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Ingenieure statt Lehrer: Wie Unternehmen in Schulen drängen – und auch schon in Kitas

STUTTGART. Ein Daimler-Ingenieur als Lehrer, ein Bosch-Azubi als Berufsratgeber: Unternehmen lassen sich allerlei einfallen, um junge Leute so früh wie möglich zu begeistern. Doch das hat auch Schattenseiten.

Von Stuttgart aus in die Schulen und Kitas der Republik? Foto: Kjunix / Wikimedia Commons

Von Stuttgart aus in die Schulen und Kitas der Republik? Foto: Kjunix / Wikimedia Commons

«Habt ihr Lust, ein Experiment mit mir zu machen?», fragt Stephanie Baier in die Runde. Sie steht vor der neunten Klasse des Georgii-Gymnasiums im schwäbischen Esslingen. Mitgebracht hat sie einen Bausatz für ein Auto, das mit Brennstoffzelle und Solarantrieb funktioniert. Die Schüler sollen es zusammenbauen und nebenbei mehr über alternative Antriebe lernen. Eine Lehrerin ist Baier allerdings nicht. Sie arbeitet für den Autobauer Daimler.

Ingenieure statt Lehrer – Daimler ist nur ein Beispiel für den Versuch von Unternehmen, schon frühzeitig Nachwuchs für sich zu begeistern. Auch die Deutsche Bahn, der Technikkonzern Bosch oder der Autobauer Audi wollen junge Menschen auf sich aufmerksam machen. Manche Unternehmen gehen dabei sogar schon in die Kindergärten.

«Wir wollen Unterricht interessant machen, um später genügend technische Nachwuchskräfte in der Automobilbranche zu haben», erklärt Anna-Maria Karl, die für Daimlers Bildungsinitiative «Genius» verantwortlich ist. Im Zuge dessen schickt Daimler jährlich etwa 100 Ingenieure an Schulen, wo sie Unterricht zu Technikthemen geben. Auch Arbeitshefte hat der Stuttgarter Autobauer zusammen mit dem Schulbuchverlag Klett bereits entwickelt.

«Wir haben dadurch auch viele Anfragen für Praktika», sagt Karl. «Es geht immer darum: Interessen fördern, zugänglich machen, Türen öffnen.» Dass dabei vor allem die Tür zum eigenen Unternehmen weit offen steht, will man aber nicht allzu laut sagen. «Das ist nicht unser vorrangiges Ziel», beteuert Karl. «Aber natürlich freuen wir uns, wenn die Schüler dann sagen: Das ist ein tolles Unternehmen, da wollen wir gerne mal arbeiten.»

Am Georgii-Gymnasium scheint das schon Früchte zu tragen. «Jemand hatte noch Fragen zum Thema Ferienjob», sagt Daimler-Vertreterin Baier. «Ab 18 Jahren könnt ihr Euch dafür in verschiedenen Bereichen bewerben.» Beim Bau des Mini-Autos fallen manche Schüler bereits als besonders talentiert auf. Der 14-jährige Alexander Gebel kann die Antwort teilweise schon geben, bevor Baier ihre Frage zu Ende formuliert hat. «Es ist nicht unbedingt besser als normaler Unterricht», sagt der Schüler. «Aber es macht mehr Spaß und ist abwechslungsreicher.»

So positiv sieht das allerdings nicht jeder. «Die Schulen müssen sich bewusst machen, dass sie damit zur Imageförderung der Unternehmen beitragen», sagt Felix Kamella von Lobbycontrol. Der Verein hat erst kürzlich eine Liste mit Negativbeispielen von Marken im Unterricht veröffentlicht. Auch ein Beispiel aus Daimlers Schulheft ist dabei: Schüler sollten die Autos des Dax-Konzerns mit Fischen vergleichen. «Eine wichtige Frage ist: Wo ist die Grenze?», sagt Kamella.

Lobbycontrol kritisiert zudem die starke Präsenz von großen Konzernen an Schulen. «Soziale Berufe treten in den Hintergrund, weil dahinter nicht die Finanzkraft steht», kritisiert Kamella. Das Bundesbildungsministerium sieht indes eher die Vorteile der Verknüpfung. «Deutschland steht vor der wichtigen Aufgabe, die Fachkräftebasis für die Zukunft zu sichern», erklärt ein Sprecher. «Staat und Wirtschaft sind hier gefragt.» Schulen und Länder seien aber selbst dafür zuständig, inwieweit Firmen im Unterricht mitwirken dürften.

Die Volkswagen-Tochter Audi etwa schickt ihre eigenen Auszubildenden als Botschafter in Schulen, ebenso hält es der Technikriese Bosch. Die Deutsche Bahn lädt Schüler im Rahmen von Technik-Camps ins Unternehmen, um ihnen Einblick in mögliche Berufe zu geben. Um die einzelnen Aktivitäten zu bündeln, haben sich hundert Unternehmen – darunter Daimler und Bosch – vor einigen Jahren in der Bildungsinitiative «Wissensfabrik» zusammengetan. Die Mitglieder haben den Angaben zufolge insgesamt rund 2400 Partnerschaften mit Schulen und Kindergärten.

«Wir sind nicht nur in der Schule, sondern auch im Kindergarten unterwegs», sagt Siegfried Czock, der bei Bosch für Aus- und Weiterbildung zuständig ist. «Am Anfang geht es darum, Technikinteresse zu vermitteln. Da denken wir noch nicht daran, dass sie mal zu Bosch kommen», erklärt er. «In den oberen Schulklassen ist das sicherlich anders.» dpa

Zum Bericht: Lobbyismus an Schulen: Vorsicht vor Unterrichtsmaterial von der Wirtschaft

6 Kommentare

  1. das mit dem lobbyismus erleben wir in nrw beim Thema taschenrechner. die Bücher und arbeitshefte sind meist für genau zwei modelle ausgelegt. sogar Veröffentlichungen vom ministerium zieren firmenlogos.

    • Dem kann ich nur zustimmen, war in meiner Schulzeit nicht anders. Aber auch Zeitungen sind in den Schulen vertreten, um ihre Sicht der Dinge zu präsentieren! Und das nicht nur in NRW.

    • Darum geht’s aber nicht. Das ist keine Folge des Lobbyismus bestimmter Firmen. Das ist geschicktes Produktmarketing. Es gibt auch nicht so viele Anbieter für graphikfähige TR. Auf Lobbyarbeit zurück zu führen ist hingegen der Protest der Landeselternschaft, die ist nämlich eine Lobbyorganisation. Die wiederum haben Unterstützung gefunden von Smartphone- und Tablet-Anbietern, die sich vom Markt ausgeschlossen sahen.

      Warum es im Artikel eigentlich geht, ist die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen bzw. Firmenstiftungen Aufgaben im bereich Schule und Kindergarten übernehmen, die der Staat nicht mehr leistet. Und damit ist nicht die Zurverfügungstelung von Praktikumsplätzen für betriebliche Praktika in der Berufsorientierungsphase gemeint. Während früher Väter oder Mütter in Privatinitiative in ihrer Freizeit sich mit ihren beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Dienst von Schule stellten, werden sie heute von ihren großen Arbeitgeben gezielt eingesetzt. Es gibt doch kaum noch eine Schule, in der nicht mit entsprechendem medialen Tamtam, die naturwissenschaftlichen/technischen Sammlungen (Chemie/Physik/Informatik/Technik) bzw. ganze Fachräume direkt von Firmen oder indirekt über deren Stiftungen ausgestattet oder bezuschusst werden.

  2. Wäre schön, wenn solche Unternehmen diese Bausätze den Schulen stiften würden.

    • Tun sie doch häufig. Auf den Kästen für diese Bausätze oder den Geräten prangt dann aber der fett der Stiftungsaufkleber.

      • Ja und, aber ich muss mir nicht sagen lassen, dass die die in die Schule kommen nicht so langweiligen Unterricht halten wie die „normalen“ Lehrer, denen nicht solche Möglichkeiten bzw. Materialien zur Verfügung gestellt werden. Außerdem kann ich das Logo ja überkleben.

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