Startseite ::: Praxis ::: Forscher belegen: ADHS wird oft falsch diagnostizert

Forscher belegen: ADHS wird oft falsch diagnostizert

BOCHUM. Zu viele Kinder in Deutschland bekommen Psycho-Pillen wie Ritalin verabreicht. Denn die damit behandelte Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird zu häufig diagnostiziert. Dies belegen Forscher der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Basel erstmals mit repräsentativen Daten.
Das Medikament Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, wird häufig an Kinder mit der  Diagnose ADHS verschrieben.

Das Medikament Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, wird häufig an Kinder mit der Diagnose ADHS verschrieben. Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Fast schon inflationär hieß es in den vergangenen Jahrzehnten bei den „Zappelphilipps“ und schwierigen Kindern: Diagnose ADHS. Zwischen 1989 und 2001 stieg die Anzahl in der klinischen Praxis um 381 Prozent. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich in einem vergleichbaren Zeitraum von 1993 bis 2003 verneunfacht – beispielsweise für das leistungssteigernde Methylphenidat. In Deutschland berichtet die Techniker Krankenkasse für ihre Versicherten der Altersgruppe 6 bis 18 Jahre einen Anstieg der Methylphenidat-Verschreibungen um 30 Prozent in der Zeit von 2006 bis 2010. In diesen Jahren haben sich auch die Tagesdosierungen im Schnitt um zehn Prozent erhöht.
Psychotherapeuten und Psychiater für Kinder und Jugendliche fällen dabei ihr Urteil offensichtlich eher anhand von Faustregeln, so genannten Heuristiken, statt sich eng an die gültigen Diagnosekriterien zu halten. Insbesondere bei Jungen stellen sie deutlich mehr Fehldiagnosen als bei Mädchen.Das sind die zentralen Ergebnisse der nun veröffentlichten Studie von Prof. Dr. Silvia Schneider und Prof. Dr. Jürgen Margraf (beide RUB) sowie Dr. Katrin Bruchmüller (Universität Basel). Darüber berichtet das amerikanische „Journal of Consulting and Clinical Psychology“ und die deutsche Fachzeitschrift „Psychotherapeut“.

Leon hat ADHS, Lea nicht

Befragt haben die Forscher insgesamt 1.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater bundesweit. 473 nahmen an der Befragung teil. Sie erhielten je eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten, sollten eine Diagnose stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fälle lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostizierbar. Da die Forscher auch noch das Geschlecht der „Patienten“ variierten, wurden insgesamt acht verschiedene Fälle beurteilt. Daraus ergab sich bei je zwei gleichen Fallgeschichten ein deutlicher Unterschied: Leon hat ADHS, Lea nicht.

Viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater gehen dabei offensichtlich eher heuristisch vor und entscheiden nach prototypischen Symptomen. Der Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus. Treten diese Symptome bei einem Jungen auf bekommt er die Diagnose ADHS, die identischen Symptome bei einem Mädchen führen jedoch zu keiner ADHS-Diagnose. Es spielt aber auch eine Rolle, wer die Diagnose stellt: Mann oder Frau. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche.

Bemerkenswertes Forschungsdefizit

“Dem großen öffentlichen Interesse steht eine bemerkenswert geringe Basis an empirischen Studien zu diesem Thema gegenüber“, so Prof. Schneider und Dr. Bruchmüller. Gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen „gewissen Aufschwung“ in der Untersuchung von Häufigkeit und Ursachen von Fehldiagnosen, beachtet die Forschung dies seitdem kaum noch. Die aktuelle Studie zeigt: Um eine falsche Diagnose bei ADHS und eine vorschnelle Behandlung zu verhindern, ist es entscheidend, sich nicht auf seine Intuition zu verlassen, sondern sich klar an den festgelegten Kriterien zu orientieren. Das gelingt am besten mit Hilfe von standardisierten Befragungsinstrumenten, zum Beispiel diagnostischen Interviews.

5 Kommentare

  1. Die eigentliche Diagnose lautet:
    -kein Bock auf Schule-

  2. Es ist immer wichtiger zweite und dritte Meinungen einzuholen, bevor man sich medizinisch behandeln lässt. Man doktert an sogenannten “psychiatrischen” Symptomen herum und ignoriert die Ursachen. Man hilft einem Kind mit Psychopharmaka nicht, man schädigt es fürs Leben – körperlich und seelisch.

  3. Es ist erschütternd, auf welcher Basis Kinder mit Ritalin abgefüllt werden. Es ist ja keinesfalls so, dass Ritalin, wenn es schon nichts nützt, wenigstens nicht schadet. Z.B. in Kanada ist Ritalin bereits eine gehandelte Straßendroge.

  4. DrogenSindDoof

    Für psychische Störungen gibt es keine Labortests. Die Diagnose ist stark von der Meinung abhängig. Dieser Test zeigt wieder sehr schön, dass es besser ist, mit diesen Ärzten nichts zu tun zu haben.

  5. Die Studie ist nicht einmal repräsentiv, da nur “hypothetische Personen” diagnostiziert wurden und das per Fremddiagnose. Das so etwas sofort nach hinten losgeht, wenn die Ärzte die Patienten nicht einmal gesehen haben noch existieren ist klar.

    Das die anderen Kommentaroren dieses ignorieren und alles für bare Münze halten ist eher das Problem in der Gesellschaft.

    Eigentlich muss man sich fragen, weshalb diese Ärzte überhaupt so eine blödsinnige Umfrage mitmachen, wobei es durchaus einen Großteil gab, der diese ablehnte.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*