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Nach Kinderporno-Verdacht gegen Lehrer: Neue Debatte um Schließung der Odenwaldschule

HEPPENHEIM. Nach Bekanntwerden von Ermittlungen gegen einen Lehrer der Odenwaldschule wegen des Kaufs von Kinderpornografie hat erneut eine Diskussion um die Zukunft der Schule begonnen. Für Adrian Koerfer, Vorsitzender des Vereins Glasbrechen (der Opfer des jahrzehntelangen Missbrauchs in der reformpädagogischen Einrichtung vertritt), ist das Maß voll. In einer Mail an den „Bergsträßer Anzeiger“ fordert er, die im südhessischen Heppenheim angesiedelten Traditionsschule „mit ihren offenbar immanenten Problemen zu schließen“. Kritik kommt auch vom zuständigen Landkreis.

Das Idyll trügt: Um die Odenwaldschule wird wieder heftig gestritten. Foto: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0)

Das Idyll trügt: Um die Odenwaldschule wird wieder heftig gestritten. Foto: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0)

Die Leitung der Odenwaldschule solle aufhören, von der „sichersten Schule Deutschlands“ zu sprechen. Das Kernproblem sieht Koerfer in der „sogenannten Familiensituation an der Schule“ – die Reformen der vergangenen Jahre hätten nichts gebracht. Vielmehr sei es „sinnvoll, dieses ‚pädagogische Modell‘ jetzt auslaufen zu lassen“. Niemand könne garantieren, dass der unter Verdacht stehende Lehrer „nur am Rechner seinen Neigungen gefolgt ist“. Wer behaupte, Kinder und Jugendliche seien zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen, verstehe sein Handwerk nicht.

Boris Avenarius, Sprecher der „Opfervertretung pro OSO“ (OSO steht für Odenwaldschule), weist das in einer Mail an News4teachers entschieden zurück. „Die meisten Betroffenen, mit denen wir in Kontakt stehen, wünschen keineswegs die Schließung der Odenwaldschule“ , schreibt er. Einige hätten 2011 bis2013 persönlich an der Entwicklung eines Präventionskonzepts mitgearbeitet. Sie hätten unter anderem gemeinsam mit Vertretern der Schule und externen Fachleuten über eine sinnvolle Weiterentwicklung des „Familien“-Systems der Odenwaldschule beraten. „Wir halten die schlichte Forderung, Lehrern das Betreuen von Internatsgruppen zu verbieten und diese durch Erzieher oder Sozialpädagogen zu ersetzen, für falsch.“ Missbrauch könne nicht nur durch Lehrer geschehen.

Ohnehin gebe es keinen Zusammenhang zwischen dem heutigen Betreuungssystem an der Odenwaldschule und der Tatsache, dass ein Lehrer der Odenwaldschule unter dem Verdacht des Besitzes kinderpornografischen Materials steht. Avenarius: „Die Schule zu schließen hilft keinem, am wenigsten der Kindern, die in der Odenwaldschule eine neue Heimat gefunden haben.“

Im aktuellen Fall ist so schnell keine Klarheit zu erwarten. Der deshalb entlassene Pädagoge im südhessischen Heppenheim schweige zu den Ermittlungen, hieß es seitens der Staatsanwaltschaft. Eine Aufklärung des neuen drohenden Skandals werde voraussichtlich sechs Monate und damit relativ lange dauern. Es nehme Zeit in Anspruch, bis die Computerdaten des Verdächtigen ausgewertet seien. Erfahrungsgemäß sei Kinderpornografie auf Computern «versteckt und verschlüsselt». Beweise gegen den 32-Jährigen gebe es noch nicht, auch keine Anhaltspunkte, dass der Lehrer Schüler missbraucht habe. In Australien sei 2012 ein Kinderporno-Forum im Internet aufgeflogen, so teilte die Staatsanwaltschaft mit. Eine E-Mail-Adresse habe zu dem Lehrer geführt. Je nach Lage des Falles könnten bis zu fünf Jahre Haft drohen. Das Strafmaß sei vergleichbar mit Diebstahl und Körperverletzung.

Am Osterwochenende war bekanntgeworden, dass die Wohnung des Lehrers an der Schule durchsucht worden war. Einer Mitteilung des Reform-Internats zufolge wurde dem Mann fristlos gekündigt. Das hessische Kultusministerium wartet nun ab, zu welchen Ergebnissen die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen kommt. «Daran sind wir gebunden», sagte ein Sprecher. «Davon hängen dann weitere Schritte ab.»

Laut Schul-Sprecherin Gertrud Ohling-von Haken hat «der Missbrauch der Vergangenheit keinen Zusammenhang mit dem aktuellen Fall». Die Form von Wohngruppen sei deutlich verändert worden. Lehrer und Schüler würden nicht zusammen in einer Wohnung leben, sondern die Lehrer in ihrem eigenen, abgeschlossenen Bereich.

Bei ihrem Umgang mit dem Kinderporno-Verdacht machte die Odenwaldschule nach Ansicht des Landkreises Bergstraße einen schweren Fehler, meint hingegen der stellvertretende Landrat Matthias Schimpf (Grüne). Sie habe die nach dem Missbrauchsskandal versprochene Transparenz nicht eingehalten und sei erst aufgrund von «recherchierenden Medien» an die Öffentlichkeit gegangen, teilte er mit. Dies habe «zu einem schweren Vertrauensschaden» geführt. Wenn die Schule sich nicht grundsätzlich ändere, «ist ihre Zukunft meines Erachtens akut gefährdet». Diese Vorgehensweise habe die ohnehin schon kritische Haltung des Landkreis der Odenwaldschule gegenüber «eher noch verstärkt». Landrat Matthias Wilkes (CDU) hatte nach Bekanntwerden der Übergriffe 2010 entschieden, im Rahmen der Jugendhilfe keine Mädchen und Jungen mehr als Internats-Schüler zu überweisen.

An der Schule waren vor Jahrzehnten Schüler von Lehrern sexuell missbraucht worden. Ein Abschlussbericht nennt als Zahl mindestens 132 Opfer. Der Skandal kam erst viele Jahre später an die Öffentlichkeit. News4teacher / mit Material der dpa

Zum Bericht: Kinderporno-Verdacht: Odenwaldschule muss sich erneut im Krisenmanagement bewähren

Ein Kommentar

  1. … und ewig weht der böse geist von gerold becker durch die flure der oso…

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