst aus dieser Familie, also solltest du diesen oder jenen Beruf ergreifen. Im Gegenteil: Es sollte darum gehen, die verschiedenen Möglichkeiten überhaupt sichtbar zu machen.
Denn genau dieses Wissen ist sehr ungleich verteilt. Wenn ich aus einem akademischen Elternhaus komme und beispielsweise Ingenieur werden möchte, können mir meine Eltern vielleicht sagen, welche Hochschulen dafür besonders bekannt sind und worauf ich bei der Studienwahl achten sollte. Wenn meine Eltern das Bildungssystem selbst kaum kennen, fehlt mir dieses Wissen. Dann entsteht schon an dieser Stelle ein Nachteil, der mit meiner eigentlichen Begabung überhaupt nichts zu tun hat.
Und als dritten Punkt müssen wir stärker auf die unsichtbaren Faktoren schauen. Wir tun häufig so, als würden alle Kinder unter denselben Bedingungen starten und müssten anschließend nur noch nach ihrer Leistung beurteilt werden. Aber das entspricht nicht der Realität. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind aus einem Akademikerhaushalt kommt, ob die Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen oder ob es schwere familiäre Belastungen gibt.
Solche Voraussetzungen beeinflussen natürlich auch, wie gut sich ein Kind in der Schule konzentrieren kann und welche Unterstützung es bekommt. Für mich bedeutet Bildungsgerechtigkeit deshalb nicht, dass am Ende alle dasselbe erreichen müssen. Es bedeutet, dass wir unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigen und Kindern tatsächlich die Chance geben, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen.
News4teachers: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch problematische Erfahrungen mit Lehrkräften. Sind Lehrerinnen und Lehrer ausreichend auf unterschiedliche sprachliche, soziale und kulturelle Hintergründe vorbereitet?
Yüksel: Ich glaube, das Problem ist multifaktoriell. Die Ausbildung ist aus meiner Sicht ein Teil davon. Ich habe selbst ein Jahr Physik und Mathematik studiert und dabei auch gemeinsam mit angehenden Lehrkräften Veranstaltungen besucht. Mein Eindruck war, dass die fachliche Ausbildung auf einem sehr hohen Niveau stattfand, pädagogische Inhalte aber vergleichsweise theoretisch blieben.
Ich glaube, dass angehende Lehrkräfte viel stärker anhand konkreter Fälle lernen müssten: Wie gehe ich mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Voraussetzungen um? Wie funktioniert Sprachförderung? Wie erkenne ich eigene Erwartungshaltungen und mögliche Verzerrungen?
Bei meiner Grundschullehrerin habe ich beispielsweise erlebt, dass meinen Eltern empfohlen wurde, zu Hause mit mir Deutsch zu sprechen. Meine Eltern beherrschten Deutsch damals aber selbst kaum. Dadurch konnten sie mir sprachlich nicht das vermitteln, was beabsichtigt war, während gleichzeitig meine stärkere Familiensprache darunter litt. Solche Fragen sollte man evidenzbasiert behandeln.
News4teachers: Sie sprechen auch von strukturellem Rassismus. Inwiefern ist dieser in Deutschland heute noch vorhanden?
Yüksel: Ja. Er zeigt sich dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder zugeschriebenen Zugehörigkeit systematisch schlechtere Chancen nachweislich haben, etwa bei Bildung, Wohnungssuche oder auf dem Arbeitsmarkt.
Ein wichtiger Punkt ist die Erwartungshaltung. Wenn eine Autoritätsperson aufgrund vorheriger Erfahrungen oder aufgrund der Herkunft eines Kindes von vornherein erwartet, dass dieses Kind schlechter sein wird, kann sich das im Verhalten zeigen.
Das muss nicht immer ein ausdrücklich diskriminierender Satz sein. Es kann ein anderer Blick sein, eine veränderte Ansprache oder die Entscheidung, ein Kind seltener dranzunehmen, weil man ohnehin wenig von ihm erwartet.
Bei mir gab es allerdings auch explizite Situationen. Meine Grundschullehrerin sagte beispielsweise sinngemäß: „Für einen Türken ist das schon sehr gut.“ Dabei wusste sie sogar, dass meine Familie kurdisch-stämmig ist. Solche Aussagen kamen leider mehrfach vor.
Ich möchte ausdrücklich nicht behaupten, dass das repräsentativ für Lehrkräfte insgesamt ist. Diese Lehrerin war ein Extremfall. Aber gerade deshalb stellt sich die Frage nach den Kontrollmechanismen. Später erfuhr ich gar, dass die betreffende Lehrerin auch im Kollegium sehr unbeliebt gewesen sei. Trotzdem wurde lange nichts unternommen.
Kinder können solche Situationen häufig noch gar nicht einordnen oder sprachlich ausdrücken. Sie merken vielleicht, dass etwas nicht stimmt, können sich aber kaum dagegen wehren. Deshalb braucht es Strukturen, die sie schützen.
News4teachers: Warum hat sich aus Ihrer Sicht trotz jahrelanger Debatten so wenig verändert?
„Ich würde mir wünschen, dass politische Entscheidungsträger viel unmittelbarer erleben, was an Schulen tatsächlich passiert“
Yüksel: Ich glaube, dass zwischen vielen politischen Entscheidungsträgern und den Menschen, die die Probleme des Bildungssystems unmittelbar erleben, eine große Distanz besteht. Viele Entscheidungen werden auf einer sehr theoretischen Ebene getroffen.
Unsere politischen Entscheidungsträger kommen überdurchschnittlich häufig aus akademisch geprägten Bildungs- und Lebenswelten. Gleichzeitig wissen wir, dass Bildungserfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängt. Deshalb stellt sich die Frage: Wie gut kennen politische Entscheidungsträger die Probleme derjenigen, die unser Bildungssystem selbst als Benachteiligte erlebt haben?
Natürlich können beispielsweise Ganztagsschulen sinnvoll sein. Aber damit allein schließen wir nicht automatisch die sozioökonomische Lücke oder lösen Probleme wie Diskriminierung und fehlende Aufstiegschancen.
Ich würde mir wünschen, dass politische Entscheidungsträger viel unmittelbarer erleben, was an Schulen tatsächlich passiert. Warum hospitiert eine Bildungsministerin oder ein Bildungsminister nicht einmal mehrere Wochen an einer Brennpunktschule in schwieriger Lage? Oder warum werden nicht diejenigen stärker konsultiert, die die Probleme unseres Bildungssystems selbst hautnah erlebt haben als ehemals Benachteiligte? Wer solche Situationen unmittelbar erlebt, bekommt möglicherweise einen anderen Blick auf die Probleme.
News4teachers: Sie kritisieren auch die Reaktionen auf die PISA-Ergebnisse. Was fehlt Ihnen in der Debatte?
Yüksel: Mir wird zu wenig darüber gesprochen, wie stark soziale Herkunft und Bildungserfolg miteinander verbunden sind. Die sozioökonomische Schere zwischen oberen und unteren Viertel, war mitunter eine der auffälligsten Ergebnisse der PISA 2025 Auswertung. Dennoch wurde hierüber vergleichsweise wenig berichtet, als wäre es eine Randnotiz.
Gleichzeitig halte ich die Motivation der Schülerinnen und Schüler für ein wichtiges Thema. Viele junge Menschen haben offenbar nicht mehr das Gefühl, dass sich Bildung für sie lohnt. Darüber müssen wir auch reden.
Nach der Veröffentlichung solcher Studien gibt es häufig einige Tage Berichterstattung, dann verschwindet das Thema wieder. Dabei liegen die Probleme ja weiterhin auf dem Tisch und betrifft langfristig uns alle.
News4teachers: Sie wollen mit Ihrer Kritik aber ausdrücklich nicht die Lehrkräfte angreifen.
Yüksel: Nein! Ich möchte Lehrerinnen und Lehrer bewusst nicht zur Zielscheibe machen. Das wäre nicht richtig. Das Problem ist viel größer und systemisch. Deshalb trägt mein Buch auch den Untertitel „Die Schwerkraft des Systems“. Es geht explizit um systemische Strukturen und Defizite im Bildungssystem.
Natürlich gibt es auch aus Schülersicht einzelne problematische Lehrkräfte – und vice versa. Aber zugleich kenne ich viele sehr gute Lehrerinnen und Lehrer, die unter den bestehenden Bedingungen leiden oder den Beruf sogar verlassen, weil sie das Gefühl haben, dass das System zu starr ist. Auch das ist ein Verlust.
News4teachers: Wen möchten Sie mit Ihrem Buch vor allem erreichen?
Yüksel: Ich würde gerne mit politischen und anderen bildungspolitischen Entscheidungsträgern ins Gespräch kommen und eigene Ideen einbringen. Gleichzeitig richtet sich das Buch an all diejenigen, die sich in dieser Geschichte wiedererkennen. Seit der Veröffentlichung merke ich, dass das deutlich mehr Menschen sind, als ich zunächst erwartet hatte.
Jetzt beginnt eine neue Phase: Ich möchte das Thema auch öffentlich weiter vertreten und die Diskussion am Laufen halten. Denn wenn wir über Bildungsgerechtigkeit nur wenige Tage nach neuen Studienergebnissen sprechen und anschließend wieder zum Alltag übergehen, wird sich zu wenig verändern.
Der pragmatischste Weg ist für mich deshalb, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam nach konkreten Lösungen zu suchen. Denn Bildungsgerechtigkeit gelingt nicht durch Schuldzuweisungen, sondern indem wir gemeinsam überlegen, was wir besser machen können. News4teachers / Milla Priboschek führte das Interview.
“Warum Dr. Yüksel – trotz beeindruckender Bildungskarriere – das deutsche Schulsystem kritisiert„Es wäre vermutlich noch verblüffender, wenn jemand mal die Vorzüge des deutschen Schulsystems lobte.
Die Vorzüge sind, dass das deutsche Bildungssystem erfolgreich den Pöbel vom Gymnasium fern hält und dadurch Gymnasiallehrkräfte vor den Belastungen des richtigen Lebens beschützt werden. Außerdem bekommt dadurch das dumme Bildungsbürgertumkind keine Konkurrenz durch schlaue Migranten – das sorgt für Ruhe in der zunehmend verarmenden Mittelschicht. Für mich ist es mittlerweile klar: Es ist gezielter politischer Wille, dass der Erfolg in unserem Bildungssystem von der Herkunft abhängt und nicht etwas, das lediglich versehentlich so ist und nur repariert werden muss.
Schön, wenn man weiterhin dümmliche Vorurteile pflegen und seinen Hass aufs Gymnasium frönen kann, aber Fakt ist doch, dass auch am Gymnasium der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund deutlich über einem Drittel liegt. Wenn man den Migrationsbegriff ganz weit fasst (nur ein Elternteil mit Einwanderungsgeschichte), dann hat sogar fast jedes zweite Kind am Gymnasium einen Migrationshintergrund (46,7%).
Nix mit Schutz des dummen Deutsch-Kartoffel-Kindes vor schlauen Migranten, die kommen längst auf das Gymnasium.
Aber hey, warum auf Fakten verlassen, wenn man die Gymnasialkollegen gleich mit abqualifizieren kann. Im Kern macht die AfD genau mit dieser Methode auch Politik.
„Aber Fakt ist doch, dass auch am Gymnasium der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund deutlich über einem Drittel liegt.“
Gleichwohl sind am Gymnasium Migrantenkinder unterrepräsentiert. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2025/10/auslaendische-kinder-gehen-vorrangig-auf-die-gesamtschule-deutsche-aufs-gymnasium/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Macht aber doch eigentlich keinen Unterschied an welcher Schulart AHR/FHR erworben wird. Die Abschlüsse werden m.W. als gleichwertig anerkannt.
Es macht einen gesellschaftlichen Unterschied. Wenn ich eine sozial gespaltene Gesellschaft haben will, dann fange ich in den Schulen damit an.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
“Wenn ich eine sozial gespaltene Gesellschaft haben will […]“
Wer will das denn? „Die“ Gymnasiallehrer, „die“ Politiker, „
die „Priviligierten“, die Echsenmenschen?
Das ist ein lyrisches Ich. Will tatsächlich wohl niemand. Will aber auch niemand wirklich etwas dagegen unternehmen – der Befund fehlender Chancengerechtigkeit steht seit mehr als 25 Jahren (PISA 2000).
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ihren Einwand bestreitet keiner. Ich wollte nur dem Blödsinn entgegentreten, dass Migraten vom Gymnasium ferngehalten werden. Das stimmt nämlich ganz sicher nicht.
Systemisch eben doch. Weil es keine obligatorische Sprachförderung von Migrantenkindern in der Grundschule gibt, das Beherrschen der Bildungssprache Deutsch (die nicht-deutsch sprechende Eltern ja nunmal nicht vermitteln können) aber faktisch eine Einstiegshürde für das Gymnasium darstellt – werden viele begabte Migrantenkinder vom Gymnasium ferngehalten.
Das ist ja der Punkt, der auch die Bertha-von-Suttner-Schule – Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises 2026 – umtreibt: Nur 15 Prozent ihrer Schüler kommen mit einer Gymnasialempfehlung; und 60 Prozent schaffen das Abitur. Das ist eine Gesamtschule, wohlgemerkt. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2026/09/sind-gesamtschulen-doch-besser-deutscher-schulpreis-wie-die-sieger-schule-vormacht-benachteiligte-kinder-nach-oben-zu-bringen/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Laut Bericht stammen dort auch 86% der SuS aus sozial bedürftigen Familien und sind auf staatliche Transferleistungen angewiesen.
Da es sich um die einzige weiterführende Schule in Mörfelden-Walldorf handelt und dort laut Sozialmonitoring nur 16,9% der Einwohner u18 Leistungen nach SGB II empfangen, scheint die Schule vor allem von Kindern besucht zu werden, die nicht vor Ort wohnen.
Herr Yuekcel sagt:
„Ein wichtiger Punkt ist deshalb die frühe Sprachförderung. Wenn Defizite bestehen – sei es aufgrund eines Migrationshintergrunds, des Bildungsstands der Eltern oder weil zu Hause anders gesprochen wird –, muss man früh ansetzen.“
Das ist richtig. Aber Sprachentwicklung und Sprachbildung beginnen schon lange vor Schuleintritt, im Elternhaus (Muttersprache) und in der Kita. Beides ist für die sprachliche Entwicklung enorm wichtig.
Sprachentwicklung Kinder – Tabelle & Meilensteine 0 bis 6 Jahre (2026)
„… weil Sprachentwicklung nicht nur „Wortschatz“ ist – sie umfasst Sprachverständnis, Wortschatz, Grammatik, Aussprache und Kommunikationsfähigkeit gleichzeitig.“
Das hat auch die Bundesbildungsministerin erkannt – und engagiert sich deshalb hier: https://www.news4teachers.de/2026/09/kita-reform-beschlossen-tests-von-allen-vierjaehrigen-mehr-personal-in-brennpunkte/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Tests allein verbessern nicht die sprachlichen Fähigkeiten. Dafür braucht es gut ausgebildetes Personal ( nicht nur Versprechungen) und verpflichtende Angebote.
Ich erinnerte mich gerade daran, dass kürzlich jemand hier schrieb, dass Singapur, ein vielsprachiges Land, Englisch als Bildungssprache gewählt hat. Da fragte ich mich, wie dort Kinder mit nicht-englischsprachigen Eltern das hinbekommen. Es scheint ja zu funktionieren, Singapur zählt als Vorbild in Sachen Pisa.
Eine Erklärung fand ich in nachfolgendem Artikel – die Schulpflicht beginnt dort bereits mit 4 Jahren! Auch ansonsten ist der Artikel sehr interessant – es werden das deutsche und das singapurische Bildungssystem verglichen:
https://www.cfg-hockenheim.de/static/pdf/singapur/18052015_Referat_BildungssystemeSingapurDeutschland.pdf
„In Singapur beginnt das Bildungssystem ab dem 4. Lebensjahr eines Kindes in der „Pre School“, wo es bis zu seinem 6. Lebensjahr bleibt. Während dieser Zeit werden den Kindern soziales Verhalten, Selbstsicherheit und Lernmethoden beigebracht. Dies wird durch spielendes lernen den Kindern näher gebracht.“
… und vermutlich auch die Bildungssprache!
Und ehe jetzt der übliche Hinweis kommt – „Singapur ist ein autoritärer Staat“ -Ja, das hat aber mit dem Beginn der Schulpflicht nichts zu tun, dann wären GB (Schulpflicht mit dem 5. Geburtstag) und Frankreich – Schulpflicht schon mit 3 Jahren auch autoritär!
Waren es nicht 40%?
Ja, sorry, es sind 40 Prozent. Herzliche Grüße Die Redaktion
Jein, sage ich als Gymnasiallehrerin an einer GemS mit Oberstufe in Schleswig-Holstein. Meine Kolleg*innen (2/3 Gymnasiallehrkräfte übrigens!) und ich fühlen uns nicht vor den Belastungen des richtigen Lebens geschützt, denn wir haben jeden Tag mit Dingen zu tun, die Sie selbst als linke*r Aktivist*in wahrscheinlich auch nur vom Hörensagen kennen.
Und (ganz wichtig!): Es gibt kein deutsches Bildungssystem. Es gibt 16, die sehr unterschiedlich sind.
Der gezielte politische Wille kommt übrigens aus der Bevölkerung und ist nicht einfach etwas, das die Politik (welche Partei genau?) durchdrückt.
Als Nicht-Politikerin möchte ich hier dann doch einmal meinen Unmut gegenüber meinen Mitbewohner*innen äußern, die irgendwie nur die Politik verantwortlich machen, aber gleichzeitig so wählen, dass es nicht besser werden kann.
Vielleicht ist es in Großstädten so. In kleinen Städten mit dem einzigen Gymnasium gibt es keine Hindernisse für Migrantenkinder und „Pöbel“, aufs Gymnasium zu kommen. Selbst ohne Gymnasialempfehlung werden alle aufgenommen – sowohl deutsche, als auch migrantische Kinder. Da müssten aber Eltern den Wunsch haben, ihren Kindern eine bessere Chance zu geben.
„Die Eltern stärker einzubeziehen“, wie der Autor vorschlägt, ist nur dann möglich, wenn diese Eltern das Mehrwert von der Ausbildung verstehen und bereit sind, etwas dafür zu opfern. Wenn nicht – kann nicht viel gemacht werden.
„In kleinen Städten mit dem einzigen Gymnasium gibt es keine Hindernisse für Migrantenkinder und „Pöbel“, aufs Gymnasium zu kommen.“
Quelle dazu?
„Da müssten aber Eltern den Wunsch haben, ihren Kindern eine bessere Chance zu geben.“
Im Forum regen sich dann alle auf, wenn die Eltern ihr Kind ans Gymnasium bringen wollen…
„[…] ist nur dann möglich, wenn diese Eltern das Mehrwert von der Ausbildung verstehen und bereit sind, etwas dafür zu opfern.“
DAS ist ja der Punkt bei PISA. Die Kinder hängen vom (wirtschaftlichen) Erfolg der Eltern ab, die keine Opfer befürchten müssen oder Glück, die „richtigen“ Eltern zu haben. Sei reich oder hab Glück ist Kindern in einem wohlhabenden Land wie Deutschland unwürdig und unsinnig 🙁
Nee wir sind hier städtisch und trotzdem ist der Anteil mit Migrationshintergrund am Gymnasium hoch. Nicht so hoch wie an den Gesamtschulen allerdings. Und soziale Auslese findet auf jeden Fall statt. Schon durch die Grundschulempfehlung, weil es weder Kita noch Grundschule schaffen, Nachteile eines niedrigen sozioökonomischen Status auszugleichen. Und ja die meisten Menschen hier mit niedrigen sozioökonomischen Status haben einen Migrationshintergrund. Hat man Migrationshintergrund und einen hohen sozioökonomischen Status, hat man hier die gleiche Chance auf das Gymnasium zu kommen, wie Alteingesessene. Bei meinem Sohn ist zB ein ukrainisches Kind in der Klasse, das noch große Probleme mit dem Deutschen hat. Aber das wird bestimmt mit der Zeit, weil kein anderes Kind in der Klasse russisch oder ukrainisch spricht. So lässt sich zwangsweise schnell Deutsch lernen.
„Es ist gezielter politischer Wille, dass der Erfolg in unserem Bildungssystem von der Herkunft abhängt und nicht etwas, das lediglich versehentlich so ist“
Jup, behauptet meines Wissens aber auch niemand, dass es ein Versehen sei.
Welche Belastungen des richtigen Lebens meinen Sie denn genau, vor denen die Gymnasialkräfte systematisch geschützt werden?
Tatsächlich das stärkste Argument (vereinfacht: Hirnwachstum), dass ich bisher aus meiner subjektiven Sicht für spätere Aufteilung gelesen habe.
Gewiss haben reale Schulsysteme auch Nachteile, die treffen dann meist diejenigen, die „untypisch“ sind und vielleicht auch zu den Ausnahmen gehören. Kein System hat NUR VORTEILE.
Aber vielleicht könnte uns der junge Mann auch noch schildern, wie wohl sein Werdegang in der Türkei verlaufen wäre, wo man doch ein einheitliches Schulsystem hat.
In der im September 2026 veröffentlichten PISA-Studie hat die Türkei Deutschland im Bereich der Naturwissenschaften überholt. Während Deutschland auf den schlechtesten Bildungsstand seit Beginn der Erhebungen stürzte, verzeichnete die Türkei die größte Verbesserung aller OECD-Länder. Gerne hier nachlesen: https://www.tagesspiegel.de/internationales/dpa-turkische-schuler-uberholen-deutschland-in-pisa-studie-16036841.html
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Tja, das wäre doch mal wieder eine Gelegenheit, sich anzuschauen, was andere Länder methodisch und didaktisch so treiben. Die Orientierung an den Finnen und Schweden, die vor 20 Jahren so im Trend war, ist irgendwie recht geräuschlos von der Bildfläche verschwunden. Vielleicht könnten wir uns die Türkei zum Vorbild nehmen? Wie sieht dort der Unterricht aus? Was machen die anders als wir?
Ich habe türkische KuK.
Spoileralarm:
Über DEN Teil des türkischen Schulsystems werden Sie keine seitenlangen Lobeshymnen lesen, so viel sei vorab verraten. Sehr überraschend, ich weiß. 😉
Meine türkischen Kids berichten immer wieder davon, dass die Lehrkräfte durchaus Backpfeiffen geben oder mir dem Schlüsselbund werfen würden.
Da hatten sie Angst, was Falsches zu sagen oder Quatsch zu machen.
Wann soll das denn gewesen sein?
Und die haben tatsächlich nur türkische Kinder mit dem Schlüssel beworfen?
Laut OECD-Bericht erreichten die SuS ohne Migrationshintergrund in DE 521 Pkt, Türkei = 500 Pkt, SuS mit Migrationshintergrund in DE 438 Pkt, Türkei = 441 Pkt.
„Die Orientierung an den Finnen und Schweden,“
Die PISA-Ergebnisse in Finnland waren laut OECD-Report in Naturwissenschaften um – 7 Pkt niedriger als 2022, in Mathematik um – 15 Pkt, bei Lesen um -16 Pkt.
In Schweden -9 / -18 / -21 .
In der Türkei +18 / +9 / + 16 Pkt.
Stichprobenanteil SuS aus der besonders benachteiligten Schicht in FIN = 1%,
SWE 3%, Türkei = 31%.
Das ist doch super!
Aber meinen Sie ernsthaft, dass unter Erdogan die S*S sehr viel mitbestimmen und selbstbestimmt lernen dürfen?
Meine türkisch-stämmigen S*S erzählen mir da jedenfalls anderes, wenn sie von ihren Cousins und Cousinen erzählen.
Jetzt geht alles durcheinander, oder?
Herzliche Grüße
Die Redaktion
„Gewiss haben reale Schulsysteme auch Nachteile, die treffen dann meist diejenigen, die „untypisch“ sind und vielleicht auch zu den Ausnahmen gehören.“
Die Abhängigkeit des Lernerfolges vom Wohlstand des Elternhauses ist in Deutschland dermaßen häufig, dass es in PISA gemessen wurde…
„[…] wie wohl sein Werdegang in der Türkei verlaufen […]“
Ein race to the bottom ist so viel erträglicher, wenn man auf andere herabschaut…
Ich kann ja nur für meine Kinder sprechen… Aber die sind so glücklich nicht mehr auf eine Grundschule aka Gesamtschule gehen zu müssen, sondern auf das Gymnasium, wo endlich Unterricht und nicht hauptsächlich Erziehung stattfindet. So wie es an Grund- und Gesamtschulen derzeit läuft, mit zu wenig Lehrkraft pro Kurs und zu viel Problemen pro Klasse, kann ich einer längeren gemeinsamen Lernzeit nichts Gutes abgewinnen.
Klassistische, gleiche langweilige Leier…
Natürlich können Sie davon nichts abverlangen, da ihre Kinder und sie massiv priviligiert zu seien scheinen, alleine durch den Gymnssialzugang und andere Faktoren, die diesen begünstigt haben.
Sie wägen sich in der Sicherheit, dass sie fallende Bildungsstandards endlos wie bisher weiter ignorieren können, sie wirds ja nicht treffen.. oder?
Wundern Sie sich dann aber nicht, wenn die zunehmende Ungleichheit zu mehr mehr Kosten für die Allgemeinheit durch Kriminalität, Armut, Gewalt, fallenden Bildungsstandards, sozialer Verarmung, und damit im Endeffekt zu politischer Instabilität führt..
Und diese tragen sie dann mit, auf die eine oder andere Weise.
Diese endlose Ignoranz hinsichtlich möglicher Verbesserungen im Bildungswesen wird für mich immer unerträglicher…
Pauschale Verurteilung check.
Ich arbeite an einer Gesamtschule und gebe jeden Tag mein Bestes, um allen Schülern gerecht zu werden.
Ich mag meinen Job und ich gehöre zu den engagierten Lehrkräften, die sich sowohl Schüler, als auch Kollegen und Eltern für ihre Kinder wünschen.
Und trotzdem sehe ich, wie meine Kinder unter dem Verhalten anderer leiden. Auch manche meiner Schüler. Ich sage nicht, dass ich pauschal dagegen bin, dass alle länger gemeinsam lernen – aber eben nicht unter diesen Bedingungen. Und ja, da schicke ich meine Kinder lieber an eine Schule, wo sie sich wohlfühlen und ihr hohe Begabung endlich voll entfaltet werden kann.
Ich war übrigens selbst Gesamtschülerin und war dort nicht glücklich. Auch ich habe unter dem Verhalten meiner Mitschüler gelitten und frage mich immer noch, wie viel Potenzial meines Gehirns dort eigentlich nicht gehoben wurde. Seither ist das Leistungsniveau an dieser Gesamtschule weiter gesunken. Meine Schüler gucken mich heute mit großen Augen an, wenn ich ihnen meine Hefte von damals zeige. Für mich war das damals trotzdem zu wenig. Wenn sich in 30 Jahren Gesamtschule nicht für leistungsstarke und leistungswillige Schüler verbessert hat, soll ich meine Kinder einer Ideologie opfern, die unter den vergangenen und aktuellen Bedingungen nicht erreichbar war und ist?
Bestimmt nicht.
So unterschiedlich sind Erfahrungen, ich war auch an einer Gesamtschule und es war eine wirklich glückliche Zeit. Und das obwohl (oder weil) es die größte Gesamtschule der BRD war. Mein Kleiner geht jedenfalls auch auf eine.
Hängt das nicht vielleicht alles von der Schule an sich ab? Es gibt auch Kinder die sich am Gymnasium schlecht fühlen. Kann man danach gehen?
Im Übrigen, wenn du hier häufiger liest, müsste dir aufgefallen sein, dass ich viele Artikel nutze, um für die Unterrichtsmethoden von Doug Lemov zu werben. Methoden für Brennpunktschulen, die sehr viel Einsatz der Lehrkraft erfordern, aber den Schülern so viel bringt.
Wären mir nur meine Kinder wichtig, die solche Methoden nicht benötigen, würde ich dies wohl kaum tun.
Desweiteren würden meine Kinder wirklich massiv privilegiert sein, wären sie an einer Privatschule. Sie sind auf dem städtischen Gymnasium, das am nächsten ist. Genau wie die städtische Grundschule die nächste war. Meine Kinder hatten einfach Glück mit den Genen und ihren Eltern. Sie werden der Gesellschaft mal viel zurückgeben, weil sie ihr volles Potenzial am Gymnasium ausschöpfen können. Der erste macht jetzt ein Praktikum in der Pflege.
Sprachförderung alleine ist nicht stärker als Habitus, Erziehung und Einstellung in der Familie. Chancengleichheit ist eine Utopie
Es geht um Chancengerechtigkeit – auf ein Anrecht auf ein solches Mindestmaß an Unterstützung, dass ein Erfolg im Bildungssystem unabhängig vom Elternhaus möglich ist. Das wäre nicht nur fair, sondern würde der deutschen Gesellschaft auch eine Menge Potenziale erschließen. Siehe Dr. Yüksel. Herzliche Grüße Die Redaktion
Tja dafür fehlt vor allem eins: Geld. Und der Wille zudem.
Am Gymnasium meiner Söhne wird es vorgemacht: Nachmittagsunterricht bis Kl.7 existiert nicht. Stattdessen gibt es Kleingruppenförderung verpflichtend in den Hauptfächern und in Rechtschreibung am Nachmittag für die Kinder, wo die Lehrkräfte es entscheiden. Das kann jedes Kind treffen, zB weil es länger krank war oder weil es Zuhause keine Unterstützung erhält usw. An den Gesamtschulen hier aber gilt Unterricht bis zur 9. Stunde, obwohl bei vielen die Luft da längst raus ist. Völlig sinnlos meiner Meinung nach. Am Gymnasium hier gibt es stattdessen AGs, Hausaufgabenbetreuung oder Befreiung für Hobbys. Ich verstehe wirklich nicht, warum dieses Konzept nicht überall umgesetzt werden kann. Wenn ich Kindern mit Problemen in Mathe in Kleingruppen helfen will, kann ich das gerne tun. In meiner Freizeit. Es gibt keine Stunden dafür!
Diese Chancengerechtigkeit kann man nur verbessern, wenn der Staat viel früher in Familienbelange eingreifen darf.
Screening von allen Kindern im Alter von drei Jahren mit Zwangsmaßnahmen für die Eltern. Nichts mit freiwillig Kind in die Förderung schicken oder eben nicht. …
Zwangsvorschule, um die Schulfähigkeit herzustellen. Schnelleres Handeln bei Problemfällen, statt Laber-Rhabarber, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist …
Ja, dafür braucht man mehr Personal.
Ich verwende das Wort „Zwang“ ganz bewusst. Und was die rechte angeht, inzwischen haben Menschen offensichtlich nur noch Rechte, aber keine Pflichten mehr. Und das ist Teil des Problems.
„Diese Chancengerechtigkeit kann man nur verbessern, wenn der Staat viel früher in Familienbelange eingreifen darf.“
Das Bildungsssystem lässt sich nicht verbessern – ist also schon am Optimum der Möglichkeiten?
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Nachtrag: Wenn das Gegenargument lautet, man bräuchte dann aber mehr Personal, um bestimmte Dinge durchsetzen zu können, ist das eben kein Gegenargument, da man ja sowieso viel mehr Personal bräuchte.
Es gibt in keinem Land Chancengleichheit, in jedem Land haben Kinder aus bildungsnahen Familien Vorteile. Das ist ja auch kaum verwunderlich und wenn man es gänzlich abschaffen und totale Chancengleichheit einführen wollte, müsste man die Kinder grundsätzlich gleich nach der Geburt von den Eltern trennen und staatlich aufziehen. Aber das kann ja keiner wollen.
Was aber unser Problem in Deutschland ist: Der Leitsungsunterschied zwischen Kindern aus bildungsfernen und bildungsnahen Schichten ist viel größer als in anderen Ländern. Also wäre es schon schlau, an gezielten Stellschrauben Geld in die Hand zu nehmen, um besonders Kinder aus bildungsarmen Familien zu fördern.
Nichts anderes hab ich geschrieben. Ich habe sogar geschrieben, wie es am Gymnasium hier läuft. Und wie ich es gerne an meiner Gesamtschule machen würde. Mit Kleingruppenförderung, die ich schon in meiner Freizeit umgesetzt habe unbezahlt – aber das schaffe ich mit drei Kindern nicht mehr und zudem hab ich nur eine halbe Stelle. Aber das müsste eigentlich schon in der Grundschule anfangen. Ich sehe täglich Kinder mit angeblicher Rechenschwäche, wo durch Förderung in der Grundschulzeit alle Lücken geschlossen wurden. Je länger man wartet, desto größer werden die Lücken. Dann fehlt die Basis für die Sek1. Das gilt für alle Hauptfächer.
Ich bin es leid, das System (und einzelne Kinder) durch meinen persönlichen Freizeit-Einsatz zu retten. Die Politik muss endlich liefern!
Er ist halt Mediziner und auch in dem Interview wird klar, dass seine Expertise eher von anekdotischer Relevanz ist. Man kann immer wieder eine Systemdebatte führen, nur kann er aufgrund seiner eigenen Biografie vermutlich nicht begreifen, dass eine Systemumstellung mit erheblichen Kosten verbunden ist. Geld, das man viel besser anlegen könnte: Man sollte z.B. viel mehr Lehrkräfte insbesondere im Brennpunkten oder intakte Schulgebäude bezahlen, Nachmittagsbetreuung für vernachlässigte Kinder verpflichtend machen. Oder Sprachtests für 4-Jährige mit Verpflichtung eines letzten Kindergartenjahres, wenn das Kind zu schlecht Deutsch spricht. DAS würde ganz sicher die Abhängigkeit von der Bildung der Eltern verringern.
Ich sehe hier nur jemanden, der sich ein paar Tage mit dem Schulsystem beschäftigt hat, ohne es wirklich genau zu kennen, und sich nun zum Experten aufschwingt, weil er selbst Erfahrungen gemacht hat und nun noch mit ein paar Leuten redet (aber nur denen aus seiner Bubble, mit Lehrkräften aus Ostfriesland hat er sich wohl kaum unterhalten!!). Und der die Verkäufe für sein vermutlich belangloses Buch ankurbeln will.
Jede*r hat schonmal eine Schule besucht.
Jede*r hat schonmal mit einem Ball gespielt.
Deshalb sind wir das einzige Land, in dem es neben 83 Millionen Bundestrainern auch 83 Millionen „Bildungsexperten“ gibt.
Eben! Und um es mal ganz klar zu sagen: Kein Lehrer kommt auf die Idee, ein Buch über Medizin zu schreiben, weil er seiner Meinung mal von einem Arzt falsch behandelt worden ist und noch andere Personen trifft, die auch dieser Meinung sind.
Wenn Sie Gast in einem Restaurant sind, dürfen Sie das Essen nicht kritisieren – weil Sie ja kein Koch sind?
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ein Buch über einen sehr umfangreichen Bereich -hier das (offenbar westdeutsche) Bildungssystem- lediglich aus der eigenen Schülerperspektive zu verfassen, ist mit einem vielleicht versalzenen Essen nicht vergleichbar.
Nun ist das geschilderte Problem fehlender Chancengerechtigkeit im Bildungswesen ja durchaus belegt. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2026/01/leistungsgerecht-von-wegen-herkunft-entscheidet-immer-staerker-ueber-einkommen-und-bildungschancen/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Sorry, aber ihr Vergleich ist nicht sehr durchdacht. Er müsste lauten: Wenn ich Gast in einem Restaurant bin, sollte ich aufgrund dieser Expertise kein Kochbuch für angehende oder praktizierende Profi-Köche schreiben.
Ja, und dem ist auch so.
Herr Dr. Yüksel hat ein persönliches Buch mit bildungspolitischen Schlussfolgerungen geschrieben. Kein didaktisches Werk für die Lehrkräfteausbildung.
Und Bildungspolitik betrifft eben nicht nur Lehrkräfte.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Schwachsinn.
Das System beizubehalten ist mit enormen langfristigen Kosten verbunden.
Wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter und weiter auseinandergeht, wer wird das abfangen oder indirekt Kosten tragen? Die Allgemeinheit.
Dies ist eine enorme Belastung, die durch bessere Lese-/Sprach-/Fachkompetenzen massiv gelindert werden könnte, wenn man entschloßen das System verbessert oder gar fundamental umkrempelt für bessere Bildungsgerechtigkeit.
Und, weil man wieder dem Herrn Yüksel wieder die Qualifikation, und nicht hauptsächlich seine Ideen kritisiert:
Das, was der Herr angesprochen hat, deckt sich mit dem Wissen, was Pädagogen und Bildungsexperten schon seit Jahrzehnten teilen.
Nur in Deutschland will mans immer noch besser wissen, als andere…
Hauptsache Kinder Gleichgesinnter wie vom Küstenfuchs, müssen nicht mit dem grassierendem Bildungsmangel der Unter- oder Mittelschicht in Deutschland konfrontiert werden.
Aus den Augen aus dem Sinn. Oder?
Ah noch jemand der Schuld am Untergang des Bildungssystems ist. Meine Kinder waren übrigens in einer Grundschule in einem Brennpunkt. Nichts mit kein Kontakt zu niedrigerem sozioökonomischen Status. Sie gehen auch in inklusive Klassen. Sie waren in einer deutsch-türkischen Kita. Sie kennen das alles. Und doch habe ich mich für das Gymnasium entschieden. Weil es das Beste für meine Kinder ist. Das sehe ich jeden Tag. Niemand sollte verurteilt werden, weil er oder sie das Beste für die eigenen Kinder möchte. Ich möchte genauso das Beste für meine Schüler an der Gesamtschule und ich weiß, dass für sie das Gymnasium nicht das Beste wäre. Die Inhalte, die Methoden, die Lehrkräfte – es ist sehr verschieden und wir geben den Kindern einfach viel mehr Unterstützung, damit sue am Ende trotzdem zu einem großen Teil ihr Abitur schaffen. Manche kommen mit Hauptschulempfehlung und machen Abitur. Andere nicht, werden Handwerker und sind glücklich mit ihrem Leben. Nichts anderes will ich für meine Kinder auch.
„mit Lehrkräften aus Ostfriesland hat er sich wohl kaum unterhalten„
In Schleswig Holstein kann es solche Probleme eigentlich nicht geben, da dort Kinder ohne Gymnasialempfehlung auf GEM mit gebundenen Ganztag wechseln und ihnen dort alle Bildungsgänge offen stehen.
Ein sehr wichtiges Thema! Es ist schade zu beobachten, in welche Richtung sich unser Bildungssystem teilweise entwickelt. Ich für meinen Teil wünsche mir, dass wir stärker diejenigen in den Mittelpunkt stellen, um die es eigentlich gehen sollte: die Kinder.
Es läuft an vielen Stellen etwas schief, und dabei werden gerade diejenigen übersehen, die Unterstützung, Vertrauen und echte Chancen am dringendsten brauchen.
Es ist kaum vorstellbar, wie viele Hürden Dr. Yüksel auf seinem Bildungsweg überwinden musste und dass er trotzdem den Mut nicht verloren hat. Sein Buch habe ich innerhalb von drei Tagen verschlungen und halte es für unglaublich wichtig, dass diese Geschichte möglichst viele Menschen erreicht.
Gerade Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen geben irgendwann auf, weil sie das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sehen. Dieses Buch kann ihnen zeigen, dass der eigene Weg nicht immer geradlinig verlaufen muss – und dass es Menschen, Chancen und manchmal auch zweite oder dritte Anläufe geben kann, die plötzlich eine Tür öffnen.
Vielleicht hilft diese Geschichte dem einen oder anderen jungen Menschen genau im richtigen Moment dabei, weiterzumachen und das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Was Sie beschreiben, hatte ich eigentlich in Kurzfom oder Teilen in dem Artikel erwartet nach der reißerischen Überschrift.
Z. B. Welche Hürden gab es, hatte er Unterstützung, durch wen, wann und wodurch ist bei ihm der Knoten geplatzt, wo nahm er seine offenbar unerschütterliche Motivation und Anstrengungsbereitschaft her, welche (vielleicht emotionale) Unterstützung konnten seine Eltern beitragen (weil eben nicht Sprache, Kenntnis Bildungssystem etc.). DAS würde jungen Menschen sicher auch Mut machen.
Danke für Ihren Hinweis, dass es im Buch vorkommt, was dann doch noch Lust auf´s Lesen macht. 🙂
„Wenn ich von heute auf morgen eine Sache ändern könnte, würde ich die Differenzierung deutlich später ansetzen – vielleicht in der neunten oder zehnten Klasse.“
Zu meiner Schulzeit gab es die Differenzierung erst ab Klasse 9, kurz danach sogar erst ab Klasse 11.
Natürlich wäre es möglich, die Schüler länger gemeinsam zu unterrichten. Aber nicht unter den aktuellen Umständen. Wenn ich in der Grundschule fast 30 Kinder in der Klasse habe, vom Förderschüler bis zum späteren Professor, mit viel größeren Schwächen im sprachlichen Bereich als noch vor einigen Jahren, mit und ohne Migrationshintergrund, und das ohne Unterstützung von z.B. Sonderpädagogen, dann sieht es mit der individuellen Förderung schlecht aus.
Wird z.B. in Berlin und Brandenburg gemacht, wo die Grundschule bis zur 6. Klasse dauert.
Anschließend dann Aufteilung auf GYM oder IGS.
Bei IQB-2024 lagen die Punktzahlen der SuS aus der unteren sozialen Schicht in BE trotzdem deutlich schlechter als im Bundeschnitt.