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Inklusion fordert Lehrer – aber „Schmalspur“-Experimente frustrieren

MÜNCHEN. Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen – so das erklärte Ziel der Politik. Doch im Alltag läuft das oft noch schleppend, Betroffene sehen viele Baustellen.

Rechtlich ist die Sache eigentlich klar. «Schülerinnen und Schüler mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf können gemeinsam in Schulen aller Schularten unterrichtet werden», heißt es seit 2011 im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Sprich: Kinder mit Behinderung können normale Grund- und weiterführende Schulen besuchen. Doch die Umsetzung des hehren Ziels steht auf einem anderen Blatt – und sorgt bei manchen Betroffenen für Frust.

Das Urteil von Nadja Rackwitz-Ziegler über den Stand der Inklusion im Schulsystem fällt jedenfalls deutlich aus: «Meinen Eltern kann ich im Moment kaum zu einer Einzelintegration an einer allgemeinen Schule raten», sagt die Vorsitzende des Münchner Vereins Down-Kind. «Dabei wäre das eigentlich das Wahre.» Zu wenig Personal, zu große Klassen, zu kleine Räume – der Nachholbedarf ist aus Sicht der Mutter eines 13-jährigen Mädchens mit Down-Syndrom groß. «Es reicht so nicht aus, in keinem Bundesland.»

Auch Lehrer sind unzufrieden. Das zeigt das Beispiel einer Frau, die regelmäßig unter Pseudonym im «Lehrer-Blog» von «Süddeutsche.de» Klartext redet. Mit dem Budget, das das Land für die Integration förderbedürftiger Schüler veranschlage, lasse sich «maximal eine Schmalspur-Inklusion umsetzen», kritisierte die Realschullehrerin kürzlich. «Keinem Kind mit einer geistigen oder einer stark einschränkenden körperlichen Behinderung bringt es etwas, wenn es im Sinne einer vermeintlichen Gerechtigkeit an eine – in meinem Fall – Realschule kommt, wo weder die Schule noch die Lehrer auf seine Bedürfnisse eingerichtet sind.»

In Grundschulen wird bereits am häufigsten gemeinsam unterrichtet. Foto: BAG „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“

In Grundschulen wird bereits am häufigsten gemeinsam unterrichtet. Foto: BAG „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“

In der Schule ist Inklusion aktuell ein großes Experimentierfeld. Kinder mit Behinderung können in Bayern an eine allgemeine Schule oder eine Förderschule gehen, es gibt Schulen mit einem Profil Inklusion sowie Kooperations- und Partnerklassen, bei denen allgemeine Schulen mit Förderschulen zusammenarbeiten.

Diese Variante praktiziert die Nürnberger Jakob-Muth-Schule schon seit einigen Jahren. «In den ersten vier Schuljahren sind alle unsere Schüler in einem inklusiven Setting», sagt Schulleiter Ullrich Reuter. Das Förderzentrum für geistige Entwicklung der Lebenshilfe bietet mit zwei Grundschulen Partnerklassen an, in denen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam lernen. Für das fünfte und sechste Schuljahr gibt es eine Partnerschaft mit einer Gesamtschule.

Das Modell sei besonders für Schüler mit hohem Förderbedarf geeignet, bei denen die Integration an einer allgemeinen Schule schwerfalle, sagt Reuter. Denn sie können von der Unterstützung und der Expertise der Förderschule profitieren, haben aber gemeinsamen Unterricht. «Das ist letztlich aber nicht das Endziel einer inklusiven Schulentwicklung», betont er. So gelten die Kinder mit Behinderung in Partnerklassen weiter als Förderschüler – und machen daher auch keinen regulären Schulabschluss. «Das ist eine Einbahnstraße in die Werkstatt», kritisiert Rackwitz-Ziegler.

Sie fordert Tandemteams aus Lehrern und Sonderpädagogen auch an allgemeinen Schulen. Und: «Wir müssen dringend auch an die Lehrerausbildung gehen.» Wie groß der Bedarf ist, war am vergangenen Wochenende an der Universität Würzburg zu beobachten. 280 Lehrer kamen zu einem Fachkongress des Verbands Sonderpädagogik zur Inklusion – mehr als die Hälfte davon unterrichtet an allgemeinen Schulen. «Die Nachfrage ist riesig», erzählt Pressereferentin Marianne Schardt. Es gebe Ängste und Unsicherheiten. «Das ist eine große Herausforderung, den Unterricht neu zu organisieren.»

Schulleiter Reuter sieht in der Schulpolitik der vergangenen Jahre viele sinnvolle Weiterentwicklungen – und betont, dass die Diskussion durch die UN-Behindertenrechtskonvention breiter und weniger ideologisch geworden sei. «Was oft noch fehlt sind Ressourcen und Knowhow», meint er. «Wir machen unsere Experimente unter Rahmenbedingungen, die nicht geeignet sind.» Und letztlich gebe es ein zentrales Problem: Gesellschaft und Schulsystem seien auf Leistung ausgerichtet – da stoße die Inklusion oft an Grenzen. Sebastian Kunigkeit

2 Kommentare

  1. „Riesige Herausforderung“ könnte ein Euphemismus sein für „das kann nicht gut gehen“.

  2. „Riesige Herausforderung“ heißt: macht ihr das mal, ihr Lehrer, aber mit irgendwelcher Unterstützung durch die Politik könnt ihr nicht rechnen.

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