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Muslimische Kita in Mannheim öffnet nach langer Debatte

MANNHEIM. Konfessionelle Kindergärten sind in Deutschland eine Normalität, die landläufig kein Aufsehen erregt. Nicht so, wenn es sich dabei um einen muslimischen Kindergarten handelt, wie das Beispiel des „Tulpengartens“ zeigt, der am Mittwoch eröffnet wird.

Nach jahrelanger Planung und vielen Diskussionen soll in Mannheim im Januar ein muslimischer Kindergarten den Betrieb aufnehmen. Es ist nach Informationen des Stuttgarter Integrationsministeriums die zweite Einrichtung dieser Art im Südwesten, die erste öffnete 1999 in Karlsruhe. Am Mittwoch (4. Dezember) wird die Mannheimer Kita «Tulpengarten» offiziell eröffnet. Kommen wird auch Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD).

Kindergarten-Eingangstür in Marrakesch

Auch in muslimisch geprägten Ländern gibt es Kindergärten (hier in Marrakesch) Foto: Khalid Albaih / Flickr (CC BY 2.0)

Es gebe muslimische Eltern, die Sorge hätten, ihr Kind in einem nicht-muslimischen Kindergarten anzumelden, erklärte ein Ministeriumssprecher. Sie seien zum Beispiel besorgt, dass es dort Schweinefleisch zu essen gebe. «Diese Familien erreichen wir nicht oder erst spät mit Beginn der Schulpflicht.»

Hier könne ein muslimischer Kindergarten integrationspolitisch sinnvoll sein – wenn er gezielte Sprachförderung anbiete und interkulturelle Ansätze verfolge, heißt es aus dem Integrationsministerium. «Es kommt in erster Linie darauf an, ob ein Kindergarten ein gutes Förderkonzept hat, ob er Kinder motiviert und stärkt, ob er Talente erkennt und fördert, ob er offen und kultursensibel ist.»

Sprachförderung sei in dem Kindergarten besonders wichtig, sagte der Vorsitzende des Mannheimer Trägervereins, Faruk Sahin. Er kämpft seit Jahren für das Projekt. «Der Kindergarten ist grundsätzlich deutschsprachig.» Sahin sieht inzwischen aber auch eine wachsende Bereitschaft von Muslimen, ihre Kinder in städtische, evangelische oder katholische Kindergärten zu schicken. «Ich denke, dass heute auch viele Migrantenfamilien erkannt haben, dass der Schlüssel zum Erfolg in der Bildung liegt.»

Der Neubau in Mannheims Multikulti-Viertel Neckarstadt-West wird neben dem muslimischen Kindergarten eine städtische Krippe beherbergen. Die Stadt setzt viele Hoffnungen in das Projekt, etwa, dass sich der Bildungserfolg muslimischer Kinder durch den Kindergartenbesuch verbessert. «Wir erhoffen uns, dass damit Eltern angesprochen werden, die man sonst nicht erreicht hätte», sagte Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz.

Es gebe in der Bevölkerung zum Teil noch Vorbehalte gegen muslimische Kitas. «Die Konsequenz kann nur sein, solche Einstellungen durch konkrete Praxis zu widerlegen», betonte der SPD-Politiker. «Teile der Bevölkerung stellen Muslime unter Generalverdacht, radikal zu sein. Das löst sich nur auf, wenn man die konkreten Akteure kennt.» Vertrauen könne nicht über politische Beschlüsse entstehen, sondern nur über gelebte Alltagsarbeit. «Deshalb ist der muslimische Kindergarten eine Chance für Vertrauensbildung.»

Auch Sahin will Vorbehalte gegen die Einrichtung zerstreuen. Ebenso wie kirchliche Kindergärten wolle der «Tulpengarten» religiöse Werte vermitteln. Die Einrichtung nehme aber auch nicht-muslimische Kinder gern auf. Langfristig solle es zwei Gruppen mit je 20 Kindern geben. Im Januar fange der Kindergarten zunächst mit einer Gruppe an, um Praxis-Erfahrung zu sammeln. Angemeldet seien 14 türkische Kinder, fünf arabische und ein deutsches Kind.

Auch für den Dekan der evangelischen Kirche in Mannheim, Ralph Hartmann, ist die Mischung sehr wichtig. «Die entscheidende Frage ist, ob es gelingen wird, in dieser Kita auch andere Kinder als muslimische und türkischstämmige zu haben.» Aus Sicht der Religionsfreiheit begrüße er die Einrichtung. Seiner Beobachtung nach geben muslimische Eltern ihre Kinder lieber in religiöse Kindergärten als in städtische. «Viele sagen sich: Lieber eine andere Religion als gar keine.»

Kritiker bemängeln die Mitgliedschaft des Mannheimer Trägervereins in dem Dachverband der türkisch-islamischen Vereine, Ditib. Er gilt als gemäßigt orthodox und stark von der staatlichen Religionsbehörde der Türkei beeinflusst. «Wir wollen verhindern, dass ein direkter Zugriff eines türkischen Ministeriums auf einen Kindergarten umgesetzt wird», sagte der CDU-Fraktionsgeschäftsführer des Mannheimer Gemeinderats, Matthias Sandel. Grundsätzlich sei die Gründung eines muslimischen Kindergartens aber in Ordnung.

Sahin findet die Debatte um den muslimischen Kindergarten «etwas nervtötend». «Alles, was mit dem Islam oder mit Muslimen zu tun hat, ist immer noch ein parteipolitischer Aufreger», sagte er. «Ich hoffe, dass eine muslimische Kita bald einfach Normalität ist.» (Christine Cornelius, dpa)

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