Startseite ::: Nachrichten ::: Nachtschicht gegen das Aufschieben

Nachtschicht gegen das Aufschieben

BERLIN. Fast jeder hat schon einmal Arbeiten vor sich hergeschoben, bis auf den letzten Drücker und darüber hinaus. Prokrastination lautet der Fachbegriff. Während der «Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten» versuchten jetzt fast hundert Studenten der TU Berlin ihre Schreibblockafde zu überwinden.

Wo sonst etwa «Wurstnudeln mit Tomatensauce» für 1,35 Euro gegessen werden, sitzen Dutzende junge Leute vor ihren Laptops und schreiben. Sie versuchen jedenfalls, zu schreiben. Sie sind gekommen, weil sie zur Prokrastination neigen, sprich: Sie verschieben wichtige Tätigkeiten wie das Verfassen von Haus- oder Abschlussarbeiten immer wieder auf unbestimmte Termine. Für die «Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten» hat sich die Mensa der Technischen Universität Berlin am Donnerstag in eine Schreibwerkstatt verwandelt.

Aufschieben bis um Fünf vor Zwölf. Bis 23:00 Uhr konnten Berliner Studenten in der Schreibwerkstatt zur langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten gegen die Prokrastination angehen. Foto: Markus Grossalber /flickr (CC BY 2.0)

Aufschieben bis um Fünf vor Zwölf. Bis 23:00 Uhr konnten Berliner Studenten in der Schreibwerkstatt zur langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten gegen die Prokrastination angehen. Foto: Markus Grossalber /flickr (CC BY 2.0)

Um Studenten mit Schreibblockade zu helfen, hat Constanze Keiderling Anfang des Jahres das Schreibzentrum des Studentenwerks gegründet. Gemeinsam mit zwei studentischen Mitarbeiterinnen bietet sie in regelmäßigen Sprechstunden eine Schreibberatung an. Eine entsprechende Ausbildung absolviert sie gerade im Anschluss an ihr Masterstudium des Kreativen Schreibens.

Nun hat sie außerdem die «Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten» organisiert. Das Schreibzentrum der Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder) hat diese Veranstaltung 2010 ins Leben gerufen, seitdem findet sie jährlich parallel an mehr als 20 Hochschulen statt – immer am ersten Donnerstag im März. In diesem Jahr gibt es die Lange Nacht erstmals in Berlin. Knapp hundert Studenten haben sich angemeldet.

Am späten Nachmittag geht es mit einer kurzen Begrüßungsansprache von Keiderling los. Sie gibt noch eine Reihe von Interviews und eilt dann in einen kleinen Konferenzraum gegenüber von der «Coffeebar», um einen Workshop zum Thema «Kreative Schreibtechniken nutzen» zu leiten. Freiwillige Helferinnen in lilafarbenen T-Shirts verteilen derweil in der zum Schreibraum umfunktionierten Cafeteria kleine Packungen «Studierenden-Futter».

Christian Fränzel kommt sich so vor, als sei er «der Einzige, der verzweifelt vor seinem Laptop sitzt und nichts eintippt». Er hat noch zwei Monate Zeit, seine Master-Arbeit im Fach Medienmanagement abzugeben, hat erst ein Viertel geschafft und leidet unter einer Schreibblockade. Daran hat weder die angekündigte «motivierende Atmosphäre» im Schreibraum noch der von Keiderling angebotene Workshop etwas geändert.

Ähnlich kritisch sieht es bei Sebastian Mörike aus. Er laboriert an der Facharbeit zum Abschluss seiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Bis zum 11. April muss die Arbeit fertig sein und er tut sich damit schwer, seine vielen Gedanken in wenige Worte zu fassen. Bei der individuellen Schreibberatung, die während der sechsstündigen Veranstaltung im Eingangsbereich stattfindet, hat er einen Rat bekommen: Er solle versuchen, einfach zu schreiben und sich nicht vom eigenen Geist einschränken zu lassen.

Sebastian Mörike wäre gerne zum Workshop mit dem Titel «Wege aus der Prokrastination» gegangen. Er hat sich aber nicht rechtzeitig angemeldet. So gehört er nicht zu den 20 Teilnehmern, die um den ovalen Tisch im Konferenzraum sitzen. Der Reihe nach erzählen die Teilnehmer einem Psychologen von ihren Problemen beim Schreiben. Am häufigsten beklagen sie, dass sie sich zu sehr unter Druck setzen, eine perfekte Arbeit zu schreiben.

«Es war gut zu sehen, dass man nicht alleine ist mit dem Problem», erzählt hinterher Olga Ramos. Es habe sich für sie gelohnt, zur Langen Nacht zu kommen. Nun muss sie sich nur noch hinsetzen – und ihre Hausarbeit schreiben. Leichter gesagt als getan. (Nick Kaiser, dpa)

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*