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Forscher: Frontalunterricht ist besser als sein Ruf

MÜNCHEN. Lehrerzentrierter Frontalunterricht? Gilt nicht gerade als letzter Schrei der Pädagogik. Gleichwohl erlebt die Methode derzeit eine erstaunliche Wiederauferstehung.

Klassisches Unterrichtsmodell - doch nicht überholt: Lehrer vor Schülern: . Foto: Luis Priboschek

Klassisches Unterrichtsmodell – doch nicht überholt: Lehrer vor Schülern: . Foto: Luis Priboschek

„Frontalunterricht macht klug“, so titelte unlängst die Frankfurter Allgemeine Zeitung und berief sich dabei auf eine Studie des Münchner Ifo-Instituts – eines Wirtschaftsforschungsinstitutes also, das regelmäßig mit dem „Geschäftsklimaindex“ von sich reden macht. Jetzt also auch mit einer Untersuchung aus dem Schulleben.

„Lehrer wenden häufig eine Kombination verschiedener Unterrichtsmethoden an“, so berichtet der Autor der Studie, Guido Schwerdt, gegenüber der Zeitung. „Wenn Lehrer zehn Prozent mehr Zeit auf frontales Unterrichten verwenden, dann zeigen Schüler einen Leistungsvorsprung, der ungefähr dem Wissenszuwachs von ein bis zwei Monaten Schulbildung entspricht.“ Die Daten seiner Analyse stammen laut FAZ zwar aus den Vereinigten Staaten. Die Aussage sei aber eindeutig: Frontalunterricht bringt mehr als problemorientierter oder gar offener Unterricht.

„Die Praxis ging über Jahre in die entgegengesetzte Richtung“, sagt der Wissenschaftler dem Blatt zufolge. Weniger Frontalunterricht sei häufig mit besseren Leistungen assoziiert worden, vor allem für schwächere Schüler. Schwerdt: „Aber das stimmt so nicht. Bei einem durchschnittlich begabten Pädagogen hat die Abkehr vom Frontalunterricht deutlich negative Effekte.“ Die Forderungen an Lehrer, die die FAZ daraus ableitet, lauten: mehr zuhören, weniger diskutieren, üben statt ständig experimentieren.

Auch der neuseeländische Professor John Hattie, dessen Meta-Studie „Visible Learning“ als „heiliger Gral“ der Bildungsforschung gilt („Die Zeit“), scheint die These zu stützen. Tatsächlich kommt auch er zu dem Befund: Offene Lernformen bringen weitaus weniger als erhofft. Den Umkehrschluss, dass der Frontalunterricht stets vorzuziehen sei, zieht Hattie daraus jedoch nicht. Die „direkte Instruktion“ sei zwar eine durchaus wirksame Methode – aber nur dann, wenn die Lehrkraft wenig redet. Als Lehrermonolog sei die Methode wenig sinnvoll. „There are no magic bullets“, sagt Hattie, es gibt keine pädagogischen Patentrezepte. Am besten: ein breites Repertoire von Unterrichtsstilen, die die Lehrkraft je nach Klasse ausprobiert, „evidenzbasiert“ prüft und – wenn nötig – auch wieder verwirft.

„Ein gut gemachter Frontalunterricht ist sehr, sehr schwer“

Stefan Hopmann, Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, schlägt gegenüber der „Presse“ in die gleiche Kerbe. Keine Methodik, ob Frontalunterricht oder ein offener Unterricht, bei dem Schüler in Gruppen arbeiten und selbst in die Gestaltung einer Schulstunde eingreifen können, sei grundsätzlich falsch.

Die Vorteile des Frontalunterrichts: Der Unterrichtsstoff sei strukturiert, es werde klar, was Schüler lernen sollten und was sie auch wieder vergessen könnten. Schlechtere Schüler, jene aus bildungsfernen Schichten oder aus Migrantenfamilien, würden davon profitieren und tatsächlich bessere Lernerfolge erzielen.

Allerdings: „Ein gut gemachter Frontalunterricht ist schwer, sehr schwer“. Denn dabei müsse ein Lehrer  differenzieren, also auf den unterschiedlichen Stand der Schüler eingehen. „Der Lehrer muss auf die unterschiedlichen Leistungsniveaus, auf das unterschiedliche Sprachniveau und auf die unterschiedlichen Zugänge eingehen.“ Wenn sich ein Lehrer auf den Durchschnitt konzentriere, würden die meisten zu kurz kommen: die guten wie die schwachen Schüler.

Was rät der Bildungsforscher? Er plädiert laut Bericht für einen Mix: Offener Unterricht ja, aber nicht mehr als 20 bis 25 Prozent der Zeit – ansonsten bedeute das Konzept für viele Schüler in der Klasse eine Überforderung. Das Erfolgsrezept laute demnach:  „lehrerzentrierter Unterricht mit eingebauten Aktivitätsphasen“. News4teachers

(13.2.2013)

4 Kommentare

  1. Siehe da, plötzlich finde ich mich (und meine Kolleginnen und Kollegen auch) an der Spitze der wissenschaftlichen Erkenntnis wieder, denn so wie hier gefordert unterrichten wir seit Jahren, bisher immer mit dem schlechten Gewissen wegen der Fachleiter im Nacken …

  2. Oh ja, die lieben Fachleiter! Die müssen immer Ihr Wissen und Können dadurch unter Beweis stellen, dass sie jede Mode mitmachen. Guter Pädagoge ist ja angeblich nur, wer auf der Höhe der Zeit ist. Wohl dem und dessen Schülern, der unbeirrt seinen eigenen vernünftigen Weg geht.

  3. Weniger experimentieren und die bewährten Methoden verwenden. Hoffentlich spricht sich das rum. Schon ewig nerven mich die Kolleginnen und Kollegen, die sich im LZ ständig damit brüsten, was sie wieder für neue Wege gehen.

  4. Alles zu seiner Zeit. Die Mischung macht es. Frontalunterricht ist einfach eine sehr effektive Methode. Bei den vollgestopften Lehrplänen hat man einfach nicht die Zeit, alles erkunden und entdecken zu lassen – samt der Irrwege, die ja dazu gehören. Mit Frontalunterricht kann man aber auch Zeit herausarbeiten, in der man dann freiere und „spaßige“ Methoden einsetzen oder einfach „geschehen lassen“ kann. Alles zu seiner Zeit!

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