Home Tagesthemen Zwei Jahre Startchancen-Programm: Apparat wächst (und was kommt bei Schülern an?)

Zwei Jahre Startchancen-Programm: Apparat wächst (und was kommt bei Schülern an?)

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BERLIN. Zwei Jahre nach dem Start des milliardenschweren Startchancen-Programms ziehen die beteiligten Wissenschaftler eine erste Zwischenbilanz. Bundesweit sind fast 450 regionale Schulnetzwerke entstanden, mehr als 800 Fachkräfte wurden qualifiziert. Neue Diagnoseinstrumente und Fortbildungsangebote sollen Schulen helfen, Lernrückstände gezielter abzubauen. Doch die Bilanz des wissenschaftlichen Chancen-Verbunds zeigt auch: Bislang wurden vor allem Unterstützungsstrukturen geschaffen. Ob die Maßnahmen tatsächlich zu besseren Lernleistungen führen, muss sich erst noch erweisen.

Schaun mer mal. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

„Was nützt eine zusätzliche Förderstunde, wenn niemand weiß, woran ein Kind scheitert?“, fragt Martina Diedrich, Mitglied der Leitung des wissenschaftlichen Chancen-Verbunds. „Schulen brauchen gute Diagnostik, Zeit für Zusammenarbeit und verlässliche Unterstützung. Das schafft keine Schule allein. Dafür müssen Schulaufsichten, Landesinstitute, aber auch die Ministerien an einem Strang ziehen, mit abgestimmten Zielen und einheitlichen Botschaften. Genau dabei unterstützen wir die Länder: Wir bringen Wissen aus der Forschung ein, beraten die Länder passend zu den Bedingungen vor Ort und qualifizieren Multiplizierende.“

Bund und Länder stellen für das Startchancen-Programm über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro bereit. Rund 4.000 Schulen mit einem besonders hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler sollen davon profitieren. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu verringern und insbesondere grundlegende Kompetenzen in Deutsch und Mathematik zu stärken.

Der Chancen-Verbund verfolgt dabei den Ansatz, dass zusätzliche Fördermittel allein nicht ausreichen. Schulen sollen besser darin unterstützt werden, Lernschwierigkeiten zu erkennen, geeignete Fördermaßnahmen auszuwählen und deren Wirksamkeit zu überprüfen. Dafür setzt der Verbund nicht nur auf diagnostische Instrumente und Fortbildungsangebote, sondern auch auf eine engere Zusammenarbeit von Schulaufsicht, Schulentwicklungsberatung und Bildungsverwaltung.

Entsprechend richtet sich seine Arbeit nicht unmittelbar an einzelne Schulen, sondern vor allem an die Einrichtungen, die Schulen beraten, fortbilden und steuern. Seit Oktober 2024 hat der Verbund gemeinsam mit den Bundesländern mehr als 800 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Fachkräfte aus diesen Unterstützungssystemen qualifiziert. Hinzu kommen zahlreiche Fortbildungsangebote, Unterrichtsmaterialien und Konzepte für die Zusammenarbeit von Schulen.

Ein wichtiger Schritt war die Entwicklung eines gemeinsamen Wirkmodells für das Startchancen-Programm, das Bund und Länder im Juni 2026 verabschiedeten. Es beschreibt, wie Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems zu den Programmzielen beitragen sollen. Darauf aufbauend sollen nun landesspezifische Modelle entstehen.

Besonders sichtbar wird der Aufbau neuer Unterstützungsstrukturen in den regionalen Netzwerken. Seit dem Schuljahr 2026/27 arbeiten Startchancen-Schulen in allen Bundesländern in fast 450 solcher Zusammenschlüsse zusammen. Dort sollen Lehrkräfte und Schulleitungen Erfahrungen austauschen und gemeinsam Unterrichts- und Schulentwicklungskonzepte erarbeiten. Mehr als 240 Leitungen überfachlicher Netzwerke sollen im März 2027 zu einer gemeinsamen Tagung nach Berlin kommen.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Förderung grundlegender Kompetenzen. Das Kompetenzzentrum Mathematik hat seit Mai 2025 mehr als 500 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren qualifiziert. Sie sollen ihr Wissen seit Beginn des Schuljahres 2026/27 in fast allen Bundesländern an Lehrkräfte weitergeben. Für 150 Fachnetzwerke wurden Online-Kurse entwickelt.

In fünf Bundesländern nutzen Lehrkräfte bereits den „Mathe-sicher-können-Online-Check“. Das Diagnoseinstrument soll zeigen, wie sicher Schülerinnen und Schüler der Klassen vier bis sechs grundlegende mathematische Fähigkeiten beherrschen. Drei weitere Länder sollen bis Ende 2027 hinzukommen. Seit September 2026 steht zudem das Modul „Aus VERA-8 lernen“ zur Verfügung, das Lehrkräfte dabei unterstützen soll, Ergebnisse der Vergleichsarbeiten für die Unterrichtsentwicklung zu nutzen.

Auch in der Sprachbildung wurden neue Angebote geschaffen. Gemeinsam mit zehn Bundesländern hat das zuständige Kompetenzzentrum Qualifizierungen entwickelt und rund 200 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschult. Für berufsbildende Schulen entstand ein Leitfaden, der bei der Auswahl geeigneter Diagnoseverfahren helfen soll. Anfang 2027 soll ein „Sprachbildungskompass“ folgen, mit dem Schulen ihre bisherigen Förderstrukturen überprüfen und weiterentwickeln können.

Neben den fachlichen Kompetenzen nimmt der Verbund die Schulentwicklung insgesamt in den Blick. So haben 125 Fachkräfte aus fünf Bundesländern eine erste Qualifizierung zur datengestützten Qualitätsentwicklung abgeschlossen. Weitere rund 120 Teilnehmende aus vier Ländern haben im September einen zweiten Durchgang begonnen. Schulaufsichten und Schulentwicklungsberatungen sollen dadurch lernen, Schulen bei der Auswertung von Lernstandsdaten und der Ableitung konkreter Maßnahmen zu unterstützen.

Ein weiteres Kompetenzzentrum hat mehr als 8.500 Fortbildungsangebote aus 14 Bundesländern zu überfachlichen Kompetenzen ausgewertet. Zudem wurden Konzepte entwickelt, mit denen Lehrkräfte ihre sozial-emotionalen Fähigkeiten stärken und den Unterricht gemeinsam reflektieren können. Für die Berufsorientierung wurde ein Fragebogen zur Berufswahlkompetenz mit rund 1.700 Schülerinnen und Schülern erprobt.

„Ein lernendes Programm braucht eine Wissenschaft, die selbst bereit ist zu lernen“

Auch die Zusammenarbeit von Schulen mit Jugendhilfe und Kommunen soll verbessert werden. Dafür entwickelt der Verbund unter anderem Instrumente aus dem früheren Programm „Schule macht stark“ weiter. Mit der sogenannten ALSO-App analysieren Kommunen und regionale Partner in elf Bundesländern die soziale Situation rund um Schulen, um vorhandene Ressourcen besser nutzen zu können.

Die unterschiedlichen Angebote sollen in den Ländern so miteinander verbunden werden, dass sie die Schulen möglichst umfassend erreichen. Dafür hat der Verbund in allen Bundesländern feste Ansprechpersonen eingerichtet, die sich regelmäßig mit den Programmverantwortlichen über Unterstützungsbedarfe austauschen. In Hessen wurde beispielsweise gemeinsam mit dem Land ein Professionalisierungsnetzwerk entwickelt, das Qualifizierungsinhalte aus mehreren Kompetenzzentren zusammenführt.

Ob dieser Aufwand tatsächlich den Unterricht verbessert, lässt sich aus der Zwischenbilanz allerdings noch nicht ablesen. Die dokumentierten Ergebnisse beziehen sich überwiegend auf Qualifizierungen, entwickelte Angebote, beteiligte Fachkräfte und geschaffene Kooperationsstrukturen. Belastbare Befunde zu Veränderungen der Lernleistungen werden nicht ausgewiesen.

„Wir liefern wissenschaftliche Erkenntnisse, die direkt Veränderungen anstoßen können“, erklärt Prof. Kai Maaz, Mitglied der Verbundleitung. „Auf ihrer Basis verbessern wir Angebote, erkennen, was Fortschritt im Bildungssystem ermöglicht oder bremst, und bringen sie gemeinsam mit den Ländern in Entscheidungen ein. Dabei stellen wir auch unsere eigenen Ansätze auf den Prüfstand. Denn ein lernendes Programm braucht eine Wissenschaft, die selbst bereit ist zu lernen.“

In den kommenden Jahren soll sich zeigen, ob die aufgebauten Netzwerke, Qualifizierungsangebote und Beratungsstrukturen im Schulalltag wirksam werden. Zugleich will der Verbund untersuchen, ob diese Unterstützung dauerhaft im Bildungssystem verankert werden kann – und damit über die zehnjährige Laufzeit des Startchancen-Programms hinaus Bestand hat. Wie sagte noch Franz Beckenbauer? „Schaun mer mal.“ News4teachers

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