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„Gescheitert“: Vernichtendes Urteil von Experten aus Politik und Wirtschaft für G8

HANNOVER. Auch der bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga  Yogeshwar machte aus seiner Ablehnung von G8 keinen Hehl.  Auf einem Bildungskongress diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft über die Schulpolitik. Vor allem das Turbo-Abitur geriet in die Kritik. Tenor: Schüler sind im Dauerstress, der Druck steigt.

"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht": der Fernseh-Journalist Ranga Yogeshwar. (Foto: Nina Yogeshwar)

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht“: der Fernseh-Journalist Ranga Yogeshwar. (Foto: Nina Yogeshwar)

Das Abitur nach acht Jahren ist nach Ansicht von Experten gescheitert. «Das Turbo-Abi G8 hat sich eindrucksvoll nicht bewährt», sagte Volker Schmidt, Vorstand der Stiftung „NiedersachsenMetall“, anlässlich eines Bildungskongresses in Hannover. Deshalb seien Korrekturen dringend notwendig. «72 Prozent unserer Betriebe wünschen sich eine Wahlfreiheit zwischen G8 und dem Abitur nach neun Jahren», sagte Schmidt. Vertreter aus Politik und Wirtschaft diskutierten auf dem Kongress «Bildung auf dem Prüfstand» von Arbeitgeberverband und Stiftung „NiedersachsenMetall“ über die Schulpolitik.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) forderte mehr Zeit für Kinder in der Schule. «Kinder aus Akademikerfamilien schaffen es vielleicht auch schneller, andere aber nicht», sagte Weil. Er habe G8 immer mit gehöriger Skepsis gegenübergestanden. Die Landesregierung werde nun Vorschläge machen, um den Schülern mehr Zeit zu geben. Auch in die Aus- und Fortbildung von Lehrern solle investiert werden.

Ranga Yogeshwar beklagte die Monotonie und den Stress im Schulwesen. «Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gut Ding will Weile haben», sagte der vierfache Vater. Er erlebe an seinen Kindern die «Kollateralschäden dieser falschen Verkürzung des Abiturs». Die Arbeitsgemeinschaften in Schulen am Nachmittag stärkten die Kreativität. Aber: «Die Schüler haben heute gar keine Zeit mehr dafür», kritisierte Yogeshwar.

«Das außerschulische Engagement der Schüler ist um ein Drittel zurückgegangen, bei Nebenjobs und freiwilligen ehrenamtlichen Leistungen – aufgrund der zeitlichen Belastung im der Schule», berichtete der Direktor des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Stephan Thomsen. Dieses Engagement sei aber sehr wichtig für die persönliche Entwicklung.

Nach dem «Pisa-Schock» Anfang des Jahrtausends hatte es eine Vielzahl von Bildungsreformen gegeben, unter anderem wurde die gymnasiale Schulzeit auf acht Jahre verkürzt. Die ersten niedersächsischen Schüler hatten ihr Abitur 2011 nach verkürzter Schulzeit absolviert, ohne dass die Lehrpläne entschlackt wurden. Viele Länder, darunter Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, haben inzwischen wieder die Wahlmöglichkeit zwischen G 8 und G 9 geschaffen. dpa

Zum Bericht: Kein Scherz – Bayrischer Lehrer-Präsident bringt zehnjähriges Gymnasium ins Gespräch

 

2 Kommentare

  1. Werner Schneyder

    Es ist schon erstaunlich, mit welcher Vehemenz die Rückkehr zu G9 gefordert wird. Wenige Jahre zuvor wurde ebenso vehement von Eltern und auch anderen Interessengruppen die Beschleunigung durch G8 verlangt. Inzwischen haben diese Eltern bemerkt, was sie angerichtet haben. Zudem ist das Geplärre aus der Wirtschaft, alles müsse schneller gehen, ebenso verstummt. Süffisanterweise entdeckte zum Beispiel der Philologenverband exakt einen Tag nach den Landtagswahlen die Vorteile von G9. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Die Argumente gegen G8 waren bereits vorher bekannt und wurden in verschiedenen Publikationen der GEW auf der Öffentlichkeit mitgeteilt. Zusammenfassung hier:

    http://bildungsgedanken.blogspot.de/

    Es gibt übrigens eine Schulform, die das Abitur nach neun Jahren anbietet: die Integrierte Gesamtschule. Vielleicht gönnt man dieser Form ihren Erfolg nicht, insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Gymnasium bei der letzten PISA-Studie schlechter abgeschnitten hat als vorher.

  2. An sich wäre es ja nicht schlecht die Schullaufbahn zu beschleunigen. Wie so oft hat es an der Umsetzung gemangelt. Es hätten neue Wege der Schulbildung beschritten werden müssen, Inhalte hätte man neu priorisieren können, alles Punkte die nicht geschehen sind, lediglich die Zeit wurde verkürzt, wodurch ein Scheitern mit all seinen Nebenwirkungen fast schon vorprogrammiert war.

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