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Bildungsforscher Meyer: Unterricht muss nicht nur für Schüler gut sein – sondern auch für Lehrer

OLDENBURG. Was macht guten Unterricht aus? Prof. Hilbert Meyer, seit 40 Jahren Bildungswissenschaftler an der Uni Oldenburg, hat dazu genaue Vorstellungen: eine Mischung schüler- und lehrergesteuerter Unterrichtsformen, die Berücksichtigung konkreter Standards zur Analyse und Bewertung von Unterricht und die Verfolgung von Entwicklungsaufgaben – bei einzelnen Lehrkräften und im Team. Ein Interview mit dem renommierten Schulforscher.

Hilbert Meyer hat sich intensiv mit der Hattie-Studie auseinandergesetzt. Foto: Jü / Wikimedia Commons (CC0 1.0)

Hilbert Meyer hat sich intensiv mit der Hattie-Studie auseinandergesetzt. Foto: Jü / Wikimedia Commons (CC0 1.0)

Sie beobachten das Bildungswesen seit über 45 Jahren. Was hat sich vor allem verändert?

Meyer: Schüler sind heute wesentlich heterogener und „überraschungsintensiver“. Entsprechend heterogen sind auch die Eltern. Es gibt bekanntlich die so genannten Helikopter-Eltern, die dauernd mitmischen und zugleich andere, die überhaupt nicht auftauchen. Zweite wesentliche Veränderung: Nie war die Top-Down-Steuerung so stark wie in den letzten zehn Jahren, in denen die Kultusministerien immer wieder massive Vorgaben gemacht haben. Aber es gibt auch eine positive Entwicklung: Lehrer sind heute eher bereit im Team zu arbeiten, sich Unterricht nicht vom Schulleiter vorgeben zu lassen, sondern sich selbst in die Unterrichtsentwicklung einzubringen.

Ist das nicht ein Widerspruch: mehr Vorgaben und mehr Eigenverantwortung?

Meyer: Ja, das stimmt, aber Schule ist Widerspruch! Letztlich landen beide Anforderungen beim Lehrer. Hier verdichtet sich die Arbeit: Das Zensurengeben wird anspruchsvoller, es wird immer schwieriger, mit Eltern ins Gespräch zu kommen, Teamarbeit wird komplexer, die Erwartungen an die Lehrerfortbildung steigen. Dies hat zwar positive Auswirkungen auf die Schüler, aber es reicht nicht, wenn Unterricht gut für Schüler ist. Unterricht muss auch für die Lehrer gut sein.

Jährlich werden neue Studien publiziert. Braucht Schule so viel Wissenschaft?

Meyer: Selbstverständlich gibt es einzelne Lehrer, die sehr guten Unterricht ohne theoretische Kenntnisse machen. Aber auch bei starken Lehrerpersönlichkeiten ist es gut, wenn sie wissen, weshalb ihr Unterricht gelingt, damit sie ihn jederzeit wiederholen oder weitergeben können. Mit empirischer Forschung lässt sich außerdem erklären, warum Lehrpersonen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu guten Ergebnissen kommen. Aber es fehlen noch viele Untersuchungen, zum Beispiel: Was bewirkt eine demokratische Unterrichtskultur? Welche Effekte hat die Individualisierung von Unterricht?

Gerade ist Ihr Band „Unterrichtsentwicklung“ erschienen. Warum haben Sie ein neues Grundlagenwerk verfasst?

Meyer: Es häufen sich Vorschläge von Beratern, Change-Begleitern oder Psychologen, wie Schule weiterzuentwickeln sei. Dabei wollen Lehrer selbst aktiv Unterrichtsentwicklung gestalten. Ich biete Unterstützung für eine didaktisch orientierte Unterrichtsentwicklung an, zeige im Drei-Säulen-Modell, wie sich unterschiedliche Grundformen von Unterricht verbinden lassen und welche 10 didaktischen Standards Unterricht berücksichtigen muss.

In „Unterrichtsentwicklung“ beschäftigen Sie sich auch ausführlich mit der Hattie-Studie. Warum?

Meyer: Hatties Veröffentlichungen enthalten eine versteckte Didaktik. Er belegt, dass Unterricht dann gut funktioniert, wenn es „reflexiver Unterricht“ ist, wenn nämlich Schüler darüber nachdenken, wie sie lernen und Lehrer darüber, wie Schüler lernen. Dieser Ansatz ist sehr sinnvoll.

Professur in Oldenburg, Hochschulbeauftragter für die Lehramtsentwicklung, jede Publikation ein Bestseller. Hatten Sie auch Misserfolge?

Meyer: Ja pausenlos! Ich bezeichne meinen Berufsweg gerne als „befriedigende Arbeit in einstürzenden Neubauten“. Immer wieder war ich Gründungsmitglied in Pilotprojekten und Modellvorhaben, die dann scheiterten oder eingestellt wurden. Man lernt daraus: Es gibt immer ungewollte und nicht vorhergesehene Nebenwirkungen. Für die Schule heißt das: der kleine Schuss Anarchie, der viele Unterrichtsprojekte durchzieht, ist kein Nachteil, sondern eröffnet Spielräume für selbstbestimmtes Arbeiten.

Welche Visionen haben Sie für Schule und Unterricht?

Meyer: Erstens, wir brauchen eine Entschleunigung von Schule, mehr Zeit für guten Unterricht. Zweitens, ich wünsche mir ein „inklusives“ Lehramtsstudium von der Elementarpädagogik bis zur Beruflichen Bildung, das Gehälter, Studienzeiten und Ausbildungsstandards angleicht und die Erste und Zweite Phase des Lehramtsstudiums verschränkt. Drittens, wir brauchen eine Umverteilung der Bildungsinvestitionen. Mehr Investitionen in die Förderung von Risikoschülern und in die frühe Bildung im Kindergarten bringen eine höhere Rendite als die derzeitigen Aufwendungen für die Sekundarstufe.

Prof. em. Dr. Hilbert Meyer diskutiert  auf der Bildungsmesse „didacta“ in Hannover am 25.02.2015, 12.00 bis 13.00 Uhr, Halle 17 am Cornelsen-Stand, anlässlich des Thementages Referendare mit angehenden Lehrkräften aus Grundschule, Gymnasium und Berufsschule. Dabei fordert er die künftigen Lehrerinnen und Lehrer zu einem Selbstcheck auf: Gehöre ich zu den „Träumern“, „Häuptlingen“, „Indianern“, „Schraubern“, „Bedenkenträgern“, „Schluris“ oder „Pionieren“? Anlässlich des „Thementag Referendare“ sucht er bei der Veranstaltung vor allem den Austausch mit Referendarinnen und Referendaren. Im Anschluss an die Diskussion signiert er sein neu erschienenes Grundlagenwerk „Unterrichtsentwicklung“ und steht bis 14.00 Uhr für individuelle Gespräche zur Verfügung.

2 Kommentare

  1. Schade, nun plappert Prof. Meyer nur nach, was die GEW und „fortschrittliche“ Bildungsexperten für den richtigen Weg halten:

    Inklusives Lernen wird nicht hinterfragt und befürwortet er jetzt den Einheitslehrer? Natürlich darf „frühkindliche Bildung“ in der Liste nicht fehlen.

    In seinem Buch „Was ist guter Unterricht“? spricht er sich zumindest noch gegen den einseitigen handlungsorientierten Unterricht aus. Nicht wie „Monokultur“, sondern wie „Mischwald“ sollte Unterricht organisiert werden.
    In dem Buch räumt er auch mit dem Märchen auf, dass der selbstgesteuerte Unterricht dem eher lehrerzentrierten in kognitiver Hinsicht überlegen sei.

    Schade, das scheint nun keine Rolle mehr zu spielen.

    Ich habe das neue Buch noch nicht gelesen und ich maße mir auch keineswegs an, mit dem Professor auf „Augenhöhe“ zu stehen.

    Aber mir scheinbt, dass er sich im Gegensatz zu dem erwähnten Buch eher dem Zeitgeist anspasst. Schön, wenn ich mich irrte.

    • Als ein meist in das Gute im Menschen glaubender Mensch hoffe ich auf ein dem anstehenden Vortrag auf der didacta geschuldeten PR-Sprech. Gerade auf solchen Messen darf der aktuelle Zeitgeist weder kritisch hinterfragt noch ignoriert werden. Schließlich möchte er noch viele weitere (gut dotierte) Vorträge halten dürfen.

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