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Gegen das Schwänzen: Polizei bekommt Zugriff auf Schülerdaten

BERLIN. Ursprünglich sei die Einführung bereits 2009 geplant gewesen, doch Softwareprobleme und die mangelnde Sicherheit der Netze an den Schulen hatten die Umsetzung bisher verhindert. Im kommenden Jahr aber, so berichtet die „Berliner Morgenpost“, soll in Berlin die umstrittene Schülerdatei endlich kommen. Polizei, Justiz und Jugendämter hätten dann Zugriff auf die elektronisch gespeicherten Schülerdaten.

Schöne neue Datenwelt: Die Berliner Polizei und Justiz kann sich bald umfassend über die Schüler an den Schulen der Bundeshauptstadt informieren. Illustration: Gerd Altmann / pixelio.de

Schöne neue Datenwelt: Die Berliner Polizei und Justiz kann sich bald umfassend über die Schüler an den Schulen der Bundeshauptstadt informieren. Illustration: Gerd Altmann / pixelio.de

Damit, so berichtet die Zeitung, soll es Schulschwänzern schwerer gemacht werden, vom Unterricht fernzubleiben. Laut „Tagesspiegel“ gelten rund 3.500 Berliner Schüler gelten als hartnäckige Schwänzer – sie fehlen mehr als zehn Tage im Jahr unentschuldigt. Allein im ersten Schulhalbjahr 2011/12 fehlten 655 Schüler der Klassen sieben bis zehn sogar mehr als 40 Tage ohne Entschuldigung.

„Der weitgehende Austausch zwischen Schule, Jugendamt, Polizei, Familiengerichten und Schulaufsicht muss systematisch ausgebaut werden”, so zitiert die „Morgenpost“ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die elektronische Schülerdatei und das sogenannte elektronische Klassenbuch seien künftig die Basis für ein schnelles abgestimmtes Agieren. Die Schülerdatei sei bereits im Probelauf. Der geltende datenschutzrechtliche Rahmen stehe dieser Zusammenarbeit nicht im Wege, so Scheeres. Der Testbetrieb werde eng durch den Berliner Datenschutzbeauftragten begleitet.

Insgesamt 16 Schüler- und Elterndaten würden so gespeichert:  neben dem Namen und dem  Geburtsdatum auch die  Befreiung von der Zuzahlung für Schulbücher, ein möglicher Migrationshintergrund, besonderer Förderbedarf und Fehltage. Bisher erfassen die Schulen diese Daten in ihrer Kartei, ohne dass Außenstehende darauf zugreifen dürften.

Künftig sollen die Behörden unterschiedliche Zugriffsrechte bekommen. So solle beispielsweise die Polizei einen aufgegriffenen Schüler durch die Datei schnell einer bestimmten Schule zuordnen können, nicht aber Einblick erhalten, ob die Eltern Sozialleistungen beziehen. Die Schulverwaltung erhalte die Daten nur verschlüsselt und nicht personenbezogen, um den Lehrereinsatz besser planen zu können.

An drei Berliner Schulen wird derzeit zudem das elektronische Klassenbuch getestet – ein Programm, in das die Klassenbucheinträge erfolgen und in dem auch die Handynummern der Eltern gespeichert sind. Sobald der Lehrer einträgt, dass ein Schüler unentschuldigt fehlt, werden die Erziehungsberechtigten automatisch per Kurznachricht (SMS) aufs Handy benachrichtigt. Die Meldungen werden zudem gespeichert, damit sie später auf Zeugnissen erscheinen könnten. Dokumentiert werden auch Stundeninhalte, Bewertungen von Schülern, auffälliges Verhalten und Noten.

Im Februar wirde das Pilotprojekt auf zehn Schulen ausgeweitet, heißt es nun. Berücksichtigt würden dabei vor allem Schulen mit einer hohen Schulschwänzerquote.

André Nogossek, Vorstandsmitglied des Landeselternausschusses, ist dem Blatt zufolge skeptisch. “Die Daten in der Schülerdatei und im elektronischen Klassenbuch sind hochsensibel”, sagt der Elternvertreter. Die Gefahr des Missbrauchs sei groß. Martin Delius, bildungspolitischer Sprecher der Piraten-Partei, warne vor dem elektronischen Klassenbuch. Datenlecks könne niemand ausschließen. (29.10.2012)

Zum Bericht: “Mit einem digitalen Klassenbuch gegen das Schwänzen”

Ein Kommentar

  1. Franz Josef Neffe

    Wenn Schule zum Davonlaufen ist, muss man ihr vorspielen, dass sie das nicht ist, sonst wird man mit Polizeigewalt in die Schule zurück gebracht, die gar keine Schule ist sondern das Gegenteil von Schule.
    Das sagt doch einiges über a) die Intelligenz von Pädagogen, Polizisten, Schulpolitikern und allen übrigen Beteiligten und b) über ihre Menschen- und Gemeinschaftsbild.
    Bei meiner Anstellungsprüfung für die Sonderschule sagte mir der Schulleiter, wie gut ich als Lehrer sei, könne er an den Fehltagen von Ramona ablesen. Die hatte in den ersten 6 Jahren jeweils mehr als das halbe Schuljahr versäumt. Bei mir fehlte sie in der Kennenlernphase ca. 14 Tage, dann kam sie auch wenn sie krank war in die Schule.
    Der Unterschied zwischen meiner Ich-kann-Schule und den üblichen Wir-können-nicht-also-musst-du-Schulen besteht darin, dass jene Druck machen und in der Ich-kann-Schule gilt das SOG-Prinzip.
    Es ist ja auch lächerlich, ständig DRUCK zu machen und das dann ErZIEHung zu nennen. Mit Druck ist es ErDRÜCKung.
    Dass man solch perverse Pädagogik flieht, bezeichne ich als Ich-kann-Schule-Lehrer a) als vernünftig und b) einen Spiegel der angewandten Pädagogik. Intelligent wäre, daraus zu lernen, und dumm ist, den Druck zu erhöhen und sich damit die Probleme ständig noch größer zu machen.
    Ich zeige, wenn ich damit jemand dienen kann, gerne auch in Berlin, dass Schule funktionieren kann, und wünsche allen guten Erfolg.
    Franz Josef Neffe

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