STUTTGART. Die große Mehrheit der Lehrkräfte in Baden-Württemberg geht gerne zur Arbeit, versteht sich gut mit ihren Schülerinnen und Schülern und schätzt das eigene Kollegium. Doch die Zuversicht, den Beruf unter den gegebenen Bedingungen dauerhaft ausüben zu können, ist deutlich geringer. Eine neue repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zeigt: Ein Drittel der Lehrkräfte sorgt sich, den beruflichen Anforderungen eines Tages nicht mehr gewachsen zu sein. Besonders auffällig ist, woher die größte Belastung kommt: Nicht schwierige Schülerinnen und Schüler oder Konflikte mit Eltern stehen an erster Stelle, sondern die Bildungspolitik.

88 Prozent der Lehrkräfte in Baden-Württemberg gehen nach eigenen Angaben gerne oder sehr gerne zur Arbeit. 97 Prozent bewerten das Verhältnis zu ihren Schülerinnen und Schülern als gut oder sehr gut, 93 Prozent das Arbeitsklima im Kollegium. Zugleich sind 79 Prozent der Ansicht, dass sich die Rahmenbedingungen ihres Berufs in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Fast zwei Drittel rechnen damit, dass sich die Situation weiter verschlechtern wird.
„Die Motivation der Lehrkräfte ist keine unerschöpfliche Ressource“, warnt der baden-württembergische Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand. Seine Warnung erhält durch einen weiteren Befund Gewicht: Ein Drittel der Lehrkräfte macht sich große oder sehr große Sorgen, den beruflichen Anforderungen eines Tages nicht mehr gewachsen zu sein.
Die Ergebnisse stammen aus einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa, das zwischen dem 28. September und dem 11. Oktober 2026 im Auftrag des VBE Baden-Württemberg insgesamt 505 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen befragt hat. Die statistische Fehlertoleranz liegt nach Angaben des Instituts bei vier Prozentpunkten.
„Wer über Schule entscheidet, muss die Bedingungen kennen, unter denen Lehrkräfte arbeiten, und ihre Erfahrungen ernst nehmen“
Besonders deutlich richtet sich die Kritik gegen die Bildungspolitik. 90 Prozent der Befragten empfinden es als große oder sehr große Belastung, dass Politikerinnen und Politiker bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend berücksichtigen. Damit steht dieser Aspekt an erster Stelle einer Liste vorgegebener Belastungsfaktoren – noch vor der Arbeitszeit, den Klassengrößen und den Schwierigkeiten im Umgang mit Schülerinnen und Schülern.
„Wer über Schule entscheidet, muss die Bedingungen kennen, unter denen Lehrkräfte arbeiten, und ihre Erfahrungen ernst nehmen“, fordert Brand. Der Verband verlangt unter anderem mehr Personal, multiprofessionelle Unterstützung und eine spürbare Entlastung im Schulalltag.
Die Kritik zieht sich durch sämtliche Schulformen. An Grundschulen sehen 91 Prozent der Lehrkräfte die mangelnde Berücksichtigung der schulischen Realität durch die Politik als große oder sehr große Belastung, an weiterführenden Schulen ohne Gymnasien sogar 94 Prozent. An Gymnasien liegt der Anteil bei 85 Prozent.
Neben der Kritik an der Bildungspolitik benennen die Lehrkräfte konkrete Belastungen ihres Arbeitsalltags. 74 Prozent empfinden die unzureichende Anrechnung außerunterrichtlicher Aufgaben als Arbeitszeit als große oder sehr große Belastung. 68 Prozent nennen zu große Klassen. 67 Prozent fühlen sich im Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern häufig alleingelassen. Eine hohe Zahl an Unterrichtsstunden belastet 54 Prozent, zu kleine Klassenräume 49 Prozent.
Wer eine Überlastungsanzeige stellen will, um später einmal Ansprüche wegen Mehrarbeit anmelden zu können, muss seine Arbeitszeit dokumentieren. Ein aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichts legt das nahe. Die LehrZeit-App macht’s leicht möglich.
Wie viele Stunden fließen tatsächlich in Unterricht, Korrekturen, Konferenzen und Elterngespräche? Die meisten Lehrkräfte können diese Frage kaum beantworten. Die hessische Grundschullehrerin Stephanie Horing wollte sich damit nicht länger abfinden – und entwickelte gemeinsam mit ihrem Mann Jens, einem IT-Profi, eine Arbeitszeiterfassung, die den Schulalltag abbildet. Zusammen mit der GEW Hessen entstand daraus LehrZeit.
Nun wird die App in Partnerschaft mit 4teachers und News4teachers allen Lehrkräften angeboten: für vier Euro im Monat, mit besonders günstigen Tarifen für Gruppen und ganze Schulen. Aktuell erfassen schon mehr als 8.000 Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeitszeit mit der Anwendung.
Dabei fällt auf, dass die Befragten die Unterstützung innerhalb der eigenen Schule deutlich günstiger beurteilen als die äußeren Bedingungen. Eine unzureichende Unterstützung durch die Schulleitung bezeichnen lediglich 25 Prozent als große oder sehr große Belastung.
Auch bei der Bewertung der konkreten Arbeitsbedingungen zeigt sich dieses Bild. Während nahezu alle Befragten das Verhältnis zu ihren Schülerinnen und Schülern positiv beurteilen, fallen die Urteile über Räume und Ausstattung deutlich schlechter aus. Nur 48 Prozent bewerten die Klassengrößen als gut oder sehr gut, lediglich 45 Prozent die Raumsituation. Den baulichen Zustand ihrer Schule beurteilen 53 Prozent positiv. Etwas günstiger fällt die Einschätzung der Ausstattung mit digitalen Lehr- und Lernmaterialien aus, die 68 Prozent für gut oder sehr gut halten.
Besonders ausgeprägt sind die Belastungen an Grundschulen. In einer offenen Frage nach den größten Problemen an der eigenen Schule nennen dort 44 Prozent den Lehrkräftemangel. An weiterführenden Schulen ohne Gymnasien sind es 16 Prozent, an Gymnasien 14 Prozent. Auch die Herausforderungen durch Heterogenität, Inklusion und Integration werden an Grundschulen besonders häufig angesprochen. 41 Prozent der Grundschullehrkräfte nennen diesen Bereich als eines der größten Probleme, gegenüber 25 Prozent an weiterführenden Schulen ohne Gymnasien und 16 Prozent an Gymnasien.
Deutlich werden die Unterschiede zwischen den Schulformen vor allem bei der Unterstützung im Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern. An Grundschulen empfinden 76 Prozent diesen Aspekt als große oder sehr große Belastung. An weiterführenden Schulen ohne Gymnasien sind es 69 Prozent, an Gymnasien 49 Prozent. Konflikte mit Eltern belasten Grundschullehrkräfte ebenfalls häufiger. 49 Prozent bezeichnen sie als große oder sehr große Belastung, gegenüber 41 Prozent an weiterführenden Schulen ohne Gymnasien und 21 Prozent an Gymnasien.
An den weiterführenden Schulen ohne Gymnasien stehen dagegen häufiger Probleme mit dem Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler im Vordergrund. Bei der offenen Frage nach den größten Problemen nennen 28 Prozent Respektlosigkeit oder Schwierigkeiten im sozialen Miteinander. An Grundschulen sind es 15 Prozent, an Gymnasien 13 Prozent. Auch mangelnder Lernwille, Disziplin und Konzentration werden an diesen Schulen häufiger angesprochen.
Gymnasiallehrkräfte wiederum nennen vergleichsweise oft Herausforderungen durch technische Entwicklungen. 22 Prozent sehen Digitalisierung und technische Ausstattung als eines der größten Probleme an ihrer Schule, 18 Prozent die Nutzung von Handys, sozialen Medien und Suchtmitteln. Künstliche Intelligenz wird von 13 Prozent genannt. An Grundschulen spielt dieses Thema bei der offenen Problemabfrage praktisch keine Rolle.
Wie verbreitet die Sorge um die eigene berufliche Belastbarkeit ist, zeigt die Abstufung der Antworten: Weitere 43 Prozent der Lehrkräfte machen sich weniger große Sorgen, den Anforderungen ihres Berufs eines Tages nicht mehr gewachsen zu sein. Nur 24 Prozent geben an, überhaupt keine entsprechenden Sorgen zu haben.
Frauen sind dabei häufiger besorgt als Männer. Unter den Lehrerinnen berichten 37 Prozent von großen oder sehr großen Sorgen, unter den Lehrern 25 Prozent. Auch die Altersgruppen unterscheiden sich: Besonders häufig äußern die 50- bis 59-Jährigen entsprechende Befürchtungen. In dieser Gruppe liegt der Anteil bei 38 Prozent, während er bei den mindestens 60-Jährigen 24 Prozent beträgt.
Unter den Grundschullehrkräften machen sich 35 Prozent große oder sehr große Sorgen, den Anforderungen künftig nicht mehr gewachsen zu sein. An weiterführenden Schulen ohne Gymnasien sind es 34 Prozent, an Gymnasien 25 Prozent.
Wer große oder sehr große Sorgen vor einer künftigen Überforderung hat, nennt dafür vor allem die steigenden Anforderungen, die Arbeitsbelastung und zusätzliche Aufgaben. 36 Prozent dieser Gruppe führen diese Gründe an. 26 Prozent nennen gesundheitliche Probleme, 22 Prozent Stress und psychische Belastungen. Das zunehmende Alter spielt für 18 Prozent eine Rolle, die veränderte und heterogenere Schülerschaft für 17 Prozent.
Umso bemerkenswerter ist die weiterhin hohe Identifikation mit dem Beruf. Jeweils 98 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihnen bei ihrer Berufswahl die Freude an der Wissensvermittlung und an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wichtig oder sehr wichtig gewesen sei. Für 83 Prozent spielte das Interesse am eigenen Unterrichtsfach eine wesentliche Rolle, für 77 Prozent die Verantwortung und Eigenständigkeit des Berufs.
Materielle und organisatorische Vorteile waren demgegenüber weniger ausschlaggebend. Die Existenzsicherheit bezeichneten 59 Prozent als wichtiges Motiv, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf 55 Prozent. Ein hohes gesellschaftliches Ansehen spielte dagegen nur für zehn Prozent eine wichtige Rolle bei der Berufswahl.
Diese berufliche Motivation schlägt sich auch in der Einschätzung der eigenen Erfahrungen nieder. 81 Prozent der Befragten sagen, dass sich ihre ursprünglichen Erwartungen an den Lehrerberuf zumindest eher erfüllt haben. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Bei den 40- bis 49-Jährigen geben 26 Prozent an, ihre Erwartungen hätten sich eher nicht oder überhaupt nicht bestätigt. Bei den unter 40-Jährigen sind es dagegen 13 Prozent, bei den mindestens 60-Jährigen lediglich acht Prozent.
Welche Lehrkraft würde jungen Menschen heute noch zum Lehrerberuf raten?
Auch bei der Frage, ob sie jungen Menschen heute noch zum Lehrerberuf raten würden, sind die mittleren Altersgruppen zurückhaltender. Insgesamt würden 61 Prozent der Befragten einem jungen Menschen empfehlen, den Beruf zu ergreifen. 32 Prozent würden eher davon abraten. Unter den Lehrkräften unter 40 Jahren würden 71 Prozent den Beruf weiterempfehlen. Bei den 60-Jährigen und Älteren liegt der Anteil ebenfalls bei 71 Prozent. Von den 40- bis 49-Jährigen würden dagegen nur 55 Prozent jungen Menschen zum Lehrerberuf raten, bei den 50- bis 59-Jährigen sind es 58 Prozent.
Die Arbeitsbelastung spielt auch bei der Frage nach der Weiterempfehlung eine zentrale Rolle. Von denjenigen, die jungen Menschen vom Lehrerberuf abraten würden, nennen 41 Prozent sie als Grund. Jeweils 22 Prozent verweisen auf Stress und psychische Belastungen, eine schwierige Schülerschaft oder anspruchsvolle Eltern. Bürokratie und Verwaltungsaufgaben werden von 18 Prozent genannt, schlechte Arbeitsbedingungen von 17 Prozent und mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung von 16 Prozent.
Dass sich die Arbeitsbedingungen künftig verbessern werden, erwarten lediglich vier Prozent der befragten Lehrkräfte. News4teachers