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Studie zu Türkeistämmigen Mädchen – “Lebenskünstlerinnen und konservativ”

DORTMUND. In der Öffentlichkeit gelten türkeistämmige Mädchen als unselbständig und unterdrückt. Wahrgenommen werden sie oft erst, wenn sie zwangsverheiratet werden oder dagegen aufbegehren. Wie die jungen Frauen aber tatsächlich über voreheliche Sexualkontakte, Partnersuche und traditionelle Geschlechterrollen denken, hat eine Dortmunder Studie untersucht.

In der Studie legt Prof. Dr. Ahmet Toprak den Schwerpunkt auf das Thema Sexualität – diesmal aus dem Blickwinkel türkeistämmiger Mädchen der dritten Generation, mit denen er lange Interviews geführt hat. In der Forschung betritt er mit diesem Thema weitgehendes Neuland, denn die Sichtweisen von Mädchen zu Fragen von Erziehung – Geschlechterrollen – Sexualität sind wissenschaftlich kaum untersucht.

Bei der Auswertung des Materials ergaben sich sehr differenzierte Meinungsbilder, aus denen der Erziehungswissenschaftler vier Grundtypen herausgearbeitet hat: „Wir haben die Heiratsmigrantinnen, konservative Mädchen, die Lebenskünstlerinnen oder Krisenbewältigerinnen und liberale Mädchen“. Bei den Heiratsmigrantinnen – eine Sondergruppe in der Studie – handelt es sich um Frauen, die in der Türkei geboren, aufgewachsen und sozialisiert wurden. Sie sind in der Regel nicht gut ausgebildet und haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie heiraten früh und oft arrangiert. Aufgrund ihrer ländlich geprägten Sozialisation übernehmen sie die traditionellen Geschlechterrollen und religiösen Einstellungen der Eltern unreflektiert, die aber – auch bedingt durch die Migration – immer wieder in Frage gestellt werden.

Bei den konservativen Mädchen und Frauen stehen traditionelle Werte und Normen im Mittelpunkt. Sie sind geschlechtsspezifisch und autoritär erzogen worden – ihrer formalen Bildung wird kein hoher Stellenwert beigemessen. Diese jungen Frauen lehnen voreheliche Sexualität ab, pflegen aber heimlich Liebesbeziehungen. „Ihr oberstes Prinzip ist, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, was natürlich manchmal nicht klappt. Wenn sie vor der Heirat schwanger werden, wird geheiratet und das Kind als Frühgeburt ausgegeben, um die Fassade aufrecht zu erhalten“, sagt Ahmet Toprak.
Ihren Gegenpart bilden die liberalen Mädchen und Frauen, die die traditionellen Werte und Normen und eine geschlechtsspezifische Erziehung ablehnen. Wie schon ihre Eltern verfügen sie in der Regel über ein hohes Bildungsniveau. Die Familienmitglieder sind häufig eingebürgert. Die liberalen Mädchen müssen ihre vorehelichen Partnerschaften nicht geheim halten und haben oft (Ehe-)Partner aus Deutschland.

Die interessanteste Gruppe ist für Ahmet Toprak die der „Lebenskünstlerinnen“, die er auch die „Krisenbewältigerinnen“ nennt: „Diese Mädchen sind weder modern, noch konservativ, sondern versuchen einen Spagat zwischen zwei Welten.“ Sie sind zwar der türkischen Kultur verbunden, kritisieren aber ihre traditionelle, geschlechtsspezifische Erziehung in Teilen. Schon in der Schule fällt ihnen das natürliche Selbstbewusstsein der deutschen Mädchen auf, wie zum Beispiel Nermin: „Ich wäre schon manchmal gern ein deutsches Mädchen. Die sind viel lockerer als wir Türkinnen. Bei uns wird alles genauer beobachtet“.

Viele Mädchen fühlen sich zu dick - sind es aber gar nicht. Foto: martinak15 / flickr (CC BY 2.0)

Viele Mädchen mit türkischem Hintergrund haben ihre eigenen Normen gebildet. Foto: martinak15 / flickr (CC BY 2.0)

Auch die Lebenskünstlerinnen lehnen Sex vor der Ehe ab, zumindest offiziell, denn heimlich praktizieren sie ihn durchaus. Vor männlichen Familienmitgliedern müssen die Mädchen aber verheimlichen, dass sie einen Freund haben. „Das funktioniert nur, wenn sie sich mit Lügen Freiräume schaffen und dafür eingeweihte Verbündete haben“, hat Ahmet Toprak in vielen Gesprächen gehört. So dienen z. B. schulische Aktivitäten, die von Freundinnen oder Schwestern bestätigt werden, als Alibi für die heimlichen Treffen.
Den traditionellen Begriff der Ehre lehnen diese jungen Frauen ab, weil er aus ihrer Sicht nur auf die Sexualmoral der Frau reduziert wird. Diese sehen sie als eine private Angelegenheit und haben nicht vorrangig das Ziel, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Sex vor der Ehe sei keine Sünde, meinen sie: „Ach, ich persönlich finde es doof, unbedingt als Jungfrau in die Ehe hineinzugehen“, sagt etwa die 17-jährige Serap. „Ehrlich gesagt interessiert das doch niemanden mehr so richtig“. Zu dieser Einstellung kommen die Mädchen schrittweise: von der Tabuisierung in der Familie, über die schulische Sexualaufklärung, Gespräche im Kreis der Freundinnen bis zu den ersten sexuellen Kontakten.
Im Ergebnis stellt Toprak fest, dass Werte und Normen der türkeistämmigen Mädchen in Deutschland offenbar differenzierter oder moderner sind als in der Öffentlichkeit angenommen wird. Vorehelicher Sexualkontakt ist keineswegs tabu. Die Frauen agieren emanzipierter und selbstbewusster nicht nur im Hinblick auf die Partnerwahl, sondern auch in Bezug auf Geschlechterrollen und Erziehungsvorstellungen.
„Es hat neun Monate gedauert, bis ich genügend Gesprächspartnerinnen gefunden hatte“, so der Professor für Erziehungswissenschaften. Letztlich erklärten sich insgesamt 23 Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren bereit, zu diesen Themen offen, ehrlich und kritisch Stellung zu beziehen. Alle befragten Frauen kommen aus dem Ruhrgebiet; in Bezug auf Alter und Bildungsstatus bilden sie die ganze Bandbreite ab. Die Interviews rankten sich um die Themen Kopftuch, Ehre, Partnerschaft und Eheschließung, Sexualität vor der Ehe, Religion, Erziehung und Geschlechterrollen, Freizeit und Freundschaften, das Bild der Männer, das Verhältnis zu deutschen Frauen, Bildungsaspiration, die Funktion der großen Schwester, die Rolle der Familie und der Umgang mit Tradition.

Ahmet Toprak: Türkeistämmige Mädchen in Deutschland. Erziehung – Geschlechterrollen – Sexualität, 2014, Lambertus-Verlag, ISBN 978-3-7841-2450-6

Ein Kommentar

  1. Eine Studie mit n = 23, die dann noch in 4 Gruppen eingeteilt sind …

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