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Experten: Hochbegabung von Schülern bleibt oft unentdeckt

HAUNETAL. Rund zwei Prozent der Menschen in Deutschland sind hochbegabt. Mit dem Tag der Intelligenz will der Verein Mensa auf ihre Probleme aufmerksam machen.

Vanessa Kunze ist keine normale Schülerin. Die Elfjährige ist eine Musterschülerin und verfügt über eine besondere Sprachbegabung. In ihrer Schule im osthessischen Haunetal darf sie sogar der Englisch-Lehrerin im Unterricht assistieren und ihren Klassenkameraden helfen. Vanessas Intelligenzquotient (IQ) liegt bei mehr als 130. Damit gilt sie als hochbegabt.

Zwei Schüler vor einem Poster

Für Hochbegabte wird die Schule oft zur Qual. Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Vanessas außergewöhnliche Fähigkeiten wurden erkannt. Hochbegabung von Schülern bleibt nach Experten-Auffassung in Deutschland aber oftmals unentdeckt. «Wir werden häufig mit diesem Phänomen konfrontiert», sagt der 2. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK), Michael Schmidt. Das Problem: Das Thema werde Lehrern in der Ausbildung nicht ausreichend vermittelt.

Es sei wichtig, Schüler individuell zu fördern und gezielt auf den Lernstand eingehen zu können, erklärt Schmidt. Aber allein in Hessen würden pro Jahr etwa 50 Fälle an die Gesellschaft herangetragen, bei denen eine Hochbegabung von den Lehrern nicht erkannt werde. Wird ein derartiges Ausnahmetalent nicht erkannt, kann der Weg eines Schülers in die falsche Richtung führen. «Wenn sich Schüler unterfordert fühlen, suchen sie sich womöglich Alternativbeschäftigungen», sagt Schmidt. Sie könnten dann verleitet werden, den Unterricht zu stören oder nicht mitzumachen.

Fachleuten zufolge sind zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland hochbegabt. Der Verein Mensa Deutschland mit seinen 10 000 Mitgliedern befasst sich mit den Interessen von Menschen mit hohen Intelligenzquotienten. Der Tag der Intelligenz am 5. Oktober, ein von Mensa erstmals im September 2008 initiierter Mottotag, soll das Rand-Phänomen in den Blickpunkt der Gesellschaft rücken.

«Es ist ein Armutszeugnis, dass viele Schulen nicht auf Höchstleistungen reagieren können. Die Jugendlichen brauchen eine individuelle Förderung», sagt Helmut Liersch. Er ist Schulleiter des Internats Schloss Bieberstein im osthessischen Hofbieber, auf das auch Hochbegabte gehen. In der dortigen Hermann-Lietz-Schule, einer elitären Privatschule, hat eine der jüngsten Abiturientinnen Hessens ihren Abschluss gemacht. 2012 absolvierte Julia Wimmer ihre Hochschulreife. Das Besondere: Sie war erst 15 Jahre alt, hatte drei Klassen in ihrer Schullaufbahn übersprungen. Dazu sagte selbst die Hochbegabten-Gesellschaft: «So etwas kommt sehr selten vor.»

An die Zeit an staatlichen Schulen, bevor sie aufs Internat wechselte, erinnert sich Wimmer mit Grausen: «Spätestens nach der zweiten Wiederholung hing mir alles zum Halse raus. Ich habe mich ständig gelangweilt.» Kein Wunder, sie hat einen IQ von 148.

Marcel Schneider (16) besucht wie Vanessa Kunze die Hermann-Lietz-Schule Schloss Hohenwehrda in Haunetal. Er entwickelte sich dort vom Fünfer-Kandidaten zum Mathe-Ass. Zunächst hagelte es dauernd schlechte Noten. In Hohenwehrda wurde dann erkannt, dass er eigentlich außergewöhnlich talentiert ist. «Ich muss gar nicht mehr nachdenken, wie die Aufgaben zu lösen sind – ich mache es einfach», sagt er. Hochbegabte können komplexe Zusammenhänge besonders schnell erfassen. Was ein IQ-Verwöhnter sich einmal anschaut, behält er.

Für Schulleiterin Sabine Hasenjaeger ist es wichtig, dass die besonders schlauen Schüler individuell gefordert und gefördert werden. Bei Klassengrößen von 10 bis 16 Schülern auf ihrer Schule ist das für die Lehrer eher machbar als in Schulen mit größeren Klassen. Neben den Extra-Herausforderungen werden Möglichkeiten vermittelt, sich außerhalb des Unterrichts entfalten zu können. Etwa in Theater-, Musik- oder Sportgruppen. «Entscheidend ist ein ausgewogenes Gesamtkonzept», findet Schulleiterin Hasenjaeger.

Im Internat Schloss Hohenwehrda, in dem rund 110 Schüler die Klassenstufen fünf bis zehn besuchen, sind laut Hasenjaeger mehr als ein halbes Dutzend Hochbegabte dabei. Auffällig viele Konflikte mit normal begabten Schülern ergeben sich aber nicht, wie die Rektorin versichert. Da gebe es nicht mehr Theater als woanders auch. (Jörn Perske, dpa)

Zum Bericht: Eltern: Lehrer sind zu wenig auf hochbegabte Schüler eingestellt

Ein Kommentar

  1. Wie, nur zwei Prozent? Nach G. Hüther ist doch jedes Kind hochbegabt.

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