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Ein Dorf probt den Aufstand: Unsere Grundschule muss bleiben!

HOPSTEN. NRW gehen die i-Dötzchen aus – vor allem auf dem Land. Dass ihre Grundschule deshalb dichtmachen soll, sehen die Eltern in einem winzigen Ort im Münsterland nicht ein.

Und gehen auf die Barrikaden. Das kleine Halverde im Münsterland liegt in einem der nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens. Ein Ort mit Bullerbü-Charme, umgeben von Stoppelfeldern und getupft mit Kirschbäumen. Hier, mitten auf dem Land, wohnen lauter junge Leute, und die Welt wäre noch in Ordnung, wenn der Grundschule nicht die Schließung drohte.

Die Marienschule in Hopsten-Halverde hat bald vielleicht nicht mehr ausreichend Schüler, um bestehen zu bleiben. (Foto: J.-H. Janßen/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Die Marienschule in Hopsten-Halverde hat bald vielleicht nicht mehr ausreichend Schüler, um bestehen zu bleiben. (Foto: J.-H. Janßen/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

An der Zahl der Kinder wird sich in den kommenden Jahren wenig ändern, sind sich die rund 1150 Einwohner sicher. Das Problem ist ein neues Gesetz, das in Vorbereitung ist – und das Aus für die Dorfschule bedeuten würde. Die Menschen in Halverde wollen sich das nicht gefallen lassen. Die Zwergschule probt den Aufstand gegen die große Politik.

Seit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ein Konzeptpapier für das klamme Bundesland vorgestellt hat, das keine Grundschulen mit weniger als 46 Kindern vorsieht, ist sie mit Postkarten aus Halverde überhäuft worden. «Ida kann mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Das soll so bleiben!» steht auf einer. «Die Schule soll bleiben, weil (…) wir alle Kinder kennen!» ist in krakeliger Kinderschrift auf einer anderen Karte zu lesen.

Die Elterninitiative, die die Postkarten verschickt hat, läuft Sturm gegen die Pläne der Politik. «Die Kinder wachsen hier sehr behütet auf, sie identifizieren sich mit dem Ort», sagt Mutter Marion Stermann. «Und es gibt ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.»

50 Halverder Grundschüler haben im letzten Schuljahr zusammen gelernt. Einige gehen jetzt auf weiterführende Schulen, zwölf i-Dötzchen fangen dafür in diesem Sommer neu an, darunter ein Junge mit Down-Syndrom. Noch reichen die Schüler aus. Angst haben die Eltern aber, dass deren Zahl künftig auch mal unter der magischen Grenze liegen könnte. Die Lehrerinnen unterrichten die Dorfkinder jahrgangsübergreifend. «Das war auch schon vor Jahrzehnten so», sagt Stermann. Viele der heutigen Eltern sind früher selbst hier zur Schule gegangen. Und in den Kindergarten. Er liegt keine hundert Meter Luftlinie entfernt auf der anderen Seite der Wiese.

Die Grundschüler in das sieben Kilometer entfernte Hopsten zu schicken, ist für viele Eltern eine Horrorvision. «Die Kinder wären jeden Tag mehr als eine Stunde mit dem Bus unterwegs», erklärt Ortsvorsteher Karl Maaßmann. «Denn der müsste die Schüler mühsam aus den Bauerschaften zusammenkarren.» Die Ortsteile liegen in der 7500-Einwohner-Gemeinde Hopsten weiter auseinander als in anderen Regionen. «Wenn im Ruhrgebiet eine Schule schließt, stört das viele nicht, weil es die nächste 600 Meter weiter gibt», sagt Maaßmann.

«Die Flächenfrage ist eine ganz wichtige», sagte die Schulexpertin der Grünen im Landtag, Sigrid Beer. «Aber egal wie lang der Schulweg ist, haben die Schüler einen Anspruch auf einen bestimmten Unterricht, zum Beispiel auch Englischstunden.» Man müsse sehen, ob die Mariengrundschule das in ihrem jahrgangsübergreifenden Unterricht leisten könne. Einige Landespolitiker haben sich die Zwergschule in den vergangenen Monaten angesehen. Beer hat sich für den August angekündigt. «Wenn es kleine Schwankungen in den Schülerzahlen gibt, ist das auch künftig kein Beinbruch, sofern die langfristige Perspektive da ist.»

Der Winzling, der im Schatten eines Dachvorsprungs der Mariengrundschule in einer Kindertrage liegt, ist gerade einmal drei Wochen alt. Der Slogan «Ich will mein ABC in Halverde lernen» prangt auf Lia Tebbes kleinem Baby-Hemdchen. Die aufständischen Eltern haben etliche solcher T-Shirts kreiert, stundenlang Bilder aufgebügelt, Buttons und Postkarten gestaltet. Sie haben an alle neuen Landtagsmitglieder geschrieben. «Die Politiker werben selbst mit dem Spruch “Kurze Beine, kurze Wege”», sagt Maaßmann. Gleichzeitig Grundschulen wie die in seinem Heimatort dichtzumachen, wäre für ihn ein Widerspruch.

Dieses Schicksal aber droht Dutzenden Dorfschulen in NRW. Viele haben nicht genug Kinder, um zumindest als Teilstandort – unter Leitung einer anderen Schule – weiterzubestehen. Einem Gutachten des Lehrerverbands VBE vom Herbst 2011 zufolge sind in zehn Jahren in NRW an 321 Standorten Grundschulen von der Landkarte verschwunden. Zum vergangenen Schuljahr gab es nach Ministeriumsangaben noch 3127 öffentliche Grundschulen im Land. Wenn die Rahmenbedingungen nicht geändert würden, müssten bis zum Jahr 2019 weitere 400 Orte und Ortsteile ihre Grundschulen schließen, prangert der VBE an.

Ortsvorsteher Maaßmann fürchtet nicht nur um das Wohl der Kinder in Halverde. Er fürchtet auch um sein Dorf. «Noch gibt es hier einen Sportplatz, eine Kneipe.» Ohne die Schule gäbe es aber in Zukunft auch immer weniger Infrastruktur. «Kindergarten und Grundschule sind aber für viele junge Familien ein zentraler Grund, hierherzukommen.» Julia Wäschenbach/dpa

(19.8.2012)

Ein Kommentar

  1. Kleine Schulen finde ich sympathisch. Ich wünsche viel Erfolg.

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