Mit Auftrag durchs Gehölz: Wie Kinder den Wald als Lernraum erobern

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BERLIN. Der Wald ist ein geheimnisvoller Lernort voller Kontraste – mal hell, mal dunkel, mal trocken, mal feucht. Kinder erleben ihn mit allen Sinnen: Sie hören das Knacken von Ästen, riechen den Waldboden, fühlen Moos und Rinde. Pädagogisch angeleitet, wird der Wald zum Spiel- und Forschungsraum, in dem Neugier wächst, Zusammenhänge sichtbar werden und Verantwortung für Natur erlebbar wird.

Viel zu entdecken (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Es ist still im Wald, nur das Knacken von Ästen und das Rascheln von Laub sind zu hören. Jedes Kind trägt ein kleines Zettelchen in der Hand: „Finde etwas Rundes“, „Suche etwas Spitzes“, „Entdecke etwas, das nicht in die Natur gehört.“ Mit leuchtenden Augen machen sie sich auf den Weg, kriechen durchs Unterholz, tasten Rinde, heben Blätter an. Manche finden Eicheln oder Moos, andere eine alte Wäscheklammer, die jemand achtlos weggeworfen hat.

Wieder zurück auf dem gemeinsamen Tuch legen sie ihre Fundstücke ab, vergleichen, diskutieren: Gehört das wirklich nicht in den Wald? Warum ekelt mich das an? Dieser „Auftragsspaziergang“, beschrieben in einer Broschüre vom Haus der kleinen Forscher,  ist eine klassische waldpädagogische Methode – sie macht deutlich, wie Kinder im Spiel lernen, Natur zu begreifen, Zusammenhänge zu erkennen und Verantwortung zu entwickeln.

Der Wald als Labor für Bildung für nachhaltige Entwicklung

Der Wald ist nicht nur ein Ausflugsziel, sondern ein pädagogisch hochwirksamer Lernort insbesondere für Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren. In dieser sensiblen Phase lernen Kinder über sinnliche Eindrücke und eigene Erfahrungen, ihre Umwelt zu verstehen und einzuordnen. Wie eindrücklich der Wald auf Kinder wirkt, macht die Broschüre anschaullich: „Der Wald ist voller Kontraste, wie wechselnder Wind, wechselnde Lichteffekte, Temperaturen, Gerüche, kontinuierlicher Wechsel der Reize über eine Skala von Tönungen von hell zu dunkel, trocken zu nass, warm zu kalt usw. Somit stellt er eine anregende, vielfältige und geheimnisvolle Lernumgebung dar.“

Und diese Lernumgebung spricht alle Sinne an: „Im Wald können die Kinder das Knacken des Unterholzes, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Blätter hören; das weiche Moos, die raue Rinde, die glatten Blätter und den feuchten Waldboden fühlen; die grünen, bunten oder braunen Blätter, den Sonnenschein, der durch das Blätterdach fällt, und die Blumen sehen; den Waldboden, das Holz und den Blütenduft riechen; die Wildkräuter, die Blüten, die Bucheckern und die Beeren schmecken.“

Der Wald wird damit zum „Labor für Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Kinder erleben Biodiversität, beobachten den Zyklus von Leben und Tod, erfahren das Zusammenspiel verschiedener Lebewesen – und erkennen zugleich, wie menschliches Handeln Natur beeinflusst. „Für den Wald als einzigartiges Ökosystem ist eine nachhaltige Bewirtschaftung wesentlich, darüber hinaus bietet er zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte, sich mit Problemen und Lösungen der nachhaltigen Entwicklung auseinanderzusetzen, das eigene Verhalten zu überdenken oder ggf. sogar zu verändern.“

Die vier Dimensionen des Lernens

Die Broschüre ordnet den Lernort Wald vier zentralen Dimensionen des Lernens zu:

  • Motivation: Naturerfahrungen wecken Neugier und Entdeckergeist.
  • Verstehen und Erkennen: Kinder entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge.
  • Werte und moralische Optionen: Sie lernen, Natur wertzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen.
  • Handeln: Schließlich geht es darum, nachhaltiges Verhalten praktisch einzuüben – vom Müllsammeln bis zum Bäume pflanzen.

Wenn Kinder den Wald erkunden, entwickeln sie fast automatisch Fragen: Warum sieht der Boden unter Nadelbäumen anders aus als unter Laubbäumen? Wie hoch ist ein Baum? Welche Tiere hinterlassen Fraßspuren? Genau hier setzt die Praxis an: Aus spielerischem Entdecken wird systematisches Forschen. Pädagoginnen und Pädagogen können diese Neugier gezielt aufnehmen, etwa mit Bestimmungsübungen, kleinen Experimenten oder Gesprächen mit Fachleuten wie Försterinnen.

Praxisbeispiele entlang der Lerndimensionen

Die Stärke des Waldes als Lernort zeigt sich darin, dass sich konkrete Methoden direkt den Dimensionen einer nachhaltigkeitsorientierten Pädagogik zuordnen lassen:

Motivation: „Sinnesreise durch den Wald“ – Kinder schließen die Augen und lassen sich von einem Partner zu einem Baum führen. Sie tasten die Rinde, riechen die Umgebung, hören das Rascheln der Blätter. Anschließend versuchen sie, ihren Baum wiederzufinden. Dieses Spiel stärkt Aufmerksamkeit und Begeisterung für die Vielfalt der Natur.

Verstehen und Erkennen: „Was und wer lebt hier?“ – In Kleingruppen erkunden die Kinder Boden, Sträucher und Bäume, entdecken Insekten, Pilze und Pflanzen. Mit Lupen oder kleinen Kameras dokumentieren sie ihre Funde. So lernen sie ökologische Zusammenhänge kennen – etwa, warum abgestorbene Bäume wichtig für das Leben anderer Organismen sind.

Werte und moralische Optionen: „Philosophieren im Grünen“ – Im Kreis sitzend, überlegen die Kinder gemeinsam: Wem gehört der Wald – dem Reh oder uns Menschen? Wer hat mehr Recht, hier zu sein? Solche Fragen regen an, über Gerechtigkeit und Verantwortung nachzudenken, ohne dass es eine „richtige“ Antwort gibt. Hier entstehen Wertehaltungen, die über den Moment hinausreichen.

Handeln: „Cleanup Day und Bäume pflanzen“ – Am Ende steht das konkrete Tun: Kinder sammeln Müll, den andere im Wald zurückgelassen haben, oder pflanzen junge Bäume. Sie erfahren, dass ihr Handeln den Wald unmittelbar verändert – ein starkes Erlebnis von Selbstwirksamkeit und Verantwortung.

Fazit: Der Lernort Wald spricht Kinder auf allen Ebenen an: über die Sinne, über das Entdecken, über Werte – und nicht zuletzt über konkretes Handeln. Wer einmal erlebt hat, wie Kinder beim Auftragsspaziergang mit glänzenden Augen Fundstücke vergleichen oder im philosophischen Gespräch über das Recht des Rehs auf den Wald diskutieren, weiß: Der Wald ist nicht nur ein Raum zum Spielen, sondern ein Lernort, der Zukunft gestaltet.

Oder, wie es die Broschüre formuliert: „Im Wald können die Mädchen und Jungen aktiv werden, auf Baumstämmen über Bäche balancieren, durch Laub laufen, Hütten bauen, Spuren suchen, Naturschätze finden, durchs Unterholz schleichen, sich verstecken, durch unebenes Gelände wandern. Durch die vielen sinnlichen Erlebnisse und die zahllosen Möglichkeiten, aktiv zu erkunden und zu spielen, fühlen sich die Kinder im Wald schnell wohl und schließen ihn ins Herz.“

Hier geht es zu allen weiteren Beiträgen des Themenmonats “Klassenfahrten und außerschulische Lernorte”. 

Neues Redaktionskonzept bei News4teachers: Mehr Tiefe, mehr Praxisbezug – Themenmonate starten

 

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4 Kommentare
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mississippi
3 Monate zuvor

Und was ist daran einen Artikel wert? Mache ich seit 30 Jahren so und meine Kolleg/innen auch. Schulterzuck.

TaMu
3 Monate zuvor
Antwortet  mississippi

Genau das ist einen Artikel wert! Dass Sie das seit 30 Jahren machen und dass es seit bestimmt 100 Jahren so gemacht wird und heute einen aktuellen Artikel wert ist, den ich mit Freude gelesen habe, ist sehr wertvoll.

Rainer Zufall
3 Monate zuvor
Antwortet  mississippi

Dann freuen Sie sich doch sicherlich, dass Ihr bewährter Ansatz eine Plattform erhält, um weitere Lehrkräfte davon zu überzeugen 🙂

Rüdiger Vehrenkamp
3 Monate zuvor

So nämlich! Ich glaube, dass wir ganz viele Probleme nicht hätten, wenn Menschen und vor allem unsere Kleinsten wieder mehr Verbindung zur Natur bekämen. Wahrscheinlich würden sich so auf Dauer einige Diagnosen von selbst erledigen: Spielen, toben, sich spüren, frische Luft und digitaler Detox sind meines Erachtens die besten Zutaten für alle Kids in der Schule.

Zugegeben, in Stadtgebieten ist dies sicherlich nicht ganz so einfach. Aber Schulausflüge müssen auch nicht immer Entertainmentreisen sein, es darf auch mal wieder im Wald gewandert werden.