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Sexuelle Vielfalt im Unterricht – Gegner und Befürworter wollen in Dialog kommen

STUTTGART. Ab 2015 soll in baden-württembergischen Schulen das Thema sexuelle Vielfalt mehr Raum im Unterricht erhalten. Am Samstag trafen bei hitzigen Demonstrationen Gegner und Befürworter aufeinander. 22 Personen droht nun eine Anzeige.

«Wenn Toleranz, dann bitte für alle», findet Claudia Bamberger. Gemeinsam mit rund 700 anderen Demonstranten protestiert sie am Samstag in Stuttgart gegen die Pläne der grün-roten Landesregierung, sexuelle Vielfalt verstärkt im Unterricht zu thematisieren. Sexualität sei doch viel zu fragil, zu zart für die Schule, meint sie. «Das gehört ins Elternhaus.»

Ein schwuler Schulleiter ist mancherorts offenbar noch immer ein Problem. Foto: Elsie esq. / Flickr (CC BY 2.0)


Die einen finden die «Regenbogenideologie widerlich und ungesund». Andere wünschen sich gemeinsames Leben und Lernen. In Stuttgart ging es am Samstag hitzig zu. Foto: Elsie esq. / Flickr (CC BY 2.0)

Mit den Bildungspläne für das Jahr 2015 soll dem Thema sexuelle Vielfalt im Unterricht mehr Gewicht zukommen. Dies halten fast ebenso viele Menschen für wichtig und gehen dafür am Samstag in der Landeshauptstadt auf die Straße.

Zu ihnen gehört Jürgen Effing. Er findet es notwendig, die unterschiedlichen Lebensformen abzubilden. «Das klassische Familienbild gibt es doch schon lange nicht mehr», sagt der Stuttgarter. Er denkt an Patchworkfamilien, geschiedene Eltern, aber eben auch an Familien mit zwei Mamas oder Papas. All das solle seinen Platz an Schulen finden, allerdings kindgerecht vermittelt.

Emotional geht es an diesem Nachmittag zu. Die Befürworter des Bildungsplans rufen den Anhängern einer auf das klassische Familienbild begrenzten Sexualerziehung entgegen: «Eure Kinder werden so wie wir.» Auf einem Schild ist zu lesen «Vor Gott sind alle gleich.» Die Vertreter der Gegenseite kritisieren auf ihren Transparenten die «Regenbogenideologie» von Grün-Rot und mahnen: «Aufklärung ab vier – wie krank seid ihr?»

Diese Plakate verleiten einige Störenfriede zu heftigen Protesten. Schilder werden angezündet, es kommt zu Handgreiflichkeiten und Farbbeutel fliegen – von beiden Seiten. Rund 200 Polizisten sind im Einsatz. Die Beamten müssen 22 Personen festhalten. Sie erwartet jetzt eine Anzeige.

Solche Zwischenfälle seien natürlich schade, finden viele Demonstranten. «Randale, Rangeleien, Schubsereien und Gewalt sind nicht in unserem Sinne», betont auch CSD-Sprecher Christoph Michl am Sonntag. Denn so sei der Fokus der Aufmerksamkeit von der eigentlichen Sache weggelenkt worden, findet Sven Fichtner von der Linken. Beiden ginge es vielmehr darum, einen Dialog anzustreben, die Menschen mitzunehmen und zu informieren.

Der Wunsch, miteinander ins Gespräch zu kommen, eint auch Bamberger und Effing. Der 50-jährige Stuttgarter denkt an einen gemeinsamen Weg, einen Diskurs, der alle an einen Tisch bringt. So könnten Eltern, Lehrer und die Kinder gemeinsam Vorurteile abbauen. Auch die 53 Jahre alte, dreifache Mutter und vierfache Oma Bamberger möchte ein Ende des Streits. Ein Problem mit Homosexualität habe sie nicht im geringsten. «Ich habe homosexuelle Freunde, das ist doch gar nicht der Grund», stellt die Pforzheimerin klar. Momentan fühlt sie sich diskriminiert: Ihre Meinung würde als «krank» bezeichnet werden, das sei nicht schön.

Andere sind da radikaler. Eine junge Demonstrantin aus Trossingen setzt sich nicht nur gegen die «Frühsexualisierung der Kinder ein», sondern auch gegen Homosexualität. «Das ist falsch, das ist Sünde, da kann man den Kindern ja auch zeigen, was Mord ist», sagt die kleine rothaarige Frau entschieden, die ihren Namen nicht nennen möchte. Beides könne sie als Christin nicht gutheißen.

Wie rund 192 000 andere hat sie eine Online-Petition gegen das Vorhaben der Landesregierung unterzeichnet. Am Donnerstag übergaben die Initiatoren um Realschullehrer Gabriel Stängle sie dem Landtag. Mit der Demonstration stünde man aber in keiner Verbindung, teilten sie vergangene Woche mit. Die beiden Gegen-Petitionen kamen bis zum Sonntagnachmittag auf mehr als 136 000 beziehungsweise fast 88 000 Unterschriften.

Auch Anne Huschens ist für eine offene Diskussion. Sie ist aktive Lehrerin im Arbeitskreis Lesbenpolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Es dürfe auch gerne kontrovers sein, bekräftigt die 55-Jährige, die selbst am Bildungsplan mitgearbeitet hat. «Anders sein können ohne Angst», das wünscht sie sich für die jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender am meisten.

Dass das nicht selbstverständlich zu sein scheint, schockiert viele. Mit Blick auf ein homosexuellenfeindliches Gesetz in Russland sagt eine Rednerin: «Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich fast denken, wir sind in Sotschi und nicht in Baden-Württemberg.» (Sina Illi, dpa)

Zum Bericht: In Stuttgart demonstrieren Hunderte für und gegen das Thema “sexuelle Vielfalt”

11 Kommentare

  1. Hier bleibt im Passiv (also unklar) wer und was genau „hitzig“ war. Gibt es ein Interesse daran, Täter bzw. Opfer zu verschweigen?
    Im Vergleich dazu lese ich auf
    http://www.medrum.de/content/aggressive-regenbogen-aktivisten-stuermen-auf-besorgte-eltern-ein

    dass sich die Eltern-Initiative gegen den Bildungsplan bei der Polizei beklagt:
    „Weder wir als Leiter, noch die Teilnehmer inklusive Kinder fühlten sich vor den Linksradikalen geschützt und wurden zum Teil beworfen, körperlich angegriffen, angesprungen und offen bedroht.
    Unser Grundrecht auf Versammlungsfreiheit wurde durch die Polizei nicht durchgesetzt.“

    • Diese faschistischen Methoden der Linksradikalen, die angeblich für den Antifaschismus kämpfen (siehe ANTIFA), gehören doch inzwischen zur Tagesordnung. Nur werden solche Übergriffe häufig verschwiegen im Gegensatz zu denen der Rechtsradikalen. Oder es heißt nur „Gewaltbereite Gruppen“, um den linken Zusammenhang zu verschleiern.
      Man kann immer wieder nur an den italienischen Schriftsteller Ignacio Silone (1900 – 1978) erinnern, der vorausgesagt hat: „Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.“

    • Volle Zustimmung zu den beiden Vorkommentaren.
      Es würde mich nicht wundern, wenn hier alsbald jemand auftauchte, der die Quelle des Artikels, auf den Sie verweisen, Reinhard, als „unerträglich“ – „rechtslastig“ – „unseriös“ oder sonstwas bezeichnet. Das ist Usus, wenn eine Berichterstattung oder Meinung diffamiert werden soll.

  2. na, seid ihr wieder aktiv in eurem Spektrum.

    Die kommentare sprechen ja für sich.

  3. Mittelalterliche Unterstellungen der Reformgegner.

    Die Gegner der neuzeitlichen Bildungsreform erinnern mich stark an die Zeit im Mittelalter, als die katholische Kirche es nicht zulassen wollte, dass das Volk die Wahrheit erfährt, nämlich dass nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern die Erde um die Sonne.
    Heute wie damals wird bzw. wurde befürchtet, dass sich wahrheitsgemäße Informationen schädlich für die dann mehr wissenden Menschen auswirken würden. Bekanntlich hat sich die frühere Wissenserweiterung nicht negativ, sondern vielfältig positiv ausgewirkt.
    Sicher wird es bei der jetzigen Informationsvermehrung bezüglich sexueller Vielfalt in der Realität ähnlich sein, zumal sie sich nicht nur positiv für die eigene Person auswirken wird (z.B. gegebenenfalls Wegfall von unrealistischen Schuldgefühlen), sondern auch sehr hilfreich sein kann, die vielen abscheulichen menschheitswidrigen Diskriminierungen oder gar kriminelles Mobbing auf diesem Gebiet zu verhindern.

    Spätere Generationen werden sich wohl ein weiteres Mal wundern, wie wenig Menschen bereit sein können, aus früheren Erfahrungen der Menschheitsgeschichte zu lernen.

    • Die Stuttgarter-Zeitung.de schrieb am 1.Febr., dass bei der Demonstration beide Seiten Gott für sich in Anspruch nahmen, werter Herr Moysich.
      Zitat: „Gott liebt Dich“ stand auf den Warnwesten der Ordner auf Seiten der Bildungsplangegner. „Jesus liebt keine Homophoben“ stand auf einem Plakat in der Gruppe, die am Schillerplatz startete.
      Außerdem sollten Sie sich an Ihre Kommentarworte an anderer Stelle erinnern:
      „Alle Absolutheitsansprüche verbieten! Ich finde, die wichtigste Lehre, die man aus der Nazi-Zeit ziehen sollte, ist, dass man jeglichen Absolutheitsanspruch untersagen muss, wenn wir nicht wieder in einer Diktatur enden wollen, wenn ein friedliches Miteinander möglich sein soll.“
      Was bringt Sie jetzt zu einer Relativierung Ihrer Ansicht? Gilt die Forderung „friedliches Miteinander“ ohne (gewalttätigen) „Absolutheitsanspruch“ nicht auch für die eigenen Reihen?

      • Wenn Sie meinen Beitrag sorgfältig gelesen hätten, könnten Sie eigentlich nicht zu der Meinung kommen, ich würde meine frühere Meinung relativieren.

        Im krassen Gegensatz zu religiösen Absolutheitsansprüche sind die Informationen über sexuelle Vielfalt überprüfbar, beweisbar!
        Und friedliches Miteinander ist sicher nur unter Berücksichtigung der Menschenrechte möglich, wozu auch die Meinungsfreiheit und das Recht auf Informationen gehören, auch schon bei Kindern und Jugendlichen.

  4. Handelt es sich denn nur um Informationen? Die Besorgnis der Eltern, die mir begründet scheint, dreht sich doch um Indoktrination.
    Ja, das Recht auf Information haben auch Kinder. Aber dieses Recht bedeutet nicht, dass ihnen Informationen übergestülpt werden, die sie überfordern.
    Mit der Berufung auf Menschenrechte kann auch Missbrauch betrieben werden.
    Ich habe Ihren Beitrag sorgfältig gelesen und meine weiter, dass Sie sich selbst untreu werden.

    • Was ich von der neuen Bildungsreform erfahren habe, handelt es sich wirklich „nur um Informationen“; allerdings verbunden mit dem mitmenschlichen Menschenbild der Menschenrechte.

      Ich finde es völlig unrealistisch zu behaupten, dass Kinder und Jugendliche jene betont mitmenschlichen Informationen „übergestülpt werden, die sie überfordern“.

      Wie Sie auf meiner Webseite – http://www.re-mo.de – nachlesen können, habe ich 19 Jahre in der „Erziehungsberatungsstelle der Stadt Karlsruhe“ bzw. späteren (richtiger, besser formuliert:) „Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche“ hauptamtlich als Diplom-Psychologe gearbeitet. Außerdem habe ich drei eigene Söhne partnerschaftlich bei ihrem Heranwachsen begleitet (also betont nicht „erzogen“), welche mittlerweile längst erwachsen und in diversen Berufen zufrieden und erfolgreich sind.
      Somit meine ich wohl zurecht, kompetent beurteilen zu können, was Kinder und Jugendliche überfordert und was nicht.

      „Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut“
      (Bertrand Russel; Philosoph, Sozialkritiker und Nobelpreisträger)

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